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Springer als Märtyrer

Heute vor hundert Jahren wurde Axel Cäsar Springer geboren; zweifellos einer der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Verleger in Deutschland im 20. Jahrhundert.
Einmal bin ich ihm begegnet. Es muß 1975 gewesen sein — als ich gerade 14 war. Ich hatte einen Termin bei einem Journalisten im Springer-Hochhaus, der mir ein paar Tips für die Schülerzeitungen geben wollte, die ich damals herausgab. Er holte mich im Erdgeschoß ab. Als wir mit dem Aufzug zu der Etage fuhren, in der sich sein Büro befand, stieg unterwegs Axel Springer zu. Sofort breitete sich ehrfürchtiges Schweigen aus. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die historischen Details, aber offensichtlich war wieder einmal eine Streik- oder Boykott-Aktion gegen Springer am Laufen. Jedenfalls sagte er unvermittelt: „Napoleon hat damals einen Nürnberger Verleger erschießen lassen, weil er eine Napoleon-kritische Flugschrift herausgab. Was werden die Hunde wohl mit mir machen?“
Niemand kommentierte das, aber meinem Eindruck nach waren seine Mitarbeiter stark beeindruckt. Als wir den Aufzug verließen, raunte der Journalist, der mich eingeladen hatte, zu: „So ein Glück hat nicht jeder, dem Chef zu begegnen!“
Mit dem historischen Beispiel hatte Springer übrigens recht. 1806 ließ Napoleon den Buchhändler Johann Philipp Palm hinrichten, weil er die gegen Napoleon polemisierende Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ veröffentlichte. Springer, so wurde mir bei dieser kurzen Begegnung deutlich, sah sich als Widerstandskämpfer gegen die Linke und gegen den damals virulenten Linksterrorismus, deren Aktivitäten er als erneute Erniedrigung für Deutschland ansah. Sich selbst sah er offenbar als Märtyrer — wenn man bedenkt, wie viele sich damals als Opfer seiner Presse fühlten, eine paradoxe Vorstellung.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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