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Indische und chinesische Austauschstudenten als Propagandawaffen im Ukraine-Krieg

Beim russischen Überfall auf die Ukraine am 24.2.2022 befanden sich mehr als 76.000 ausländische Studenten in der Ukraine, darunter 20.000 Inder und rund 20.000 Afrikaner; aber auch etwa 2700 Chinesen. Viele von ihnen studieren wohl Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie oder Krankenpflege (auch unter den Indern soll es viele Medizinstudenten geben). Die Zahl japanischer Studenten lag bei ungefähr 20, südkoreanische gab es offenbar gar nicht.

Land20202021
Indien10.69814.383
VR China1.8162.601
Japan2322
Südkorea00
Quelle: UNESCO (UIS Statistics) (http://data.uis.unesco.org/)
Sowohl Indien als auch die VR China weigern sich bislang, Rußlands Aggression öffentlich als solche zu verurteilen. Bei den bisherigen Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat, der UN-Vollversammlung und den befaßten Ausschüssen, die eine Verurteilung Rußlands anstrebten, haben sie sich der Stimme enthalten. Dabei spielen weltpolitische und militärstrategische Überlegungen sicherlich die Hauptrolle. Die indische und die chinesische Regierung müssen jedoch in ihrer Haltung gegenüber dem russischen Aggressor offensichtlich auch darauf Rücksicht nehmen, daß ihre Öffentlichkeiten den Schutz dieser Studenten verlangen. Als am 3. März der Tod von vier chinesischen Studenten und eines Inders beim russischen Terrorangriff auf Charkiw gemeldet wurde, wurde dies in der chinesischen Öffentlichkeit mit Bestürzung aufgenommen, wie Radio Free Asia berichtete:

Die in Peking lebende unabhängige Journalistin Gao Yu sagte, sie sei betrübt über den Bericht.
„Ich bin sehr traurig und wütend, dass vier chinesische Studenten bei der Bombardierung getötet wurden“, sagte Gao. „Das zeigt nur, dass Putins barbarischer Angriffskrieg durch das Völkerrecht sanktioniert werden sollte“.
„Die chinesische Regierung hat die ganze Zeit eine Position eingenommen, die mit der des Aggressors übereinstimmt; sie hat Putins Handlungen nicht als Aggression gegen die Ukraine angesehen“, sagte sie.
Sie sagte, dass auch die Botschaft und die konsularischen Behörden in der Ukraine eine gewisse Verantwortung für die gemeldeten Todesfälle tragen.

Im selben Bericht werden auch chinesische Studenten zitiert, die weiterhin in Charkiw und anderen umkämpften Städten festsäßen und sich vergeblich an die chinesische Botschaft gewandt hätten. Ihnen gingen die Nahrungsmittel aus, sie bräuchten dringend eine Gelegenheit zur Rückreise.
Die Parteizeitung der chinesischen Kommunisten, Global Times, dementierte dies wütend als „Fehlinformation“: Alle Studenten seien noch am Leben. Die Situation sei „kompliziert“, aber die Regierung bemühe sich um eine Lösung. Am 5. März flog China etliche Studenten mit einer Chartermaschine von Bukarest nach Hangzhou aus. Das Sprachrohr der Kommunistischen Partei, Global Times, interviewte eigens zwei von ihnen:

Zwei chinesische Studenten, die in der Ukraine studiert hatten, gehörten zu den ersten, die wieder in China ankamen. Vor dem Abflug sagten sie der Zeitung, daß ihre jüngsten Erfahrungen wie ein Traum waren. Sie dankten dem Mutterland und der chinesischen Botschaft sowie allen Menschen, die ihnen geholfen haben. „Wir wünschen uns Frieden und keinen Krieg mehr“, sagten sie.

Die Zeitung kündigte auch an, 180 Studenten sollten aus Charkiw mit einem Sonderzug evakuiert werden, den die ukrainische Regierung bereitstellen werde.
So harmonisch wie hier dargestellt ist die Wahrnehmung in China jedoch wohl nicht. Am 4. März berichtete die halbwegs unabhängige South China Morning Post, der Druck auf die chinesische Regierung, sich für die Sicherheit der Studenten einzusetzen, nehme zu. Ein britischer Forscher wurde mit der Äußerung zitiert, es sei die Verantwortung der Kommunistischen Partei, „die Regierung aller Chinesen“ zu sein.
So mutet es nicht wie Zufall an, daß zwischen Rußland und der Ukraine für denselben Tag eine Waffenruhe für die Gegend von Charkiw vereinbart wurde. Offenbar gehörte die Rückholaktion für die chinesischen und indischen Studenten zu dem diplomatischen Paket, das zwischen Rußland, Indien und China verabredet worden war.
Für die Regierungen Chinas und Indiens ist die Lage äußerst unbequem. Auf Twitter kündigten 600 in Sumy lebende indische Studenten an, sich auf eigene Faust nach Mariupol durchschlagen zu wollen, weil sie von ihrer Botschaft keine Unterstützung erhielten; sollte ihnen unterwegs etwas zustoßen, seien die indische Regierung und Botschaft dafür zur Verantwortung zu ziehen.

Daraufhin meldete das indische Außenministerium, auf die russische und ukrainische Regierung „extremen Druck“ für die Schaffung sicherer Korridore ausgeübt zu haben. Die russische Seite wiederum versicherte, sich „intensiv“ um diese humanitären Korridore zu bemühen, um den ausländischen Studenten die Ausreise zu ermöglichen. Aber vielleicht ist ihr Interesse gar nicht so groß wie behauptet, denn die Studenten sind ein willkommenes Faustpfand in der Hand der Russen, um Indien und China auf ihrer Seite zu halten.
Jedenfalls nutzten Wladimir Putin und der ihm hörige Außenminister Sergei Lawrow die chinesischen und indischen Studenten nun bereits mehrfach für die Behauptung, die ukrainische Regierung setze sie als „lebende Schutzschilde“ und Geiseln ein.

Die indische Regierung sah sich genötigt, diese Behauptung zu dementieren; die indischen Studenten seien keine Geiseln.

Weißrußland wiederum verbreitete vor der UN-Hauptversammlung die Behauptung, polnische Grenzschützer hätten flüchtende indische Studenten mißhandelt und in die Ukraine zurückgeschickt. Diese Falschmeldung wurde in indischen Medien sofort aufgegriffen. Diese Propaganda scheint zu verfangen: In sozialen Medien drücken zahlreiche Inder ihre Unterstützung mit Putin und ihre Feindschaft gegen die Ukraine aus.

Aber was tatsächlich in der Ukraine passiert, stellt unter anderem ein mutiger chinesischer Student, der sich in Odessa aufhält, klar. In einer hochemotionalen Tirade kritisierte er seine eigene Regierung und ihre Propaganda. Er selbst habe für die ukrainische Armee gespendet, denn die sei es, die im Augenblick seine Sicherheit garantiere. „Laßt uns doch einfach in Ruhe“, sagt er am Ende.

https://twitter.com/i/status/1500095832590209028

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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