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Sans, Souci

In einem ansonsten für mich irrelevanten Beitrag der FAZ vom 14.12.2021, der sich mit britischer Innenpolitik beschäftigt, findet sich folgender Satz:

Nun droht die Konservative Partei, den Sitz in der westenglischen Tory-Hochburg North Shropshire an die Liberaldemokraten zu verlieren.

Man vergleiche dies mit folgender Fassung:

Nun droht die Konservative Partei den Sitz in der westenglischen Tory-Hochburg North Shropshire an die Liberaldemokraten zu verlieren.

Deepl und ich übersetzen die zweite Version einmal ins Englisch:

Now the Conservative Party is in danger of losing the seat in the western English Tory stronghold of North Shropshire to the Liberal Democrats.

Und nun die Übersetzung der ersten Fassung:

Now the Conservative Party is threatening to lose the seat in the western English Tory stronghold of North Shropshire to the Liberal Democrats.

Das ist die Macht des kleinen Kommas! Wer ein bißchen klassische Bildung sein eigen nennt, erinnert sich an den berühmten Ausspruch des Franz Moor in Schillers „Räuber“ (1. Akt, 2. Szene):

Si omnes consentiunt ego non dissentio. Wohlgemerkt, ohne Komma!

Deepl kann zwar kein Latein, aber ich:

Wenn alle zustimmen, stimme ich nicht dagegen.

Und nun dasselbe mit Komma (Si omnes consentiunt ego non, dissentio):

Wenn alle zustimmen, ich nicht; ich stimme dagegen.

Und wer immer noch nicht davon überzeugt ist, daß es beim Schreiben durchaus auf jedes Komma ankommt, der sehe sich noch dieses berühmte Foto vom Schloß Sanssouci an:

Inschrift über dem Portal von Schloß Sanssouci. Quelle: Wikipedia
(Foto: Wikipedia)

Über „Das Komma von SANS, SOUCI“ hat Heinz Dieter Kittsteiner sogar ein Buch geschrieben, in dem er einige Deutungen des rätselhaften Satzzeichens versucht. Aber die nächstliegende hat er nicht gefunden, wonach Friedrich der Große nämlich in diesem Bau „sans comme à souci“ leben wollte; also „ohne sowohl als auch mit Sorge“.
Sprache ist schön? Ganz sicher. Aber man verachte mir die Satzzeichen nicht!

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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