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Filmkritik: Am Rande dieser Welt (Kono Sekai no Katasumi ni)

Der Abspann dieses im November 2016 in die japanischen Kinos gekommenen Anime ist besonders lang; denn er endet mit der Auflistung der Sponsoren: Erstaunlich viele Japaner waren bereit, durch crowd funding dem Regisseur Katabuchi Sunao 片渕須直 die Mittel in die Hand zu geben, um Kono Sekai no Katasumi ni この世界の片隅に — „Am Rande dieser Welt“ — zu drehen.

Katabuchi ist in der Anime-Welt kein Unbekannter. Er gehörte schon zu Miyazaki Hayaos Team, als dieser Anfang der 1980er Jahre die Sherlock Hound-Filme drehte. Er war auch 1989 für Miyazaki an der Produktion von Majo no Takkyūbin 魔女の宅急便 („Kikis kleiner Lieferservice“) beteiligt und führte danach bei drei durchaus beachtlichen, wenngleich international weithin unbekannten Animes Regie. Sein Stil ist ganz fraglos am Studio Ghibli orientiert.
Sein neuester Film läuft seit vier Monaten in den japanischen Kinos, und das will durchaus etwas heißen. Er ist in Japan mit Preisen überschüttet worden, u.a. als Bester Anime 2016, und soll in Kürze auch in Übersee starten.
Am Ende der Aufführung, die ich besuchte, hörte ich wieder einmal erwachsene Japaner sich gerührt schneuzen. Das ist nicht unverständlich. Die Heldin des Films, Suzu, wächst in Hiroshima 広島 als ganz normales, zum Träumen neigendes Kind einer Durchschnittsfamilie auf. Aus heiterem Himmel stellt ihr, als sie gerade 19 ist, ein junger Mann einen Heiratsantrag. Sie ist ihm, wie sie sich erinnert, schon einmal begegnet — vor 10 Jahren auf der Aioi-Brücke 相生橋. (An dieser Stelle weiß bereits jeder Japaner, was folgen wird, denn die Aioi-Brücke ist natürlich jene Brücke, die als Ziel der Atombombe vom 6.8.1945 vorgesehen war.) Sie nimmt den Antrag zögernd an und zieht zu ihrer neuen Familie nach Kure 呉, jenem Kriegshafen, der knapp eine Stunde von Hiroshima entfernt liegt. Ihr Mann ist lieb, ihre Schwiegereltern auch, doch die Schwägerin gibt sich zickig. Sie lernt den Garten zu bestellen, zu kochen und all das zu tun, was von einer jungen Hausfrau erwartet wird. Nur weiß sie nicht wirklich, warum sie dies tut. Am liebsten zeichnet sie, doch die Zeichnungen zeigen ihre Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.
Wie jede Familie in der Gegend wird auch ihre erbarmungslos und Stück um Stück tiefer in den Zweiten Weltkrieg verwickelt. Bald fallen die ersten Bomben. Ihr Bruder kommt als erster ums Leben, ihr Schwiegervater wird schwer verwundet. Nach einem furchtbaren Bombenangriff stirbt an Suzus Seite Harumi, die Tochter ihrer Schwägerin; sie selbst verliert dabei ihre rechte Hand. Ihre Schwägerin grollt ihr, ihr Mann muß zur Marine, sie selbst kann nicht mehr zeichnen. Da überredet ihre kleine Schwester sie, nach Hiroshima zurückzugehen. Es ist Anfang August 1945, am 6. August soll in ihrer alten Heimat ein großes Fest stattfinden …
Am Anfang des Films erklingt ein Weihnachtslied. „Herbei, o ihr Gläubigen“, klingt es über die Aioi-Brücke. Suzu wird später noch einmal auf der Aioi-Brücke stehen. Das Schicksal bindet sie an dieses Ende der Welt.
Dieser Film ist wahrlich nicht der erste in Japan, der die Atombombenabwürfe oder die Bombardierungen oder das Leben im Krieg thematisiert. Deshalb fragt man sich beim Betrachten unaufhörlich: Was ist hier anders? Was gibt es Neues?
Ich bin etwas ratlos aus dem Kino gegangen. Zu Tränen gerührt war ich nicht. Dies war, meine ich, auch nicht die Absicht des Regisseurs — zum Glück. Denn das ist anderen vor ihm bereits gelungen (ich nenne nur Takahatas „Grab der Glühwürmchen“). Als Antikriegsfilm kann man diesen Anime auch nicht bezeichnen. Die Geräusche der anfliegenden Flugzeuge und der fallenden Bomben kommen dem Zuschauer zwar durchaus bedrohlich nah. Aber irgendwie finden sich die Menschen mit allem ab: mit den Schikanen durch die Militärpolizei, mit der Verknappung der Lebensmittel, mit den Bomben, mit den Toten … Die Reaktionen auf die Kapitulationserklärung vom 15. August 1945 sind bemerkenswert kurz. Von einem Gebäude in der Nachbarschaft weht plötzlich die koreanische Flagge … und dann kommen die Amerikaner und verteilen Kaugummis.
Ist doch alles gar nicht so schlimm gewesen. Soll das die Botschaft sein?
Hoffentlich ja nicht. Hoffentlich geht es doch eher um ein durchschnittliches, junges Mädchen, das sich seiner Gefühle, seiner Träume, seiner Lebensziele nicht sicher ist. Und das auf dieser Welt, wenn überhaupt, eben nur ganz am Rande dieser Welt seinen bescheidenen Platz findet.
Die Bilder sind zart, Pastellfarben überwiegen; die Animation ist sparsam und ohne Glanzeffekte, was ingesamt gut gefällt. Der Soundtrack von Kotringo überzeugt, ohne kitschig zu sein. Die stilsichere Hand von Madhouse hat ein durchaus beachtliches Werk hervorgebracht. Ob es international Bestand haben wird, muß sich erst noch zeigen. Entscheidend wird sein, ob es gelingen wird, eine (die?) Botschaft zu übersetzen …
Und das Übersetzen wird kein Spaß sein. Im Film wird durchgängig im lokalen Dialekt von Hiroshima gesprochen … nicht ganz leicht zu folgen. Und vielleicht auch ein Grund, warum es für mich schwerer war, mich emotional berühren zu lassen. Ohne gute Synchronisation wird dieser Film im Ausland untergehen.
Eine letzte Frage ergibt sich ebenfalls aus dem Abspann: Die Städte Kure und Hiroshima werden gleichfalls als Sponsoren genannt. Was sie damit wohl beabsichtigt haben? Bombentourismus? Hm. Viele offene Fragen …

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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