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Ozawa-Scheidungsaffäre: Das Kartell des Schweigens und ein Abgesang

Wie hier bereits am 15. Juni berichtet, bereitet die Veröffentlichung eines Briefes, in dem seine Frau über seine Feigheit während der Fukushima-Krise von 2011 und viele weitere Gründe für die von ihr eingereichte Scheidung berichtet, dem bisherigen starken Mann der Demokratischen Partei Japans, Ozawa Ichirō 小沢一郎, ein beträchtliches Imageproblem.
Wundersam nur: Seit der Veröffentlichung im Magazin Shūkan Bunshun 週刊文春 am 14. Juni gab es in den tonangebenden Massenmedien Japans — von den Fernsehsendern angefangen bis zu den Tageszeitungen — kein Wort darüber. Abgesehen von der rechtslastigen Sankei Shinbun 産經新聞, die darüber gleichfalls am 15. Juni genüßlich berichtete.
Nun endlich, am 18. Juni, klärt ein Artikel in der Mainichi 毎日新聞 von Yamada Takao 山田孝男 über die Hintergründe auf. Die Redaktion von Shūkan Bunshun konnte sich vor Anfragen aus den Redaktionen der anderen Medien, insbesondere der privaten Fernsehsender, die sonst jede noch so triviale Intimität öffentlich interessanter Menschen ihrem Publikum servieren, nicht retten. Aber nichts davon ging auf Sendung. Warum?

Anscheinend gab es Druck von den Parlamentsabgeordneten, die zu Ozawas Anhängerschaft zählen. „Wenn ihr das aufgreift, trete ich nicht mehr in euren Programmen auf“, hieß es.

Die Mainichi-Redaktion rechtfertig zugleich, warum sie diese „private Enthüllung“ aufgreift: Der Brief der Ehefrau, der sicher nicht auf einer Fälschung beruhe, sei

ein bedeutendes Dokument, um einen Politiker neu zu bewerten, der in den vergangenen viereinhalb Jahrhunderten [sic! Gemeint wahrscheinlich: Jahrzehnten, R.Z.] in der japanischen Politik kontinuierlich das Auge des Taifuns bildete.

Das ist ein eleganter, gegendarstellungsresistent formulierter Abgesang. Also dann: Abayo, „Schattenshōgun“!

Nachtrag:
Am 23. Juni berichtete endlich auch die Yomiuri Shinbun 読売新聞 ausführlich über den Fall und kommentierte, er werde sicher Folgen für Ozawas Plan haben, eine eigene neue Partei zu gründen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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