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Wanderung im einzigen Dorf Tōkyōs

Westlich der Stadt Hachiōji 八王子 liegt das einzige Dorf der Präfektur Tōkyō auf der Hauptinsel Honshū, Hinohara 檜原. Man erreicht es über eine Nebenlinie der Chūō-Bahn 中央線, wenn man von Tachikawa 立川 erst Richtung Haijima 拝島 fährt und von dort aus nach Itsukaichi 五日市。 Von dort aus fährt man mit dem Bus etwa 20 Minuten, bis man beim Rathaus von Hinohara aussteigt. In Hinohara wird noch echte Landwirtschaft betrieben. Außerdem lebt man vom Tourismus. Denn Hinohara liegt am Fuße des Ōdakesan 大岳山, der immerhin 1.666 m hoch ist und zum Okutama-Gebirge 奥多摩 gehört. Er gehört zu den klassischen 200 schönsten Bergen Japans, und das will schon etwas heißen in einem Land voller Berge. Der Aufstieg soll rund 3 Stunden dauern.
Aber diesen Berg haben wir an einem heißen Sommertag Anfang August uns gar nicht vorgenommen. Statt dessen sind wir im Tal dem Kitaaki-Fluß 北秋川 westwärts gefolgt, der neben Fischfanggründen auch Platz für einige nette Campingplätze bietet. Zunächst findet sich der Hossawa-Wasserfall 払沢の滝, ein wirklich schönes Plätzchen. Dort, wo der Fluß sich nach Süden kehrt, vereinigt er sich noch mit einem Gebirgsbach, der direkt vom Ōdakesan kommt. Folgt man diesem Bach, gelangt man zum Kanotoiwa 神戸岩, einer pittoresken Kluft. Sie ist leicht begehbar (Höhenangst kann man dort wirklich nicht bekommen). Auf dem Weg zurück nach Hinohara haben wir uns noch das Heimatmuseum angesehen, wo vor allem die dort ausgestellten ausgestopften Tiere beeindrucken: Von Tanuki über Flughörnchen, Luchse, Dachse und Bären (!) und natürlich jede Menge Schmetterlinge scheint es dort ein reichhaltiges Spektrum zu geben. Allerdings sind uns in lebendem Zustand nur Schmetterlinge zu Gesicht gekommen, auch wenn wir bei einem letzten, etwas mühsameren, weil steilen Besuch am Tengu-Wasserfall 天狗の滝 das Gefühl beschlich, in wirklich menschenleerer Gegend gleich einem Bären zu begegnen … Na ja. Zum Glück nicht.
Insgesamt waren wir 18,76 km unterwegs, in rund vier Stunden, was nun wirklich keine tolle Leistung war. Aber immerhin waren 877 Höhenmeter dabei … ins Schwitzen kommt man schon dabei, vor allem im August. Auf dem Rückweg hat es sogar ein wenig geregnet, weil gerade ein Taifun im Anzug war.
Wer also einmal ein Stück Tōkyō weitgehend ohne Menschen, ohne Autos und mit etwas Glück sogar mit Bären erleben will: Nur zu!



Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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