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Ehemalige „Trostfrau“ fordert Ende der Mittwochsdemonstrationen

Die 1928 geborene Yi Yongsu ist eine der letzten überlebenden koreanischen „Trostfrauen“, die öffentlich auftritt. 1992 machte sie ihre traumatischen Erlebnisse während der Kriegszeit öffentlich. 2000 nahm sie an dem in Japan veranstalteten inoffiziellen Tribunal teil, das mit der symbolischen Verurteilung des japanischen Kaisers Hirohito endete. 2007 sagte sie vor dem US-amerikanischen Kongreß aus und trug damit entscheidend zur Annahme einer Resolution bei, die Japan für die Behandlung und ausgebliebene Wiedergutmachung der Trostfrauen verantwortlich machte. Yi nahm auch unermüdlich an den Mittwochsdemonstrationen teil, die seit 1992 Woche für Woche vor der japanischen Botschaft in Seoul und seither auch vor anderen diplomatischen Vertretungen Japans in Südkorea stattfinden.
Organisiert wurden die meisten dieser Aktivitäten vom 1990 gegründeten „Koreanischen Rat der Frauen, die durch Japan in sexuelle Sklaverei gezwungen wurden“ (韓国挺身隊問題対策協議会). In einer Aufsehen erregenden Pressekonferenz hat Yi nun allerdings am 7. Mai 2020 dem Rat und speziell dessen langjähriger Sprecherin Yun Mihyang 尹美香 schwere Vorwürfe gemacht. In einem Interview am 14. Mai bekräftigte Yi diese Vorwürfe und distanzierte sich nicht nur vom „Koreanischen Rat“, sondern forderte gar ein Ende der Mittwochsdemonstrationen. „Ich werde mich nicht länger benutzen lassen“, sagte Yi.
Yi warf Yun und dem Rat vor, Spendengelder für persönliche Zwecke veruntreut zu haben. Die „Trostfrauen“ seien bevormundet worden; man habe sie 2015 nicht rechtzeitig und korrekt über das Angebot der japanischen Regierung auf Zahlung einer Entschädigung informiert. Der „Koreanische Rat“ ignoriere zudem die Interessen jener Überlebenden, die nicht in dem von ihm betreuten „Haus des Teilens“ lebten. Sie habe es satt, sich für die Interessen des „Koreanischen Rates“ mißbrauchen zu lassen. Außerdem lehne sie die vom Koreanischen Rat emphatisch propagierte Bezeichnung „Sexsklavin“ (statt „Trostfrau“) für sich ab, weil sie sich damit entwürdigt fühle. Sie werde sich in Zukunft nicht mehr an den Mittwochsdemonstrationen beteiligen. Es sei unerträglich, daß idealistische Schüler und Studenten dorthin kämen und ihr Taschengeld spendeten, während das Geld in Wirklichkeit gar nicht für die ehemaligen „Trostfrauen“ eingesetzt werde. Die Demonstrationen sollten beendet und der „Koreanische Rat“ müsse aufgelöst werden.

Ich will die Bewegung nicht beenden … Ich glaube jedoch, daß sich die Methode der Bewegung ändern muß.

Allerdings nahm Yi am 27. Mai dennoch kurz an einer Mittwochsdemonstration in Tägu teil, wo sie lebt; sie bekräftigte jedoch dabei ihre Interview-Äußerungen über den Koreanischen Rat.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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