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Verlaufen, geflohen, entführt: 84.850 Vermißte in Japan 2017

Es ist in Deutschland nicht leicht, die Gesamtzahl der Menschen zu erfahren, die bei der Polizei als vermißt gemeldet werden. „Täglich werden jeweils etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht“, heißt es beim Bundeskriminalamt dazu lapidar. Das ergibt also eine minimale Fallzahl von 91.250 Vermißten. Nehmen wir der Bequemlichkeit halber also an: 100.000 pro Jahr. Genaueres ist nicht bekannt, weil das früher regelmäßig veröffentlichte Kapital „Vermißte“ in der gesamtdeutschen Kriminalstatistik aus nicht nachvollziehbaren Gründen schlicht verschwunden ist. Man weiß also in Deutschland z.B. auch nicht, Menschen mit welchen Merkmalen — Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand — am stärksten gefährdet sind.
Japans Polizei geht ganz anders vor. Jährlich wird die Zahl der Vermißtenfälle veröffentlicht und statistisch sauber analysiert. 2017 wurden demnach 84.850 Menschen vermißt. Das wären also deutlich weniger als in Deutschland und damit rund halb so viele Fälle pro Kopf der Bevölkerung (in Deutschland: rund 121 Fälle je 100.000 Einwohner, in Japan: 67 Fälle je 100.000 EW).
Von diesen 84.850 Menschen wurden laut Polizei 55.939 Menschen als „Sonderfälle“ (特異行方不明者) eingestuft. Ein Teil von ihnen gilt als Opfer von Verbrechen oder eines Suizids. 2017 betrug die Zahl der Selbstmörder in Japan 21.140. Die Zahl der Ermordeten wurde 2017 mit 284 angegeben.
Von den verbleibenden 34.515 „Sonderfällen“ sind ein Teil Jugendliche, die (z.B. aus Angst vor Mißhandlung) von ihren Erziehungsberechtigten geflohen sind; ein weiterer Teil unentdeckt gebliebene Opfer von Naturkatastrophen und Verkehrsunfällen; und schließlich Menschen, die wegen geistiger oder körperlicher Behinderungen als hilflos und gefährdet gelten. Die japanische Polizei setzt die Zahl der möglicherweise dementen Vermißten für das Jahr 2017 auf 15.800 Menschen an — das sind mehr als je zuvor.
Das Problem ist nicht neu. Als ich in den 1990er Jahren in Japan auf dem Land lebte, gab es etwa einmal in der Woche eine Lautsprecherdurchsage der Gemeindeverwaltung: Der oder die greise XY werde seit dem Morgen vermißt. Er/sie sei so und so bekleidet und finde wahrscheinlich von selbst nicht mehr nach Hause zurück …
Mit der wachsenden Vergreisung der Gesellschaft hat die Zahl solcher Fälle zugenommen. Um Abhilfe zu schaffen, probiert man in Japan unterschiedliche Wege aus. Sie sind allerdings aus Datenschutzsicht höchst problematisch.
Zum einen beteiligen sich rund 10.000 „convenience stores“, also rund um die Uhr geöffnete kleine Supermärkte, an der Überwachung greiser Kunden. Sie haben mit den Lokalverwaltungen verabredet, Alte, die offensichtlich orientierungslos zu ihnen kommen, zu „beobachten“. In der Tat sind solche Läden, die regelmäßig auch kleine preiswerte Mahlzeiten verkaufen, häufig die Anlaufstelle für Menschen, die sich etwas zu essen besorgen oder auch nur einmal am Tag ein Gespräch führen wollen, um der Alterseinsamkeit zu entfliehen.
Auf Kyūshū präpariert man die Schuhe gefährdeter Menschen mit einem kleinen Sender. Passanten, deren Smartphones mit einer speziellen Anwendung ausgerüstet sind, empfangen deren Signal und leiten die Information über den Standort dieser Personen automatisch weiter.
Auf der Insel Shikoku befestigt man an der Kleidung der Alten einen QR-Barcode. Er enthält ihren Gesundheitszustand und Kontaktinformationen. Mit Hilfe eines Smartphones kann dieser Code gelesen und eine Email an ihre Verwandten gesendet werden.
Andernorts setzt die Polizei auf Handvenenerkennung: Da bei alten Menschen die Fingerabdrücke häufig nicht mehr gut zu bestimmen sind, registriert sie die Venenmuster ihrer Handinnenflächen für den Fall der Fälle.
Eine Gesamtstrategie läßt sich daraus nicht erkennen. Aber immerhin ist das Problem erkannt. Es geht ja immerhin um rund 16.000 Betroffenen pro Jahr. In Deutschland dagegen herrscht zu dieser Frage staatlicherseits bisher nur Schweigen.

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Der Sankei-Shinbun-Chef und die „Trostfrauen“

Alte Männer führen gern lose Reden. Das kann man zur Zeit in der deutschen Innenpolitik beobachten, aber z.B. auch in den USA. Natürlich kommt es auch in Japan vor. Dort trafen sich 1983 zwei führende Mitglieder des Unternehmerverbandes Nikkeiren 日経連 (Japan Federation of Employers‘ Associations; ging 2002 im Keidanren auf), um über die Vergangenheit zu schwatzen. Ihre Unterhaltungen wurden aufgezeichnet und 1983 in zwei Bänden im Verlag der (schon damals) extrem konservativen Tageszeitung Sankei Shinbun 産経新聞 veröffentlicht. Der Titel des Buches lautet Ima akasu Sengo Hishi いま明かす戦後秘史 — „Jetzt ans Tageslicht gebracht: Die geheime Geschichte der Nachkriegszeit“. Die beiden Herren waren Shikanai Nobutaka 鹿内信隆 (1911–1990) und „Mister Nikkeiren“ Sakurada Takeshi 櫻田武 (1904–1985). Sakurada, ein Absolvent der elitären Juristischen Fakultät der Universität Tōkyō, war bereits im Zweiten Weltkrieg in die Kriegswirtschaft verwickelt und besaß nach dem Krieg großen Einfluß auf die Wirtschaftspolitik der liberal-konservativen Regierungen. Er war fraglos einer der mächtigsten Wirtschaftskapitäne während des japanischen „Wirtschaftswunders“. Der sieben Jahre jüngere Shikanai hingegen hatte die private Waseda-Universität absolviert, bevor er die Heeresverwaltungsschule 陸軍経理学校 besuchte, von welcher er 1941 graduierte. Bis 1943 tat er Dienst im Rechnungswesen des Heeresministeriums, wurde 1954 in Vorbereitung der Einführung des Fernsehens Geschäftsführer von Nippon Hōsō, 1957 Geschäftsführer des privaten Fernsehsenders Fuji TV und ein Jahr danach Vorstand der Sankei Shinbun. Ein kleiner Treppenwitz der Geschichte: Von Südkoreas diktatorischem Präsidenten Park wurde ausgerechnet Shikanai für die Sankei Shinbun später mit dem Diplomatischen Verdienstorden ausgezeichnet — für faire Berichterstattung …
Das Altherrengespräch dieser öffentlichen Schwergewichte drehte sich im ersten Teil vor allem um die Kriegsjahre. Die beiden nahmen dabei kein Blatt vor den Mund. So kam es zu folgendem Wortwechsel:

Shikanai: So etwas konnte es wohl auch nur bei der Armee geben; also wenn man an die Front ging, gab es Puffs (pīya ピー屋) …
Sakurada: Richtig, die Einrichtung der Troststationen (iansho 慰安所).
Shikanai: Genau. Damals mußten wir Dinge entscheiden wie das Durchhaltevermögen und den Abnutzungsgrad der Frauen, die wir verpflegen mußten, und Frauen von woher dafür geeignet oder ungeeignet waren, oder wie lang, nachdem man unter ihren Vorhang gekrochen war, die „Besitzzeit“ war, bis man wieder herauskommen mußte: wie viele Minuten für Offiziere, für Unteroffiziere, für Mannschaften … [lacht]. Auch die Gebühren mußten wir abstufen. Dies alles regelte das „Programm für die Einrichtung von Puffs“ (pīya setchi yōkō ピー屋設置要綱), und auch das haben wir an der [Heeres-]Verwaltungsschule gelernt. Erst neulich haben wir Kameraden von der Verwaltungsschule uns versammelt und unsere Erinnerungen darüber ausgetauscht.

[Sakurada, Takeshi; Shikanai, Nobutaka: Ima akasu Sengo Hishi. Tōkyō: Sankei Shuppan Bd. 1. 1983, S. 40–41]

Ja, die Herren hatten sicher ihren Spaß an ihren Weltkriegs-Döntjes. Aber zehn Jahre später, als dann das Schicksal der (zum größeren Teil koreanischen) „Trostfrauen“ endlich öffentlich thematisiert wurde, konnte sich plötzlich niemand mehr daran erinnern …
Nun gut, der für faire Berichterstattung preisgekrönte Shikanai und Sakurada waren da bereits tot. Aber daß ausgerechnet Shikanais eigener Zeitungsverlag bis heute so tut, als sei da nichts gewesen, als sei die japanische Armee also nicht in die professionelle Organisation von Zwangsprostitution verwickelt gewesen, ist wenigstens … dreist.

(Hier das Zitat noch einmal auf japanisch, für alle Fälle:)

鹿内 これなんかも軍隊でなけりゃありえないことだろうけど、戦地へ行きますとピー屋が…..。
櫻田 そう、慰安所の開設。
鹿内 そうなんです。そのときに調弁する女の耐久度とか消耗度、それにどこの女がいいとか悪いとか、それからムシロをくぐってから出てくるまでの“持ち時間“が、将校は何分、下士官は何分、兵は何分…..といったことまで決めなければならない(笑)。料金にも等級をつける。こんなことを規定しているのが「ピー屋設置要綱」というんで、これも経理学校で教わった。この間も、経理学校の仲間が集まって、こんな思い出話をやったことがあるんです。

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Wie heute Bücher entstehen: Globalität in Bonn …

Soeben erhielt ich eine Email aus Indien: In Kürze werde ich die Korrekturfahnen eines Beitrags erhalten, den ich für die englische Version der (höchst lesenswerten!) Bonner Enzyklopädie der Globalität (Hg.: Ludger Kühnhardt und Tilman Mayer) verfaßt habe.
Die Ankündigung machte mich stutzig, denn das Buch erscheint bei Springer Nature, also in Berlin. Es stellt sich also heraus, daß Springer Nature seine englischsprachigen Publikationen von Dienstleistern im englischsprachigen Ausland edieren läßt. Das ist in der heutigen Welt offenbar nichts Ungewöhnliches mehr, aber da das Thema der Enzyklopädie selbst eben die Globalität ist, habe ich einmal kurz recherchiert, wie man sich Globalität im Falle dieser konkreten Buchproduktion vorzustellen hat.

Das Thema meines Aufsatz in dem Band lautet übrigens in der deutschen Version „Kultureller Wandel“; der Aufsatz ist auch einzeln erhältlich, was eine echte Alternative zum Erwerb der ganzen, nicht ganz preiswerten Enzyklopädie ist …

Geld bekomme ich übrigens dafür nicht. Soviel ich weiß. Falls doch: Die Tantiemen aus dem Umsatz mit elektronischen Publikationen in der Wissenschaft bewegen sich im Cent-Bereich …

Seit diesem Jahr melde ich meine Publikationen übrigens auch nicht mehr bei der VG Wort an. Denn nach einer Satzungsänderung verlangt die VG Wort auch von Wissenschaftsautoren den Abschluß eines Verwertungsvertrages, mit dem ich der Verwertungsgesellschaft alle Rechte an allen meinen Werken treuhänderisch abtrete. Für die Nutzer werden sie somit abgabenpflichtig. Dies war bislang anders: Ich konnte mir aussuchen, welche Werke ich schützen lassen wollte. In meinen Augen ist das neue System deutlich restriktiver und benachteiligt die Leser, weshalb ich dankend darauf verzichten werde.

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Erklärung von Panmunjom: Nord- und Südkorea feiern „Frühling der Nation“

In einem symbolbeladenen Arrangement verlief das Treffen von Südkoreas Staatspräsident Mun Jäin 文在寅 und Nordkoreas Diktator Kim Jongun 金正恩 in Panmunjŏm 板門店 an der Demarkationslinie zwischen beiden koreanischen Staaten. Kim durfte ein paar Quadratmeter südkoreanischen Bodens betreten und nahm Mun anschließend an der Hand, um ihn kurz nach Nordkorea zu entführen. Eine Ehrengarde der südkoreanischen Armee, gewandet in Uniformen aus der Chosŏn-Zeit, geleitete die beiden dann ins „Haus des Friedens“. Beide taten ihr Bestes, um gute Stimmung für den „Frühling der Nation“ (민족의봄 minjok ŭi bom) — so das Motto des anschließenden Staatsbanketts — zu machen. In Anwesenheit der Ehegattinnen wurde viel getafelt: Sowohl Einheimisches als auch Schweizer Rösti kamen auf den Tisch (eine Reminiszenz an Kims Schulzeit im Alpenland). Dann beschlossen die beiden Staatsführer die „Erklärung von Panmunjŏm“ und traten anschließend gut gelaunt gemeinsam vor die Presse, um sie zu verkünden:

Erklärung von Panmunjŏm

In dieser bedeutenden Phase der historischen Transformation auf der koreanischen Halbinsel, die das anhaltende Streben des koreanischen Volkes nach Frieden, Wohlstand und Vereinigung widerspiegelt, haben Mun Jäin, Präsident der Republik Korea und Kim Jongun, Vorsitzender des Staatsrats der Demokratischen Republik Korea, am 27. April 2018 im Friedenshaus in Panmunjom ein interkoreanisches Gipfeltreffen abgehalten.
Die zwei Führer erklärten feierlich vor den 80 Millionen Koreanern und der ganzen Welt, daß es auf der koreanischen Halbinsel keinen Krieg mehr geben wird und somit eine neue Ära des Friedens begonnen hat.
Die beiden Staats- und Regierungschefs teilen das feste Bekenntnis dazu, die langen Teilung und Konfrontation, ein Relikt des Kalten Krieges, rasch zu beenden, mutig an ein neues Zeitalter der nationalen Versöhnung, des Friedens und des Wohlstands heranzukommen und die innerkoreanischen Beziehungen zu verbessern und aktiver zu pflegen, und erklärten an dieser historischen Stätte von Panmunjom wie folgt:
1. Süd- und Nordkorea werden die Blutsverwandtschaft der Menschen wieder herstellen und die Zukunft gemeinsamen Wohlergehens und der Wiedervereinigung unter Führung der Koreaner voranbringen, indem sie umfassende und bahnbrechende Fortschritte in den innerkoreanischen Beziehungen ermöglichen. Die Verbesserung und Pflege der innerkoreanischen Beziehungen ist der vorherrschende Wunsch der ganzen Nation und die dringende Forderung der Zeit, die nicht weiter zurückgehalten werden kann.

  1. Süd- und Nordkorea bekräftigten das Prinzip der Selbstbestimmung des Schicksals der koreanischen Nation und vereinbarten, den Wendepunkt für die Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen durch die vollständige Umsetzung aller bestehenden Abkommen und Erklärungen zwischen den beiden Seiten herbeizuführen.
  2. Süd- und Nordkorea einigten sich darauf, in verschiedenen Bereichen, einschließlich auf hoher Ebene, Gespräche und Verhandlungen zu führen und aktive Maßnahmen für die Umsetzung der auf dem Gipfeltreffen erzielten Vereinbarungen zu ergreifen.
  3. Süd- und Nordkorea vereinbarten die Einrichtung eines gemeinsamen Verbindungsbüros mit Vertretern beider Seiten in der Käsŏng-Region, um eine enge Konsultation zwischen den Behörden sowie einen reibungslosen Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu ermöglichen.
  4. Süd- und Nordkorea einigten sich darauf, aktivere Zusammenarbeit, Austausch, Besuche und Kontakte auf allen Ebenen zu fördern, um das Gefühl der nationalen Versöhnung und der Einheit zwischen Süden und Norden zu erneuern. Die beiden Seiten werden die Atmosphäre der Einheit und Zusammenarbeit fördern, indem sie verschiedene gemeinsame Veranstaltungen zu den für Süd- und Nordkorea besonders wichtigen Terminen, wie dem 15. Juni, in die Teilnehmer aus allen Ebenen, einschließlich der Zentral- und Kommunalregierungen, Parlamente, politischen Parteien und zivilen Organisationen einbezogen werden. Auf internationaler Ebene vereinbarten die beiden Seiten, ihre kollektive Weisheit, ihre Talente und ihre Solidarität zu demonstrieren, indem sie gemeinsam an internationalen Sportveranstaltungen wie den Asienspielen 2018 teilnehmen.
  5. Süd- und Nordkorea erklärten sich bereit, die humanitären Probleme, die sich aus der Teilung der Nation ergaben, zügig zu lösen und ein innerkoreanisches Treffen des Roten Kreuzes einzuberufen, um verschiedene Probleme zu diskutieren und zu lösen, einschließlich der Wiedervereinigung getrennter Familien. In diesem Sinne haben sich Süd- und Nordkorea bereit erklärt, das Wiedervereinigungsprogramm für die getrennten Familien anläßlich des Nationalen Befreiungstages vom 15. August dieses Jahres fortzusetzen.
  6. Süd- und Nordkorea kamen überein, die in der Erklärung vom 4. Oktober 2007 vereinbarten Projekte aktiv umzusetzen, um ein ausgewogenes Wirtschaftswachstum und den gleichberechtigten Wohlstand der Nation zu fördern. In einem ersten Schritt einigten sich die beiden Seiten darauf, praktische Schritte für den Anschluß und die Modernisierung der Eisenbahnen und Straßen auf dem Sondertransportkorridor sowie zwischen Seoul und Sinuiju zu deren Nutzbarmachung zu unternehmen.

2. Süd- und Nordkorea werden gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um die akute militärische Spannung zu lindern und die Kriegsgefahr auf der koreanischen Halbinsel praktisch zu beseitigen.

  1. Süd- und Nordkorea stimmten zu, alle feindseligen Handlungen in allen Bereichen, einschließlich Land, Luft und See, die Quellen militärischer Spannungen und Konflikte sind, vollständig einzustellen. In diesem Sinne einigten sich die beiden Seiten darauf, die entmilitarisierte Zone in eine echte Friedenszone zu verwandeln, indem sie ab dem 1. Mai dieses Jahres alle feindseligen Handlungen einstellen und ihre Mittel, einschließlich der Ausstrahlung von Lautsprechern und Verteilung von Flugblättern, in den an die militärische Demarkationslinie angrenzenden Gebieten beseitigen.
  2. Süd- und Nordkorea einigten sich darauf, ein praktisches Programm auszuarbeiten, um die Gebiete um die Nordgrenze im Westmeer in eine maritime Friedenszone zu verwandeln, um unbeabsichtigte militärische Zusammenstöße zu verhindern und eine sichere Fischerei zu gewährleisten.
  3. Süd- und Nordkorea verabredeten, verschiedene militärische Maßnahmen zu ergreifen, um eine aktive gegenseitige Zusammenarbeit, Austausch, Besuche und Kontakte zu gewährleisten. Die beiden Seiten einigten sich darauf, häufige Treffen zwischen den Militärbehörden, einschließlich des Verteidigungsministertreffens, abzuhalten, um die zwischen ihnen auftretenden militärischen Probleme sofort zu diskutieren und zu lösen. In dieser Hinsicht vereinbarten die beiden Seiten, im Mai erstmals Militärgespräche auf Generalsebene einzuberufen.

3. Süd- und Nordkorea werden aktiv zusammenarbeiten, um ein dauerhaftes und solides Friedensregime auf der koreanischen Halbinsel zu etablieren. Es ist ein historischer Auftrag, den derzeitigen unwirksamen Zustand des Waffenstillstands zu beenden und ein robustes Friedensregime auf der koreanischen Halbinsel zu etablieren, das nicht weiter hinausgezögert werden darf.

  1. Süd- und Nordkorea bekräftigten erneut, daß ein Nichtangriffsabkommen die Anwendung von Gewalt in jeglicher Form gegeneinander ausschließt, und vereinbarten die strikte Einhaltung dieses Abkommens.
  2. Süd- und Nordkorea erklärten sich bereit, die Abrüstung stufenweise durchzuführen, da durch militärische Vertrauensbildung die militärischen Spannungen gelockert und wesentliche Fortschritte erzielt werden.
  3. In dem Jahr, das den 65. Jahrestag des Waffenstillstandes markiert, erklärten sich Süd- und Nordkorea bereit, trilaterale Treffen zwischen den beiden Koreas und den Vereinigten Staaten oder vierseitige Treffen zwischen den beiden Koreas und den Vereinigten Staaten und China aktiv zu verfolgen mit Blick darauf, das Ende des Krieges zu erklären und ein dauerhaftes und solides Friedensregime zu schaffen.
  4. Süd- und Nordkorea bekräftigten das gemeinsame Ziel, durch vollständige Denuklearisierung eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel zu verwirklichen. Süd- und Nordkorea teilten die Ansicht, daß die von Nordkorea initiierten Maßnahmen sehr bedeutungsvoll und entscheidend für die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel sind, und stimmten überein, ihre jeweiligen Aufgaben und Zuständigkeiten in dieser Hinsicht wahrzunehmen. Süd- und Nordkorea vereinbarten, aktiv die Unterstützung und Kooperation der internationalen Gemeinschaft für die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu suchen.

Die beiden Staatsoberhäupter stimmten darin überein, durch regelmäßige Treffen und direkte Telefongespräche häufige und offene Diskussionen über für das Land lebenswichtige Themen zu führen, das gegenseitige Vertrauen zu stärken und gemeinsam die positive Bewegung hin zu einer eine kontinuierliche Förderung der innerkoreanischen Beziehungen und ebenso zu Frieden, Wohlstand und Vereinigung der koreanischen Halbinsel zu stärken.
In diesem Zusammenhang erklärte sich Präsident Moon Jae-in bereit, Pyongyang in diesem Herbst zu besuchen.
27. April 2018
Geschehen in Panmunjŏm
Mun Jäin
Präsident der Republik Korea
Kim Jongun
Vorsitzender des Staatsrats der Demokratischen Volksrepublik Korea

Sehr aufschlußreich ist, daß Japan in dieser Erklärung nicht direkt erwähnt wird. Auf die Frage, ob er nicht befürchte, daß Japan in der gegenwärtigen Diplomatie auf der koreanischen Halbinsel links liegengelassen wird, antwortete der japanische Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 zwar „Überhaupt nicht“, aber das ist pures Wunschdenken: De facto steht Japan in dieser Frage an der Seitenlinie. Japans einziger Beitrag zum innerkoreanischen Gipfeltreffen bestand in Stänkereien: Das Dessert des Staatsbanketts, so monierte die Abe-Regierung, zeigte eine Karte der koreanischen Halbinsel — einschließlich der umstrittenen Liancourt-Felsengruppe (Dokdo/Takeshima). Außerdem sei bedauerlich, daß in der Panmunjŏm-Erklärung nicht auf die japanischen Opfer nordkoreanischer Entführungsaktionen eingegangen wurde. Immerhin war Außenminister Kōno Tarō 河野太郎 so freundlich, das Gipfeltreffen als Schritt in die richtige Richtung zu würdigen.

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Japans Antwort auf Me too: „Tauscht doch die Frauen gegen Männer aus“

Der von einer Fernsehjournalistin der sexuellen Belästigung geziehene Staatssekretär im japanischen Finanzministerium ist am 24. April aufgrund des öffentlichen Drucks von seinem Posten zurückgetreten. Das Ministerium verfügte zudem, daß sein Gehalt für die nächsten sechs Monate um 20 % gekürzt wird.
Der stets für deftige Statements gute Finanzminister und Vize-Premierminister Asō Tarō 麻生太郎 schlug als Lösung solcher Probleme vor: „Ganz einfach: Tauscht alle verantwortlichen Journalistinnen durch Männer aus.“
Unter Japans mächtigen Männern ist offenbar immer noch die Ansicht verbreitet, daß Machtausübung und sexueller Mißbrauch zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Insofern handelt es sich um eine konsequente Strategie. Als nun ein Oppositionspolitiker allerdings nachfragte, ob die Verbannung von Journalistinnen tatsächlich aus Sicht der Regierung offiziell geeignet sei, um sexuellen Mißbrauch zu bekämpfen, entschied sich das Kabinett am 27. April dann doch für eine andere Sichtweise: Nein, das sehe man nicht als geeignet an. Man empfehle, Männer und Frauen nicht sexuell zu diskriminieren.
Warum dann ein Minister, welcher nicht nur ungeeignete Äußerungen abgibt, sondern auch zur Führung seines Ministeriums offenkundig ungeeignet ist, nicht ganz einfach durch eine Frau ausgetauscht wird, erklärte die Regierung allerdings nicht.

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Südkorea kämpft gegen Gewalt an den Schulen

Das südkoreanische Bildungsministerium hat eine „Kampagne gegen Gewalt an den Schulen“ (also gegen Mobbing, Bullying usw.; in Japan als ijime bezeichnet) initiiert und dafür ein kindergerechtes Aufklärungsvideo produziert, in dem ein Ukulele spielender freundlicher Hund die Hauptrolle spielt: Er schaut nämlich geflissentlich weg, wenn seine Schulfreunde mißhandelt werden.

Laut den eingeblendeten Statistiken (Stand 2013) trägt die Kultur des Wegsehens zum Problem bei, denn von allen Schülern, die Zeugen von Gewaltakten werden,

  • tun 23,9 % so, als ob sie nichts gesehen hätten
  • helfen 27,5 % nicht, weil sie „damit nichts zu tun“ haben
  • wissen 23,5 % nicht, wie sie helfen können
  • halten es 18 % für möglich, selbst Opfer zu werden

… und 9,5 % aller Opfer versuchen sich das Leben zu nehmen!

Südkorea hat tatsächlich eine der höchsten Selbstmordraten unter Schülern und Jugendlichen weltweit. Deshalb rät das Ministerium, Gewalt in der Schule sehr ernst zu nehmen und die Polizei einzuschalten oder die Beratungsangebote im Internet wie www.stopbullying.or.kr anzunehmen.

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