Anfang November bietet sich im japanischen Fernsehen ein ungewöhnliches Schauspiel. Junge Männer laufen über hundert Kilometer durch Städte und Landschaften, verfolgt von Kamerafahrzeugen und angefeuert von Tausenden Zuschauern. Sie laufen in Staffeln, doch statt eines Staffelstabs übergeben sie sich ein schmales Stoffband, das sie quer über der Brust tragen. Ihr Ziel ist kein Sportstadion, sondern der Eingang zu einem der heiligsten Orte Japans: dem Ise-Schrein 伊勢神宮, in dem die Sonnengöttin Amaterasu 天照 verehrt wird, die mythische Ahnherrin des japanischen Kaiserhauses.

Der Wettbewerb heißt Zen-Nihon Daigaku Ekiden 全日本大学駅伝, die japanische Universitätsstaffelmeisterschaft, kurz: der Ise-Ekiden. Er gehört zu den bedeutendsten Ereignissen des japanischen Hochschulsports. Seine acht Etappen führen über insgesamt 107 Kilometer vom Atsuta-Schrein 熱田神宮 in Nagoya bis zur Uji-Brücke 宇治橋, die den Zugang zum inneren Heiligtum des Ise-Schreins markiert.

Diese Streckenführung wirkt wie eine Reise in Japans älteste Mythologie: In Atsuta wird das heilige Schwert Kusanagi 草薙 verehrt, das nach der Überlieferung der Gott Susanoo 素戔嗚 – Bruder der Sonnengöttin – im Schwanz eines achtköpfigen Drachen fand. Später gelangte es in den Besitz des sagenhaften Prinzen Yamato Takeru 日本武, der damit die Feinde des Kaiserhauses bekämpfte. Im Ise-Schrein wiederum wird der heilige „Acht-Spannen-Spiegel“ Yata no Kagami 八咫鏡 aufbewahrt, der Amaterasu zugeschrieben wird. Schwert und Spiegel gehören gemeinsam mit den Krummjuwelen zu den drei kaiserlichen Throninsignien, die die göttliche Legitimation der japanischen Monarchie verkörpern. Die Zahl Acht – acht Etappen, acht Köpfe, acht Spannen – ist kosmologisch zu verstehen: sie symbolisiert Vollkommenheit und Unendlichkeit.

Die Läufer beginnen ihren Lauf also beim Schwert des mythischen Kriegerhelden und beenden ihn an der Schwelle zum Heiligtum der göttlichen Ahnherrin des Kaisers. Die sakrale Geografie Japans wird gleichsam im Laufschritt durchmessen.

Ein Wettlauf für die Nation

Der moderne Ekiden entstand 1917, als Japan das fünfzigjährige Jubiläum der Verlegung der kaiserlichen Residenz von Kyōto nach Tōkyō feierte. Damals liefen Staffeln über rund 500 Kilometer von der alten Kaiserstadt in die neue Hauptstadt. Das Wort Ekiden erinnerte an das vormoderne System der Poststationen, an denen Boten und Pferde gewechselt wurden. Nun wurde dieses Prinzip auf den modernen Leistungssport übertragen.

Der erste Ekiden war zugleich eine Demonstration nationaler Einheit. Die beiden Hauptstädte wurden symbolisch miteinander verbunden, die Überwindung räumlicher Entfernungen durch die Leistung menschlicher Körper dargestellt. Veranstalter war die Zeitung Yomiuri Shinbun 読売新聞, die damit auch ihre Auflage steigern wollte. Nationales Pathos, sportlicher Ehrgeiz und moderne Massenmedien gingen von Anfang an eine Verbindung ein.

Die unmittelbare Vorgeschichte des heutigen Ise-Ekiden reicht in das Jahr 1937 zurück. Damals entstand ein studentischer Staffellauf zwischen Ise und Atsuta, der als Sangū Ekiden 参宮駅伝 bekannt wurde. Sangū bezeichnet insbesondere die Wallfahrt zum Ise-Schrein (Ise Mairi 伊勢参り). Solche Pilgerreisen hatten seit der Edo-Zeit Millionen Menschen aus allen Teilen Japans angezogen.

Doch die Bedeutung von Ise hatte sich seit der Meiji-Renovation von 1868 grundlegend verändert. Der moderne japanische Staat erhob den Schrein zum herausragenden Heiligtum des kaiserlichen Ahnenkults. Die Verehrung Amaterasus wurde zu einem zentralen Element des Staats-Shintō, der die göttliche Abstammung des Kaisers mit der nationalen Identität verband.

Als 1937 der Sangū Ekiden ins Leben gerufen wurde, befand sich Japan in einer Phase intensiver nationalistischer Mobilisierung. Im selben Jahr begann der umfassende Krieg gegen China. Ein Staffellauf zwischen zwei Heiligtümern der kaiserlichen Throninsignien fügte sich nahtlos in die nationalreligiöse Vorstellungswelt dieser Zeit.

1970 wurde der Wettbewerb als Universitätsmeisterschaft wiederbelebt. Ein Hauptsponsor war und ist die Zeitung Asahi Shinbun 朝日新聞. Die politische Ideologie hatte sich nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg grundlegend verändert. Die Strecke zwischen den kaiserlichen Heiligtümern blieb jedoch erhalten. Der Wettbewerb trägt zudem den Namen Chichibunomiya-Pokal, benannt nach dem jüngeren Bruder Kaiser Hirohitos 裕仁. Das japanische Kaiserhaus ist seit der Meiji-Zeit eng mit dem modernen Sport verbunden. Zahlreiche bedeutende Wettbewerbe werden um kaiserliche Pokale ausgetragen. Auch der heutige Kaiser Naruhito 徳仁 ist ein begeisterter Ausdauerläufer.

Das Band der Gemeinschaft

Das auffälligste Symbol des Ekiden ist das Tasuki 襷, jenes Stoffband, das die Läufer über der Schulter tragen und an den Wechselstationen weitergeben. Es trägt den Namen ihrer Universität und verkörpert die Kontinuität der Mannschaft über die einzelnen Etappen hinweg.

Das Tasuki diente ursprünglich dazu, die weiten Ärmel traditioneller Kleidung bei der Arbeit zurückzubinden. Es wird aber auch bei religiösen Zeremonien verwendet, etwa von Shintō-Priestern und Schreindienerinnen. Seine symbolische Funktion ist unübersehbar.

Der einzelne Läufer ist nur vorübergehend Träger des Bandes. Seine Leistung erhält ihren Sinn erst durch die Weitergabe an den Nächsten. Besonders dramatisch wird dies, wenn eine Mannschaft ein festgesetztes Zeitlimit überschreitet. Dann muss der nächste Läufer mit einem Ersatzband starten, bevor sein Vorgänger die Wechselstation erreicht hat. Die materielle Verbindung der Mannschaft ist unterbrochen.

Im japanischen Sportjournalismus wird dieser Augenblick häufig als Tragödie inszeniert. Der Läufer hat nicht nur Zeit verloren, sondern die Erwartungen seiner Kameraden enttäuscht. Die Tränen der Betroffenen gehören zu den emotionalen Höhepunkten der Fernsehübertragungen.

Der Ekiden verkörpert damit ein Ideal, das in Japan gesellschaftlich tief verankert ist: die Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Ausdauer, Selbstdisziplin und Opferbereitschaft werden nicht um ihrer selbst willen gefeiert, sondern als Beitrag zum gemeinsamen Erfolg.

Diese Werte sind keineswegs ausschließlich religiösen Ursprungs. Sie wurden seit der Meiji-Zeit auch durch Schule, Militär und modernen Sport geprägt. Sie konnten sich auch in einem demokratischen und weitgehend säkularen Japan behaupten.

Drei Staffelläufe, eine kaiserliche Mythologie

Der Ise-Ekiden ist nur einer der drei großen japanischen Universitätsstaffelläufe. Die beiden anderen sind der Izumo-Ekiden im Oktober und der Hakone-Ekiden zu Neujahr. Gemeinsam bilden sie den Höhepunkt der japanischen Langstreckensaison.

Alle drei sind mit Orten verbunden, die in der Mythologie des Kaiserhauses eine besondere Rolle spielen.

Der 1989 ins Leben gerufene Izumo-Ekiden beginnt vor dem Izumo Taisha 出雲大社, einem der ältesten und bedeutendsten Shintō-Schreine. Hier wird der Gott Ōkuninushi 大国主 verehrt, der nach der mythologischen Überlieferung das Land beherrschte, bevor er es den Nachkommen der Sonnengöttin Amaterasu überließ. Diese sogenannte Landesübergabe (kuniyuzuri 国譲り) gehört zu den grundlegenden Erzählungen über die Legitimation der kaiserlichen Herrschaft. Noch heute gilt Izumo als jener Ort, an dem sich einmal jährlich die Gottheiten des ganzen Landes versammeln — im 10. Monat des Mondkalenders, der dort als „Monat der anwesenden Götter“ (kamiarizuki 神在月) bekannt ist. Die Veranstalter weisen selbst darauf hin: Wie die Götter kommen dort auch die Universitätsmannschaften aus dem ganzen Land Anfang Oktober zusammen.1

Der Ise-Ekiden verbindet, wie gesehen, zwei Heiligtümer der kaiserlichen Throninsignien.

Der Hakone-Ekiden schließlich führt am 2. und 3. Januar von Tōkyō nach Hakone und zurück. Seine Strecke verläuft durch eine Landschaft, die vom Fuji beherrscht wird, dem höchsten und berühmtesten heiligen Berg Japans.

Auch der Fuji besitzt eine enge Verbindung zur kaiserlichen Mythologie. Als seine Gottheit wird Konohanasakuya 木花咲耶 verehrt, die Gemahlin Ninigis 邇邇芸, des Enkels der Sonnengöttin Amaterasu. Sie gebar die Vorfahren des legendären ersten Kaisers Jinmu 神武 und gehört somit selbst zu den mythischen Ahnfrauen des Kaiserhauses.

So führen die Ekiden durch die heilige Landschaft Japans: Izumo steht für die Übergabe des Landes an die Nachkommen Amaterasus, Ise für die göttliche Ahnherrin und die kaiserlichen Herrschaftsinsignien, der Fuji für eine weitere Ahnfrau der Kaiserdynastie.

Nationalreligion ohne Religion?

Japan besitzt seit 1945 keine Staatsreligion mehr. Die Nachkriegsverfassung garantiert die Religionsfreiheit und schreibt die Trennung von Staat und Religion vor. Der Staats-Shintō, der den Kaiserkult mit der nationalistischen Ideologie verbunden hatte, wurde abgeschafft.

Doch religiöse Traditionen verschwinden nicht einfach, wenn ihre staatliche Förderung endet. Sie können ihre Bedeutung verändern und in neuen gesellschaftlichen Zusammenhängen fortbestehen.

Der Ekiden ist dafür ein anschauliches Beispiel. Er ist kein Gottesdienst; die Läufer müssen weder an Amaterasu glauben noch religiöse Handlungen vollziehen. Die Wettbewerbe werden nach den Regeln des modernen Leistungssports ausgetragen.

Gleichwohl besitzen sie Merkmale, die an religiöse Wallfahrten erinnern: festgelegte Zeiten und Wege, symbolträchtige Gegenstände, die Verpflichtung gegenüber einer übergeordneten Gemeinschaft und eine gemeinsame emotionale Erfahrung, an der Millionen Menschen über das Fernsehen teilnehmen.

Der amerikanische Soziologe Robert Bellah hat den Begriff der „Zivilreligion“ geprägt. Gemeint ist eine öffentliche Religiosität, in der die Nation selbst zum Gegenstand symbolischer Verehrung wird, ohne dass dies notwendig mit dem Bekenntnis zu einer bestimmten Religion verbunden sein muss.

In diesem Sinne lässt sich der Ekiden als moderne zivilreligiöse Pilgerreise verstehen. Die religiösen Heiligtümer liefern die symbolische Landschaft, die Universitäten repräsentieren die nationale Gemeinschaft, das Tasuki verkörpert deren Zusammenhalt, und die Fernsehübertragung verwandelt den Wettkampf in ein gemeinsames Erlebnis.

Dabei wird die religiöse Bedeutung der Schauplätze von vielen Zuschauern vermutlich kaum bewusst wahrgenommen. Und umgekehrt? Ein japanischer Pilger, der sich Anfang 2026 zu Fuß auf den Weg zum Ise-Heiligtum machte, fasst seine unterwegs erlittenen Strapazen auf seiner Website amüsiert so zusammen: „Die Ise-Wallfahrt besteht nicht aus Beten, sondern ist ein Ekiden.“2

Nationale Traditionen müssen nicht ausdrücklich religiös verstanden werden, um religiöse Überlieferungen weiterzutragen. Ihre Wirkung entfaltet sich oft gerade dadurch, dass sie selbstverständlich geworden sind.

„In Ise entscheidet sich Japans Bestes“ (伊勢で決まる、日本一), verkündet der Slogan des Ise-Staffellaufes. Wenn die Läufer im November vor dem Atsuta-Schrein starten und nach über hundert Kilometern die Uji-Brücke erreichen, kämpfen sie um den Sieg für ihre Universität. Zugleich verbinden sie zwei Heiligtümer, die seit Jahrhunderten für die göttliche Legitimation des japanischen Kaiserhauses stehen. Die Läufer müssen nicht an die Götter glauben, um auf den Wegen der Götter zu laufen.

  1. 「平成元年の10月(神在月)、八百万の神々が集う『出雲』の地で産声をあげた『出雲全日本大学選抜駅伝競走(出雲駅伝)』」— Izumo-Ekiden to wa (出雲駅伝とは). Abgerufen am 2.11.2026. ↩︎
  2. 「お伊勢参りとは,祈ることではなく駅伝だ。」 — Anonym: O-Ise Mairi. Datiert 15.1.2026. Abgerufen am 2.11.2026. ↩︎

Beitragsbild: Der Atsuta-Schrein in Nagoya, wo der Ise-Ekiden beginnt. Foto: Reinhard Zöllner.