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Im Meer der Fäulnis: Tepco wird erst nach der Wahl schlauer

Die Wahrheit will auch in Japan ans Licht; aber wohldosiert. Gerüchteweise war schon vor der Oberhauswahl am 21.7. bekannt, daß es Probleme mit dem Grundwasser unter dem havarierten AKW Fukushima I gibt. Genauer gesagt: Japans Medien meldeten schon Ende Juni 2013 den Verdacht, radioaktives Tritium komme aktuell „um ein Vielfaches“ häufiger in der Bucht von Fukushima vor als vor dem 11. März 2011; die Asahi Shinbun z.B. brachte die Meldung am 24.6., vornehm in Form einer Frage formuliert (–ka?), um sich keine justitiable Blöße zu geben. Zwei Wochen später, am 10.7., äußerte die neue japanische Atomregulierungsbehörde den „starken Verdacht„, radioaktiv hoch verseuchtes Kühlwasser aus den Reaktorengebäuden sei ins Grundwasser gelangt. Eine Woche zuvor war aus der Bucht von Fukushima eine Wasserprobe mit einem Tritiumgehalt von 2.300 Becquerel je Liter gezogen worden. Cäsium war übrigens auch drin, aber Tepco beruhigte: Cäsium binde sich wohl überwiegend an die Erde und gelange nur zum kleinen Teil ins Wasser. Na denn prost.
Am 28.7. gab Tepco bekannt, in den Schächten, die von den Reaktoren zum Meer führen, liege der Tritiumgehalt bei 8,7 Millionen Becquerel je Liter. Es handelt sich um mehr als 5.000 Tonnen Wasser aus dem Reaktor, die seit dem Unfall irgendwie herumdümpeln. Und dies ist nur die Spitze des radioaktiven Eisberges. Was ist schon Tritium (Halbwertszeit: 12 Jahre)! (Neuere Studien der französischen Atomenergiekontrollbehörde und der Europäischen Kommission warnen zwar davor, die von Tritium ausgehenden Gefahren zu unterschätzen, da es sich z.B. in der DNA anlagern kann. Genau genommen kann es sich überall im Körper anlagern, weil es nun einmal wäßrig ist.)
Zwei Tage vorher hatte Tepco im Wasser dieser Schächte nämlich noch ganz anderes gemessen: 750 Mio. Bq Cäsium-134 und 1600 Mio. Bq Cäsium-137. Plus 750 Mio. Bq Strontium. Je Liter.
Wenn wir dies auf 5.000 Tonnen hochrechnen, ergeben sich also 8 PBq Cs-137, 3,75 PBq Cs-134 und 3,75 PBq Sr. Das ist, wie wir zugeben müssen, nur ein Bruchteil der 630 PBq Radioaktivität, die das AKW Fukushima I nach dem 11. März 2011 mutmaßlich verlassen haben. Ein Großteil davon, nämlich das, was in Form von Iod-131 (Halbwertszeit: 8 Tage) abgegeben wurde, ist schon längst nicht mehr vorhanden. Cäsium und Strontium sind freilich hartnäckiger; ihre Halbwertszeit beträgt jeweils rund 30 Jahre.
Im Betonhandel gibt man einem Betonschacht eine Lebensdauer von maximal 70 Jahren. Fukushima I wurde vor mehr als 40 Jahren erbaut. Wenn Tepco gar nichts tut und die Schächte noch 30 Jahre halten, wird sich demnach das Problem bis zum ungehinderten Austreten dieses Wassers von selbst auf die Hälfte reduzieren. Was immer noch nicht beruhigend klingt.
Außerdem handelt es sich hier ja nur um die Kraftwerksschächte. Das seit dem 11. März unaufhörlich in die Reaktoren gepumpte Kühlwasser ist natürlich auch hochgradig verseucht und wird (wohl eher früher als später, wenn man Tepcos Unfähigkeit bedenkt, damit umzugehen) auch noch irgendwann irgendwohin fließen.
Ganz offensichtlich ist Tepco mit der Beseitigung der Folgeschäden des 11. März hoffnungslos überfordert. Das könnte eigentlich in Japan jedermann wissen und seine Schlüsse daraus ziehen. Freilich war Tepco so schlau, seine jüngsten Ergebnisse erst nach der Oberhauswahl vom 21.7. zu veröffentlichen — ein kleiner Liebesdienst an die LDP, deren überwiegende Mehrheit ja immer noch glaubt, solche Probleme existierten nicht oder wenn doch, dann sei es Japans glorreicher Industrie und Wissenschaft im Handumdrehen möglich, sie zu lösen. Die letzten beiden Jahre haben das Gegenteil bewiesen. Aber sie haben auch bewiesen, daß das Zusammenspiel einer nichtsnutzigen Elite in Industrie, Politik und Medien immer noch gut genug funktioniert, um Japans Bevölkerung für dumm zu verkaufen, Potemkinsche Dörfer aufzubauen und die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Während die Hoffnungen der Menschen von Fukushima, irgendwann einmal wieder Seewirtschaft betreiben zu können, buchstäblich versenkt werden.
Schon früher sprach man im Falle Japans von einer grundsoliden Struktur der Korruption (fuhai no kōzō 腐敗の構造). Fuhai bedeutet wörtlich Fäulnis, so wie in Miyazakis Anime Nausicaa der Wald der Fäulnis (fuhai no mori). Das war ein giftiger Urwald, der das Land verschlang, um es von der Menschheit zu säubern. Inzwischen — dank der Machenschaften seiner unbeirrbaren Eliten — schwimmt ganz Japan in einem Meer der Fäulnis.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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