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China würde Militärschlag gegen Nordkoreas Atomprogramm hinnehmen

Die Situation auf der koreanischen Halbinsel hat sich weiter zugespitzt, seitdem die VR China angekündigt hat, Nordkorea weitgehend vom Nachschub an Erdöl abzuschneiden — und dies offenbar auch umsetzt. Südkoreanische Medien berichten von Versorgungsengpässen an nordkoreanischen Tankstellen. Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA wiederum beschuldigte China in mehreren Artikeln, nach der Pfeife der USA zu tanzen und sich gegenüber Nordkorea „gemein“ zu verhalten.
In Chinas kommunistischem Sprachrohr Global Times fanden sich darauf messerscharfe Erwiderungen, die vermuten lassen, daß China endgültig die Geduld mit seinem schwierigen Nachbarn verloren hat. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten bestehe in Ostasien die Gefahr eines Krieges, hieß es in einem Leitartikel vom 22. April. Grund hierfür sei die US-amerikanische Politik gegenüber Nordkorea, aber die Hauptursache sei Nordkoreas Festhalten an seinem Atomprogramm. Chinas Position sei eindeutig:

Wenn Pyongyangs stures Weitermachen mit seinem Nuklearprogramm weitergeht und Washington im Ergebnis einen militärischen Angriff auf Nordkoreas Nuklearanlagen führt, sollte Beijing diesem Schlag durch diplomatische Kanäle entgegentreten, statt in eine militärische Aktion verwickelt zu werden. Es wäre in Washingstons bestem Interesse, den hohen Grad an Bedrohung gründlich zu bedenken, der sich durch einen von Pyongyang gegen Seoul geführten Racheangriff ergäbe. Einem solchen Racheangriff können Washington und Seoul nicht standhalten.
Falls jedoch US- und südkoreanische Truppen Koreas Demilitarisierte Zone in einer Bodeninvasion überschreiten, um das Pyongyang-Regime direkt zu beseitigen, wird China seine eigenen Alarmglocken läuten und sein Militär unverzüglich in Stellung bringen. Beijing würde niemals dasitzen und zusehen, wie fremde Truppen das Pyongyang-Regime stürzen.

Mit anderen Worten: Einen begrenzten Militärschlag der USA, der sich gegen das nordkoreanische Atomprogramm richtet, würde China hinnehmen.
Damit interpretiert China seine Bündnispflicht gegenüber Nordkorea neu. Bislang konnte Nordkorea davon ausgehen, daß jeder Angriff auf Nordkorea von seinem großen Bruder geahndet würde. Nun gibt China den USA praktisch carte blance für einen Erstschlag.
Der Friede in Ostasien ist damit, wie man auch in Beijing weiß, nicht sicherer geworden. Am 23.4. hat Global Times deshalb noch eine Warnung an Pyongyang hinzugefügt:

Vielleicht muß Pyongyang seine Auffassung revidieren, daß Nordkorea ein Behüter und Wachtposten Chinas ist und deshalb, was es auch tut, Beijing keine Alternative dazu hat, Pyongyang Schutz zu gewähren. Wenn Nordkorea dies wirklich so sieht, macht es einen Fehler. Sein Nuklearprogramm hat Frieden und Stabilität in Nordostasien schwer beeinträchtigt und Chinas hauptsächliche nationale Interessen gefährdet. Pyongyang daran zu hindern, weiterhin Atomwaffen zu entwickeln, ist bereits Beijings Priorität in seiner Nordostasien-Politik geworden.

Die Uhr tickt, könnte man meinen. Von nicht lebensnotwendigen Reisen nach Nordkorea rate ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher ab.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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