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Gegenseitige Wahrnehmung der ostasiatischen Nachbarn wird immer schlechter

Das Pew Research Center, ein US-amerikanischer „Fact Tank“, führt regelmäßig telefonische Umfragen unter den Bürgern asiatischer Länder durch, um deren Meinungen zu anderen Staaten und Staatsmännern sowie zu aktuellen politischen Problemen zu erforschen. Die am 2.9.2015 veröffentlichte Studie How Asia-Pacific Publics See Each Other and Their National Leaders kommt zwar zu dem Ergebnis, daß Japan nach wie vor das größte Ansehen in Asien besitzt, doch meine Auswertung der Daten zeigt, daß in Ostasien (hier Japan, China, Südkorea) selbst die gegenseitige Wahrnehmung sich erneut verschlechtert hat.
Die Umfrage beruht auf persönlichen und Telefon-Interviews im April und Mai 2015. Das Ansehen verschiedener Länder sollte auf der Skala „sehr gut/etwas gut/etwas schlecht/sehr schlecht“ bewertet werden. Ich habe die Daten von 2008 und 2015 bilanziert, indem ich die Extreme „sehr gut“ und „sehr schlecht“ jeweils doppelt gewichtig, alle Werte addiert und durch 6 geteilt habe. Ein positiver Wert steht demnach für ein positives Image und umgekehrt.

Aspekt20082015
China über China25,5026,17
China über Japan-16,33-21,67
China über S-Korea4,830,00
Japan über China-17,17-21,33
Japan über Japan8,8315,67
Japan über S-Korea2,17-14,17
S-Korea über China-1,173,83
S-Korea über Japan-9,00-13,67
S-Korea über S-Korea18,3314,83

Die Tendenz ist demnach sonnenklar: Über das eigene Land hat sich überall in den letzten Jahren die Meinung verbessert — nur in Südkorea nicht, wo sie sich leicht verschlechtert hat, aber immer noch auf dem Niveau liegt, das in Japan heute herrscht. Die Meinung über die ostasiatischen Nachbarn hat sich überall verschlechtert — abgesehen davon, daß man in Südkorea heute etwas positiver denkt als vor 7 Jahren. Besonders dramatisch ist, daß die Meinung der Japaner über Südkorea erheblich schlechter ist als 2008. Allerdings existierte damals mit der gemeinsam ausgerichteten Fußball-Weltmeisterschaft eine Ausnahmesituation, die leider keinen nachhaltigen Effekt erzielt hat. Alle, die meinen, daß Sport das Zeug hat, Völker zu verbinden, mögen sich daher zum Teil bestätigt fühlen — und alle, die meinen, die Olympischen Spiele 2020 hätten besser nicht nach Tokyo, sondern an das Konsortium Fukuoka-Pusan vergeben werden sollen, ebenso.
Die pessimistische Interpretation bleibt: Der Nationalismus befindet sich in Ostasien im Aufschwung, und die Bereitschaft, den Nachbarn gegenüber Versöhnlichkeit zu zeigen, schwindet. 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist das keine gute Nachricht.
Im übrigen liegen Japaner und Südkoreaner, aber auch Vietnamesen in einer wichtigen politischen Frage sehr eng beieinander: Jeweils rund 80 % von ihnen sind etwas oder sehr besorgt über die Territorialkonflikte, die von China ausgehen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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