Artikelformat

Das gibt’s nur einmal: Miyazaki Hayaos Kaze tachinu (The Wind Rises)

Heute habe ich in Tōkyō den neuesten Anime von Miyazaki Hayao ansehen können: Kaze tachinu, englisch The Wind Rises.
Dieser Film lebt von Voraussetzungen. Wer ihn richtig sehen und genießen will, sollte die moderne Geschichte — politische, militärische, technische, literarische — kennen: und zwar nicht nur Japans, sondern auch Italiens und Deutschlands. Er sollte wissen, wer Hori Tatsuo war, denn schließlich stammt der Filmtitel Kaze tachinu von einem seiner Romane. Er sollte aber auch wissen, daß dies eigentlich ein Zitat von Paul Valéry ist („Le vent se lève!… il faut tenter de vivre“), denn das französische Original steht als Motto am Anfang des Films und wird im Film selbst mehrfach auf französisch zitiert.
Und er sollte deutsch können. Es handelt sich um den ersten Ghibli-Film, dessen Handlung zum Teil in Deutschland spielt und in dem Deutsch geredet wird — und gesungen. Aus dem Filmklassiker „Der Kongreß tanzt“ zitiert Miyazaki die Schlagerzeilen:

Das gibt’s nur einmal,
Das kommt nicht wieder,
Das ist vielleicht nur Träumerei.
Das kann das Leben nur einmal geben,
Vielleicht ist’s morgen schon vorbei.
Das kann das Leben nur einmal geben,
Denn jeder Frühling hat nur einen Mai.“

Gesungen wird dies passenderweise von Steven Alpert, der bei Walt Disney für die Betreuung der Ghibli-Filme verantwortlich ist. Im Film spielt er einen Deutschen namens Castorp — nicht zufällig; denn auch Thomas Manns „Zauberberg“ wird erwähnt. Miyazaki wählte diese Liedzeilen aus, weil es darin um „Träumerei“ geht; ein deutsches Wort, das jeder Japaner von Schumanns „Träumerei“ her kennt (für Ghibli-Kenner: von Takahata Isao zitiert in Sero-hiki no Gōshu). Sie passen so gut zu einem Disney-Mann, weil Disney — genau wie Ghibli — zum internationalen Komplex der Traumfabriken gehört.
In dem Film geht es vordergründig natürlich um den Traum vom Fliegen. Kein anderer Ghibli-Film ist so mit Traumszenen — Träumen bei Tag und Nacht — durchsetzt, und alle drehen sich ums Fliegen. Denn schöne Flugzeuge zu bauen ist der Lebenstraum von Horikoshi Jirō. Dem Ingenieur, der den erfolgreichsten Kampfflieger der japanischen Luftwaffe, die legendäre Zero, konstruierte. Und der für das Erreichen seines Traumes das Leben seiner tuberkulosekranken Frau Naoko opferte. Das ist nicht wirklich passiert, sondern eine Überblendung mit der Romangeschichte von Hori Tatsuo. Hier geht es aber nicht um ein fliegendes Schwein, sondern um historische Persönlichkeiten. Das ist anders als sonst bei Ghibli.
Die Liedzeile „Das gibt’s nur einmal“ deutet aber bereits an, daß der Triumph des Flugzeugbauers ebenso kurzlebig ist wie seine Verbindung mit seiner Geliebten: sie haben nur wenige glückliche Tage und Nächte miteinander. Und auch das gibt es (bisher) nur einmal in der Ghibli-Geschichte: Leidenschaftliche Küsse und die Andeutung von Sex. Natürlich erst nach der Hochzeit und bei ausgeschaltetem Licht. Das ist schon gut anzusehen.
Was für ein toller Film hätte das werden können — wenn nicht immer nur angedeutet worden wäre. Wir erfahren zu wenig über den Helden und seine Leidenschaften; warum er dies alles tut, bleibt seltsam unklar. Man könnte meinen, er sei eigentlich ein 20-jähriger Pazu; aber während des 14-jährigen Pazus Augen vor Begeisterung sprühen, sein Körper von Tatkraft getrieben und seine Entschlossenheit, die Ehre seines Vaters, das Leben seiner Freundin Sheeta und schließlich den Planeten Erde zu retten, aus jedem Cel des Filmes lebendig sprechen, bleibt Jirō steif und leblos — seine Bewegungen wirken, als hätte er einen Stock verschluckt; seine Stimme, gesprochen vom Anime-Regisseur Anno Hideaki, spröde und geschäftsmäßig, seine politische Einstellung vage und widersprüchlich. Was Horikoshis Flugzeuge anrichten, daß der mit ihnen betriebene Krieg Japan ruiniert hat, wird mehrfach betont. Vor der Wirklichkeit verschließt er aber immer wieder die Augen und träumt wieder vom schönen Flugzeug. „Wir sind keine Waffenhändler“, heißt es im Film.
Wer Miyazakis Familiengeschichte kennt, weiß, daß sein eigener Vater in die Produktion von Kriegsflugzeugen verstrickt war und daß Miyazaki Hayao die Ambivalenz des Flugzeugs als Menschheitstraum und -albtraum wohlbewußt ist. Er hat versucht, sehr viel — zu viel — in eine Geschichte hineinzuweben.
Gespenstische Aktualität entwickelt sein Film jedoch in der Ambivalenz der deutsch-japanischen Beziehungen. Die japanischen Techniker wollen mit den Deutschen kooperieren und werden behandelt wie Industriespione. Sie hoffen, daß die Deutschen ihnen helfen, ihren technologischen Rückstand aufzuholen — und werden doch nur als Käufer deutscher Exportware geschätzt. Das tut weh; genauso weh wie die Instrumentalisierung der Nazi-Geschichte durch japanische Politiker, die gerade eben erst wieder für unschöne Schlagzeilen gesorgt hat. Hier gibt es noch viel zu klären und zu erklären. Das kann der Film nicht leisten, auch hier bleibt es bei Andeutungen.
So bleibt als Fazit ein gespaltener Eindruck. Es ist ein Anime für Erwachsene; entsprechend sind auch die Bilder: technisch perfekt, mit wenigen Momenten, in denen man lachen kann, und dafür mit vielen Dialogen und ruhigen Szenen. Aber auch Porco Rosso war ein Anime für Erwachsene, der sich mit dem Bauen und Fliegen von Flugzeugen, mit Krieg und Liebe in fast derselben Ära beschäftigte. Thematisch gilt also im Vergleich zu den anderen Ghibli-Produktionen nicht: „Das gibt’s nur einmal“ — und wenn man mich fragt: Porco Rosso sehe ich immer wieder gern. Nicht nur einmal. Bei Kaze tachinu bin ich mir nicht so sicher.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

Drucken / Print / 印刷

Kommentare sind geschlossen.