Die koreanische Unterhaltungsindustrie ist ein Haifischbecken. Eine falsche Bewegung darin kann die Karriere zerstören. Genau dies mußte kurz vor ihrem 32. Geburtstag auch An Hayŏng 安賀營 erfahren, die bis dahin eine bemerkenswerte Karriere als Schauspielerin gemacht hatte. Ihr Fehler: Ein Auftritt in einer KBS-Show am 7. August 2026, in dem sie lachend mitteilte, ihr Vater, Großvater und Urgroßvater seien alle Ärzte gewesen. Der Urgroßvater habe die erste westliche Praxis in Hanyang eröffnet und Kaiser Kojong behandelt. Die mit Hayŏng in der Show auftretenden jungen Leute äußerten sich beifällig, aber Hayŏng verging das Lachen sehr schnell.
Denn schon am 10. August erfuhr die Öffentlichkeit, daß ihr Urgroßvater An Sangho 安商浩 (1872–1927) hieß und eng mit der japanischen Kolonialverwaltung zusammengearbeitet hatte. Die Nachricht löste eine mediale Schockwelle aus. Der Zeitpunkt des Fernsehauftritts spielte dabei eine wichtige Rolle: Im Umfeld des alljährlichen Gedenktages für die Befreiung vom japanischen Kolonialismus am 15. August 1945 steigt die Sensibilität für koreanisch-japanische Themen regelmäßig immens an. Eifrige Patrioten durchwühlten die Familiengeschichte der An und stießen darauf, daß An Sangho 1916 als beratendes Mitglied des Taishō Shinbokukai 大正親睦会 aufgeführt wurde, genau wie Yi Wanyong 李完用, der 1905 als Minister an der Unterzeichnung des japanisch-koreanischen Protektoratsvertrags beteiligt war und in den Augen heutige Koreaner als Vaterlandsverräter par excellence gilt. Dem Verein gehörten noch weitere Angehörige der kolonialen Elite an.
Über Hayŏng tobte nun, was man einen Shitstorm nennt; u.a. wurde das haltlose Gerücht verbreitet, ihr Urgroßvater habe Kaiser Kojong vergiftet. Sie veröffentlichte daraufhin am 12. August auf ihrem Social Media-Account eine handschriftliche Entschuldigung, in der es unter anderem heißt:
Die Geschichte meines Urgroßvaters kannte ich nur aus den Erzählungen meiner Familie. Da ich seine Vergangenheit nicht genau kannte, habe ich unbedacht über ihn gesprochen. Dafür schäme ich mich zutiefst.
Daß ich seine Vergangenheit nicht kannte, bedeutet keineswegs, daß ich die damit verbundenen historischen Tatsachen geringschätze oder sie auf die leichte Schulter nehme. Vielmehr habe ich durch diese Angelegenheit erneut erkannt, wie wichtig es ist, sich mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Ich hätte vorsichtiger sein und mich gründlicher informieren müssen. Statt dessen habe ich durch meine unbedachten Äußerungen viele Menschen verletzt und enttäuscht. Das tut mir aufrichtig leid.
Auch wenn ich die Vergangenheit nicht ändern kann, werde ich mich künftig intensiver mit unserer Geschichte beschäftigen und darüber nachdenken, welche Verantwortung ich als Nachfahrin trage.
Diese Form von Entschuldigung folgt einem bewährten Muster, denn Hayŏng ist nicht die erste, gegen die der Vorwurf einer japan-freundlichen Familenvergangenheit erhoben wurde. Aber in ihrem Fall half es nicht viel. Denn am 14. August veröffentlichte das Institut für ethnische Fragen (Minjuk Munje Yŏnguso 民族問題研究所, englisch hochtrabend „Center for Historical Truth and Justice“) eine Presseerklärung über die Vergangenheit von An Sangho. Die politisch links stehende und notorisch antijapanische Organisation ist Herausgeberin der 2009 veröffentlichten offiziösen Liste von 4389 koreanischen Kollaborateuren, in der jedermann nachlesen kann, wer sich während der Kolonialzeit besonders japanfreundlich verhalten hatte.
In ihrem Urteil über An Sangho verwies das Institut auf ein Interview, das er am 10.12.1918 der vom japanischen Generalgouvernement herausgegebenen Zeitung Mäil Shinpo 毎日新報 gab und in dem er u.a. äußerte:
Ich bin in allem genau wie ein Japaner. Ich besitze heute kein einziges koreanisches Kleidungsstück mehr. … Da ich mit Koreanern kaum Umgang habe, entstehen mir auch keine Unannehmlichkeiten. … Da ich mit Koreanern überhaupt nichts zu tun habe, unterscheidet sich mein Leben in keiner Weise von einem Leben in Japan …
Außerdem war mit einer Japanerin verheiratet.
Für das Institut steht außer Frage, daß An Sanho ein Kollaborateur war, auch wenn er (noch) nicht in die Liste aufgenommen wurde. Dies habe aber nichts mit einer Verurteilung seiner Urenkelin zu tun; sie hafte natürlich nicht für die Untaten ihres Vorfahren. In ihrem Fall sei aber zu bedenken:
Der Kern dieser Kontroverse liegt nicht darin, daß die Schauspielerin als Person eine „Nachfahrin eines Kollaborateurs“ ist, sondern im Problem eines „Mangels an historischem Bewußtsein und Reflexion“: Sie hat sich öffentlich geäußert, ohne sich auch nur in minimalem Umfang kritisch mit der kolonialen Kollaborationsgeschichte ihres Vorfahren auseinandergesetzt zu haben, und dadurch Menschen verletzt. (S. 3)
Sippenhaft sei in einer demokratischen Gesellschaft grundsätzlich abzulehnen. Aber daraus folge nicht, daß Kritik an Hayŏng nicht statthaft sei – im Gegenteil:
Man darf sich nicht auf das defensive Argument eines bloßen „Verbots der Sippenhaft gegenüber Nachkommen“ beschränken. Vielmehr muß die Diskussion zu strukturellen Fragen und historischer Reflexion darüber führen, wie die unter der Kolonialherrschaft entstandenen beruflichen Familientraditionen und gesellschaftlichen Ressourcen nach der Befreiung ohne vorherige Aufarbeitung als bestehende Privilegien übernommen und über Generationen weitervererbt werden konnten.
Es ist tatsächlich gut möglich, daß es weniger die koloniale Vergangenheit ihrer Familie ist, die Hayŏng zur Zielscheibe kollektiver Kritik machte, als vielmehr die Verärgerung darüber, wie sie hier und an anderer Stelle völlig unreflektiert über ihre familiären Privilegien redete – wie: ihre Familie habe fünf Kühlschränke gehabt und darin so viel Fleisch lagern können, daß sie es gar nicht aufessen konnten, bevor es verdarb.
Für den rechtsgerichteten japanischen Südkorea-Experten Murotani Katsumi 室谷克実 hat Hayŏng damit allerdings eigentlich nur getan, was in ihrer Generation als völlig normal gilt, denn:1
Künstler, die in wohlhabenden Familien aufgewachsen sind, erfreuen sich bei der jüngeren Generation leichter größerer Beliebtheit als solche, die aus armen Verhältnissen stammen und sich unter Mühen zum Star emporgearbeitet haben. (S. 211)
Dennoch sieht er den Fall als ein Paradebeispiel anti-japanischer „rückwirkender Sippenhaft“ an, wie sie auch im Sport bereits vorgekommen sei.
Vor einem solchen Kurzschluß warnt jedoch Ono Yasuteru 小野容照, Historiker an der Kyūshū-Universität. Für ihn geht es bei der Debatte eben nicht um Japan, sondern um eine innerkoreanische Abrechnung mit den Profiteuren einer langen Periode von Kolonialzeit und Nachkriegs-Diktatur – denn hier gab es eine personelle Kontinuität. Das linke Lager fordert deshalb vehement die Enteignung der Eliten.
Weil sich hier zwei ursprünglich verschiedene Probleme verknüpfen, ist dies von einer reinen Frage des historischen Bewußtseins zu einer politischen Frage geworden.2
Doch dies dürfe man eben nicht mit antijapanischen Einstellungen oder Kritik an Japan verwechseln.
Es steht zu befürchten, daß solche Differenzierungen vielen Japanern nicht möglich sein werden – dafür fehlen ihnen das historischen und politischen Hintergrundwissen. Für Hayŏng jedenfalls, die sich für ihr Nichtwissen entschuldigt hat, hatte die Debatte bereits einschneidende Folgen: Ihre Rolle in dem Netflix-Drama, durch das sie bekannt wurde, hat sie Ende August verloren.
Beitragsbild: Namensschild eines koreanischen Fördermitglieds der japanisch dominierten Patriotischen Frauenvereinigung (ca. 1938–1940). Museum der modernen Geschichte, Tägu. Foto: Reinhard Zöllner.
- Murotani Katsumi 室谷克実: „Sokyū-kei Renza-Sei“ 『遡及型連座制』の猛威, in: Gekkan Hanada 月刊Hanada, November 2026 (erschienen 26.9.2011), Kolumne „Rinkoku no Katachi“ 隣国のかたち, S. 208–213. ↩︎
- „Shinnichi-ha“ no Himago Dorama Kōhan no naze: Kankoku Shakai no Hannō Shikisha ga Kaisetsu“. In: Asahi Shinbun, 18.10.2026, Morgenausgabe, S. 33. ↩︎























