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Inländische Reaktionen auf Abes Besuch am Yasukuni-Schrein

Der weihnachtliche Besuch von Japans Ministerpräsidenten Abe Shinzō 安倍晋三 beim umstrittenen Yasukuni-Schrein hat zu den erwarteten heftigen Reaktionen im In- und Ausland geführt; auch die USA haben in deutlichen Worten ihre „Enttäuschung“ geäußert, die EU und Rußland schließen sich der Kritik an.
Angesichts aufflammender Boykottaufrufe gegen japanische Waren in Korea, China und Taiwan stellt sich die japanische Wirtschaft auf rauhe Zeiten ein. In der Asahi Shinbun vom 27.12. wird der Manager einer mit japanischen Autos handelnden chinesischen Firma mit Zweifel an der außenwirtschaftlichen Zurechnungsfähigkeit des japanischen Ministerpräsidenten zitiert:

Ich habe keine Ahnung, wie sich das auf unseren Absatz auswirkt. Ehrlich gesagt, stelle ich mir die Frage, warum ausgerechnet jetzt?

Selbst Abes Verbündete fühlen sich düpiert. Besonders aufschlußreich ist der Verlauf einer Pressekonferenz des japanischen Außenministers Kishida Fumio 岸田文雄, wie Abe Mitglied des Parlamentariervereins der Vereinigung für Shintōistische Politik (Shinseiren 神政連), die am 26.12. um 10:28 im Außenministerium begann. Nach einem kurzen Eingangsstatement wurde der Minister von einem Journalisten der Asahi Shinbun zu Gerüchten befragt, Ministerpräsident Abe werde noch am selben Morgen den Yasukuni-Schrein besuchen. Kishida: „Davon weiß ich nichts.“ Wenige Minuten später fragte ein NHK-Reporter nach; NHK habe soeben in einer Eilmeldung berichtet, ein Besuch Abes beim Schrein stehe unmittelbar bevor. Kishida: „Darüber weiß ich nichts.“ Ein Journalist der rechtskonservativen Sankei Shinbun fragt, was denn der Minister im allgemeinen über einen solchen Besuch dächte. Kishida entgegnete:

Ich bin der Auffassung, daß es eine Sache des individuellen Gewissens ist, ob ein Politiker oder Kabinettsmitglied den Yasukuni-Schrein besucht. In jedem Fall muß nach meiner Meinung vermieden werden, daß ein solcher Besuch zum politischen oder diplomatischen Problem wird.

Ein Journalist des Fernsehsenders TBS wies darauf hin, der Yasukuni-Schrein habe einen Besuch Abes für 11:30 Uhr angekündigt. Ob der Minister dies bestätigen könne? Kishida: „Nein, ich persönlich weiß zu diesem Zeitpunkt von diesem Sachverhalt nichts.“
Ein Außenminister, der von einer unmittelbar bevorstehenden Handlung seines Regierungschefs mit absehbar schwerwiegenden außenpolitischen Konsequenzen nicht informiert wird? In anderen Ländern undenkbar — oder ein Rücktrittsgrund.
Ein Leitartikel von Gomi Yōji 五味洋治 in der Tokyo Shinbun urteilt dann auch kritisch:

Er stürmt ohne Rücksicht auf sein Umfeld, einzig nach seinem Gutdünken los. Das ist wohl der von dem gesunden Menschenverstand der bisherigen Politik losgelöste Stil des Ministerpräsidenten Abe … Es mag gut klingen, wenn man vom ‚Abe-Stil‘ spricht, aber die Verluste sind einfach zu groß.

Diese Meinung ist in Japan wohl mehrheitsfähig — selbst im rechten Lager. So gab Hashimoto Tōru 橋下徹, Anführer der eigentlich noch weiter rechts stehenden „Vereinigung für Renovation“, am 27. Dezember Abe die Schuld daran, daß der an sich legitime Schreinbesuch als Provokation „mißverstanden“ werde:

Die Mißverständnisse entstehen, weil der Ministerpräsident seine eigenen Ansichten zur Bewertung des [Zweiten Welt-] Krieges nicht deutlich äußert. Er sollte klar sagen, daß es sich um einen Aggressionskrieg handelte … Wissenschaftlich mag man das anders sehen, aber in der Nachkriegsordnung ist er als japanischer Aggressionskrieg verortet worden. Es darf nicht sein, daß die für Japans Geschicke Verantwortlichen diese Bewertung undeutlich machen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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