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Pressefreiheit in Japan erneut dramatisch verschlechtert

Im Index der Pressefreiheit (World Press Freedom Index) der „Reporters Without Borders“ hat sich Japans Rang 2016 erneut verschlechtert: Es belegt nun Rang 72 (statt im Vorjahr 61). Der Abstand zu Südkorea (63 statt 61) und Taiwan (45 statt 51) hat sich dramatisch vergrößert. Zum Vergleich: Deutschland belegt Rang 16 (unverändert). Das Ranking reflektiert den anhaltenden Druck, der von Gesetzgebung, Verwaltung und regierungsnahen Lobbys auf die japanische Presse ausgeübt wird. 2010 stand Japan noch auf Rang 12; seither hat sich die Pressefreiheit kontinuierlich verschlechtert.

JahrJapanSüdkoreaTaiwanVR China
2016726345176
2015616051176
2014595750175
2013535047175
2012595750174
2011224445174
2010124248171

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China würde Militärschlag gegen Nordkoreas Atomprogramm hinnehmen

Die Situation auf der koreanischen Halbinsel hat sich weiter zugespitzt, seitdem die VR China angekündigt hat, Nordkorea weitgehend vom Nachschub an Erdöl abzuschneiden — und dies offenbar auch umsetzt. Südkoreanische Medien berichten von Versorgungsengpässen an nordkoreanischen Tankstellen. Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA wiederum beschuldigte China in mehreren Artikeln, nach der Pfeife der USA zu tanzen und sich gegenüber Nordkorea „gemein“ zu verhalten.
In Chinas kommunistischem Sprachrohr Global Times fanden sich darauf messerscharfe Erwiderungen, die vermuten lassen, daß China endgültig die Geduld mit seinem schwierigen Nachbarn verloren hat. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten bestehe in Ostasien die Gefahr eines Krieges, hieß es in einem Leitartikel vom 22. April. Grund hierfür sei die US-amerikanische Politik gegenüber Nordkorea, aber die Hauptursache sei Nordkoreas Festhalten an seinem Atomprogramm. Chinas Position sei eindeutig:

Wenn Pyongyangs stures Weitermachen mit seinem Nuklearprogramm weitergeht und Washington im Ergebnis einen militärischen Angriff auf Nordkoreas Nuklearanlagen führt, sollte Beijing diesem Schlag durch diplomatische Kanäle entgegentreten, statt in eine militärische Aktion verwickelt zu werden. Es wäre in Washingstons bestem Interesse, den hohen Grad an Bedrohung gründlich zu bedenken, der sich durch einen von Pyongyang gegen Seoul geführten Racheangriff ergäbe. Einem solchen Racheangriff können Washington und Seoul nicht standhalten.
Falls jedoch US- und südkoreanische Truppen Koreas Demilitarisierte Zone in einer Bodeninvasion überschreiten, um das Pyongyang-Regime direkt zu beseitigen, wird China seine eigenen Alarmglocken läuten und sein Militär unverzüglich in Stellung bringen. Beijing würde niemals dasitzen und zusehen, wie fremde Truppen das Pyongyang-Regime stürzen.

Mit anderen Worten: Einen begrenzten Militärschlag der USA, der sich gegen das nordkoreanische Atomprogramm richtet, würde China hinnehmen.
Damit interpretiert China seine Bündnispflicht gegenüber Nordkorea neu. Bislang konnte Nordkorea davon ausgehen, daß jeder Angriff auf Nordkorea von seinem großen Bruder geahndet würde. Nun gibt China den USA praktisch carte blance für einen Erstschlag.
Der Friede in Ostasien ist damit, wie man auch in Beijing weiß, nicht sicherer geworden. Am 23.4. hat Global Times deshalb noch eine Warnung an Pyongyang hinzugefügt:

Vielleicht muß Pyongyang seine Auffassung revidieren, daß Nordkorea ein Behüter und Wachtposten Chinas ist und deshalb, was es auch tut, Beijing keine Alternative dazu hat, Pyongyang Schutz zu gewähren. Wenn Nordkorea dies wirklich so sieht, macht es einen Fehler. Sein Nuklearprogramm hat Frieden und Stabilität in Nordostasien schwer beeinträchtigt und Chinas hauptsächliche nationale Interessen gefährdet. Pyongyang daran zu hindern, weiterhin Atomwaffen zu entwickeln, ist bereits Beijings Priorität in seiner Nordostasien-Politik geworden.

Die Uhr tickt, könnte man meinen. Von nicht lebensnotwendigen Reisen nach Nordkorea rate ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher ab.

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Sammellager und Screening: Japans Regierung plant für Krieg in Korea

Während einer Sitzung des Haushaltsausschuses des japanischen Unterhauses hat Japans Ministerpräsident Abe Shinzō am 17.4.2017 berichtet, seine Regierung bereite für den Fall eines bewaffneten Konflikts auf der koreanischen Halbinsel nicht nur die Evakuierung der dort lebenden japanischen Landsleute vor, sondern rechne mit dem Zustrom zahlreicher Flüchtlinge von dort. Wörtlich sagte er:

Neben dem Schutz der Flüchtlinge sind wir dabei, das Verfahren des Anlandgehens, die Einrichtung und den Betrieb von Sammellagern (shūyō shisetsu 収容施設) und ein Screening, ob es sich um Menschen handelt, die unseres Schutzes bedürfen oder nicht, vorzubereiten.

Japan müsse in einem solchen Fall außerdem die Evakuierung der Japaner und den Schutz der US-amerikanischen Kriegsschiffe übernehmen.

Südkoreas Regierung wies Abes Äußerungen am 18.4. als „hypothetisch“ zurück; sie seien mißverständlich und könnten Frieden und Sicherheit auf der koreanischen Halbinsel gefährden; Zurückhaltung sei geboten. Außerdem sei der Hinweis auf eine Auswahl unter den zu erwartenden Flüchtlingen unverständlich.

Am selben Tag goß auch Japans Verteidigungsministerin Inada weiteres Öl ins Feuer der japanisch-koreanischen Beziehungen: Vor einem anderen Parlamentsausschuß äußerte sie, es sei geplant, im Notfall Japaner mit japanischen Militärmaschinen aus Korea auszufliegen. Zudem werde man, sollte eine nordkoreanische Rakete in japanische Hoheitsgewässer fallen, dies als bewaffneten Angriff werten und die japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte mobilisieren.

Sowohl koreanische als auch russische Medien haben diese Ankündigungen scharf verurteilt. Die konservative Chosun Ilbo wies darauf hin, die Japaner wären zu Recht empört, falls die südkoreanische Regierung für den Fall einer Naturkatastrophe ein Screening japanischer Flüchtlinge ankündigte. Der russische Fernsehsender Utro Rossii nannte „Japans Verhalten ein äußerst gefährliches Signal“.

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Mit Kaiser, Hitler und Bajonett: Japans neue Bildungspolitik

Am 15. April wurde bekannt, daß Japans Regierung keine Einwände gegen den Gebrauch von Hitlers „Mein Kampf“ in Japans Klassenzimmern hat — es dürfe nur nicht zur Förderung von Rassismus benutzt werden.
Am selben Tag erklärte Japans Kultusminister Matsuno Hirokazu (LDP), auch gegen die Verwendung des Kaiserlichen Erziehungsedikts von 1890 sei nichts einzuwenden, solange der Unterricht auf der Grundlage von Verfassung (von 1946) und Erziehungsgrundgesetz (von 1947) stehe. Matsuno gehört dem umstrittenen, rechtsnationalistischen Nippon Kaigi an. Das Edikt wird von drei Grundgedanken geprägt: daß Japans Tugend seit ewigen Zeiten mit dem Kaiserhaus verbunden ist; daß Japan nur gedeihen wird, wenn es in Treue zum Kaiser und dessen Vorfahren steht; und daß die Untertanen gegebenenfalls dem Kaiser tapfer und bis in den Tod dienen sollen.
Wenige Tage zuvor wurde bekannt, daß im neuen staatlichen Lehrplan für japanische Mittelschulen ab 2021 Bajonettfechten (Jūkendō 銃剣道) als Wahlmöglichkeit im Sportunterricht aufgeführt wird. Bajonettfechten gehörte in Japan vor dem Zweiten Weltkrieg zur paramilitärischen Ausbildung. Seit 1980 wird es auf dem Nationalen Sportfest (Kokutai 国体) als Kampfsport praktiziert, allerdings nach Recherchen der Mainichi Shinbun zur Zeit nur an etwa 15 Oberschulen und einer Mittelschule gelehrt (natürlich nicht mit echten Bajonetten — es handelt sich um Holzatrappen mit gepolsterter Spitze ähnlich wie beim „echten“ Kendō). Bislang wurde es im Lehrplan nicht erwähnt, weil es eben nur eine sehr kleine Anhängerschaft — meist Angehörige der Selbstverteidigungsstreitkräfte — hatte. Diese haben bei der öffentlichen Anhörung zum neuen Lehrplan offenbar alle Kräfte mobilisiert, um die Aufnahme in den Kampfsport-Kanon durchzusetzen. Der Verband des Bajonettfechtsports sieht sich nun im Aufwind und bezeichnet seinen Sport als pädagogisch wertvollen Beitrag zur „Menschenbildung“ (Ningen Keisei 人間形成). Im historischen Gedächtnis innerhalb und außerhalb Japans herrscht ein anderer Eindruck vor; Bilder, die japanische Soldaten dabei zeigen, wie sie an chinesischen Kriegsgefangenen Bajonettangriffe üben, sind immer noch gegenwärtig. Japans Regierung bestritt dennoch auf Anfrage aus der Opposition, es handele sich bei der Aufnahme in den Lehrplan um eine Rückkehr zum Militarismus der Vorkriegszeit.
Eine ähnliche Argumentation verfolgt die Regierung auch gegenüber dem Gebrauch des Kaiserlichen Erziehungsedikts von 1890. Ins Gerede kam dieses von den USA während des Zweiten Weltkriegs als ideologische Grundlage des japanischen Imperialismus identifizierte und seither von Generationen von Japanologen analysierte und sezierte Dokument, weil es ein dem Ministerpräsidenten Abe Shinzō 安倍晋三 und seiner Ehefrau nahestehender Kindergarten in Ōsaka seine Zöglinge auswendig lernen läßt — so, wie es vor 1945 Brauch war. Vor wenigen Tagen erklärte Japans Kabinett, gegen den Gebrauch des Edikts im Unterricht spreche nichts, solange man sich im übrigen an Verfassung und Erziehungsgrundsetz halte.
Das Muster ist in allen diesen Fällen unschwer zu erkennen: Keine offizielle Empfehlung, aber nichts spricht dagegen …
Diese vorgebliche Laisser-faire-Haltung der gegenwärtigen Regierung ist neu. Noch unter dem erzkonservativen Ministerpräsidenten Nakasone Yasuhiro wäre sie undenkbar gewesen. Im Mai 1983 erklärte dessen Kultusminister vor dem Parlament, das Edikt passe nicht zum Geist der Nachkriegserziehung, und unterband Versuche, es im Unterricht zu nutzen.
Gegen die jetzt von der Regierung Abe propagierte Verharmlosung des alten Edikts regt sich Widerstand. Selbst die ganz sicher nicht als linksliberal geltende Wirtschaftszeitung Nihon Keizai Shinbun erinnert in ihrem Kommentar daran, daß das japanische Parlament 1948 mit gutem Grund nicht nur einige Stellen, sondern den gesamten Text des Edikts von 1890 außer Kraft gesetzt hat, „weil es offensichtlich nicht zur gegenwärtigen Verfassung paßt, die auf dem Prinzip der Volkssouveränität beruht.“ Die Zeitung folgert: „Es darf keinesfalls als heilige Schrift der Moralerziehung wieder ins Leben gerufen werden.“
Aber genau das sehen einflußreiche Kräfte in Japans Regierung und den sie stützenden Bewegungen anders. Was sie anstreben, ist eine neue Bildungspolitik, welche den Geist der Verfassung von 1946 Schritt für Schritt aushöhlt.

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Deutsche Universitäten: Namen sind Schall und Rausch

20 Jahre lang haben die Studenten der Universität Düsseldorf seinerzeit darum gekämpft, ihre Universität in „Heinrich-Heine-Universität“ umbenennen zu dürfen. Und sie haben gesiegt: 1988 erfolgte die offizielle Umbenennung.
Möglicherweise ist das jetzt alles für die Katz. Allerorten begehren Studierende und Aktivisten aus Gründen der politischen Korrektheit gegen die (vor allem) in Deutschland so beliebten Namensgeber ihrer Almae matres auf: In Greifswald soll Ernst Moritz Arndt aus dem akademischen Gedächtnis getilgt werden (der im übrigen zu den Gründungsprofessoren der Universität Bonn gehörte), weil er den jungen Leuten heute nur noch als Antisemit bekannt ist.
Eine ähnliche Bewegung wird nun aus Halle (und der Lutherstadt Wittenberg) gemeldet: Luther sei nämlich auch Antisemit gewesen.
Da ist es logisch, daß demnächst auch der Düsseldorfer Heinrich Heine vom Lehrstuhl gestoßen werden muß. Antisemit war er zwar gewiß nicht. Aber erstens hatte er etwas gegen Polen, zweitens gegen Schwule. Wer’s nicht glaubt, hier einschlägige Verse aus seinem Gedicht „Zwei Ritter“:

Crapülinski und Waschlapski,
Polen aus der Polackei, …

Wie Achilles und Patroklus,
David und sein Jonathan,
Liebten sich die beiden Polen,
Küßten sich: »Kochan! Kochan!«

Keiner je verriet den andern,
Blieben Freunde, ehrlich, treu,
Ob sie gleich zwei edle Polen,
Polen aus der Polackei.

Wohnten in derselben Stube,
Schliefen in demselben Bette;
Eine Laus und eine Seele,
Kratzten sie sich um die Wette.

Nicht zu vergessen der unselige Streit mit August von Platen, den Heine sehr direkt als „mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf“ bezeichnete.
Oh weh, oh weh. Noch ein Patron weniger.
Dann hätten wir als Streichkandidaten noch Schiller (Jena) und Goethe (Frankfurt). Über Friedrich von Schiller heißt es zwar vorwurfsvoll:

Er tat so, als hätten Nichtjuden keine Probleme mit Juden, als habe es keine Hetze, Unterdrückung und Pogrome bis in seine Gegenwart hinein gegeben. Dieser Realität entzog er sich weitgehend wie sein Dichterfreund Goethe.

Aber immerhin schrieb Schiller den Juden „höchste Unreinlichkeit und ansteckende Seuchen“ zu und nannte sie „das roheste, das bößartigste, das verworfenste Volk der Erde“.
Und auch über Goethe schwebt das Urteil:

Legt man heutige Maßstäbe an, war Goethe ein Antisemit.

Wer suchet, der findet.
Was wir daraus lernen? Nobody is perfect. Und wer es partout nicht erträgt, an einer Universität zu studieren, deren Namensgeber nicht ein makelloser Heiliger gewesen ist, sollte vielleicht überlegen, die Universität zu wechseln.

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Übersetzungen sind Glücksache

Ein Dialog auf einer Website, der tatsächlich so stattgefunden hat — kein Aprilscherz:

thanks to your free Ukulele Lesson ebook , my son (6yrs) is slowly gaining more interest in gambling. so much in order that his older sister (12yrs) can now be heard mastering to play his Ukulele.

Ein anderer Leser fragt nach:

You surely don’t mean gambling?

Ein dritter vermutet:

Well, as long as we’re gambling, my money’s on Google Translate!
Playing–>Gambling

Genialer Einfall. Hier der Beweis, direkt aus Google Translate rekonstruiert:

Und damit erkennen wir: Es wird noch lange Bedarf an menschlichen Übersetzern geben, die sprachliche und kulturelle Kontexte richtig zuordnen können …

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