In ihrer wirtschaftspolitischen Grundsatzrede von Februar 2026 machte Japans Ministerpräsidentin Takaichi Sanae 高市早苗 eine bemerkenswerte, leicht zu überlesende Ansage:
Für die erneuerbaren Energien wird unter Zusammenarbeit mit verbündeten Staaten und gleichgesinnten Ländern eine Lieferkette für Perowskit-Solarzellen sowie für Anlagen der nächsten Generation der geothermischen Stromerzeugung im Inland aufgebaut.1
Perowskit-Solarzellen (ペロブスカイト太陽電池 Perobusukaito taiyō denchi) gehören zu den derzeit meistdiskutierten Entwicklungen in der Photovoltaik. Anders als klassische Silizium-Module beruhen sie nicht auf dicken, starren Wafern, sondern auf einer extrem dünnen aktiven Schicht aus einem Material mit sogenannter Perowskit-Struktur. Diese Materialien lassen sich in dünnen Filmen auf flexible Träger aufbringen. Das ermöglicht grundsätzlich neue Herstellungsverfahren, die mit deutlich geringerem Material- und Energieeinsatz auskommen als die bisherige Siliziumproduktion. In Laborversuchen erreichen entsprechende Solarzellen inzwischen Wirkungsgrade von 15 bis 25 Prozent, die mit etablierten Technologien konkurrieren oder diese sogar übertreffen können. Neben günstigen optoelektronischen Eigenschaften – insbesondere effizienter Lichtabsorption und guter Ladungsträgerbeweglichkeit – liegt das eigentliche Potential dieser Technologie in ihrer Form: Sie ist leicht, biegsam und auf unterschiedlichste Oberflächen applizierbar. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, bislang ungenutzte Flächen wie Fassaden, Dächer mit geringer Traglast oder infrastrukturelle Elemente in die Energieerzeugung einzubeziehen.
Die Entwicklung wird politisch und institutionell flankiert. Das japanische Wirtschaftsministerium plant die Einrichtung eines spezialisierten Testzentrums für Perowskit-Solarzellen am Forschungsstandort Tsukuba. Ziel ist es, die bislang ungelösten Probleme systematisch anzugehen: insbesondere die begrenzte Haltbarkeit, die Empfindlichkeit gegenüber Wärme und Feuchtigkeit sowie die noch hohen Produktionskosten. Da Perowskit-Zellen sich in ihrem elektrischen Verhalten von Siliziumzellen unterscheiden, sind etablierte Prüfverfahren nur eingeschränkt geeignet. Das geplante Testzentrum soll daher nicht nur nationale Qualitätsstandards sichern, sondern auch zur Entwicklung internationaler Normen beitragen.2
Auch die Präfektur Mie 三重県 will gemeinsam mit regionalen Unternehmen praktische Anwendungen erproben und so bislang ungenutzte Flächen für die Energiegewinnung erschließen. Zugleich wird die Technologie als Chance für die regionale Wirtschaft gesehen, etwa durch die Entwicklung von Schutzmaterialien, Installation und Wartung.3
Vor diesem Hintergrund ist die nun erfolgte Kommerzialisierung durch eine Tochterfirma von Sekisui Chemical von besonderer Bedeutung. Wie die japanische Presse am 31. März 2026 berichtet, hat das Unternehmen mit dem Verkauf filmartiger Perowskit-Solarzellen begonnen.4 Es handelt sich um die erste kommerzielle Einführung dieser Bauform in Japan. Die Module sind dünn und flexibel und sollen gerade dort eingesetzt werden, wo herkömmliche Photovoltaik an ihre Grenzen stößt, etwa auf leichten Dachkonstruktionen oder an Gebäudefassaden.
Gerade in dicht besiedelten Industrieländern eröffnet dies ein erhebliches Potential. Flächen, die bislang energetisch ungenutzt blieben – etwa Gebäudehüllen oder Infrastrukturelemente – könnten in die Stromerzeugung einbezogen werden. Die Photovoltaik könnte damit viel stärker als bisher in den urbanen Alltag integriert werden. Hauptnachteil ist bisher allerdings die bisher wesentlich geringere Lebensdauer von zehn Jahren (herkömmliche Solarzellen halten doppelt so lange). Gegenwärtig sind Perowskit-Module drei- bis viermal teurer als Silizium-Module. Außerdem gibt es Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme: sie enthalten giftiges Blei, und die Fähigkeit zum Recycling ist wegen der sehr dünnen Beschichtung noch nicht geklärt.
Obwohl die Perowskit-Solarzelle derzeit als führende Technologie gilt und staatlich mit Milliardenbeträgen (in Euro) gefördert wird, werden gerade mit Blick auf die ungeklärte Nachhaltigkeit auch alternative Ansätze weiterentwickelt, insbesondere organische Dünnschicht-Solarzellen und Kalkopyrit-(CIGS-)Solarzellen, die jeweils eigene Vorteile aufweisen.
Organische Dünnschichtzellen sind zwar weniger effizient, dafür aber transparent und frei von giftigen Stoffen wie Blei. Sie eignen sich daher besonders für Anwendungen in der Landwirtschaft oder als Fensterbeschichtungen. Experimente zeigen etwa, daß sie in Gewächshäusern nicht nur Strom liefern, sondern auch das Pflanzenwachstum verbessern können. Kalkopyrit-Solarzellen zeichnen sich vor allem durch hohe Haltbarkeit aus. Neue Produktionsverfahren ermöglichen flexible und leichtere Varianten, die etwa auf Fahrzeugen oder Gebäuden eingesetzt werden können. Zudem wird an sogenannten Tandemzellen gearbeitet, die verschiedene Technologien kombinieren, um die Effizienz weiter zu steigern.5
Diese neuen Technologien haben für Japan strategische Bedeutung. Durch seine vergleichsweise starke Position in der Jod-Produktion besitzt Japan einen Rohstoffvorteil, der die Abhängigkeit von globalen Lieferketten – insbesondere von China – verringern könnte. Zugleich kann die staatliche Förderung ein industriepolitisches Instrument sein, nicht nur ein Beitrag zur Energiewende – auch wenn die mehr oder weniger stille Hoffnung ist, Atomkraftwerke bis 2040 überflüssig machen zu können.
Andererseits wird in den Medien betont, daß zentrale technologische Voraussetzungen für eine breite Marktdurchdringung noch nicht erfüllt sind. Insbesondere die Kombination aus hoher Effizienz, langer Lebensdauer und kostengünstiger Massenproduktion gilt weiterhin als ungelöstes Problem.
Quellen
- 高市首相:高市首相 施政方針演説 全文. (Ministerpräsidentin Takaichi: „Grundsatzrede zur Regierungspolitik“ [vollständiger Text]). Mainichi Shimbun, 21.02.2026, Morgenausgabe, S. 8. ↩︎
- 次世代ペロブスカイト 太陽電池 性能評価拠点 26年度にも 技術力向上後押し (Perowskit-Solarzellen der nächsten Generation: Leistungsbewertungszentrum möglicherweise bereits im Fiskaljahr 2026 – Förderung der technologischen Leistungsfähigkeit). Yomiuri Shimbun, 14. Februar 2026, Morgenausgabe, S. 13. ↩︎
- 次世代太陽光 導入探る 県着目「ペロブスカイト電池」 薄く、軽く、曲げられる=三重. Yomiuri Shimbun, Morgenausgabe Chūbu, 25.3.2026, S. 21 ↩︎
- 薄い・曲がる太陽電池、商用化 積水化学系、フィルム型は国内初 (Dünne, biegsame Solarzellen werden kommerzialisiert – Sekisui-Chemie-Gruppe, erste filmartige Ausführung im Inland). 片田貴也 Katada Takaya, Asahi Shimbun, 31.3.2026 ↩︎
- 「次世代太陽電池」 熱い開発競争 先行「ペロブスカイト」 追う「有機薄膜」(„Solarzellen der nächsten Generation“ – intensiver Entwicklungswettlauf: „Perowskit“ liegt vorn, „organische Dünnschicht“ holt auf). Yomiuri Shimbun, 2026.2.16, Morgenausgabe, S. 15 ↩︎
Beitragsbild: Vincent van Gogh (1853–1890): Le Semeur au soleil couchant (1888). Foto: Reinhard Zöllner























