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Die Armeen von BTS marschieren … aber nicht an die Front

Das südkoreanische Parlament debattiert zur Zeit darüber, ob „Musikkünstler“ — präziser: K-Pop-Bands — vom Wehrdienst befreit werden sollen, wenn sie sich um die Nation verdient machen. Eine solche Ausnahme gibt es bislang für Sportler, die bei Olympischen Spielen Medaillen gewinnen. Die Musikindustrie unterstützt diesen Plan natürlich, weil es bislang immer eine Unterbrechung der lukrativen Auftritte ihrer Schützlinge bedeutet hat, wenn diese eingezogen wurden. Viele andere sehen darin jedoch eine ungerechtfertigte „umgekehrte Diskriminierung“ (also Privilegierung) der Popkünstler — und fordern Freiheit vom Wehrdienst auch für Breakdancer; schließlich werden diese 2022 erstmals bei Olympischen Spielen auftreten.
Immerhin unbestreitbar ist, welche hohe Mobilisierungskraft BTS und Konsorten besitzen. Am 20. September 2021 traten sie als südkoreanische „Sonderbotschafter für Kultur und Zukunft“ bei einer Konferenz der Vereinten Nationen in New York auf. Ihr Auftritt wurde von 1 Mio. Menschen live angesehen.
BTS (deren Name passenderweise eigentlich „kugelsichere Jungeneinheit“ 防弾少年団 방탄소년단 bedeutet) besitzt eine frenetische Anhängerschaft, deren offizielle Bezeichnung Army 아미 schon darauf hinweist, daß es ihr mit ihrer Unterstützung bitter ernst ist.
Fangruppen in der Volksrepublik China sammelten neulich innerhalb einer Stunde eine halbe Million US-Dollar über die Social Media-Plattform Weibo, um Jimin, einen der BTS-Sänger, zu seinem 26. Geburtstag ein Geschenk zu machen: Ein Flugzeug der südkoreanischen Jeju Air wurde speziell für Jimin neu lackiert und wird drei Monate lang mit Liebesgrüßen seiner Fans („eternal love“) in Südkorea umherfliegen. Der chinesischen Führung ist dies mittlerweile so suspekt geworden, daß sie versuchen, die Aktivitäten der Fangruppen drastisch einzuschränken. Es ist ja auch kaum vorstellbar, daß sich junge Leute fänden, die Xi Jinping ein ähnliches Geschenk machen würden … jedenfalls nicht freiwillig.
So kämpfen die BTS-Armeen an unterschiedlichen Fronten: In Seoul für die Aufweichung des Wehrdienstes und damit für den Weltfrieden, in New York für Kultur und Zukunft und damit für das Wohlergehen der koreanischen Musikindustrie und in Beijing für die Unterminierung der kommunistischen Diktatur. Eigentlich gar keine üble Agenda.
BTS tritt bei einer UN-Konferenz auf

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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