Wenn es um das gegenwärtige Japan geht, ist häufig die Rede vom demografischen Wandel und den Schwierigkeiten, die sich dadurch für alte Menschen ergeben. Aber am anderen Ende der Alterspyramide – bei den Jungen – gibt es nicht weniger Probleme.
Japan gilt als Bildungsnation. Doch nicht alle Kinder haben die gleichen Chancen. Besonders schwierig ist die Lage für junge Menschen, die einen Elternteil verloren haben oder deren Eltern aufgrund einer Behinderung nur eingeschränkt erwerbstätig sein können.
Die gemeinnützige Ashinaga-Stiftung (Ashinaga Ikueikai あしなが育英会) unterstützt seit 1979 Kinder und Jugendliche, die einen Elternteil oder beide Eltern durch Krankheit, Naturkatastrophen oder Suizid verloren haben. Auch Kinder, deren Eltern aufgrund einer Behinderung wirtschaftlich beeinträchtigt sind, können Hilfe erhalten. (Für Hinterbliebene von Verkehrsunfallopfern gibt es in Japan seit 1969 eine eigene Förderorganisation, die Jidōsha Jiko Taisaku Kikō 自動車事故対策機構, engl. National Agency for Automotive Safety and Victims‘ Aid und deshalb auch auf japanisch ナスバ NASVA abgekürzt.)
Der Name Ashinaga (あしなが, „Langbein“) geht auf den Roman Daddy-Long-Legs der amerikanischen Schriftstellerin Jean Webster (1876–1916) von 1912 zurück.1 Darin ermöglicht ein anonymer Wohltäter einem Waisenmädchen den Besuch eines College. In Japan wurde die Geschichte unter dem Titel Ashinaga Ojisan (あしながおじさん, „Onkel Langbein“ – auf deutsch Daddy Langbein) bekannt.
Ashinaga vergibt Stipendien an Oberschüler, Fachschüler und Studenten bis hin zur Graduiertenausbildung. Daneben betreibt die Stiftung Studentenwohnheime, bietet Online-Lernhilfen an und kümmert sich um die psychische Betreuung jüngerer Kinder, die einen Elternteil verloren haben. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sie sich außerdem für Waisen und Halbwaisen außerhalb Japans.
Warum Bildung in Japan teuer werden kan
In Japan besteht eine neunjährige Schulpflicht. Der anschließende Besuch der dreijährigen Oberschule ist zwar freiwillig, gehört aber für die große Mehrheit der Jugendlichen zum normalen Bildungsweg. Wer später studieren möchte, kommt ohnehin nicht darum herum.
Öffentliche Grund- und Mittelschulen erheben kein Schulgeld. Dennoch entstehen den Familien erhebliche Ausgaben. Schulessen, Unterrichtsmaterialien, Uniformen, Klassenfahrten und Vereinsaktivitäten müssen häufig selbst finanziert werden. Hinzu kommen die Kosten für außerschulischen Förderunterricht. Gerade die privaten Nachhilfeschulen, die sogenannten Juku, spielen bei der Vorbereitung auf Aufnahmeprüfungen eine wichtige Rolle. Wer sie sich nicht leisten kann, hat unter Umständen schlechtere Chancen beim Übergang auf eine begehrte weiterführende Schule.
Auch der Besuch einer Oberschule kostet Geld. Zwar hat der japanische Staat die Schulgeldbelastung durch verschiedene Förderprogramme erheblich vermindert und die Unterstützung inzwischen deutlich ausgeweitet. Doch bleiben Ausgaben für Schulmaterialien, Uniformen, Transport, Schulveranstaltungen und andere Aktivitäten. Private Oberschulen verlangen darüber hinaus häufig beträchtliche Aufnahmegebühren und weitere Beiträge, die nicht vollständig durch staatliche Zuschüsse gedeckt werden.
Noch größer wird die finanzielle Hürde beim Hochschulstudium. Anders als in Deutschland erheben auch die staatlichen Universitäten Japans Studiengebühren. Hinzu kommen Aufnahmegebühren, Lehrmaterialien und gegebenenfalls die Kosten für eine Unterkunft außerhalb des Elternhauses. Private Universitäten sind im Durchschnitt noch deutlich teurer.
Für Familien mit geringem Einkommen können diese Ausgaben zur unüberwindlichen Hürde werden. Staatliche Studienförderung und Gebührenermäßigungen helfen zwar, reichen aber nicht immer aus. Zudem bestand ein erheblicher Teil der japanischen Studienförderung traditionell aus rückzahlungspflichtigen Darlehen, die junge Menschen bereits zu Beginn ihres Berufslebens verschulden können.
Wenn ein Elternteil fehlt oder behindert ist
Besonders gefährdet sind Kinder, deren Familien durch einen Todesfall, eine schwere Erkrankung oder eine Behinderung in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind.
Für Halb- oder Vollwaisen (beide als iji 遺児 bezeichnet) bedeutet der Verlust eines Elternteils nicht nur eine schwere persönliche Belastung, sondern auch einen erheblichen Rückgang des Familieneinkommens. Zwar gibt es staatliche Hinterbliebenenrenten und Unterstützungsleistungen, doch hängt deren Umfang von den jeweiligen Versicherungs- und Familienverhältnissen ab.
Ähnlich problematisch kann die Situation von Kindern sein, deren Eltern mit einer Behinderung leben. Wenn ein Elternteil nur eingeschränkt oder gar nicht erwerbstätig sein kann, sinkt das verfügbare Einkommen, während gleichzeitig zusätzliche Kosten entstehen können. Manche Kinder übernehmen darüber hinaus Aufgaben im Haushalt oder bei der Betreuung und Pflege von Angehörigen. In Japan wird seit einigen Jahren verstärkt über solche Young Carers (jap. yangu keara) diskutiert (für sie gibt es einen eigenen Interessenverband, die Yangu Keara Kyōkai) – auch eine Folgeerscheinung des demografischen Wandels. 2022 gaben rund 6 Prozent der japanischen Mittel- und Oberschüler und 10 Prozent der Studenten an, einen Familienangehörigen zu pflegen.2
Nicht alle betroffenen Familien befinden sich zwangsläufig in Armut. Doch das Risiko wirtschaftlicher Benachteiligung ist erhöht. Besonders folgenreich wird dies, wenn Jugendliche ihre Bildungsentscheidungen nicht nach ihren Fähigkeiten und Interessen treffen können, sondern danach, was ihre Familie bezahlen kann.
Immer mehr Stipendiaten trotz sinkender Kinderzahlen
Wie groß der Unterstützungsbedarf ist, zeigen die jüngsten Zahlen der Ashinaga-Stiftung.
Für das Schuljahr 2026 hat Ashinaga rund 2.200 neue Oberschulstipendiaten aufgenommen – mehr als jemals zuvor seit ihrer Gründung. Sie erhalten bis zum Abschluß der Oberschule monatlich 30.000 Yen, also jährlich 360.000 Yen. Insgesamt wurden im September 2026 bereits fast 5.000 Oberschüler durch die Stiftung gefördert.3
Trotz Geburtenrückgang steigt der Bedarf an finanzieller Unterstützung, denn die ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage vieler Waisen- und Halbwaisenfamilien sowie von Familien mit behinderten Eltern hat sich durch die Inflation weiter verschärft. Nach Angaben der Stiftung4 sank das inflationsbereinigte durchschnittliche Jahreseinkommen der Familien von Oberschulstipendiaten zwischen 2021 und 2026 von 1,76 auf 1,56 Millionen Yen. Die Kaufkraft ist also um 200.000 Yen oder rund elf Prozent gesunken.
21,5 Prozent der befragten Oberschulstipendiaten erwogen aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten, auf eine weitere Ausbildung zu verzichten, oder hatten sich bereits dagegen entschieden.
Ashinaga hat deshalb beschlossen, ihre Förderung auszuweiten. Künftig sollen Kinder bereits beim Übergang von der Grundschule zur Mittelschule zusätzliche Unterstützung erhalten. Für 2027 ist zunächst vorgesehen, 400 Kindern, die einen Elternteil verloren haben oder deren Eltern behindert sind, jeweils 50.000 Yen zu zahlen.
Studenten sammeln für die nächste Generation
Eine Besonderheit von Ashinaga ist die studentische Spendenbewegung Ashinaga Gakusei Bokin (あしなが学生募金). Ihre Mitglieder sammeln auf den Straßen japanischer Städte Geld für die Ausbildung benachteiligter Kinder.
Etwa die Hälfte der beteiligten Studenten sind selbst Stipendiaten der Stiftung. Viele wissen daher aus eigener Erfahrung, wie entscheidend finanzielle Hilfe für ihre Ausbildung sein kann.
Die Bewegung blickt auf eine mehr als fünfzigjährige Geschichte zurück. Ihr Leitgedanke ist einfach: Wer selbst Unterstützung erhalten hat, möchte dazu beitragen, daß auch die nächste Generation eine Chance bekommt.
Nach Angaben der Organisation haben die studentischen Spendenaktionen inzwischen mehr als 110.000 jungen Menschen den Weg zu einer weiterführenden Ausbildung erleichtert.
Nachweise
- Ashinaga, Geschichte der Organisation: https://www.ashinaga.org/en/about-us/our-history/ ↩︎
- Yasuo Takao: The silent struggle of Japan’s ‚young carers‘. East Asia Forum, 1.4.2025. ↩︎
- Ashinaga-Stiftung: Informationsfaltblatt zur studentischen Spendenaktion 2026, Ashinaga Gakusei Bokin 2026 (2026 あしなが学生募金). ↩︎
- Ashinaga-Stiftung, Pressemitteilung vom 17. September 2026: Ergebnisse der Untersuchung zur wirtschaftlichen Lage von Stipendiaten. https://prtimes.jp/main/html/rd/p/000000072.000005453.html ↩︎
Beitragsbild: Spendensammlung der Ashinaga Gakusei Bokin im Bahnhof Tachikawa, Oktober 2026. Foto: Reinhard Zöllner
























