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Zu den Meßwerten zur Radioaktivität in Tokyo

Zwischen dem 23. und 25. Juli 2013 muß sich ein kleines Wunder ereignet haben. Die veröffentlichten Meßdaten des Tokyo Metropolitan Institute of Public Health (Tōkyōto Kenkō Anzen Center 東京都健康安全センター) zeigen nämlich seither eine markante und seither stabile Abnahme der Radioaktivität in der Luft über Japans Hauptstadt: Praktisch über Nacht ist die Radioaktivität um rund 0,01 μGy/h gesunken — konstant. Der gemessene Effekt wird in der nachfolgenden Grafik der Meßergebnisse zwischen März 2011 und Dezember 2013 als jäher Knick deutlich:
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Mittlere radioaktive Belastung der Luft in Tokyo 2011-2013 laut Tokyo Metropolitan Institute of Public Health
Merkwürdig ist allerdings, daß genau für den 24. Juli, den Tag, an dem sich dieses Wunder ereignet haben muß, keine Daten veröffentlicht wurden.
Der Grund ist jedoch leider nicht in einer wundersamen und dauerhaften Verbesserung der Situation zu finden, sondern in einer Baumaßnahme: Am 23.7. wurde die Meßstelle von ihrem bisherigen Platz auf dem Dach eines Gebäudes 18 m über dem Meeresspiegel auf ein Nachbargebäude verlegt, die 22 m über dem Meeresspiegel liegt. Zwischen dem 23.7., 11 h, und 25.7., 14:30 h, wurden deshalb keine Messungen vorgenommen — und alle folgenden Messungen liegen deshalb auf deutlich niedrigerem Niveau, weil sie in größerer Höhe vorgenommen werden. Merken wir uns also: Die Daten nach dem 23.7. sind nur noch eingeschränkt mit denen davor vergleichbar.
Daß sich in Wahrheit in Tōkyō nichts verändert hat, ergibt der Vergleich mit den übrigen offiziellen Meßstationen, deren Daten das Kultusministerium alle 10 Minuten erhebt und täglich veröffentlicht. Die Meßwerte für den 23. bis 25. Juli habe ich aus diesen Quellen zusammengetragen.
[flickr]http://www.flickr.com/photos/57787149@N05/11583227974/[/flickr]
Dabei fallen zwei Dinge unangenehm auf. Erstens: eine Datenlücke am 23.7. zwischen 10:40 und 11:30 Uhr. Aus unbekanntem Grund sind in diesen 50 Minuten in ganz Tokyo keine Daten erhoben bzw. veröffentlicht worden. Zweitens: ein deutlicher Anstieg der radioaktiven Belastung am Nachmittag des 23.7. Am Morgen dieses Tages entdeckte Tepco, daß eine Pumpe im Reaktorblock 2 des AKW Fukushima I, die radioaktiven Staub zurückhalten sollte, verrutscht war. Die Pumpe wurde in die richtige Position zurückgebracht. Dabei scheint es zum erhöhten Austritt von Radioaktivität gekommen zu sein, der sich auch auf die Luft in Tokyo auswirkte.
Vergleichen wir diese Daten mit den Meßergebnissen der privaten Meßstation von in Tōkyō-Hino, zeigt sich allerdings, daß dort die Meßwerte im Juli 2013 konstant geblieben sind:

Es bleibt also festzuhalten: die radiologische Situation in Tōkyō ist im wesentlichen stabil (und liegt auf einem beruhigend niedrigen Niveau), einzelne Zwischenfälle in Fukushima können sich jedoch kurzfristig auch dort bemerkbar machen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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