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Südkorea kämpft gegen Gewalt an den Schulen

Das südkoreanische Bildungsministerium hat eine „Kampagne gegen Gewalt an den Schulen“ (also gegen Mobbing, Bullying usw.; in Japan als ijime bezeichnet) initiiert und dafür ein kindergerechtes Aufklärungsvideo produziert, in dem ein Ukulele spielender freundlicher Hund die Hauptrolle spielt: Er schaut nämlich geflissentlich weg, wenn seine Schulfreunde mißhandelt werden.

Laut den eingeblendeten Statistiken (Stand 2013) trägt die Kultur des Wegsehens zum Problem bei, denn von allen Schülern, die Zeugen von Gewaltakten werden,

  • tun 23,9 % so, als ob sie nichts gesehen hätten
  • helfen 27,5 % nicht, weil sie „damit nichts zu tun“ haben
  • wissen 23,5 % nicht, wie sie helfen können
  • halten es 18 % für möglich, selbst Opfer zu werden

… und 9,5 % aller Opfer versuchen sich das Leben zu nehmen!

Südkorea hat tatsächlich eine der höchsten Selbstmordraten unter Schülern und Jugendlichen weltweit. Deshalb rät das Ministerium, Gewalt in der Schule sehr ernst zu nehmen und die Polizei einzuschalten oder die Beratungsangebote im Internet wie www.stopbullying.or.kr anzunehmen.

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Mori-Kake und Me too: Japans Politiker in Nöten

Der japanischen Bevölkerung ist offenbar der Appetit auf ihre Regierung gründlich vergangen: Seit Wochen purzeln die Beliebtheitswerte der Regierung unter Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 in den Keller. Einer von Abes Vorgängern und innerparteilichen Gegnern, Koizumi Jun-ichirō 小泉純一郎, hält es sogar für nahezu ausgeschlossen, daß Abe im September turnusgemäß als Präsident der Liberaldemokratischen Partei und damit als Ministerpräsident bestätigt wird. Sogar ein Rücktritt Abes noch im Juni wird inzwischen von den Medien für möglich gehalten. Die ehrgeizigen Pläne Abes — darunter v.a. eine weitgehende Verfassungsreform mit Anerkennung der Selbstverteidigungsstreitkräfte als regulärer Armee, eine Japan gefällige Lösung der Nordkorea-Krise und die Zementierung der immer noch nicht florierenden Abenomics rechtzeitig vor den Olympischen Spielen von Tōkyō 2020 — sind damit faktisch Makulatur geworden. Abe gibt jetzt selbst zu, er müsse alles tun, um das Vertrauen der Bevölkerung wiederzuerlangen. Immerhin: Am 14. April versammelten sich 50.000 Menschen vor dem Parlament im politischen Zentrum der Hauptstadt zu einer Massendemonstration, um lautstark Aufklärung zu fordern — und Abes Rücktritt.
In diesen Schlamassel hat sich Japans politische Führung offenbar durch Vetternwirtschaft geritten, deren Aufdeckung der Opposition und den wenigen verbliebenen regierungskritischen Medien die Chance gibt, das System Abe frontal anzugreifen. In der Bevölkerung und den Medien wird der aktuelle Skandalkomplex als „Mori-Kake-Skandal“ (morikake mondai もりかけ問題) diskutiert. Mori-Kake ist eigentlich ein Ausdruck aus der Küche: Kakesoba sind Buchweizennudeln in heißer Brühe, morisoba dagegen in kalter Brühe. Die Ironie des Schicksals will es nämlich, daß der jetzige Skandal sich an zwei zweifelhaften Vorgängen entzündet: Zum einen erhielt eine am äußersten rechten Rand orientierte Privatschule in Ōsaka offensichtlich mit massiver Unterstützung aus hohen politischen Kreisen ein öffentliches Grundstück zum Schleuderpreis als Baugrund; der damalige Schulleiter, der sich auf seine Freundschaft mit Abe und dessen Frau berief, hieß Moritomo. Zum anderen erhielt eine Privatuniversität die begehrte Erlaubnis, eine Fakultät für Veterinärmedizin einzurichten — praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken. Ihr Inhaber gehört gleichfalls zu Abes Freundeskreis gehört und heißt Kake. In beiden Fällen, so stellte sich allmählich heraus, verschwiegen die an diesen Entscheidungen beteiligten Bürokraten gegenüber dem mißtrauischen Parlament wesentliche Informationen über die politischen Hintergründe; es kam sogar zur Fälschung von Dokumenten. Mit anderen Worten: Es riecht nach Begünstigung und Vetternwirtschaft.
In Not geraten ist dadurch nicht nur Abe, der noch letztes Jahr vollmundig versprochen hatte, zurückzutreten, falls ihm oder seiner Frau Einflußnahme auf diese Fälle nachgewiesen werden könne. Auch sein Stellvertreter, Finanzminister Asō Tarō, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, sein Ministerium nicht im Griff zu haben. Verstärkt hat sich dieser Eindruck, seit bekannt wurde, daß sein Staatssekretär mehrfach Journalistinnen sexuell belästigt haben soll. Die Opposition fordert nicht nur seine Entlassung, sondern stellt Asōs Kompetenz bei der Auswahl seiner Mitarbeiter grundsätzlich in Frage. Das stümperhafte Krisenmanagement der Regierung beunruhigt selbst die regierenden Liberaldemokraten. Der Generalsekretär und der Fraktionsvorsitzende der LDP im Oberhaus verlangen jetzt, im Ministerium „die Ärmel aufzukrempeln“ und rasch für Ordnung zu sorgen. Wie international üblich, hat Asō jeden Gedanken an Rücktritt zunächst weit von sich gewiesen.
In dieser Frage ist der Gouverneur der Präfektur Niigata, Dr. Ryūichi Yoneyama 米山隆一, einen Schritt weiter. Er erwägt jedenfalls seinen Rücktritt, nachdem japanische Klatschmedien auch ihm „ein Frauenproblem“ (josei mondai 女性問題) — also eine außereheliche Beziehung — zum Vorwurf gemacht haben. Yoneyama leugnet dieses „Problem“ zwar nicht, weiß jedoch noch nicht, ob es der weiteren Ausübung seines Amtes tatsächlich im Wege steht. Parteipolitisch ist aus diesem Fall übrigens nichts herauszuholen. Yoneyama hat in seinem politischen Leben schon fast alles durchprobiert: Von der LDP über die Partei der Renovation zu den Demokratisch-Progressiven, amtiert er seit 2016 als Parteiloser. Da ist dieser Fall schon nahezu Privatsache.
Ein Fall von Urkundenunterschlagung quält derweil das Verteidigungsministerium. Offensichtlich auf politische Anweisung gingen unter der vorherigen Verteidigungsministerin Inada die Tagesberichte der in den Südsudan und den Irak entsandten Einheiten der Selbstverteidigungskräfte „verloren“. Erst unnachgiebiges Nachbohren der Opposition im Parlament förderte Teile davon wieder zutage. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Regierung die Absicht verfolgt, eine parlamentarische Kontrolle ihrer Aktivitäten zu erschweren. Die Opposition vermutet dies, und damit wäre Japans Demokratie natürlich in höchster Gefahr. Das Schicksal der Regierung Abe hängt jetzt davon ab, ob ihr der Gegenbeweis gelingt.

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Ghibli-Regisseur Takahata Isao ist gestorben

Am 5. April 2018 verstarb Takahata Isao 高畑勲, Mitbegründer und neben Miyazaki Hayao 宮崎駿 wichtigster Regisseur des Anime-Studio Ghibli. Er wurde 82 Jahre alt.
Seit letztem Jahr, so berichten die japanischen Medien, mußte er wegen eines Herzleidens mehrfach im Krankenhaus behandelt werden.
Takahata war einer der führenden Köpfe des japanischen Animationsfilms. International bekannt wurde er zuerst durch seine Beteiligung an der auch in Deutschland ausgestrahlten TV-Serie Heidi. Schon vor der Ghibli-Ära, die 1985 begann, produzierte er Anime-Klassiker wie „Marco“, „Jarinko Chie“ und „Sero-hiki no Gōshu“.
Seine Ghibli-Filme, darunter „Das Grab der Glühwürmchen“, „Ponpoko“, „Die Yamadas von nebenan“ und zuletzt „Prinzessin Kaguya“, sicherten ihm eine Platz in der Geschichte des japanischen Animationsfilms, der vom künstlerischen Anspruch her gleichrangig neben Miyazaki steht, auch wenn sie selten diesele Popularität erlangten. Der Perfektionist Takahata brauchte stets viel Zeit für seine Filme — in jedem Fall jedoch lohnte sich das Warten.
Takahata setzte sich für die Wiederentdeckung des Filmtheoretikers Imamura Taihei 今村泰平 ein, auf dessen Manga-Theorie er den Versuch stützte, die Ästhetik des japanischen Manga aus der japanischen Kunstgeschichte herzuleiten.
Wie Miyazaki engagierte sich Takahata früh gesellschaftspolitisch; bekannt (und leider ignoriert) wurde etwa seine frühe Ablehnung der Kernenergie.

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Thronbesteigung: In erster Linie Männer …

Bei der für 2019 geplanten Inthronisation des gegenwärtigen Kronprinzen zum neuen japanischen Kaiser (sokui no rei 即位の礼) dürfen nur männliche Mitglieder des Kaiserhauses anwesend sein. So fordert es laut Kabinettsminister Suga das Herkommen. Es ist aber gut möglich, daß von den amtierenden Ministerinnen jemand teilnimmt — als erste Frauen in der Geschichte des japanischen Kaisertums überhaupt. Zur Zeit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers gab es noch keine Frauen im Kabinett.
 Bei der Zeremonien erhält der neue Kaiser die Insignien seiner Macht überreicht.
 Angesichts des eklatanten Frauenüberschusses im Kaiserhaus fragt sich allerdings, wie lange der Ausschluß der Frauen noch durchgehalten werden kann.
 

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Japaner in Geldnöten: Armani als Grundschuluniform? Prinzessin-Bräutigam pleite?

Auf der Homepage der Taimei-Grundschule 泰明小学校 in Tōkyōs Stadtteil Chūō findet sich der Hinweis auf eine Erklärung des Schulleiters Wada Toshitsugu „zur Information über die neue Standard-Schuluniform“. Der Inhalt ist obskur: Es tue ihm leid, von den Medien mißverstanden worden zu sein, und er werde zur Bekämpfung von Gerüchten allen Betroffenen die Lage „sorgfältig erklären“.
Das „Gerücht“, um das es geht, erregt nun allerdings nicht nur die Medien, sondern sogar Japans Parlament: Der Schulleiter hat sich dafür entschieden, ab April 2018 neue Schuluniformen einzuführen. Entworfen wurden sie von Armani. Der Stückpreis beträgt mehr als 80.000 Yen — fast 600 Euro. Es handelt sich, wohlgemerkt, um eine öffentliche Grundschule.
Aber, so der Schulleiter, eine ganze besondere Grundschule: Gegründet vor 139 Jahren, gelegen auf der Ginza — Tōkyōs Nobel-Einkaufsmeile. Eine „Pilotschule ihrer Zeit“ soll sie sein, die „Tradition und Stil“ (伝統と風格 dentō to fūkaku) miteinander verbinde, ihre Schüler „schönes Japanisch“ lehre und zudem mustergültig auf die Olympischen Spiele von 2020 vorbereite. Stilvolle Elite also. Was den Schulleiter dazu berechtigte, wie er meinte, sich bei den Modedesignern in der Umgebung der Schule nach einem angemessenen Uniformschnitt umzusehen. Armani versprach zu liefern. Im November gab die Schule dies den Eltern bekannt. Allerdings ohne den Preis zu nennen. Er liegt zweieinhalbmal so hoch wie bisher.
Daraufhin hagelte es Elternbeschwerden, die nun auch ihren Weg ins japanische Parlament gefunden haben. Der zuständige Bildungsausschuß bedauerte, daß der Schulleiter diese Entscheidung ohne Beteiligung der Eltern getroffen habe, und forderte ihn auf, sich zu erklären. Das hat er jetzt ja auch angekündigt. Aber die Botschaft ist ja ziemlich klar: Wer sich traut, sein Kind in der Ginza einzuschulen, sollte auch das nötige Kleingeld betreithalten.
Dies gilt auch dann, wenn man sein Kind mit einem Mitglied der Kaiserlichen Familie verheiraten will. So stellt sich die Situation jedenfalls dar, seit die für November angekündigte Verlobung von Prinzessin Mako, der 26-jährigen ältesten Enkeltochter des regierenden Kaisers Akihito, auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Japanische Medien sehen den Grund für diese außergewöhnliche Ankündigung in der Mittellosigkeit ihres Bräutigams: Die Mutter des jungen Bürgerlichen hat, wie Ende 2017 berichtet wurde, es nicht geschafft, ihrem ehemaligen Lebensgefährten ein Darlehen von 4 Mio. Yen (knapp 30.000 Euro) zurückzuzahlen. Mit diesem Geld, so die Medien, habe die früh verwitwete Mutter die Ausbildung ihres Sohnes finanziert. Als die Beziehung zerbrach, habe ihr Ex-Freund das Geld vergeblich zurückgefordert. Die Summe scheint lächerlich gering, doch für Japans noble Gesellschaft ist sie Anlaß genug für ernste Sorgen: Nach ihrer Heirat würde die Prinzessin das Kaiserhaus formal verlassen, und ihre neue Familie wäre für den Rest ihres Lebens verantwortlich dafür, ihr ein standesgemäßes (wenngleich bürgerliches) Leben zu gewährleisten — mit den Extras, die naturgemäß dazugehören (Personenschutz vor aufdringlichen Journalisten z.B.). Die Hochzeit mit einem Habenichts wäre also eine erhebliche Belastung für das Kaiserhaus und den japanischen Steuerzahler, die ja letztlich einspringen müßten. Keine guten Aussichten also für eine Liebesheirat.
Zusätzliche Warnsignale sendet der Zustand der Ehe der 29-jährigen Prinzessin Noriko mit einem Bürgerlichen, die, 2014 geschlossen, kurz vor dem Scheitern stehen soll. Der 15 Jahre ältere Ehepartner ist Erbe des Hauptpriesters des Großschreins von Izumo 出雲. Geld spielt hierbei keine Rolle. Der Mann gilt jedoch als kränklich, und seine in Tōkyō aufgewachsene Frau findet wohl auch wenig Gefallen am Leben im traditionsreichen, aber einsam gelegenen Schrein. Sie hält sich wohl lieber in der vertrauten Hauptstadt auf.
„Tradition und Stil“ — ganz offensichtlich geht diese Verbindung eben doch am ehesten auf der Ginza zusammen.

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Mit „Hello Kitty“ und Atomkraft ins neue Jahr

Nordkoreas Staatsfernsehen läutete das Neue Jahr natürlich mit Pomp und Gloria ein. In der begeisterten Volksmenge, die in Pyongyang dem festlichen Feuerwerk beiwohnen durfte, befanden sich auch zwei schick gekleidete junge Frauen mit einem großen Ballon in Form einer rosa Katze, die sehr stark an das japanische „Hello Kitty“ erinnert.

Ballons dieser Art findet man in Ostasien auf vielen Jahrmärkten und touristischen Schauplätzen. Die wenigsten stammen tatsächlich aus Japan. Aber immerhin: Sie sehen so aus, wie sich die Menschen in aller Welt inzwischen japanische Popkultur vorstellen. Auch die wohlerzogene Jugend Nordkoreas, das offiziell Japan zum Erbfeind erklärt hat, den man mit der eigenen Atombombe gern im Meer versenken will, scheint doch einen gewissen Hang hierzu zu verspüren.
Möge das Jahr für alle Beteiligten in Ostasien mit friedlichen rosa Katzen gesegnet sein. Obwohl es ja eigentlich das Jahr des Hundes ist.

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