Beitragsbild: Rückenaufnahme von Kikkawa Kiyoshi (1911–1984) vor dem Atombombendom in Hiroshima. Werner Bischof (1916–1954) 1951.

Am 80. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki richtet sich der Blick nicht nur auf die verheerenden Ereignisse von 1945, sondern auch auf den Umgang Japans mit seinem atomaren Erbe. Der Neuanfang der beiden Städte ist beeindruckend: Beide wurden zu Symbolen des Friedens und des Widerstands gegen nukleare Aufrüstung. Doch die Erinnerungskultur ist ambivalent.

Atombombenopfer Nr. 1

Unmittelbar nach den Bombenabwürfen verhinderte die Militärzensur jede öffentliche Auseinandersetzung mit der neuen atomaren Realität. Erst allmählich konnten Überlebende ihre Stimme erheben – und das häufig unter großen persönlichen Opfern.

Ein Beispiel dafür war Kikkawa Kiyoshi 吉川清 (1911–1986). Er überlebte den Abwurf vom 6. August 1945 schwer verletzt – sein Rücken war vollständig verbrannt. Was zurückblieb, waren wuchernde Keloidnarben, die ihn sein Leben lang zeichneten. Aber Kikkawa entschied sich, diese Wunden nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Er zeigte sie – öffentlich, immer wieder. Er zeigte sie amerikanischen Soldaten, Schulklassen, Touristen, Journalisten. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Überzeugung. „Ich wollte, daß die Menschen verstehen, was eine Atombombe mit einem Menschen macht“, schrieb er später.

Schon 1947 wurde sein Rücken zum Symbol – fotografiert von US-Militärärzten, dokumentiert von der Atomic Bomb Casualty Commission, die zwar forschte, aber nicht behandelte. Kikkawa wurde Teil eines medialen Blicks auf Hiroshima, der längst über Japan hinausging. In amerikanischen Magazinen wie Life erschien sein Foto – sein verbrannter Rücken, das sichtbare Leid, das die Bombe hinterließ. Im Film „Hiroshima, mon amour“ von Alain Resnais war er zu sehen, Erwin Leiser filmte ihn, Robert Jungk schrieb über ihn – als Teil einer ganzen Generation von Reportern, die versuchten, das Unsagbare ins Bild zu setzen.

Kikkawa nutzte diese Aufmerksamkeit. In seinem kleinen Laden neben dem Atombombendom verkaufte er Andenken und erzählte seine Geschichte – auch in Fernsehinterviews, auch gegenüber Besuchergruppen aus dem Ausland. Doch sein Engagement war nicht unumstritten. Es gab Kritik: Er verkaufe seine Narben, mache aus dem Leid ein Geschäft. Es kam sogar zum Streit mit einem Konkurrenten aus Ōsaka – ein richtiger Plakatkrieg entbrannte, mit der zynischen Frage: Wer darf sich eigentlich „Opfer Nummer eins“ nennen?

Aber jenseits aller Polemik bleibt etwas anderes hängen: Kikkawa hat seinen Körper zum Mahnmal gemacht. Er hat die Geschichte der Bombe sichtbar gemacht – nicht abstrakt, sondern ganz konkret. Internationale Medien haben seine Wunde in die Welt getragen, aber er selbst hat entschieden, was gezeigt wird – und warum. Seine Narben waren sein Protest – gegen das Vergessen, gegen die Gleichgültigkeit.

Und vielleicht ist genau das sein Vermächtnis: Daß Erinnerung manchmal nicht gesprochen werden muß, sondern nur gezeigt.

Solche Schicksale zeigen, daß die Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki nicht abstrakt bleiben darf. Sie ist konkret, verkörpert, widersprüchlich – und zutiefst menschlich.

Die Friedensmuseen

Wer heute Hiroshima oder Nagasaki besucht, kommt an einem Ort kaum vorbei: dem Friedensmuseum. Hiroshima eröffnete sein Friedensmuseum im Jahr 1955, Nagasaki folgte 1996 mit einer neuen, erweiterten Einrichtung. Was beide verbindet: Sie sind nicht neutral. Sie sind pazifistisch. Sie stellen nicht einfach nur die Bombe aus, sondern erzählen, was sie mit Menschen gemacht hat.

Beide Museen setzen auf Augenzeugenberichte, Fotos, persönliche Gegenstände – zerrissene Schuluniformen, eine verbrannte Lunchbox, ein verschmolzenes Dreirad. Es sind Objekte, die nicht erklären, sondern spürbar machen. Die Besucherinnen und Besucher sollen die Katastrophe nicht nur verstehen – sie sollen sie fühlen. Die Museen in Hiroshima und Nagasaki sind damit nicht nur Orte der Trauer oder der Aufklärung. Sie sind aktive Knotenpunkte eines globalen kulturellen Gedächtnisses. Sie erinnern an das Schlimmste – und verbinden es mit einem Appell: Nie wieder.

Dabei gibt es Unterschiede: Hiroshima stellt den Abwurf stärker in den Kontext der japanischen Kriegsgeschichte und thematisiert auch die Rolle Japans als Aggressor. Nagasaki dagegen hebt stärker das Leiden der zivilen Bevölkerung hervor.

Das Archiv der Zeitzeugen

Ein zentrales Element beider Einrichtungen ist das Interview-Archiv der Überlebenden. Tausende von Zeitzeugenberichten wurden gesammelt, viele davon als Video. Und genau hier setzt auch das internationale Projekt NET-GTAS an. NET-GTAS steht für: Network of Translators for the Globalization of the Testimonies of Atomic Bomb Survivors. Seit 2014 sorgt dieses Netzwerk dafür, daß die Berichte von Überlebenden der Atombombenabwürfe weltweit zugänglich werden – durch Übersetzungen in viele Sprachen. 

Ein kleines Beispiel dafür ist das Übersetzungsprojekt an der Universität Bonn. Dort übertragen Studierende gemeinsam mit NET-GTAS wichtige Zeitzeugenberichte ins Deutsche und Arabische. Dabei ging es nicht nur ums Übersetzen, sondern auch ums Verstehen – um Geschichte, Verantwortung und Empathie. Die übersetzten Berichte sind online veröffentlicht – für alle, die sich mit der Geschichte Hiroshimas und Nagasakis auseinandersetzen wollen.

Was ursprünglich nur auf japanisch erzählt wurde, erreicht heute Menschen auf der ganzen Welt. Und das ist entscheidend: Denn diese Erinnerungen sind Teil unseres kulturellen Gedächtnisses – wie die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann es nennen. Sie gehören zu dem, was wir als Menschheit nicht vergessen dürfen.

Die Rituale

Manchmal ist Schweigen wirkungsvoller als Reden. Jedes Jahr am 6. August um Punkt 8:15 Uhr – zur genauen Uhrzeit des Abwurfs über Hiroshima – verstummt die Stadt. Für eine Minute schweigen Zehntausende Menschen im Peace Memorial Park, direkt gegenüber dem Atombomben-Dom. Die Glocke läutet, Tauben steigen auf.

Dann beginnt die zentrale Friedenszeremonie von Hiroshima. Der Bürgermeister verliest das Friedensmanifest, Kinder legen Blumen nieder, internationale Gäste – darunter oft auch Vertreter der Vereinten Nationen – gedenken der Opfer. Am Abend setzen Familien leuchtende Papierlaternen auf den Fluß.

Drei Tage später, am 9. August um 11:02 Uhr, findet eine ähnliche Gedenkfeier in Nagasaki statt. Auch dort gibt es Schweigen, Kränze, Musik – aber die Atmosphäre ist oft nachdenklicher, stiller. In Nagasaki spricht der Bürgermeister traditionell Klartext – gegen Atomwaffen, gegen nukleare Aufrüstung. In einer Stadt, die auch das Zentrum der japanischen Christenheit ist, schließen sich oft religiöse Gebete an, in Tempeln und Kirchen gleichermaßen.

Neben diesen beiden offiziellen Zeremonien ist das Gedenken längst ein landesweites Ritual. In vielen japanischen Städten finden Mahnwachen statt. In Schulen wird das Thema behandelt – mit Filmen, Zeitzeugenberichten, Schreibprojekten. Das Fernsehen überträgt die Zeremonien live und sendet dazu passende Spielfilme. Und auch international stoßen sie auf Resonanz: Vertreter aus aller Welt nehmen teil, mitunter selbst aus den USA.

Dieses Gedenken ist nicht triumphal, sondern demütig. Keine Schuldzuweisung, sondern Mahnung. Keine Vergangenheitspolitik, sondern Zukunftsversprechen. Die zentrale Botschaft lautet jedes Jahr aufs Neue:

Nie wieder Hiroshima. Nie wieder Nagasaki. Nie wieder Krieg.

Zu diesem Thema wurde ich am 5.8.2025 von Susanne Burkhardt in der Sendung Fazit auf dem Sender Deutschlandfunk Kultur interviewt. Die gesamte Sendung findet sich hier. Der Auszug mit meinem Interview kann hier gehört werden:


Literatur:
Kikkawa Kiyoshi 吉川清: „Genbaku Ichigō“ to iwarete 「原爆一号」といわれて. Chikuma Shobō 筑摩書房 1981