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Mit dem Stäbchen in den Himmel

Dort, wo der Yoshino-Fluß 吉野川 auf der Insel Shikoku 四国 in einer scharfen Rechtswendung nicht mehr in Süd-Nord-Richtung, sondern nach Osten zu fließen beginnt (er mündet bekanntlich bei der Stadt Tokushima 徳島 ins Meer), liegt die Gemeinde Ikeda 池田. Und dort liegt in 550 Metern Höhe ein buddhistischer Tempel mit einem bemerkenswerten Namen: Hashikuradera 箸蔵寺 („Stäbchen-Schatzhaus-Tempel“). Er gehört zur esoterischen Sekte vom Wahren Wort 真言宗. Jedes Jahr findet dort im Sommer ein „Stäbchengedenkfest“ 箸供養 statt, bei dem Hunderte von Gläubigen gebrauchte Eßstäbchen dem heiligen Feuer übergeben. Schüler bringen sogar eigens angefertigte, zwei und vier Meter lange Stäbchen zum Opfer.
Die Gründungslegende (engi 縁起) des Tempels macht diesen Brauch verständlich: Der berühmte Mönch Kūkai 空海 (774-835) sei hier bei religiösen Übungen dem (eigentlich indischen) Gott Konpira 金比羅 begegnet, der ihm sein Versprechen an die Menschheit verkündet habe:

箸を挙ぐるもの全て救わん
Jeden, der Stäbchen hochhält, will ich erretten.

Anschließend sei 828 der Tempel entstanden. — Die Auslegung dieses Gelübdes ist simpel: Stäbchen benutzen (im Kontext des Mahayana-Buddhismus) alle Menschen, also verspreche Konpira hier die Rettung der gesamten Menschheit. Ob der Gebrauch von Eßstäbchen zur Zeit Kūkai tatsächlich schon so allgemein üblich war, sei dahingestellt. Jedenfalls gibt mir die Legende einen weiteren, schönen Anhaltspunkt für meine Vermutung, Ostasien sei dort, wo die Menschen mit Stäbchen essen.
hashikuyou

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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