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Trauerakt für Abe: Das Amen der Staatsräuber-Moral

Der Staatsakt für den im Juli ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Abe Shinzō fand am 27. September 2022 unter hohen Sicherheitsvorkehrungen im Budōkan nahe dem japanischen Kaiserpalast statt. 4.300 Menschen nahmen daran teil, davon 700 Gäste aus dem Ausland. Ranghöchster Deutscher war IOC-Präsident Thomas Bach, dessen Vorliebe für Japan-Besuche in der japanischen Bevölkerung sattsam bekannt ist.

Anders als bei der Trauerfeier für die britische Königin Elisabeth II., die am 19. September in London stattgefunden hatte, traten keine geistlichen Würdenträger — etwa der „Vereinigungskirche“, zu der Abe so gute Beziehungen gepflegt hatte — auf, um den Verstorbenen zu würdigen. Die letzten Worte übernahmen Abes Nachfolger im Amt des Premierministers. Der amtierende Premierminister Kishida Fumio, einer der engsten Wegbegleiter Abes, hielt eine Ansprache, die von sentimentalen Gedanken geprägt war:

Am 8. Juli, als der Wahlkampf in die Endphase eintrat, sprachen Sie, Herr Abe, wie immer leidenschaftlich zu Ihrem Publikum über den Weg, den dieses Land einschlagen sollte. Und plötzlich wurde dies durch Gewalt unterbrochen. Es ist etwas passiert, was nicht hätte passieren dürfen. Wer hätte auch nur im Geringsten voraussehen können, dass ein solcher Tag kommen würde? Herr Abe, Sie waren derjenige, der noch lange, lange hätte leben müssen. Ich war davon überzeugt, daß Sie auch in den nächsten 10 oder sogar 20 Jahren ein Kompaß für die Zukunft Japans und der Welt sein würden. Und nicht nur ich allein. Heute sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten Japans und aus Ländern und Regionen der ganzen Welt zu Ihnen gekommen, um Ihnen ihr tiefstes Beileid auszusprechen. Ich bin mir sicher, daß Sie alle mit demselben Gedanken im Kopf auf Sie blicken. Aber das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Das ist bedauerlich. Das ist der Gipfel der Bitterkeit. (…)
Im Jahr 2006 wurden Sie im Alter von 52 Jahren Premierminister, als erster, der nach dem Krieg geboren wurde. Heute erinnere ich mich heute daran, daß ich mit Spannung und Vorfreude verfolgte, wie Sie als Bannerträger unserer Generation eine Herausforderung nach der anderen in Bezug auf die grundlegenden Fragen unserer Nation annahmen, die nach dem Krieg zurückgeblieben waren. (…) Die Botschaft des jüngsten Premierministers der Nachkriegszeit an die Nation war einfach und klar: Abkehr vom Nachkriegsregime. Sie erhoben die Verteidigungsagentur zum Verteidigungsministerium mit eigenem Haushalt, erließen das Referendumsgesetz und schlugen eine wichtige Brücke zur Verfassungsreform. Sie haben das Grundgesetz für die Erziehung zum ersten Mal seit fast 60 Jahren geändert und die Saat für eine neue, japanische Identität gelegt. Im indischen Parlament predigten Sie von der „Schnittstelle der beiden Ozeane“ und brachten zum ersten Mal das Konzept des „Indopazifik“ auf den Weg. All dies sind die Grundsteine, die bis zum heutigen Tag tragen. (…) Ende 2012, als Sie wieder auf dem Stuhl des Premierministers saßen, hatten Sie sich zu einer noch stärkeren Persönlichkeit geformt. (…) Ihre vielschichtige Diplomatie hat gute Beziehungen zu allen Regionen der Welt aufgebaut. (…) Es war Abe Shinzō selbst, der sich mehr als jeder andere in der Welt für den Erhalt und die Förderung einer offenen internationalen Ordnung eingesetzt hat, die Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit schätzt und Japan, der Region und der Welt ein verläßliches Dach über dem Kopf bietet. (…) Zu Hause haben Sie junge Menschen, insbesondere Frauen, ermutigt. (…) Sie waren am längsten in unserer Verfassungsgeschichte an der Macht, aber die Geschichte wird sich an Sie für das erinnern, was Sie erreicht haben, nicht dafür, wie lange Sie an der Macht waren. (…)

Noch gefühliger sprach Suga Yoshihide, Abes rechte Hand und glückloser Nachfolger, der nach einem knappen Jahr aus dem Amt gejagt worden war:

Als ich die unglaubliche Nachricht [vom Attentat] hörte, hoffte ich, Sie würden wenigstens am Leben bleiben. Ich möchte Sie sehen, im gleichen Raum sein, die gleiche Luft atmen. Mit diesem einen Gedanken im Hinterkopf ging ich zum Ort des Geschehens, und in Ihren letzten Momenten konnte ich die Wärme und das Lächeln sehen, die nur Ihnen eigen waren.
Achtzig Tage sind seit diesem schicksalhaften Tag vergangen.
Seitdem sind die Vormittage gekommen und gegangen, und die Sonne ist untergegangen. Die lärmenden Zikaden sind irgendwie verklungen, und die Herbstwolken haben begonnen, am hohen Himmel zu treiben.
Die Jahreszeiten gehen weiter. Die Zeit vergeht ohne Sie, den Menschen, der Sie sind. Ich finde es immer noch unverzeihlich, daß es so gnadenlos weitergeht.
Warum hat der Himmel ausgerechnet eine solche Tragödie Wirklichkeit werden lassen und jemandem das Leben genommen, der es nicht hätte verlieren dürfen?
Es ist beschämend, so etwas zu sagen. Ich begrüße diesen Tag heute mit abwechselnden Gefühlen von Traurigkeit und Wut.
Aber, Premierminister Abe …, so rufe zu Ihnen, können Sie uns sehen?
Hier, rund um den Budōkan, haben sich viele Menschen versammelt, um Blumen niederzulegen und dem Staatsbegräbnis beizuwohnen.
Nicht wenige von ihnen scheinen in ihren 20ern und 30ern zu sein. Viele junge Menschen, die Führungskräfte von morgen, sind gekommen, um Sie zu bewundern und zu verabschieden.
Herr Premierminister, Sie wollten ein Japan schaffen, in dem das Morgen besser ist als das Heute. Sie haben tagein, tagaus zu den Menschen gesprochen, mit der festen Überzeugung, daß Sie den jungen Menschen Hoffnung geben wollten.
Und Japan, das japanische Volk, blüht in der Mitte der Welt. Das war Ihre übliche Formulierung. (…) Wenn wir einen Schritt zurückgehen, verlieren wir an Schwung. Sie dachten, daß sich nur dann ein Ausweg zeigt, wenn wir vorwärts gehen. Herr Ministerpräsident, Sie haben immer richtig geurteilt. (…) Für Ihre Überzeugung und Entschlossenheit sprechen wir Ihnen unsere ewige Dankbarkeit aus.
Wir werden die nationale Krise überwinden und ein starkes Japan schaffen. Wir werden uns für ein wirklich friedliches Japan einsetzen und Japan zu einem Land machen, das in allen Bereichen einen Beitrag zur Welt leisten kann.
Selbst inmitten solcher Entschlossenheit und Entscheidungen, die Tag für Tag getroffen werden, behielten Sie, Herr Premierminister, immer ein Lächeln auf den Lippen. Sie waren stets aufmerksam gegenüber Ihren Mitmenschen und haben sie mit Freundlichkeit überschüttet. (…) Ich werde es immer wieder sagen: Premierminister Abe, Sie waren ein wahrer Führer für unser Land.

De mortuis nil nisi bene, lautet eine alte zivilisatorische Regel. Es war deshalb nicht zu erwarten, daß bei der Trauerfeier die nicht so sonnigen und großartigen Seiten des skrupellosen Berufspolitikers und notorischen Lügners und sein Scheitern in allen von ihm mit Vehemenz verfolgten Großprojekten — Rückkehr der nach Nordkorea Entführten, Rückgabe der von Rußland okkupierten Inseln, Gesundung der japanischen Wirtschaft, Verfassungsreform — angesprochen würden. Oder eben der Umstand, daß 60 % der Japaner laut Meinungsumfragen eben diesen Staatsakt für unangemessen hielten. Und daß Zehntausende in ganz Japan dies auch auf Demonstrationen öffentlich bekundeten.

Die japanische Verfassung sieht die strikte Trennung von Staat und Religion vor. Das hat natürlich auch gute Seiten. Insbesondere ist der Mißbrauch der religiösen Stellung des japanischen Kaisers, wie er vor 1945 betrieben wurde, damit nicht mehr möglich. Der jetzige Kaiser nahm zwar am Staatsakt teil — oder besser: er mußte teilnehmen –, aber er durfte nichts sagen. Die böse Folge ist jedoch, daß die herrschenden Politiker damit faktisch auch zur obersten moralischen Instanz des Landes geworden sind. Es gibt in Japan keine moralische Gewaltenteilung. Der Trauerakt hat gezeigt, was passiert, wenn in einer solchen Situation diejenigen Politiker, deren Seilschaften seit Jahrzehnten den Staat für ihre Interessen geraubt haben, das letzte moralische Wort haben: Sie erteilen sich selbst Absolution, erklären sich selbst für unfehlbar („Sie haben immer richtig geurteilt“) und sprechen sich selbst heilig.
Mindestens zwölf Millionen Euro kostete dieser Akt der Selbstbeweihräucherung die japanischen Steuerzahler. In früheren Zeiten stahlen Grabräuber wertvolle Gaben, die das Trauervolk seinen Verstorbenen ins Grab gelegt hatte. Heute stehlen die Staatsräuber dem Volk, was sie ihren verstorbenen Helden ins Grab mitgeben wollen.

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Oh weh – der Herbst bricht ein!

Heute erreichte mich eine E-Mail vom Hersteller unserer Überwachungskameras:

Geben Sie Einbrechenden in der anstehenden dunklen Jahreszeit keine Chance sich zu verstecken.

Sie hinterläßt mich ratlos. Erstens habe ich immer daran geglaubt, daß die Kameras Nochnichteingebrochenhabende von einem Einbruch abhalten würden und ich deshalb niemals Einbrechenden auf frischer Tat begegnen, geschweige denn ihnen eine Chance geben müßte. Und zweitens sind es wohl weniger die Einbrechenden als vielmehr die Eingebrochenhabenden, die ein Problem mit dem Verstecken hätten. Wer gerade einen Einbruch begeht (also ein Einbrechender), ist dagegen wohl eher mit anderen Dingen beschäftigt. Der über uns unerbittlich einbrechende Herbst bringt also ganz überraschende Perspektiven …

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Solche Gedichte wird künftig wohl niemand der Deutschsprechenden mehr schreiben können. Höchstens die Deutschgesprochenhabenden.

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Der Staatsakt: Und ewig blühen die Kirschen …

Das für den 27. September geplante Staatsbegräbnis für den ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Abe Shinzō 安倍晋三 wirft neue Rätsel auf. Womit hat er das verdient, fragen sich zahlreiche Japaner: Mehr als 280.000 von ihnen unterzeichneten eine Online-Petition, in der gefordert wird, den Staatsakt abzusagen. Zu den Initiatoren gehört die emeritierte Soziologie-Professorin Ueno Chizuko 上野千鶴子. In Japan finden solche Petitionen in der Regel wenig Zuspruch, deshalb spricht die große Zahl von Unterschriften für die Vermutung, daß ein Gutteil der Japaner Vorbehalte gegen die postume Ehrung hat.
Diese Vorbehalte dürften angesichts der Tatsache nicht geschrumpft sein, daß mit der Durchführung des Staatsakts jene Firma beauftragt wurde, die zu Lebzeiten Abes dessen äußerst umstrittene Kirschblüten-Parties organisiert hatte: Murayama ムラヤマ war, welch Zufall, die einzige Firma, die ein Angebot dafür abgab, und erhielt den Auftrag für 176 Mio. Yen. Laut dem zuständigen Kabinettsminister ging bei der Ausschreibung alles mit rechten Dingen zu … es hätte sich eben nur diese eine Firma beworben …
Aber die Kosten für das Begräbnis liegen natürlich bedeutend höher. Die Regierung nannte 250 Mio. Yen. Doch darin sind die Kosten für die Polizei und für die Bewirtung ausländischer Staatsgäste noch nicht enthalten. Die Opposition hatte auf der Nennung des Kostenrahmens bestanden, um in Gespräche über die Durchführung einzutreten. Schließlich sind es Japans Steuerzahler, die für die merkwürdige Idee ihres Ministerpräsidenten aufzukommen haben.

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Verhaftet wegen japanischer Kleidung

Im chinesischen Suzhou wurde am 10. August 2022 eine junge Frau auf offener Straße von Polizisten verhaftet, weil sie sich als japanische Manga-Figur verkleidet hatte und einen Kimono trug. Ihr wurde vorgeworfen, sich nicht wie eine Chinesin zu verhalten. Sie solle gefälligst „chinesische Kleidung“ (chines. hanfu 漢服) tragen.

Der Vorfall ereignete sich in der Huaihai-Straße, in der sich zahlreiche japanische Geschäfte befinden. Vorübergehend war es dort sogar möglich, sich Kimonos auszuleihen.

In den „Sozialen Medien“ reagierten viele Chinesen mit Unverständnis. Ein User veröffentlichte eine Liste japanischer Lehnwörter im Chinesischen mit dem Kommentar: „Vielleicht könnten die Chinesen erst einmal damit aufhören, diese japanischen Lehnwörter zu benutzen.“

Hier ein kleiner Auszug aus der Liste:

政治 (Politik)
政府 (Regierung)
行政 (Verwaltung)
改革 (Reform)
革命 (Revolution)
解放 (Befreiung)
政党 (Partei)
共産主義 (Kommunismus)
資本主義 (Kapitalismus)
民主主義 (Demokratie)

Und natürlich:
警察 (Polizei)

Wer in den Vor-Corona-Jahren beobachtet hat, wie sich ganze Scharen chinesischer Touristen in Japan (Frauen wie Männer) Kimonos ausliehen und damit fröhlich und stolz durch die Straßen Kyōtos flanierten, ahnt schon, wie eng und muffig es im Reich der Mitte geworden ist.

Übrigens sah Kleidung aus der Han-Zeit tatsächlich so aus:

Immerhin hat der Vorfall auch eine historische Dimension. Seit Anbeginn galt nämlich in der han-chinesischen Kultur (oder, wie es ein vermutlich chinesischer Beiträger auf YouTube jetzt ausdrückte, der „orientalischen Zivilisation“) Kleidung als Ausweis einer bestimmten ethnischen Identität. Menschen wurden anhand ihrer Kleidung als zivilisiert oder barbarisch eingeordnet. Ein Verzeichnis ausländischer Delegationen in der Liang-Dynastie aus dem 6. Jh. enthält eine ganze Palette solcher Typisierungen. Ein Diplomat aus Yamato (dem späteren Japan) und sein Kollege aus dem koreanischen Shilla wurden damals so abgebildet:

Beides könnte heute wieder trendy sein. Die Ironie der Geschichte liegt natürlich darin, daß die Kleidung in Japan und Korea sich in den folgenden Jahrhunderten stark an der chinesischen orientierte. Es war der Stil der Tang-Dynastie, welcher in Japan zum Vorbild für die Entwicklung des Kimonos wurde. Bis heute ist das „Tang-Gewand“ (karaginu 唐衣) ein wesentlicher Bestand des zwölflagigen Hof-Kimonos. Dasselbe Wort 唐衣 in koreanischer Aussprache (dangwi 당의) bezeichnet auch in Korea die dort eingeführte weibliche Hofkleidung.

Wie so häufig: Wenn man mit einem Finger auf einen anderen Menschen zeigt, zeigen vier Finger auf einen selbst zurück …

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Sterben für eine Sekte

Mehrere Wochen lang herrschte in den Mainstream-Medien Japans peinliches Schweigen über die Hintergründe der Ermordung von Abe Shinzō 安倍晋三 am 8. Juli 2022. Doch schon bald nach der Tat sickerte durch, daß der Täter ein zwar persönliches, aber höchst politisches Motiv besaß: Seine Mutter hatte die Familienfinanzen ruiniert, indem sie sich der nach ihrem Gründer auch als Mun-Sekte bekannten, pseudochristlichen Vereinigungskirche hingab. Der Sohn sah sich durch den familiären Ruin um seine Chancen auf ein Hochschulstudium und ein gelingendes Leben gebracht und sann auf Rache. Da Sektengründer Mun Sŏnmyŏng schon lange tot ist, suchte er sich ein Opfer aus, an das er einfach herankommen konnte: Einen führenden Politiker jener Partei, die seit mehr als 50 Jahren beste Beziehungen zu der Sekte gepflegt hat — also der Liberaldemokratischen Partei Japans. Abe selbst hatte ein enges Verhältnis zur Sektenführung. Damit war er in seiner Partei nicht allein; über 100 derzeitige Abgeordnete im japanischen Parlament haben mittlerweile zugegeben, von der „Kirche“ gefördert worden zu sein. Dazu gehörte nicht nur Geld, sondern die Unterstützung durch überaus fleißige Wahlkampfhelfer. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Die guten Beziehungen gehen auf die Zeit von Abes verehrtem Großvater Kishi Nobusuke zurück. Dieser war Teil eines Netzwerks stramm rechts stehender Politiker und Unternehmer, zu denen auch der umstrittene Unternehmer und „Mäzen“ Sasakawa Ryōichi (verurteilter Kriegsverbrecher wie Kishi), der im Yakuza-Milieu operierende Kodama Yoshio und der in diesem Jahr verstorbene Schriftsteller und Politiker Ishihara Shintarō gehörten. Diese vier — neben vielen weiteren damals prominenten Unterstützern des Antikommunismus — engagierten sich in den von der „Vereinigungskirche“ initiierten Bewegungen. Die in vielen Ländern der Welt operierende „Kirche“ stammt zwar aus Südkorea, wird aber wesentlich von ihrer japanischen Anhängerschaft finanziert. In den 1980er Jahren gelang es ihr sogar, im akademischen Milieu Japan Fuß zu fassen. Die staatliche Universität Tsukuba galt damals eine Hochburg der Bewegung, die sich Japans Politikern vor allem durch strammen Antikommunismus andiente und damit eine seltsame Brücke zum südkoreanischen Nachbarn spannte, dessen Führung sich gleichfalls im Kampf gegen den Kommunismus sah und die Mun deshalb tatkräftig unterstützte. Tatsächlich wurde die Haltung der japanischen Liberaldemokraten und gerade auch die Haltung Abes gegenüber dem kommunistischen Nordkorea von den Vorstellungen der „Vereinigungskirche“ stark beeinflußt.
Dies hätte schon längst jeder wissen können, der sich ernsthaft mit der Rolle religiöser Bewegungen im Nachkriegs-Japan befaßt. Der Heidelberger Japanologe Wolfgang Seifert, ein Spezialist für die politische Ideengeschichte des modernen Japan, hat diese Sachverhalte schon 1974 in einem spannenden Aufsatz vorgestellt.1 Das enge Verhältnis von Abe und der Sekte galt in Japan als „offenes Geheimnis“.
Aber seltsamer Weise waren es fast nur die Kommunisten und einige mutige Zeitschriften, die es in der Vergangenheit auch immer wieder öffentlich thematisierten. Das Gros der Medien schwieg, und der größte Teil der japanischen Bevölkerung fiel aus allen Wolken, als diese Vorgeschichte des Attentats endlich ans Licht kam. LDP-Politiker hatten zuvor noch — teilweise unter unverhüllten Drohungen — versucht, die Ermittlungsbehörden daran zu hindern, die wirklichen Motive des Täters zu benennen.
Doch die öffentlichkeitswirksamen Auftritte japanischer Opferanwälte, die seit langen Jahren gegen die ruinösen Machenschaften der „Kirche“ kämpfen, durchbrachen nun das Schweigekartell. Eine Juristenvereinigung gegen Spirituellen Kommerz hatte Abe im September 2021 vergeblich davor gewarnt, eine Video-Grußbotschaft für einen Kongreß der „Kirche“ abzuliefern. („Spiritueller Kommerz“, reikan shōhō 霊感商法, sind Praktiken, mit denen Sekten Menschen durch das Versprechen auf spirituelles Glück oder andernfalls die Androhung von spirituellem Unglück dazu bewegen, überteuerte Dienstleistungen oder Gegenstände zu kaufen.) Abe schlug diese Warnung aus; der spätere Attentäter sah dieses Video, bastelte sich ein Gewehr, übte damit im Wald und erschoß Abe dann schließlich.

Daß die zu Abes Schutz eingesetzten Polizisten bei diesem Attentat kläglich versagten, fügt sich ins Bild. Niemand hat im Traum daran gedacht, Abes sinistre Allianz mit der religiösen Rechten könnte fatale Konsequenzen haben.
Offensichtlich spüren Regierung und LDP, daß die endlich zur Sprache gebrachte Komplizenschaft von Politik und Sekte in der Bevölkerung Unmut schüren könnte. Ministerpräsident Kishida hatte nahezu ohne jede Diskussion durchgesetzt, daß Abe ein Staatsbegräbnis erhält — wie es zuvor nur Yoshida Shigeru gewährt worden war. In der Bevölkerung stößt dies auf großes Unverständnis und wird als durchsichtiger Versuch betrachtet, den zu Lebzeiten umstrittenen Abe heiligzusprechen, um eine Diskussion über seine Politik und seine sehr durchmischte politische Bilanz zu verhindern. Falls dieser Unmut nicht bald gedeckelt werden kann, droht das eigentliche Projekt, dem sich die LDP und ihre Regierung verschrieben haben — die weitgehende Änderung der japanischen Verfassung — ein weiteres Mal zu scheitern, trotz gesicherter parlamentarischer Mehrheiten. Denn die Wahlbevölkerung muß ihr zustimmen. Das Vertrauen gegenüber den Politikern, die eine solche Änderung forcieren wollen, ist nun aber ins Wanken geraten. So könnte es sein, daß das Staatsbegräbnis für Abe zugleich die Beerdigung der Verfassungsträume bedeutet. Heute wurde deshalb eilig ein anderer LDP-Hardliner, Kōno Tarō, von der Regierung damit beauftragt, eine Arbeitsgruppe zum Thema „Spiritueller Kommerz“ zu organisieren.
Natürlich bleibt der Mord an Abe ein Mord. Die Opferanwälte und kritische Journalisten haben aber die Öffentlichkeit inzwischen dafür sensibilisiert, daß das Motiv für diesen Mord keinesfalls zufällig und aus heiterem Himmel entstanden ist, sondern im Schatten — man könnte auch sagen: in der Schattenwirtschaft — der japanischen Politik herangewachsen ist.


1 Wolfgang Seifert: „Genri“-Bewegung und „Internationale Föderation für die Ausmerzung des Kommunismus“ — die politische Aktivität einer neuen religiösen Sekte in Japan. In: Die Dritte Welt 3:3–4 (1974), S. 409–427.

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Sterben für ein Buch

Am 12.8.2022 wurde der indische Schriftsteller Salman Rushdie bei einer Vortragsveranstaltung in New York lebensgefährlich verletzt. Der Anschlag — ausgeführt von einem jener Menschen, bei denen ideologische Hirnwäsche augenscheinlich den anterioren cingulären Kortex zerstört hat — erinnert an die Bedrohung, unter der Menschen leben müssen, die sich für die Freiheit von Meinung und Wissenschaft einsetzen.
Und daran, daß Menschen für diese Freiheit sterben.
Am 12.7.1991 wurde Professor Igarashi Hitoshi 五十嵐一 auf dem Campus der Universität Tsukuba ermordet. Ein Jahr zuvor hatte er die „Satanischen Verse“ Rushdies ins Japanische übersetzt. Der Tathergang wurde nie aufgeklärt; nach japanischem Recht ist die Tat inzwischen verjährt. Vermutet wurde u.a. ein Anschlag des iranischen Geheimdienstes.
Eine Woche vor diesem Mord wurde auch Ettore Capriolo, der die „Satanischen Verse“ ins Italienische übertragen hatte, in Mailand von einem Iraner schwer verletzt.
Zwei Jahre später starben 35 Menschen im türkischen Sivas, als eine aufgehetzte Menschenmenge das Hotel in Brand setzte, in dem Aziz Nesin, der Teile der „Satanischen Verse“ übersetzt hatte, wohnte. Die fanatische Meute hinderte die im Hotel Eingeschlossenen an der Flucht und störte die Löscharbeiten der Feuerwehr massiv. Nesin selbst wurde dabei leicht verletzt.

1945 schrieb George Orwell eine Einleitung zu seiner Novelle Animal Farm, die unveröffentlicht blieb, bis sie 1972, vor 50 Jahren also, von der New York Times mitgeteilt wurde. Der Kernsatz hieraus lautet:

If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear.

Das ist 2022 so wahr wie 1972 und 1945.

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