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Abe Shinzōs Erbe

Am 8.7.2022 ist auf den ehemaligen japanischen Ministerpräsidenten Abe Shinzō 安倍晋三 während einer Wahlkampfveranstaltung in der Präfektur Nara ein Attentat verübt worden. Abe erlag wenig später seinen Verletzungen. Der Täter ist ein 41-jähriger ehemaliger Marinesoldat. Sein Tatmotiv ist noch weitgehend unklar. In ersten Berichten hieß es, er habe aus „Unzufriedenheit“ mit Abe gehandelt.
Abe ist nicht der erste amtierende oder ehemalige Ministerpräsident, der einem Attentat zum Opfer gefallen ist. In den 1920er und 1930er Jahren kam dies relativ häufig vor. Zuletzt scheiterte 1994 ein Anschlag auf Hosokawa Morihiro. 2007 starb der Bürgermeister von Nagasaki, Itō Itchō, auf den ebenfalls nach einer Wahlkampfveranstaltung geschossen worden war. Einer seiner Vorgänger, Motoshima Hitoshi, wurde 1990 bei einem Anschlag schwer verletzt.
Abe regierte Japan zwei Mal und damit länger als alle seine Vorgänger: Von 2006 bis 2007 und von 2012 bis 2020. Auch nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident im September 2020 hatte er in seiner liberaldemokratischen Partei großen Einfluß.
Doch seine politische Bilanz fällt nicht strahlend aus. Seine politischen Hauptziele wie die Reform der japanischen Verfassung konnte er nicht erreichen. Seine als „Abenomics“ bezeichnete Wirtschaftspolitik brachte Japan nicht aus einer lang anhaltenden Schwächephase. Sein unverhohlener Nationalismus und historischer Revisionismus isolierten Japan in seiner Nachbarschaft. Der Ausbruch der Corona-Epidemie durchkreuzte schließlich seinen Plan, die Olympischen Sommerspiele in Tōkyō 2020 effektiv als Bühne seiner Ambitionen zu nutzen. Allerdings prägte die von ihm vorgelebte Geisteshaltung das politische Klima. Auch wenn sein Nachfolger Kishida Fumio sich wesentlich pragmatischer und moderater gibt, wird das geistige Erbe Abes sicher noch für einige Zeit weiterleben.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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