In Deutschland kennt man das hupende Warnsignal, das ein Auto von sich gibt, wenn es glaubt, Opfer eines Verbrechens zu werden. Häufig führt sich das ja nur auf einen Irrtum zurück – einen technischer Defekt oder einen Fehler des Besitzers. Bis der Alarm abgestellt ist, nervt er die gesamte Umgebung.

In Japan wirkte es gestern, am 16. Oktober 2026, kurz nach halb eins mittags so, als seien Millionen Autos gleichzeitig aufgebrochen worden. Aber nicht die Fahrzeuge schlugen Alarm; vielmehr waren es Millionen Mobiltelefone, aus denen mehr oder wenig gleichzeitig das Hup-Signal ertönte. Schlagartig verstummten die Gespräche, alle schauten gebannt auf ihre Handy-Bildschirme, dennn jeder wußte, wovor gerade gewarnt wurde: ein schweres Erdbeben stand kurz bevor. „Jishin desu 地震です“, verkündete eine digitale Frauenstimme unaufhörlich: „Es gibt ein Erdbeben.“

Viele in Japan haben eine Warnapp auf ihrem Telefon installiert. Sie soll automatisiert Erdbeben und Tsunamis melden. Meine App hatte gar nichts angekündigt, weil ich Warnungen nur für die Zone, in der ich wohne, aktiviert habe; deshalb blieb mein eigenes Handy ruhig. Aber auf der Landkarte der App, die ganz Japan erfaßt, wurde das Beben natürlich angezeigt.

Kaum traute man seinen Augen. Um 12:35 habe sich auf den Kurileninseln ein ungeheuer schweres Beben der Magnitude 9,9 – schwerer geht es auf der Skala nicht – ereignet, das nun ganz Japan in Wallung zu versetzen drohte. Der Nordteil der Insel Hokkaidō färbte sich auf der Karte rot ein – die höchstmögliche Warnstufe.

„Hoppla“, dachte ich, gerade unterwegs in der Yamanote-Ringbahn in Tōkyō; und das dachten wohl auch meine Mitreisenden. In solchen Fällen erwartet man eine Sofortbremsung des Zuges, damit schwere Unfälle durch Entgleisen vermieden werden. Aber nichts geschah. Zwei Minuten später informierte uns der Zugschaffner, „einige Handys“ hätten eine Warnung ausgegeben, aber es sei nichts zu befürchten, der Zug fahre normal weiter.

Wenige Minuten später erneuter Alarm aus allen Handys. Aber diesmal: Entwarnung. Das Wetteramt, das in Japan traditionell auch für Naturkatastrophen zuständig ist, nahm die vorausgegangene Warnung zurück — ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.

Abends gab das Wetteramt bekannt, was geschehen war:

Bei der Berechnung der Magnitude wurden Meßstationen verwendet, die weit vom Epizentrum entfernt waren und die eine völlig übertriebene Projektion berechneten. Eigentlich war schon vor Jahren festgelegt worden, daß Meßstationen, die mehr als 700 km vom Epizentrum entfernt sind, nicht zur Berechnung der Magnitude herangezogen werden dürfen. Gestern stellte sich jedoch heraus, daß dies nicht ordnungsgemäß funktionierte. Dieser Fehler wurde inzwischen eilig behoben. Man bedauere, die Bevölkerung unnötig in Aufregung versetzt zu haben.

Also nichts passiert. Diesmal. Und wenn die Handys das nächste Mal hupen, bitte ernstnehmen!

Beitragsbild: Tokunaga Ryūshū 徳永柳洲 (1871–1936): 当夜の永代橋 (Die Eitai-Brücke in jener Nacht) (1923). Fukkō Kinenkan, Tōkyō