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Amokläufer in Japan will „beautiful Japan“ — von München inspiriert?

Ein 26-jähriger Japaner hat in Sagamihara in einem nächtlichen Überfall auf ein Heim für Behinderte 19 wehrlose Bewohner massakriert und viele weitere schwer verletzt. Anschließend stellte er sich der Polizei.
Seine Bereitschaft zu einer solchen Bluttat hatte er zuvor in einem Schreiben an den Vorsitzenden des japanischen Unterhauses angekündigt. Es sei besser für die Gesellschaft, Schwerstbehinderte der Euthanasie zuzuführen. Er sei bereit, Hunderte von ihnen zu töten.
Die Angeschriebenen verständigten die Polizei, der Mann kam für zwei Wochen in psychiatrische Behandlung und wurde dann als ungefährlich entlassen.
Am 23.7., nach dem Amoklauf in München, twitterte er: „In diesen Minuten Amoklauf in Deutschland. Wenn es ein Spielzeug wäre, wäre es lustig. No gun,Yes toy“. Den Tweet unterlegte er mit einem Bild, das ihn und einen anderen Japaner mit Schußwaffen zeigt.

Uematsu Sei auf Twitter (23.7.2016)

Seine nächste und letzte Twitter-Nachricht stammt vom 25.7. Sie lautet:

Möge die Welt Frieden finden.
beautiful Japan!!!!!!

Anschließend schritt er zur blutigen Tat.

Aus deutscher Perspektive erschreckt natürlich, daß er dabei offenbar vom Anschlag in München inspiriert wurde. Bemerkenswert an seinem letzten Tweet ist aus japanischer Sicht allerdings, daß der Slogan vom „schönen Japan“ (美しい日本 utsukushii Nippon), das man (wieder-) erschaffen bzw. bewahren müsse, zum rhetorischen Standardslogan der Liberaldemokraten unter Führung von Ministerpräsident Abe Shinzō geworden ist. Das nachfolgende Foto zeigt Abe bei einer Rede am 10.11.2015 vor dem „Volksverein zur Schaffung einer Verfassung für das schöne Japan“, einer rechtsgerichteten Gruppierung, die Abe dabei helfen soll, die von ihm gewünschte Verfassungsänderung der Bevölkerung schmackhaft zu machen. Dazu gehören auch massive Eingriffe in die Grundrechte.

Abe Shinzo, 10.11.2015

Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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