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Reiwa 令和: Japans neue Ära befiehlt den Frieden (?)

Die am 1. April 2019 nicht als Aprilscherz, sondern als Name der am 1. Mai beginnenden Regierungszeit des nächsten japanischen Kaisers verkündete Devise (nengō 年号) lautet Reiwa 令和. Der Begriff stammt erstmals in der japanischen Geschichte nicht aus einem klassischen chinesischen Text, sondern aus der altjapanischen Gedichtsammlung Man-yōshū 万葉集.
Dort heißt es in einem (im Original auf chinesisch geschriebenen) Prosatext zwischen den Gedichten:

初春の月にして気淑く風
Im guten Monat [gemeint ist: 2. Monat] zu Frühlingsbeginn war die Luft rein und der Wind besänftigte sich …

Aber von diesem Zitat kann man wohl kaum auf die Bedeutung der neuen Devise schließen. „Der Februar besänftigt sich“ kann ja wohl kaum gemeint sein.
Das zweite der beiden Schriftzeichen, wa 和 („Friede, Harmonie, Japan, befrieden, besänftigen“), lag relativ nahe. Ich hätte jedenfalls jede Wette abgeschlossen, daß irgendetwas mit „Friede“ vorkommen würde, und wegen der Doppelbedeutung (der älteste japanische Staat hieß Dai-Wa oder Yamato 大和) lag das Zeichen bei der jetzigen nationalistischen Regierung auch recht nahe. Man knüpft damit z.B. an Shōwa 昭和 an, die Zeit des Kaisers Hirohito (1926–1989). Es ist exakt das 20. Mal, daß 和 in einer Devise benutzt wird — ein Dauerbrenner also.
Das erste Schriftzeichen 令 hingegen kommt zum ersten Mal zu dieser Ehre; es bedeutet an sich „befehlen, anordnen“. In extrem altmodischen Wörtern wie reikei 令兄 („Ihr werter Herr Bruder“) oder reishi 令姉 („Ihre werte Frau Schwester“) kann es auch schon „wert/gut“ bedeuten. In der chinesischen klassischen Grammatik steht 令 zudem als Faktitiv oder Kausativ: „etwas veranlassen“.
Somit ergeben sich als mögliche Deutungen für die neue Devise:

  • Frieden befehlen
  • Frieden anordnen
  • Frieden machen
  • Japan befehlen
  • Japan (zu etwas) veranlassen
  • Besänftigung befehlen
  • sanft machen
  • japanisch machen
  • werter Friede
  • wertes Japan

usw.
Die neue Devise enthält also viel Japanisches. Sie wird jedoch Ausländern wenig Freude bereiten. R und L kann man bekanntlich reicht velwechsern. Und den Diphtong ei kann ohnehin kaum jemand aussprechen. Für Deutsche z.B. mag eine Aussprache wie „Laiva“ naheliegen, für Amerikaner dagegen so etwas wie „rrrieway“.

Am Verfahren der Verkündung äußert der Verfassungsrechtler Mizushima Asaho 水島朝穂 drastische Kritik:

Ich bin mit dem Inhalt oder der Art der Entscheidung nicht zufrieden. Auch wenn man den Zweifel hintanstellt, daß das vor 40 Jahren erlassene „Devisen-Gesetz“ festgelegt hat, daß die Devise durch eine Kabinettsverordnung bestimmt wird: Das Kabinett konnte alles bestimmen, einschließlich der „Zeit“ bis zur Ankündigung; es war eine wunderbare politische Show der Abe-Regierung. Die Medien außer E-Tele und BS übertrugen sie live. Wie von NHK angekündigte, kommentierten dieselben Journalisten wie seit 16 Jahren die „Gedanken“ „als Premierminister Abe …“. Daß die Pressekonferenz des Kabinettsministers und die Erklärung des Premierministers etwas verspätet begannen und man die Studioansagerin „Ich bin so aufgeregt“ sagen ließ, halte ich nicht für einen Zufall. Es handelt sich um die perfekte Demonstration der Verbindung von Fragmentierung und Eilbedürftigkeit im Sinne der von H[erbert] Schiller beschriebenen „Manipulation der öffentlichen Meinung“. …
Zudem kann man wohl sagen, daß [die neue Devise] in der Bedeutung nicht von „Frieden durch Recht“, sondern „aktiven Frieden durch Befehl (einschließlich Gewaltanwendung)“ tatsächlich ein Symbol für den „aktiven Pazifismus“ à la Abe ist.

Also dann: Willkommen im Jahr Reiwa 1 … aber erst ab dem 1. Mai!

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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