Artikelformat

Eine Rede ohne mich: Abes Blick auf Japans Vergangenheit

Die Rede von Abe Shinzō 安倍晋三 zum 70. Jahrestag des Kriegsendes vom 14.8.2015 gliedert sich in vier Teile, deren Gedankengang ich im folgenden darstelle und kommentiere, bevor ich zu einer Gesamtwürdigung komme.

Der Weg in den Krieg

Der westliche Kolonialismus bedroht im 19. Jahrhundert die Welt (und führt zum Ersten Weltkrieg). Nach dem Ersten Weltkrieg wird nationale Selbstbestimmung gefordert. Japan schließt sich dem an, gerät aber durch Weltwirtschaftskrise (und anderes?) in Isolierung. Japan trifft die falsche Richtungsentscheidung und wird zur Bedrohung der Weltgesellschaft, weil es nur an sich selbst denkt.

Kommentar

Abe sucht nach einer Erklärung, warum Japan zur „Bedrohung der Weltgesellschaft“ werden konnte. Er findet sie letztlich in der Aufteilung der Welt durch die westlichen Kolonialmächte, die Japan keinen Raum zur freien Entfaltung gegeben hätten. In dieser Krise habe Japan sich falsch, nämlich für Gewalt, entschieden. Was Abe hier nicht sagt: Japan ist bereits vor dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise selbst Kolonialmacht geworden (Taiwan, Korea) und hat Gewalt angewendet, um sich Raum zu verschaffen und sein eigenes Wirtschaftsimperium aufzubauen. Die falsche Entscheidung, die Abe bemängelt, traf Japan demnach in den 1870er Jahren. Folglich beruhte die gesamte moderne Geschichte Japans auf einem fatalen Irrtum. Es wäre also besser für die Welt gewesen, die Tokugawa wären nie gestürzt und Japan bis heute ein feudaler Bundesstaat geblieben. So kann man die Geschichte natürlich auch sehen. :-) Aber hat Abe das wirklich gemeint?

Die Folgen des Krieges

3 Millionen Japaner sind gestorben, in anderen Ländern sind auch unzählige junge Menschen und unschuldige Bürger ums Leben gekommen, und Ehre und Würde von Frauen wurden verletzt. Japan ist dafür verantwortlich.

Kommentar

Das ist alles nicht zu bezweifeln. Es bleibt aber extrem unpersönlich. Die Täter werden nie genannt; die konkretesten Aussagen fallen zu den Leiden der Japaner, alle anderen werden schlicht „unzählig“; wer die in ihrer Würde und Ehre verletzten Frauen sind (natürlich meint Abe die „Trostfrauen“), bleibt ungesagt. Dürftiger geht es nicht, und die Nachbarn werden sich nicht darüber freuen, daß Abe mit den Leiden der Täter beginnt und die Namen der Opfer verschweigt. Abe benutzt immerhin die Schlüsselwörter, die seine Vorgänger in ihren Reden bereits benutzt haben, und setzt damit formal (allerdings auf dem kleinsten denkbaren gemeinsamen Nenner) deren Tradition fort.

Die Überwindung des Krieges

Japan darf nie wieder mit Gewalt drohen oder anwenden. Der Kolonialismus muß überwunden werden. Das Selbstbestimmungsrecht muß geachtet werden. Japan ist seit 70 Jahren Friedensstaat. Japan hat mehrfach Reue und Abbitte geäußert und Wiedergutmachung geleistet. Das soll so bleiben, auch wenn dadurch nichts ungeschehen gemacht wird. Versöhnung wurde möglich, weil die Opfer (Chinesen, Kriegsgefangene) ihr Leid überwunden haben und für Versöhnung eingetreten sind. Japans kommende Generationen sollen nicht mehr um Entschuldigung bitten müssen, aber sie müssen die Vergangenheit kennen. Japans Aufgabe ist, Frieden und Wohlstand überall zu sichern.

Kommentar

Abe bemüht sich zu zeigen, daß das heutige Japan anders ist als vor dem Krieg. Er erkennt an, daß die Opfer großzügig genug waren, um Japan die Hand zur Versöhnung zu reichen. So weit, so gut. Freilich erwähnt er nur Chinesen und westliche Kriegsgefangene; offenbar fehlt also z.B. den Koreanern der Wille zur Versöhnung. (So sieht es Japans Rechte, und teilweise stimmt dies auch; es greift aber dennoch zu kurz.) Daß die künftigen Generationen die Geschichte kennen sollen, ist völlig richtig. Daß sie nie mehr um Entschuldigung bitten sollen, ist eine verblüffende Aussage, aber immerhin ein Schritt über Abes bisherige Position hinaus, daß Japan bereits heute genug Abbitte geleistet habe. Abe tut dies ja in dieser Rede ausdrücklich noch einmal, sagt aber zugleich: Das war das letzte Mal. Da es auch den Nachbarvölkern inzwischen weitgehend reicht, alle paar Jahre immer dasselbe von japanischen Politikern zu hören, ist das auch nicht ganz falsch. Aber in manchen Belangen — Zwangsarbeiter, „Trostfrauen“ — reicht es bisher und auch diesmal ganz sicher nicht.

Lehren aus dem Krieg

Kein Konflikt darf mit Gewalt gelöst werden. Atomwaffen müssen abgeschafft werden. Frauen müssen geschützt werden. Die Weltwirtschaft muß frei, gerecht und offen sein. Armut muß weltweit bekämpft werden. Japan muß mit Ländern kooperieren, die dieselben Werte vertreten.

Kommentar

Hier spricht der nach vorne blickende Weltpolitiker. Er redet natürlich nicht ohne Doppelbödigkeit. „Keine Gewalt“ meint hier natürlich Nordkorea, Rußland, China. „Kooperation“ meint natürlich die USA, mit denen Japan nach Abes Vorstellung ein System der kollektiven Selbstverteidigung aufbauen soll. D.h., der aktive Kampf gegen Armut und für die freie Weltwirtschaft schließt militärische Bündnisse nicht aus. Damit öffnet sich Abe die nötige Hintertür für seine „Neuinterpretation“ der japanischen Friedensverfassung. Aber welche heute im Sterben liegende „Trostfrau“ wird es trösten, daß die Frauen der Welt sich in Zukunft an Japan „ankuscheln“ sollen (eine mögliche andere Übersetzung von yorisou 寄り添う)?

Eine Rede ohne mich

Die Rede ist ungewöhnlich lang ausgefallen (und wiederholt sich gelegentlich), weil Abe sichtlich Schwierigkeiten hat, eine Position zu formulieren, die seine bisher geäußerten historischen Positionen einigermaßen kompatibel zum historischen Common Sense macht. Er sagt deshalb nicht: Japans Krieg war ein antikolonialistischer Befreiungskrieg gegen den Westen (was vieler seiner rechten Freunde so sagen); der Krieg beginnt (richtigerweise) für ihn nicht erst 1941 (Pearl Harbor), sondern bereits mit Japans Intervention in der Manjurei 1931. Doch erwähnt er den Kolonialismus dermaßen penetrant (und verschweigt Japans eigenen Kolonialismus), daß auch die Deutung als Befreiungskrieg nicht völlig ausgeschlossen wird. Er sagt nicht: Japan war das Opfer des westlichen Imperialismus und Rassismus (was viele seiner Freunde sagen). Immerhin gibt er Japan die Verantwortung für eine historisch falsche Weichenstellung, nämlich die Entscheidung für die Gewalt. Das ist löblich und ein Fortschritt. Er sagt nicht: „die japanische Armee“, sondern „Japan“ (selbst da, wo es offenkundig widersprüchlich ist); damit vermeidet er es, die Gefühle der ihn treu bei seinen Wahlkampagnen unterstützenden Hinterbliebenenverbände zu verletzen, und verwischt wieder einmal die Spuren persönlicher Verantwortung. Wer letztlich was getan hat, bleibt ungesagt. (Abe hätte hier reichlich Gelegenheit, persönlich zu werden; schließlich sollte sein eigener Großvater eigentlich als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden. Ein paar Worte hierzu hätten die ganze Rede entscheidend verändert.) Tatsächlich ist „unser Land“ das zweithäufigste Subjekt in dieser Rede; „wir“ kommt 14 Mal und damit am häufigsten vor, „ich“ dagegen überhaupt nicht. So strahlt Abes Rede an vielen Stellen den Eindruck eines merkwürdigen Abstands des Redners von seinem eigenen Thema, einer Distanzierung von seinem eigenen Text, einer gewissen Kühle aus, die einen glauben macht, nicht ein Ich namens Abe Shinzō habe hier geschrieben und gesprochen, sondern ein anonymes Wir, nämlich ein Kollektiv von Beamten, Ratgebern und Diplomaten, deren Rede sich der Ministerpräsident als ihr Repräsentant (und nicht, weil er selbst es so will und glaubt und verantworten will) angeeignet hat. Aus Kalkül, nicht aus Leidenschaft. Es ist eine Rede „ohne mich“. Und wer Wert auf meine Meinung legt: Es ist auch nicht meine Rede.

Japanische Stimmen

Ex-Ministerpräsident Murayama hat kommentiert:

Es ist ein Schriftstück, das mit sorgfältiger Wortwahl mühsam erstellt wurde, aber ich habe den starken Eindruck, daß es unfokussiert und unverständlich ist … Was Ministerpräsident Abe wirklich sagen will, hat Abe lediglich mit einer Oblate umhüllt und verdünnt.

Die Asahi Shimbun kommentiert:

Wofür und für wen soll diese Erklärung gut sein? Als historische Zusammenfassung der 70-jährigen Nachkriegsgeschichte ist Ministerpräsident Abes Erklärung inhaltlich völlig unzureichend. Tatsächlich sind die Schlüsselwörter, auf welche die Welt gewartet hatte — Invasion und Kolonialherrschaft, Reue und Abbitte — darin enthalten. Aber das Subjekt, daß nämlich Japan eine Invasion begangen und Kolonialherrschaft ausgeübt hat, fehlt. … Diese Erklärung hätte nicht abgegeben werden müssen. Vielmehr, sie hätte nicht abgegeben werden dürfen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

Drucken / Print / 印刷

Kommentare sind geschlossen.