Die Auseinandersetzungen um die Aufstellung sogenannter „Trostfrauenstatuen“ im öffentlichen Raum – auch in Deutschland – haben in den vergangenen Jahren exemplarisch gezeigt, wie konflikthaft das Verhältnis zwischen Geschichtswissenschaft, Erinnerungskultur und politischer Symbolik geworden ist. Der Streit entzündet sich dabei weniger an der historischen Tatsache sexualisierter Gewalt im Kontext des japanischen Militärsystems des 20. Jahrhunderts als vielmehr an der Frage, welche Funktion diese Vergangenheit heute im öffentlichen Raum erfüllen soll. Eine Auflösung dieses Streits halte ich – nach mehr als drei Jahrzehnten Beschäftigung mit dem Thema1 – sowohl praktisch als auch theoretisch für unwahrscheinlich.2 Er kann höchstens unterdrückt werden, wenn – wie leider üblich – die Argumente der Gegenseite verschwiegen werden3 oder der eigene Standpunkt einer sachlichen Kritik entzogen wird. Symptomatisch dafür ist das Urteil von Ilse Lenz über mein Buch: „Während Reinhard Zöllner die Zwangsprostitution für die Kaiserliche Japanische Armee und die Verantwortung der japanischen Regierung klar herausarbeitet, ist seine Darstellung der Gerechtigkeitsbewegung für „Trostfrauen“ … lückenhaft und teils unrichtig.“ Lenz gesteht mir demnach historische Präzision zu, verweist aber – ohne im weiteren die angeblichen Mängel konkret zu benennen – auf meine falsche Darstellung der „Gerechtigkeitsbewegung“ – eine Bezeichnung, die ein Werturteil beinhaltet, das fachwissenschaftliche Kritik a priori disqualifiziert. Und damit endet auch die Wahrnehmung meiner Kritik.
Das Unbehagen darüber, daß es offenbar nicht gelingen will, über die Erörterung von Sachfragen zu einem offenen Diskurs in dieser Frage zu kommen,4 läßt mich noch einmal über die Erkenntnisgrundlagen nachdenken, welche diesem Konflikt zugrunde liegen. Es geht mir hier um den epistemischen Konflikt im Hintergrund, nicht um politische Haltungen. Zur analytischen Durchdringung dieses Konflikts bieten die hinreichend bekannten Theorien von Pierre Nora, Jan und Aleida Assmann, Michel Foucault und Jean-François Lyotard ein aufschlußreiches Deutungsinstrumentarium. Ich werde im folgenden kurz begründen, warum sie in der Statuen-Frage relevant sind.
1. Trostfrauenstatuen als lieux de mémoire (Pierre Nora)
Pierre Nora versteht lieux de mémoire als Erinnerungsorte, die dort entstehen, wo die selbstverständlichen sozialen Milieus des Erinnerns (milieux de mémoire) zerfallen sind.5 Sie sind nicht Ausdruck lebendiger Tradition, sondern Symptome eines Verlusts: Gesellschaften schaffen Archive, Denkmäler und Gedenkrituale, weil Erinnerung nicht mehr von selbst trägt. Vor diesem Hintergrund lassen sich Trostfrauenstatuen zweifellos als paradigmatische Erinnerungsorte interpretieren. Sie sind hochgradig symbolisch aufgeladen, politisch umkämpft und emotional kodiert. Ihre Funktion besteht weniger in historischer Aufklärung als in der Verdichtung einer moralischen Botschaft.
Für Nora wäre entscheidend, daß diese Orte gerade durch ihre Umstrittenheit ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen: Sie zeigen an, daß Erinnerung nicht mehr selbstverständlich, sondern problematisch geworden ist. Die Statue wird zum Kristallisationspunkt eines gesellschaftlichen Konflikts darüber, was erinnert werden soll und wie. Die Kontroverse um ihre Aufstellung bestätigt damit Noras Diagnose einer Gegenwart, in der Geschichte und Erinnerung auseinandergetreten sind: Historische Komplexität und erinnerungspolitische Symbolik folgen unterschiedlichen Logiken.
2. Kulturelles Gedächtnis und Institutionalisierung (Jan und Aleida Assmann)
Jan und Aleida Assmann haben mit ihrer Theorie des kulturellen Gedächtnisses jene Phänomene systematisch beschrieben, die Nora eher kulturdiagnostisch deutet.6 Denkmäler, Gedenkorte, Rituale und ikonische Symbole sind für sie nicht primär Verlustsymptome, sondern notwendige Medien langfristiger kultureller Tradierung. Aus dieser Perspektive erscheinen Trostfrauenstatuen als legitime Ausdrucksformen kultureller Gedächtnisbildung: Sie schaffen Sichtbarkeit für marginalisierte Erfahrungen und stabilisieren normative Orientierungen einer Gesellschaft.
Gerade hier tritt jedoch eine Spannung zutage, die für die geschichtswissenschaftliche Perspektive problematisch ist. Während das kulturelle Gedächtnis notwendigerweise mit Auswahl, Verdichtung und Normativität operiert, ist die Aufgabe der Historiographie eine andere: Sie zielt auf Kontextualisierung, Differenzierung und methodisch kontrollierte Rekonstruktion. Der Konflikt um die Statue offenbart somit eine strukturelle Differenz zwischen den Anforderungen kultureller Gedächtnispolitik und den Standards fachhistorischer Arbeit. Ein Historiker will mehr wissen, als sich mit einer Statue sagen läßt. Darum schreibt er auch (mehr oder weniger lange) Bücher.
3. Diskurs und Archiv: Foucaults Perspektive
Michel Foucaults Begriff des Archivs erlaubt es, den Streit um Trostfrauenstatuen nicht nur als Erinnerungskonflikt, sondern als Effekt diskursiver Machtverhältnisse zu analysieren. Das Archiv bezeichnet bei Foucault nicht den Ort der Dokumente, sondern die Ordnung der Sagbarkeit: Diskurse bestimmen, welche Aussagen zu welchem Zeitpunkt als relevant, wahr und legitim gelten können.7
Die gegenwärtige Fixierung der erinnerungspolitischen Diskurse auf sexualisierte Gewalt, strukturelle Ungleichheit und Opferanerkennung prägt somit, welche historischen Spuren im Archiv sichtbar werden und welche Lesarten bevorzugt werden. Die Statue ist demnach weniger Ergebnis neutraler Geschichtserkenntnis als Ausdruck eines bestimmten Problematisierungsregimes, das gegenwärtige moralische Kategorien in die Vergangenheit projiziert. Der von Historikern wie mir beklagte Verlust historischer Kontextualisierung erscheint aus dieser Sicht als struktureller Effekt diskursiver Macht: Diskurse tendieren zur funktionalen Vereinfachung, nicht zur historischen Komplexität. Sie dienen der Gegenwart, aber sie werden der Vergangenheit nicht gerecht.
4. Der Widerstreit der Sprachspiele (Jean-François Lyotard)
Jean-François Lyotards Konzept des Widerstreits (différend) ermöglicht schließlich eine präzise Beschreibung der Unauflösbarkeit des Konflikts.8 Ein Widerstreit liegt dort vor, wo unterschiedliche Sprachspiele aufeinandertreffen, ohne daß es ein gemeinsames Regelwerk gibt, das beide Seiten anerkennen. Genau dies läßt sich in der Debatte um Trostfrauenstatuen beobachten.
Die geschichtswissenschaftliche Argumentation folgt den Regeln der Quellenkritik, Kontextualisierung und methodischen Vorsicht. Die erinnerungspolitische Argumentation hingegen operiert mit den Kategorien moralischer Anerkennung, symbolischer Gerechtigkeit und politischer Dringlichkeit. Beide Perspektiven sind innerhalb ihres jeweiligen Sprachspiels kohärent, aber gegenseitig nicht übersetzbar. Historische Differenzierung erscheint in der moralischen Logik schnell als Relativierung; moralische Zuspitzung wirkt in der historischen Logik als unzulässige Verkürzung. Der Konflikt ist daher nicht durch bessere Argumente lösbar, sondern strukturell unentscheidbar.
5. Die Position des Historikers: Skepsis gegenüber diskursiver Aktualisierung
Aus fachhistorischer Perspektive ergibt sich daraus eine ambivalente Position. Einerseits ist anzuerkennen, daß Erinnerungskultur eine gesellschaftliche Realität ist und daß moralische Anerkennung legitime soziale Bedürfnisse artikuliert. Andererseits besteht die genuin wissenschaftliche Aufgabe der Geschichtswissenschaft gerade darin, sich nicht den jeweiligen Diskursmoden zu unterwerfen, sondern gegenwartsdistanzierte Kontextualisierung zu leisten.
Sonst besteht die Gefahr, daß historische Quellen zunehmend als Rohmaterial für aktuelle Diskurse instrumentalisiert werden. Einzelne Spuren werden selektiv verfolgt, während ihr historischer Bedeutungszusammenhang verblaßt. Was als moralisch gerechtfertigte Sichtbarmachung beabsichtigt ist, kann so in eine Form von Anachronismus und Gegenwartsprojektion umschlagen. Die Trostfrauenstatuen werden dann weniger zu Orten historischer Aufklärung als zu Projektionsflächen gegenwärtiger normativer Konflikte.
Gerade deshalb bleibt die geschichtswissenschaftliche Skepsis gegenüber diskursiver Vereinnahmung unverzichtbar. Sie ist kein Ausdruck moralischer Indifferenz, sondern der Versuch, die Eigenlogik historischer Erkenntnis gegen die Überformung durch tagespolitische Agenden zu verteidigen. In einer Zeit, in der Erinnerungspolitik zunehmend normativ aufgeladen wird, gewinnt die methodische Distanz der Historiographie eine besondere epistemische und gesellschaftliche Bedeutung.
Widerstreit ist nötig
Die Kontroverse um Trostfrauenstatuen läßt sich also als Schnittpunkt mehrerer theoretischer Perspektiven verstehen: als lieu de mémoire im Sinne Noras, als Medium kulturellen Gedächtnisses bei den Assmanns, als Effekt diskursiver Machtstrukturen bei Foucault und als Widerstreit im Sinne Lyotards. Gerade diese Vielschichtigkeit erklärt, warum der Konflikt so hartnäckig andauert. Für die Geschichtswissenschaft ergibt sich daraus nicht die Aufgabe, den erinnerungspolitischen Diskurs zu dominieren (was angesichts der medialen Fragmentierung der gegenwärtigen Gesellschaft auch gar nicht möglich wäre), wohl aber die Verpflichtung, auf der Eigenständigkeit historischer Rationalität zu bestehen – auch und gerade dort, wo dies gesellschaftlich unbequem ist.
Unbequem auch für diejenigen, welche in Medien und Stiftungen, in zivilgesellschaftlichen Organisationen, aber auch in Museen und staatlichen Einrichtungen mit der Aufgabe betraut sind, Ressourcen – Raum, Zeit, Aufmerksamkeit, Fördergelder – so zu verteilen, daß gesellschaftliche Debatten geführt werden können, ohne sie zu hegemonial gelenkten Scheindebatten zu verkürzen. Aber ob wir Widerstreit zulassen, entscheidet darüber, ob wir wirklich eine offene Gesellschaft sein wollen.
- Reinhard Zöllner: Wahrheitseffekte und Widerstreit: Die »Trostfrauen« und ihre Denkmäler. München 2021. ↩︎
- Obwohl das Wort „unmöglich“ vom heutigen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt erscheint, verzichte ich hier darauf – im Geiste einer wissenschaftlich gebotenen Demut in solchen Fragen und eingedenk der unsterblichen Formulierung von Captain Jack Sparrow in Pirates of the Caribbean: „Not probable, but definitely not impossible.“ ↩︎
- Wie in einem Beitrag der Körber-Stiftung vom 6.1.2026, in dem unter „Wissenschaftliche Literatur“ nur Literatur aufgeführt wird, die im Sinne der Befürworter der Berliner Statue argumentieren – nicht aber mein Buch von 2021: https://koerber-stiftung.de/mediathek/wo-ist-ari-ein-feministisches-denkmal-im-visier/ ↩︎
- Ilse Lenz: „Die Gerechtigkeitsbewegung für die „Trostfrauen“in intersektionaler postkolonialer Sicht.“ PERIPHERIE: Politik, Ökonomie, Kultur, 43(1) (2023), 91–115, hier S. 97. https://doi.org/10.3224/peripherie.v43i1.05 ↩︎
- Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt a.M. 1998. ↩︎
- Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 2000. ↩︎
- Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt a.M. 2012. ↩︎
- Jean-François Lyotard: Der Widerstreit. München 1987. ↩︎























