In einem Bonner Straßencafé mixt der Barista grünen Schaum mit einem „Rasierpinsel“, wie man ihn aus der traditionellen Teezeremonie kennt. Der Matcha Latte, cremig und mild-bitter zugleich, ist für viele zum morgendlichen Ritual geworden – Symbol eines gesunden, bewußten Starts in den Tag. Doch während ich meinen „Wellness-Tee“ aus dem To-go-Becher trinke, bricht in Japan ein Stück Teekultur unter der Last globaler Nachfrage zusammen.


Vor einem Monat erst habe ich mit meiner Tochter in Matsue 松江 in der Präfektur Shimane 島根 eine kleine private Teezeremonie genossen. Die Vermieterin unseres kleinen Apartments hat sie eigens für uns zelebriert. Matsue gilt als Hochburg der Teekunst, und im Obergeschoß der Wohnung gibt es ein eigenes Tatami-Zimmer mit Teegerät. Im nahegelegenen Kulturzentrum Karakoro Plaza カラコロ工房, einem prächtigen Bau der frühen Shōwa-Zeit – 1938 als Filiale der Bank von Japan errichtet – gibt es natürlich auch Teeräume für die unterschiedlichen Schulen der Teezeremonie (s. Fotos oben). Aber das wirkt heute wie ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Unsere Vermieterin hat übrigens noch keinen Meistergrad in ihrer Teeschule erreicht. Deshalb darf sie den Tee nicht vor unseren Augen zubereiten – was man auf japanisch temae 点前 nennt – und tut dies bescheiden im Nebenzimmer. Der deutsche Barista kennt dagegen überhaupt keine Hemmungen …
Vom Zen-Ritual zum Lifestyle-Accessoir
Matcha 抹茶, wörtlich „Pulvertee“, war einst ein Symbol kontemplativer Ruhe, tief verankert in der japanischen Teezeremonie (chanoyu 茶の湯), die Konzentration, Achtsamkeit und Gemeinschaft zelebriert. Heute ist das leuchtend grüne Pulver zum globalen Lifestyleprodukt geworden – verarbeitet in Cupcakes, Energy Drinks und Gesichtscremes. Der einstige Meditationsbegleiter der Mönche wird nun mit Vanillesirup und Hafermilch in Einwegbechern serviert. Oder Kellogg’s Cornflakes beigegeben. Oder in Schokolade gemischt. Oder in Baumkuchen.



Wenn der Hype die Wurzeln austrocknet
Seit 2024 explodieren die Preise für Matcha und seinen Ausgangsstoff Tencha 甜茶. Hochwertige Sorten aus Uji 宇治 oder Kagoshima 鹿児島 haben sich teils mehr als verdoppelt. 2025 stiegen die Rohstoffpreise um bis zu 180 Prozent – ein beispielloser Sprung in der jüngeren Teegeschichte. Ein Kilogramm Uji-Tencha kostet nun über 43.000 Yen, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.
Die Gründe sind vielschichtig, aber sie haben eines gemeinsam: Sie spiegeln die Folgen einer globalen Gier nach Symbolen des „achtsamen Lebens“. TikTok-Videos, Influencer und westliche Caféketten haben Matcha zum „Superfood“ erhoben. Mehr als zehn Prozent der japanischen Teeproduktion gehen inzwischen ins Ausland – ein Markt, der vor allem durch westliche Konsumtrends getrieben wird. Die Nachfrage übersteigt längst die Kapazität japanischer Anbaugebiete. Hitzewellen und Trockenheit haben die Ernten in Kyōto und Kagoshima dezimiert – und die Qualität der Blätter beeinträchtigt. Viele Teebauern in Japan sind außerdem über 70 Jahre alt. Nachwuchs fehlt, die Anbauflächen schrumpfen.
Kulturelle Aneignung im Pappbecher
Was für uns der „grüne Lifestyle“ ist, bedeutet für viele japanische Produzenten schwindende Kontrolle über ihr Kulturgut. Zwischen der Verführung durch internationale Caféketten und der spirituellen Tiefe der japanischen Teekultur liegt ein weiter Graben. Matcha wurde aus seinem rituellen Kontext gelöst, neu verpackt und ästhetisiert – ein Paradebeispiel für kulturelle Aneignung, die nicht aus bösem Willen oder kolonialer Entfremdung, sondern auf Unwissen beruht.
Der Begriff Matcha steht heute in der globalen Konsumwelt für Reinheit, Wellness und Minimalismus – aber der westliche Konsumrausch zerstört genau die Ideale, denen er zu dienen vorgibt.
Sicher trägt der Matcha-Boom dazu bei, die Welt neugierig auf Japan zu machen – und manche entdecken über den Latte vielleicht sogar den Weg zurück zu echter Teezeremonie. Doch der Preis für diese Popularität ist hoch.
Mein Bonner Matcha Latte schmeckt also ein bißchen nach Kyōto – aber auch nach Überproduktion, Klimawandel und kulturellem Mißverständnis.
Aber vielleicht ist es genau dieses Bewußtsein, das aus einem simplen Getränk wieder einen Moment der Achtsamkeit macht.

























