Am 21. Oktober 2025 hat das japanische Parlament Takaichi Sanae 高市早苗 als erste Frau zum Ministerpräsidenten gewählt. Die 64-jährige Politikerin der Liberaldemokratischen Partei (LDP) gewann mit 237 Stimmen gegen den Oppositionsführer und ehemaligen Ministerpräsidenten Noda Yoshihiko 野田佳彦 von der Konstitutionell-Demokratischen Partei (KDP) und löste damit den bisherigen Amtsinhaber Ishiba Shigeru 石破茂 nach rund einem Jahr ab.
Der Regierungswechsel markiert damit einerseits einen symbolischen Durchbruch in einer politischen Kultur, die Frauen bisher kaum Führungspositionen zugestanden hatte.
Bereits die ersten Meinungsumfragen nach Takaichis Wahl zur LDP-Präsidentin am 4. Oktober signalisierten einen Stimmungsumschwung:
Eine Erhebung der Nachrichtenagentur Kyōdō ergab, daß 68 Prozent der Befragten „große Erwartungen“ an Takaichi hatten. Eine weitere Umfrage des Japan News Network kam zu ähnlichen Ergebnissen – 66 Prozent äußerten Hoffnung, bei den LDP-Anhängern sogar über 75 Prozent. Die Unterstützung für die Regierungspartei stieg um 4,6 Punkte auf knapp 28 Prozent. Auch bei der Frage nach der besten Kandidatin für das Amt der Premierministerin lag Takaichi mit 65 Prozent weit vor Noda (11 Prozent).
Von Nara an die Spitze des Staates
Takaichi wurde 1961 in Yamato-Kōriyama 大和郡山 in der Präfektur Nara 奈良 geboren. Sie studierte Betriebswirtschaft und arbeitete anschließend kurzzeitig in den USA, bevor sie als Abgeordnete ins japanische Unterhaus einzog. Seit 1996 gehört sie der LDP an, deren konservativen Flügel sie repräsentiert. Sie gilt als Fan von Heavy-Metal-Musik, was einiges über ihre Widerstandsfähigkeit im politischen Alltag aussagen könnte.
Takaichi bekleidete in früheren Kabinetten verschiedene Schlüsselämter, unter anderem als Ministerin für Inneres und Kommunikation sowie als Ministerin für wirtschaftliche Sicherheit. Politisch gilt sie als nationalkonservativ, mit einem Fokus auf Selbstverteidigung, wirtschaftliche Eigenständigkeit und gesellschaftliche Ordnung. Sie bewundert Margaret Thatcher und bekennt sich offen zu einem japanischen Patriotismus, der für viele als nostalgisch, für andere als revisionistisch gilt. Obwohl sie offiziell keiner Parteifraktion angehört, gilt sie als Schülerin des langjährigen Parteiführers Abe Shinzō 安倍晋三 (1954–2022).
Eine Woche, die alles veränderte
Nach ihrem Sieg bei der LDP-Präsidentschaftswahl am 4. Oktober 2025 schien Takaichi zunächst geschwächt: Die langjährige Koalitionspartei Kōmeitō 公明党 erklärte überraschend, nach 26 Jahren die Zusammenarbeit zu beenden. Ohne diese Partnerin fehlte der LDP die Mehrheit im Parlament.
Innerhalb weniger Tage begann ein fieberhafter Reigen von Allianzen und Verhandlungen, in dem Takaichi sich als strategisch überlegene Taktikerin erwies. Die drei größten Oppositionsparteien – KDP, Renovationspartei (RP) und Demokratische Volkspartei (DVP) – versuchten vergeblich, eine gemeinsame Front zu bilden.
Takaichi nutzte das politische Chaos geschickt aus und überzeugte die Renovationspartei, eine formale Koalition mit der LDP einzugehen. Die Vereinbarung sah keine Ministerposten für die RP vor, wohl aber entscheidende politische Zugeständnisse:
- eine zweijährige Steuersenkung auf Lebensmittel,
- eine Reduktion der Abgeordnetensitze um 10 %,
- und die Aufwertung Ōsakas 大阪 zur „zweiten Hauptstadt“ im Katastrophenfall.
Diese pragmatische Lösung sicherte Takaichi die Parlamentsmehrheit und machte den Weg frei zu ihrer Wahl als Premierministerin.
Die „außerkabinettmäßige“ LDP–RP-Allianz markiert zugleich eine Verschiebung der japanischen Politik nach rechts. Der Koalitionsvertrag enthält Passagen, die auf eine Revision der drei sicherheitspolitischen Grunddokumente und eine Lockerung der Exportbeschränkungen für Rüstungsgüter abzielen. Damit verabschiedet sich die Regierung von der zurückhaltenden Linie der früheren LDP–Kōmeitō-Koalition. Das Kabinett Takaichi steht insgesamt für einen tiefgreifenden konservativen Kurswechsel: Aufrüstung, die von der LPD seit langem angestrebte Änderung der Verfassung und die nationale Selbstbehauptung sind ihre politischen Schwerpunkte, während gesellschaftliche Liberalität und finanzielle Transparenz (auch der Parteien) in den Hintergrund treten.
Gleichzeitig verspricht die Koalition wirtschaftliche Belebung durch Steuererleichterungen und Deregulierung – eine Mischung, die in den ersten Tagen für spürbare Euphorie an den Märkten sorgte. Der Aktienindex Nikkei 225 stieg vorübergehend auf ein Rekordhoch von 49 185 Punkten – ein deutliches Zeichen des Vertrauens in die politische Stabilität, die viele in ihrem Amtsantritt sehen.
Die JIP setzte zugleich Sozialreformen durch, darunter Beitragsentlastungen für die arbeitende Generation und medizinische Selbstbeteiligung nach Zahlungsfähigkeit statt nach Alter. Die Umsetzung dieser Pläne könnte sozial Schwache belasten. Dies wird nicht der einzige sozialpolitische Akzent der neuen Regierung bleiben. Die geplante Legalisierung der Nutzung des Geburtsnamens von Ehepartnern im Alltag gilt als Rückschritt für das bereits diskutierte System getrennter Ehenamen, das damit vorerst vom Tisch ist.
Die Opposition ist geschwächt
Die neue Koalition hat das politische Gleichgewicht Japans verschoben:
Die Opposition bleibt zersplittert. Weder KDP-Chef Noda noch DVP-Vorsitzender Tamaki konnten tragfähige Bündnisse bilden; beide haben an Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Die buddhistische Kōmeitō hingegen steht vor einer Existenzkrise. Ohne den Schutz der LDP verliert die Partei ihren Einfluß und droht bei einer Reform des Verhältniswahlrechts massiv an Sitzen zu verlieren. Denn die Koalition hat bereits angekündigt, daß die Reduzierung der Abgeordnetenzahl auf Kosten der über Listen nach dem Verhältniswahlrecht vergebenen Mandate gehen wird – Japan geht hier also genau den umgekehrten Weg wie Deutschland. Die kleinen Parteien werden es also in Zukunft schwerer haben als heute.
Eindeutige Gewinnerin ist die RP, die sich von einer Regionalbewegung in Osaka zu einem nationalen Machtfaktor entwickelt hat. Sie darf Reformpolitik mitgestalten, ohne Regierungsrisiken tragen zu müssen.
Aber ist die neue Regierung wirklich stabil?
Doch die innenpolitische Stabilität ist fragil. In Ōsaka konkurrieren LDP- und JIP-Kandidaten direkt um Mandate, und konservative Parteiflügel in Tōkyō betrachten Takaichis Reformkurs mit Mißtrauen. Außerdem waren die letzten japanischen Kabinette nach Abe allesamt recht kurzlebig.
Takaichi steht also sowohl parteistrategisch wie auch innenpolitisch vor schweren Aufgaben: Japans Wirtschaft lahmt unverändert, Spielraum für großzügige Staatsgeschenke nach der Methode ihres Mentors Abe gibt es nicht (und die „Abenomics“ haben schlicht auch nicht funktioniert), aber strukturelle Reformen sind unausweichlich.
Fürs erste hat sich Takaichi taktisch klug verhalten. Besonders aufschlußreich für Takaichis politisches Gespür ist ihr Verhalten beim Herbstfest des Yasukuni-Schreins 靖国神社 wenige Tage vor ihrer Wahl.
Der Schrein gilt in China und Südkorea als Symbol des japanischen Militarismus, weil dort auch verurteilte Kriegsverbrecher geehrt werden. Takaichi hatte in der Vergangenheit regelmäßig an den Gedenkfeiern teilgenommen und sich damit bewußt als Vertreterin eines patriotisch-konservativen Geschichtsbildes positioniert.
Diesmal aber blieb sie dem Schrein fern; sie verzichtete auf einen persönlichen Besuch und sandte lediglich ein eine rituelle Zweiggabe auf eigene Kosten.
Ihr Verhalten gegenüber dem Yasukuni-Schrein illustriert möglicherweise eine pragmatische Einstellung: Sie bleibt konservativ, aber berechnend; patriotisch, aber kontrolliert. Wenn sie diesen Kurs hält, könnte ihre Amtszeit nicht nur die Premiere der ersten Frau an der Regierungsspitze sein, sondern der Beginn einer neuen Ära in der japanischen Politik.
Takaichi hat gleich nach Amtsantritt versichert, daß sie der Partnerschaft mit Südkorea hohe Bedeutung beimißt. Allerdings weckt ein Blick auf die Auswahl ihrer Minister Zweifel daran, wie ausgewogen die neue Mannschaft und damit die neue Politik tatsächlich sein wird. Ihren beträchtlich jüngeren Rivalen Koizumi Shinichirō 小泉進次郎 machte sie zum Verteidigungsminister – und der ist ebenfalls für seine wiederholten Besuche des Yasukuni-Schreins bekannt. Nochmals ein Jahr jünger ist Onoda Kimi 小野田紀美, Ministerin, deren Portefeuille wirtschaftliche Sicherheit, Wissenschaft und Technologie, Raumfahrt, Geistiges Eigentum, Ausländer und Immigration umfaßt – schierer Wahnsinn nach deutschen Maßstäben. Sie entwickelt sich offenbar zur Allzweckwaffe der nachrückenden Führungsgeneration. Dabei ist sie noch gar nicht so lange Japanerin im juristischen Sinne: Als Tochter eines amerikanischen Vaters mußte sie 2015 die japanische Staatsangehörigkeit aktiv erwerben, wobei sie zunächst „vergaß“, die amerikanische abzulegen, wozu sie nach japanischem Recht verpflichtet ist; sie holte dies 2017 nach. Politisch gesehen ist sie nicht weniger konservativ als Koizumi Junior. Jetzt sitzt sie als eine von gerade einmal drei Frauen neben 15 Männern am Kabinettstisch.
Beitragsbild: Umstritten wie eh und je: Der Yasukuni-Schrein in Tōkyō. Bild: Reinhard Zöllner























