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Falsche Freunde: Ouvertüre mit Eispickel

Mal wieder haben die deutschen Journalisten die goldenen Fettnäpfchen der englischen Sprache erreicht. Erst hieß es in einem Bericht über ein vor der Küste Somalias von Piraten gekapertes Schiff, die Besatzung habe sich selbst befreit und mit Hilfe eines Eispickels einen der Piraten gefangengesetzt. Nun fragt man sich, ob das Schiff vorher in der Antarktis unterwegs war oder warum die Seeleute gerade einen Eispickel zur Hand hatten. Des Rätsels Lösung: es handelt sich natürlich um einen ice pick, also ein in jedem amerikanischen Haushalt zu findendes Werkzeug zum Zerteilen von Eiswürfeln — eine spätestens seit der Ermordung Trotzkis als gefährlich bekannte Ersatzwaffe.
In einer Rede lobte die US-Außenministerin Clinton jetzt Kubas Präsidenten laut SPIEGEL Online für dessen Ouvertüre an die USA. In welcher Tonart mag sie wohl geschrieben sein? Die Kubaner sind gewiß ein musikalisches Volk, und Hillary Clinton weiß das vielleicht zu schätzen. Aber es liegt doch näher, daß sie mit dem englischen Wort overture kein Musikstück, sondern ein prosaisches „Angebot“ gemeint hat.
Ja, solche Fehler kommen wahrscheinlich heraus, wenn man die Bearbeitung englischsprachiger Auslandsmeldungen der Sport- und Musikredaktion überläßt …

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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