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Japanische Gründlichkeit

Japanische Gründlichkeit ist etwas Schönes und macht den Umgang mit japanischen Produkten bekanntlich angenehm und verläßlich. Aber nicht unbedingt einfach und benutzerfreundlich. Damit meine ich nicht nur den Umstand, daß japanische Fotoapparate Hunderte von Untermenüs haben, deren Bedeutung sich erst nach einem langjährigen Universitätsstudium vollends erschließt. Oder daß japanische Homepages dermaßen viele Unterpunkte und verwirrende Gliederungsebenen haben (ähnlich wie eine japanische Tageszeitungsseite), daß dem unbedarften europäischen Leser schon bald die Augen wehtun. Heute habe ich einen Druckertreiber der Firma EPSON installiert. Genauer gesagt, ein erschöpfendes Bündel von Drucker-, Scanner- und Kopierertreiber für ein zweifellos tolles Gerät. Bei der Installation mußte ich allerdings nicht weniger als sieben Mal bestätigen, daß ich die Nutzungsbedingungen akzeptierte, und fünf Mal mein Computer-Verwaltungspaßwort eingeben, damit es überhaupt voranging. Am Ende stand mir der Schweiß auf der Stirn, weil ich so viel Interaktivität gar nicht erwartet hatte. Ich fühlte mich ein bißchen an den Wesir Isnogud erinnert, der einmal sein Geburtstagsgeschenk vom Verband der Magier auspacken wollte und in jeder Schachtel noch eine kleinere Schachtel vorfand, in der wiederum …
Ich bin vielleicht durch den bedienungstechnischen Minimalismus verwöhnt, der Apple-Produkten aneignet. Japanische Gründlichkeit in allen Ehren: Apple macht vor, wie man gute Dinge auch ohne allzu große Verschachtelung so verpacken kann — und verkauft sich wahrscheinlich genau deshalb auch so gut.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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