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„Selbstmord-Diplomatie“: Vernichtende Kritik an Abes Yasukuni-Besuch

Einer Telefonumfrage der japanischen Nachrichtenagentur Kyōdō zufolge halten 47 % der Japaner den Besuch von Ministerpräsident Abe Shinzō beim Yasukuni-Schrein vom 26.12. für „ungut“, während ihn 43 % für „gut“ halten. Außerdem meinen 70 %, vor solchen Besuchen müßten die möglichen außenpolitischen Folgen bedacht werden; nur 25 % halten dies nicht für nötig. Die Mehrheit der Japaner meint demnach, Abes Spontanbesuch (dem Vernehmen nach war selbst seine engere Entourage bis zuletzt nicht eingeweiht) sei keine geniale Idee gewesen. In Nagasaki haben sich am 28.12. 100 Menschen — darunter Vertreter der Atombombenopfer — zu einem Sitzstreik gegen Abe versammelt.
Noch deutlicher fällt die Meinung der außenpolitischen Spezialisten aus.
Okonogi Masao 小此木政夫, ehemals außenpolitischer Berater der Ministerpräsidenten Koizumi Jun-ichirō und Fukuda Yasuo, gibt zwar zu, daß ein solcher Besuch die Emotionen eines Teils des innenpolitischen Publikums befriedige. Außenpolitisch sei er aber „ungeschickt“. Die Aussichten für eine Verbesserung der Beziehungen zu Korea und China seien zerstört worden. Es bestehe sogar die Gefahr, daß sich Korea und China zusammentäten, um ihre Sicht der Geschichte gemeinsam und gegen Japan auszuformulieren. 2015 stehe das 50. Jubiläum des Japanisch-Südkoreanischen Grundlagenvertrags an. Es sei denkbar, daß es zu keiner gemeinsamen Feier kommen werde, sondern vielmehr auf koreanischer Seite (die nie verstummte) Kritik daran lauter werde.
Der Historiker Yoshida Yutaka 吉田裕 nennt Abes Besuch einen „Schock“, „gleichbedeutend mit Selbstmord-Diplomatie (jibaku gaikō 自爆外交)“ und erinnert daran, daß sich Koizumi bei seinen damaligen Besuchen anders als der jetzige Premier stets zu den vergangenen Schandtaten der Japaner bekannt und von ihnen distanziert habe. Es bestehe die Gefahr, daß sich die Nationalismen in den Nachbarstaaten jetzt aufschaukelten, zumal die jungen Unterstützer Abes von Japans Geschichte keine Ahnung hätten. Man solle den Yasukuni-Schrein als Gedenkstätte durch den Friedhof von Chidorigafuchi in Tōkyō ersetzen (der seit 1959 als Gedenkstätte für Kriegsopfer benutzt wird und religiös unkonnotiert ist).
Tōgō Kazuhiko 東郷和彦, Enkel von Tōgō Shigenori, der während des Zweiten Weltkriegs Außenminister war, und ehemaliger Diplomat, meint, der Schreinbesuch habe „den Weg zu Verhandlungen verschlossen“. Zwar halte er selbst den Yasukuni-Schrein für den richtigen „lieu de mémoire“ fürs Kriegsgedenken, doch müsse man zunächst mit den Nachbarstaaten darüber Einverständnis erzielen. Seit 1975 habe deshalb kein japanischer Kaiser mehr den Yasukuni-Schrein besucht. „Während der Kaiser nicht hingeht, ist es bedeutungslos, wenn der Ministerpräsident hingeht.“ Die sicherheitspolitischen Ziele Abes — kollektive Selbstverteidigung und die Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrates — halte er zwar für richtig.

Doch das historische Bewußtsein ist eine andere Sache. Konkret gesagt, geht es um drei Dinge: die Murayama-Erklärung, in der dieser um Verzeihung für die Kriegsschuld gebeten hat, an die Yasukuni-Frage und die Trostfrauen-Frage. Hieran darf man im Augenblick nicht Hand anlegen. Wenn man wegen dieser drei Fragen weiterhin Südkorea und China provoziert und nicht auf die Warnungen aus den USA hört, wird man am Ende Japans außenpolitische Kraft schwächen.

Ein Leitartikel der Okinawa Times vom 29.12. spricht denn auch von „unermeßlichem Schaden„, den Japans Diplomatie durch Abes Aktion erlitten habe.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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