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Post aus China

Heute bekam ich einen Brief aus Shanghai. Passend in einem knallroten Briefumschlag mit der Aufschrift: „URGENT. Plaese reply within 5 days.“ Abgeschickt am 27. April.
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Der Absender sitzt allerdings in den USA. Es ist der Hauptsitz („Headquarters“) des Verlags der ehrwürdigen National Geographic Society. Genauer gesagt, weil es um Geld geht, ist es aus steuerrechtlichen Gründen deren deutscher Ableger in Pfungstadt nahe Darmstadt.
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Die Antwort, die man von mir erwartet, soll allerdings weder nach Pfungstadt noch in die USA gehen. Sondern nach Amsterdam. Denn dort befindet sich das „Order Processing Dept.“ der Gesellschaft.
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Meine spontane Vermutung, die Gesellschaft sei jetzt von der chinesischen Post gekauft worden —
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— hat sich also bei näherem Hinsehen nicht bewahrheitet. Es handelt sich vielmehr um ein filigranes Gesamtkunstwerk der Kostenoptimierung im Zeitalter der Globalisierung. Ein US-amerikanischer Verlag wendet sich mittels der (billigen) chinesischen Staatspost an seine internationalen Kunden. Deren Antwort verarbeitet die niederländische Servicezentrale (vermutlich via Outsourcing), das Geld geht auf das deutsche Konto des Verlags ein. Ein bißchen verwirrend ist die Konstruktion schon. Aber so ist unser Leben heute.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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