Im Rahmen einer etwas intensiveren Kierkegaard-Lektüre fand ich folgende Fußnote in seiner Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift, in der er sich über Georg Wilhelm Friedrich Hegel lustig machte. Hegel hatte ja versucht, die gesamte Weltgeschichte in einem System zu erfassen. Darin sollte alles seinen Platz finden. Für Ostasien war allerdings keine so richtige Stelle vorgesehen. Kierkegaard spöttelt:
Es ist nämlich noch nicht recht weltgeschichtlich deutlich geworden, wo China in dem weltgeschichtlichen Prozeß seinen Platz findet, in welchem jeder Privatdozent von vorgestern deutlich und bestimmt reichlich Platz findet. Alle Privatdozenten kommen nämlich mit, und wenn die Methode erst unsere Zeit erreicht hat, dann geht es wie ein Rad im Lauf, und wir bekommen alle Platz. Die Methode nimmt nur einen einzigen Chinesen auf, aber kein einziger deutscher Privatdozent wird ausgeschlossen, besonders keiner aus Preußen; denn der, welcher das Kreuz hat, segnet sich zuerst selbst. Aber das System ist ja auch noch nicht ganz fertig, es erwartet vielleicht, die mühsame Arbeit eines wirklichen Gelehrten systematisch eins zwei drei einverleiben zu können, indem es noch ein paar Chinesen hinzubekommt. So geht es: jetzt sieht es freilich etwas unerquicklich aus, nur einen Chinesen zu haben, wenn man so viele Deutsche hat. (S. 141)1
Aus Erfahrung kann ich bestätigen, daß viele deutsche Historiker sich noch immer schwer tun, in ihren Gedankengängen mehr als einen Lückenbüßer für die außereuropäische Geschichte vorzusehen. Bei Sammelbänden, die sich mit Weltgeschichte befassen, kann man das ganz gut erkennen.
Wo wir gerade dabei sind: Ich habe gerade einen Essay mit dem verlockenden Titel „Gesund leben mit Kierkegaard“ geschrieben. Er führt in hoffentlich gut verständlicher Form in die Grundlagen seines Denkens ein – das, wie ich finde, gerade in unserer Gegenwart hochaktuelle Fragen berührt. Es geht natürlich ums Selbst, aber auch um die Liebe. Beides sind Dinge, die jeden Menschen (auch jeden Wissenschaftler) angehen. Chinesen ausdrücklich eingeschlossen.
- Kierkegaard, Søren: ”Afsluttende uvidenskabelig Efterskrift”, in: Kierkegaard, Søren: Søren Kierkegaards Skrifter, Bd. 7, hg. Niels Jørgen Cappelørn; Joakim Garff; Jette Knudsen; Johnny Kondrup; Alastair McKinnon, Søren Kierkegaard Forskningscenteret 2002, S. 141; s.a. Onlineausgabe von Søren Kierkegaards Schriften (Zugriff: 21.3.2026)
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Beitragsbild: Asien und Europa huldigen Kaiser Karl VII. Deckengemälde, Schloß Augustusburg, Brühl. Foto: Reinhard Zöllner























