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Ohne Ausnahme? Wehrpflicht in Südkorea

Seit 1948 sind alle Koreaner zum Wehrdienst verpflichtet. Präziser: Alle Koreanerinnen und Koreaner. Eingezogen werden jedoch nur Männer. Frauen dürfen nur dienen, wenn sie sich freiwillig melden. Daß dies verfassungsgemäß ist, hat Südkoreas oberstes Gericht 2006 bestätigt. Präziser: Es hat der Regierung freie Hand gegeben, den Wehrdienst so zu gestalten, wie es die Regierung für richtig hält.
Die jetzige Regierung plant, den Wehrdienst auf 18 Monate zu reduzieren; es gibt in der Regierungspartei auch Stimmen, die fordern, auch Frauen sollten eingezogen werden. Dahinter steckt auch der demographische Wandel: Ab 2032 könnten laut neuesten Berechnungen der Armee die Männer ausgehen.
Nach den geltenden Regeln werden Männer mit 19 oder 20 Jahren gemustert und müssen bei Tauglichkeit bis 28 ihren 26-monatigen Dienst an der Waffe ableisten (von der Dauer her nimmt Südkorea damit Rang 4 weltweit ein). Wer nur eingeschränkt tauglich (z. B. zu klein, zu groß, zu dick oder zu dünn oder am ganzen Körper tätowiert) ist, wird für Sozialarbeit eingesetzt — allerdings zu Gehältern weit unter dem Mindestlohn.
Grundsätzlich gibt es davon keine Ausnahmen. Aber seit 1973 werden Sportler und Künstler, die bei bestimmten, international prestigträchtigen Wettbewerben gewonnen haben, Sonderkonditionen eingeräumt. Sie dürfen nach einem einmonatigen Grundwehrdienst ihren Dienst in Sportmannschaften, Bands, Orchestern oder Galerien ableisten. Zu deutsch: Sie machen das, was sie zuvor auch schon gemacht haben. Anschließend kommen dann noch ein paar Reserveübungen, und das war es für sie. Ein spezielles Privileg für K-Pop-Musiker kam 2020 dazu: Sie müssen ihren Wehrdienst erst mit 30 absolvieren, also nach dem Ende ihrer Karriere in „Boysgroups“.
Während mehr als 200 Männer bislang von solcher Vorzugsbehandlung profitieren konnten, gab es bis 2020 keine Gnade für bislang etwa 20.000 andere Männer, die aus Gewissensgründen den Wehrdienst verweigerten (die meisten von ihnen gehören zu den Zeugen Jehovas). Sie landeten gnadenlos für 18 Monate im Gefängnis. 2018 verurteilte dies das Oberste Gericht jedoch als verfassungswidrig, weshalb 2020 ein Ersatzdienst eingerichtet wurde: Sie dürfen nun als Gefängnispersonal arbeiten. Ins Gefängnis müssen sie also immer noch. Aber diesmal dürfen sie auch Urlaub nehmen.

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Die Gesellschaft verliert ihre Sprache

Das Wintersemester hat in Bonn soeben begonnen. Erste Stunde im Koreanisch-Kurs für Erstsemester. Studenten fragen die Dozentin, die ihnen die Grundzüge der koreanischen Sprache erläutern will: „Was ist ein Vokal? Was ist ein Konsonant?“
Sie wußten es schlicht nicht.
Der Zugang für Koreanisch wird über einen Numerus Clausus gesteuert. In diesem Jahr lag er bei 2,2. Wir können also annehmen, daß die Koreanisch-Lerner ein überdurchschnittlich gutes Abitur gemacht haben.
Aber wie will man unter diesen Umständen in unserer Gesellschaft über Sprache überhaupt noch sinnvoll diskutieren? Wie soll man z.B. verständlich machen, was ein generisches Maskulinum ist? Wie will man über Rassismus und verwandte Phänomene sinnvoll disputieren, wenn gar kein Verständnis für die Komplexität von Sprache vorausgesetzt werden kann?
Unsere Gesellschaft verliert offenbar ihre Sprache. Was das für die Möglichkeiten von Kommunikation, Verständigung und Kritik bedeutet, mag ich mir gar nicht auswählen.

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Politische Wechselstimmung in Japan?

Nicht wirklich zufrieden wirkt die japanische Bevölkerung mit dem Wechsel des Ministerpräsidenten und der meisten Kabinettsmitglieder, den die regierende Liberaldemokratische Partei vollziehen ließ. Nach einer Meinungsumfrage des staatlichen Senders NHK erklären zwar 42 % der Befragten, die am 4.10.2021 gebildete neue Regierung unter Kishida Fumio 岸田文雄 zu unterstützen, während 24 % das Gegenteil meinten; doch liegt die Zustimmungsrate erheblich niedriger als beim Amtsantritt seines Vorgängers Suga Yoshihide 菅義偉 im September 2020, den damals 62 % der Befragten unterstützen. Sugas Zustimmungsrate halbierte sich allerdings innerhalb eines Jahres, was ein wesentlicher Grund für seinen Rücktritt war.
Die LDP wechselte den Ministerpräsidenten, weil eine Unterhauswahl bevorsteht und man sich einen Amtsbonus für das neue Gesicht an der Spitze erhofft. Allerdings ist Kishida ein so arrivierter Vertreter der alten Garde innerhalb der LDP, vertritt unpopuläre Ansichten und erhält so offensichtlich Unterstützung seines Vorvorgängers Abe Shinzō 安倍晋三, daß dieser erhoffte Effekt wohl niedriger ausfällt als erwartet. In derselben Umfrage finden 45 % das von Kishida gebildete Kabinett gut oder sehr gut, aber 46 % finden es schlecht oder sehr schlecht. 57 % wollen nicht, daß die Kishida-Regierung unter Abes Einfluß steht.
Ein bißchen Wechselstimmung kann man aus der Umfrage auch herauslesen. Während nämlich 25 % sich von den Neuwahlen eine Stärkung des Regierungslagers erhoffen, wollen 28 % die Opposition gestärkt sehen. Für einen Regierungswechsel wird dies vermutlich nicht reichen. Aber ein Warnzeichen für die Regierung dürfte dies schon sein.
Im übrigen befürchten 80 % der Japaner, nach der kürzlichen Aufhebung des Corona-Notstandes werde es zu einer neuen Infektionswelle kommen. Gleichwohl ist die Corona-Bekämpfung nur für ein Fünftel (20 %) von ihnen ein für ihre Wahlentscheidung wichtiges Thema. Ein Drittel hält die Wirtschaftspolitik, 23 % halten die Umwelt- und Energiepolitik für wichtiger.

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Die Armeen von BTS marschieren … aber nicht an die Front

Das südkoreanische Parlament debattiert zur Zeit darüber, ob „Musikkünstler“ — präziser: K-Pop-Bands — vom Wehrdienst befreit werden sollen, wenn sie sich um die Nation verdient machen. Eine solche Ausnahme gibt es bislang für Sportler, die bei Olympischen Spielen Medaillen gewinnen. Die Musikindustrie unterstützt diesen Plan natürlich, weil es bislang immer eine Unterbrechung der lukrativen Auftritte ihrer Schützlinge bedeutet hat, wenn diese eingezogen wurden. Viele andere sehen darin jedoch eine ungerechtfertigte „umgekehrte Diskriminierung“ (also Privilegierung) der Popkünstler — und fordern Freiheit vom Wehrdienst auch für Breakdancer; schließlich werden diese 2022 erstmals bei Olympischen Spielen auftreten.
Immerhin unbestreitbar ist, welche hohe Mobilisierungskraft BTS und Konsorten besitzen. Am 20. September 2021 traten sie als südkoreanische „Sonderbotschafter für Kultur und Zukunft“ bei einer Konferenz der Vereinten Nationen in New York auf. Ihr Auftritt wurde von 1 Mio. Menschen live angesehen.
BTS (deren Name passenderweise eigentlich „kugelsichere Jungeneinheit“ 防弾少年団 방탄소년단 bedeutet) besitzt eine frenetische Anhängerschaft, deren offizielle Bezeichnung Army 아미 schon darauf hinweist, daß es ihr mit ihrer Unterstützung bitter ernst ist.
Fangruppen in der Volksrepublik China sammelten neulich innerhalb einer Stunde eine halbe Million US-Dollar über die Social Media-Plattform Weibo, um Jimin, einen der BTS-Sänger, zu seinem 26. Geburtstag ein Geschenk zu machen: Ein Flugzeug der südkoreanischen Jeju Air wurde speziell für Jimin neu lackiert und wird drei Monate lang mit Liebesgrüßen seiner Fans („eternal love“) in Südkorea umherfliegen. Der chinesischen Führung ist dies mittlerweile so suspekt geworden, daß sie versuchen, die Aktivitäten der Fangruppen drastisch einzuschränken. Es ist ja auch kaum vorstellbar, daß sich junge Leute fänden, die Xi Jinping ein ähnliches Geschenk machen würden … jedenfalls nicht freiwillig.
So kämpfen die BTS-Armeen an unterschiedlichen Fronten: In Seoul für die Aufweichung des Wehrdienstes und damit für den Weltfrieden, in New York für Kultur und Zukunft und damit für das Wohlergehen der koreanischen Musikindustrie und in Beijing für die Unterminierung der kommunistischen Diktatur. Eigentlich gar keine üble Agenda.
BTS tritt bei einer UN-Konferenz auf

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Heute vor 90 Jahren: Mukden-Zwischenfall

Am 18. September 1931 — auf den Tag genau vor 90 Jahren — sprengten japanische Soldaten in einer geheimen Kommandoaktion Gleise der Südmanjurischen Eisenbahngesellschaft in die Luft. Sie provozierten damit wie gewünscht den Einmarsch frischer japanischer Truppen in die Manjurei (zur Bewachung der Eisenbahn waren ohnehin schon Truppen dort stationiert) und die Besetzung der Stadt Mukden (heute Shenyang) durch Japan, um gegen den „Terrorismus“ zu kämpfen (deshalb Mukden-Zwischenfall, japanisch Manshū Jihen 満州事変). Ein halbes Jahr später wurde unter dem Schutz der japanischen Besatzungsarmee die Manjurei als unabhängiger Staat ausgerufen.
Diese Aktionen fanden ohne Wissen und Einwilligung der japanischen Regierung und des Parlamentes statt. Doch die zivilen Kräfte konnten sich gegenüber dem expansionistischen Flügel innerhalb der Armee nicht durchsetzen. Der Völkerbund reagierte mit Kritik an Japan, weshalb Japan sich aus dem Völkerbund zurückzog und sich mit Deutschland und Italien zusammenschloß. Binnen weniger Jahre weiteten sich die japanischen Aktivitäten in China aus, was schließlich zum nahtlosen Übergang in den Zweiten Weltkrieg führte.

Die Tageszeitung Akahata 赤旗, das Organ der Kommunistischen Partei Japans, kommentierte in ihrer gestrigen Ausgabe:

Krieg ist weder ein natürliches Phänomen noch ist er unvermeidlich. Die Regierung und das Militär hetzten die Bevölkerung mit verschwörerischer Propaganda wie der „mandschurisch-mongolischen Lebenslinien-Theorie“ auf. Von den politischen Parteien unterstützten, ausgenommen die Kommunistische Partei Japans, vor allem die konservativen und sozialdemokratischen Parteien aktiv den Krieg. Die Mitwirkung der Massenmedien, einschließlich der großen Zeitungen, am Krieg bis zur Niederlage im August 1945 ist ein großer Makel der Geschichte.

In Japan herrscht gerade Wahlkampf. Dennoch ist die Mahnung, welche verhängnisvolle Rolle unkritische Berichterstattung und Gefälligkeitspolitik spielten, nur zu berechtigt.

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