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Japan: Pressefreiheit nach wie vor mittelmäßig

Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen hat im April 2019 ihre Rangliste der Pressefreiheit in 180 Ländern für 2018 veröffentlicht. Die Lage der ostasiatischen Länder ist darin fast unverändert. Südkorea hat etwas Boden gutgemacht und rangiert nun vor Taiwan auf Platz 41; die VR China ist um einen Platz auf Rang 177 zurückgefallen, ganz in der Nachbarschaft von Vietnam (176.) und Nordkorea, das die Rote Laterne an Turkmenistan abgeben durfte. Japan belegt unverändert den ziemlich mäßigen 67. Platz. Wir erinnnern uns dunkel: vor 2011 war Japan stets in der Welt-Spitzengruppe … aber das scheint inzwischen in Japan niemand mehr aufzuregen. Insgesamt muß man konstatieren: Ostasien ist weiterhin ein Sorgenkind, was die Pressefreiheit angeht.

Index der Pressefreiheit (Quelle: Reporter ohne Grenzen)

JahrJapanSüdkoreaTaiwanVR China
2018674142177
2017674342176
2016726345176
2015616051176
2014595750175
2013535047175
2012595750174
2011224445174
2010124248171

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Darüber lacht ganz Japan: Der olympische „Regenschirm-Hut“

Ende Mai 2019 stellte die Gouverneurin von Tōkyō, Koike Yuriko 小池百合子, der Öffentlichkeit den Prototyp einer neuartigen Kopfbedeckung vor: Es handelt sich um einen Sonnen- und Regenschirm, der auf dem Kopf getragen werden soll (kaburu kasa かぶる傘). Koike glaubt, dadurch die Besucher der Olympischen Sommerspiele von Tōkyō 2020 vor dem Sonnenstich bewahren zu können.

Das japanische Publikum findet dafür seither jede Menge Spott und Hohn. Auf Girls Channel, einem Meinungsforum für junge Frauen, fanden die Ansichten, dies sei „uncool“, „lächerlich“ oder „peinlich“, jeweils 99 % Zustimmung.
Einige verwiesen auch darauf, daß es ein solches Kleidungsstück bereits gegeben habe, nämlich in der Edo-Zeit:

Die traditionelle Kopfbedeckung aus Stroh hieß übrigens auch kasa, wurde jedoch mit einem anderen Schriftzeichen geschrieben, nämlich 笠.
Wie hat Marx so schön formuliert: Geschichte wiederholt sich, aber beim zweiten Mal kommt sie als Komödie …

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Umgekehrte Ampel: Neue Reservierungsanzeige der JR East

Wer in jüngster Zeit in neueren Zügen der japanischen Eisenbahngesellschaft JR East JR東日本 unterwegs war, wird sich vielleicht über die neue Reservierungsanzeige gefreut haben. In älteren Zügen sind die Wagen in solche mit und ohne Reservierungen getrennt (Shiteiseki 指定席 bzw. Jiyūseki 自由席); es gab jedoch keine Anzeige an einem einzelnen Sitzplatz, ob er belegt war. Viele neuere Züge sind jetzt grundsätzlich reservierungspflichtig, so daß die alte Aufteilung entfällt. Wer sie dennoch ohne Reservierung benutzt (darunter vermutlich auch viele Touristen mit JR-Railpaß), kann sich jetzt jedoch an der elektronischen Reservierungsanzeige grob orientieren. Sie funktioniert wie eine umgekehrte Ampel: Eine rote Leuchte über dem Sitz bedeutet einen freien Sitz; grün bedeutet, daß der Sitz reserviert ist; orange bedeutet, daß er im Augenblick zwar frei, aber ab dem nächsten Bahnhof belegt ist. Reichlich konterintuitiv also. Aber besser als nichts.

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Was in der neuen Zeit selbstverständlich sein sollte

Die Stadtverwaltung von Kyōto 京都 hat im April 2019 in den öffentlichen Räumen und Untergrundbahnhöfen ein Plakat aufhängen lassen mit dem Titel: „Gemeinsam leben — Selbstverständlichkeiten des neuen Zeitalters“. Damit wollte sie ihre Bürger auf den bevorstehenden Thronwechsel einstimmen. Das Bild zeigt friedlich unter blühenden feiernde Menschen unterschiedlicher Ethnizitäten (eine Frau mit Kopftuch und ein Mann mit Turban sind dabei), zwei gleichgeschlechtliche Paare (einmal weiblich, einmal männlich) beim Stadtbummel, behinderte Menschen, die am öffentlichen Leben teilnehmen, sowie Kinder beim fröhlichen Seilspringen. Zur Erläuterung ist noch folgender Text beigegeben:

Laßt uns ein Zeitalter schaffen, das für die Beseitigung der Diskriminierung von Behinderten, die Beseitigung von Haßreden, die Beseitigung der Buraku-Diskriminierung und für Diversität tieferes Verständnis besitzt, in dem jeder einzelne respektiert und niemand zurückgelassen wird.

Schöner kann man es nicht sagen.

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Kaisertum und Walfleisch

In einer Buchhandlung in Tōkyō ist derzeit ein auf den ersten Blick merkwürdiges Angebot auf den Auslagentischen zu beobachten: Im Hintergrund Bücher über die mit ihrem Mann am 30. April aus dem Amt scheidende Kaiserin Michiko 美智子, die erste Bürgerliche im Kaiserhaus; im Vordergrund Walfleischkonserven aus Ishinomaki 石巻. So wird zusammengebracht, was nur scheinbar zusammengehört.
 Die Kaiserin hat sich schon seit ihrer Zeit als Kronprinzessin für wohltätige Zwecke engagiert. Sie folgte damit dem Vorbild der ersten modernen Kaiserin Haruko (genannt Shōken), der Ehefrau des Kaisers Mutsuhito (Meiji). Dazu gehörte auch, Katastrophengebiete zu besuchen, um den Überlebenden Trost zuzusprechen und staatlichen Beistand, zumindest symbolisch, anzukündigen. Das tat Michiko natürlich auch nach der nuklearen Erdbebenkatastrophe vom März 2011.
 Zu den arg gebeutelten Städten des japanischen Nordostens gehört auch Ishinomaki, eine Hafenstadt, die auch für den dort betriebenen Walfang bekannt war. Dieser geriet lange vor der Katastrophe in internationale und nationale Kritik. Lange versuchte die japanische Walfanglobby, diese darbende Industrie als nationales Kulturgut vor dieser Kritik zu schützen. Der Tsunami bot nun ein hervorragendes neues Argument: Walfang gehört demnach zum nationalen Wiederaufbau. Dieser Wiederaufbau-Nationalismus wurde auf der Rechten publizistisch unterstützt. Unsere Buchhandlung ist ein glänzendes Beispiel dafür.
 Mit Japans Austritt aus der Internationalen Walfangkommission und der Wiederaufnahme des „traditionellen“ Walfangs ist dieses Ziel vordergründig erreicht. Bleibt nur die Frage, ob die japanischen Buch- und Fischkonsumenten den Köder auch schlucken werden.
 
 
 

Walkonserven und Kaiserin-Literatur in einer Buchhandlung in Tokyo (April 2019)

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Von Heisei zu Reiwa: Japan vor der Zeitumstellung

Die Thronübergabe

Am 30. April 2019 wird in Japan die Ära des Kaisers Akihito 明仁 enden. In Anwesenheit der höchsten Vertreter der Drei Gewalten Regierung, Parlament und Justiz wird der 85-jährige Kaiser um 17:00 Uhr formell zurücktreten. Genauer gesagt: Er wird der Verlesung seiner Rücktrittserklärung durch Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 zuhören und noch einige letzte Worte äußern. Dabei sein werden auch seine Frau Michiko 美智子, sein Thronfolger Naruhito 徳仁 (59 Jahre) und dessen Ehefrau Masako 雅子. Es handelt sich um den ersten kaiserlichen Amtsverzicht seit 1817; im geltenden Gesetz über das Kaiserhaus ist dieser Fall noch nicht einmal vorgesehen, so daß er offiziell als Ausnahme bezeichnet wird.
Zwischen 17:10 Uhr und 10:30 Uhr am 1. Mai wird Japan kaiserlos sein. Denn erst dann werden zwei der drei kaiserlichen Regalien, nämlich Edelstein und Schwert (letzteres allerdings nur als Replika, denn das Original befindet sich, wenn überhaupt, im Großschreinen von Atsuta) sowie das kaiserliche Staats- und Privatsiegel dem jetzigen Kronprinzen als dem neuen Herrscher übergeben. (Die dritte Regalie, der Spiegel, bleibt stets im Großschrein von Ise.) Dieser Zeremonie (Kenji tō Shōkei no Gi 剣璽等承継の儀) werden wiederum Vertreter der Drei Gewalten sowie ausgesuchte männliche Mitglieder des Kaiserhauses (nicht aber der Ex-Kaiser) beiwohnen; erstmals in der modernen Geschichte wird eine Frau dabei sein, nämlich die Ministerin für Gleichberechtigung Katayama Satsuki 片山さつき. Um 11:10 Uhr wird Naruhito eine öffentliche Rede halten, in der er vermutlich wie schon sein Vater der geltenden Verfassung seine Treue bezeugen wird. Sein Vater war noch zu Zeiten der Vorkriegsverfassung geboren worden; insofern ist Naruhito der erste „geborene“ „Symbolkaiser“.
Vor dem neuen Monarchen liegen nun Monate mit vielen, größtenteils religiösen (und deshalb offiziell nicht-staatlichen) Zeremonien und Feiern am Hof, aber auch an den Shintō-Schreinen mit besonderer Beziehung zum Kaiserhaus. Am 4. Mai werden Kaiser und Kaiserin sich der Bevölkerung zeigen (Sokuigo Chōken no Gi 即位後朝見の儀). Die offizielle Thronbesteigung wird in Anwesenheit auch ausländischer Staatsgäste erst am 22. Oktober stattfinden (Sokuirei Seiden no Gi 即位礼正殿の儀). Am 14. und 15. November wird der Kaiser seinen Ahnen die Thronübernahme formell melden und ein rauschendes Fest veranstalten (Daijōkyū no Gi 大嘗宮の儀). Es folgen dann immer noch ein paar Events, aber das Wichtigste ist dann geschafft.
Eine Konfiserie in Kyōto wirbt mit der neuen Regierungsdevise Reiwa 令和 (April 2019)
Eine Konfiserie in Kyōto wirbt mit der neuen Regierungsdevise Reiwa 令和 (April 2019)

Reiwa: Die neue kaiserliche Devise — „Laßt uns in Ruhe!“

Wie die mit der Thronübergabe anbrechende kaiserliche Zeitrechnung lauten würde, blieb bis einen Monat vor ihrem Beginn den meisten Japanern verborgen. Am 1. April trat Japans Kabinettsminister Suga vor die Presse und hielt eine Tafel hoch, auf der zwei Schriftzeichen prangten, mit welchen die von der Regierung soeben beschlossene Devise für die am 1. Mai anbrechende neue Zeitrechnung Japans geschrieben werden soll. Die Zeichen lauten „Reiwa 令和“, ein Wort, das es in der bisherigen japanischen Sprache noch gar nicht gegeben hat. Eifriges Suchen brachte sogar zutage, daß bislang weder ein Ort noch ein Unternehmen desselben Namens existieren. Ein Universitätsprofessor geriet jedoch ungewollt in die Schlagzeilen, da sein Vorname mit denselben Schriftzeichen geschrieben, allerdings „Norikazu“ gelesen wird. Ein Kollege beschrieb ihn als „sanft, bescheiden und exzellent“ — und als Experten für Verfassungsrecht.
Das ist gleichsam eine Pointe. Denn Verfassungsrechtler sehen das Auswahlverfahren insgesamt als durchaus problematisch an, da das Parlament nicht beteiligt wird. Das Verfahren zur Festlegung der Regierungsdevisen ist in einem Gesetz von 1979 geregelt, das der Regierung sehr freie Hand läßt: Es sieht schlicht ihre Verkündung durch Regierungserlaß vor. Kritiker sprachen gar von einer „Privatisierung“ des Verfahrens durch Premierminister Abe. Die Regierung stellte diesmal nach eigenem Gutdünken eine Findungskommission zusammen, die der Regierung unter strenger Geheimhaltung eine Liste mit sechs Kandidaten zur Auswahl vorlegten. Als Kandidaten kommen stets nur Schriftzeichen in Frage, die einfach zu schreiben und einfach zu lesen sind und deren Kombination kein bislang geläufiges Wort der Umgangssprache darstellt und zugleich einen Bezug zu klassischen Texten besitzt. Die Regierung entschied sich für zwei Schriftzeichen, die aus einer altjapanischen Gedichtsammlung stammen. Das Kabinett beschloß die neue Devise anschließend in einer Sondersitzung, und der amtierende Kaiser Akihito unterzeichnete und besiegelte diese Kabinettsverordnung persönlich. Dies ist in der modernen Geschichte ein Novum, da der Devisenwechsel bislang erst nach dem Ableben des regierenden Kaisers erfolgte. Daß ein Kaiser die Devise seines Nachfolgers regelt, war so an sich nicht vorgesehen. Sein Sohn, Kronprinz Naruhito, der letztlich mit dem neuen Motto leben muß, wurde vor der öffentlichen Verkündigung vom Palastamt informiert. Auch 195 Staaten der Welt erhielten Nachricht über die neue Devise; eine inhaltliche Erklärung werde man nachliefern, versprach Außenminister Kōno Tarō 河野太郎.
Unmittelbar nach der mit Spannung erwarteten und auf fast allen Fernsehkanälen live übertragenen Ankündigung (kunstvoll um ein paar Minuten verzögert) setzte im ganzen Land eine heftige Reaktion ein. Laut dem Staatsrundfunk NHK waren die ersten, die sich professionell auf die neue Devise einstellten, Japans Stempelschneider. Denn Stempel gehören in diesem Land zu den unverzichtbaren Accessoires jedes privaten oder öffentlichen Geschäftsabschlusses. Natürlich kamen als nächstes die Kalenderdrucker. Zeitungen erstellten Sonderausgaben. In einem Schwimmbad in der Präfektur Shizuoka wurde eine Robbe dazu gebracht, die neue Devise mit einem Pinsel im Mund vor dem begeisterten Publikum aufzuschreiben. Ähnliches vollbrachte wenig später ein Elefant in einem Zoo in der Präfektur Chiba. Straßenzüge in Tokyo wurden mit Papierlaternen geschmückt, auf die „Reiwa“ aufgedruckt war. Auf Berghängen, die mit dem Mythos der Kaiserfamilie verbunden sind, errichtete man die Schriftzeichen in Großformat. Verschiedene Firmen gaben ihre Umbennung in „Reiwa“ bekannt. Ein Sumoringer ließ verlauten, er werde sich bemühen, den Geist der neuen Zeit zu verkörpern. Auf der fernen Insel Hokkaidō 北海道 versammelten sich 130 Oberschüler, um in ihrem Kalligrafie-Zirkel das neue Wort zu üben. Die neue Devise sei als Mädchenname besonders geeignet, teilte ein Kalligrafie-Meister mit, und tatsächlich sagten Schwangere in Interviews zu, dies bei der Namenswahl für ihren Nachwuchs zu berücksichtigen. Bislang schon war das erste Schriftzeichen z.B. im Mädchennamen „Reiko“ durchaus geläufig.
Aber in einer kaiserlichen Devise kam „rei“ noch nie vor. Anders als „wa“ („Harmonie, Friede, Japan“), das schon zum 20. Mal eingesetzt wird. Das liegt auch an der geläufigen Bedeutung von „rei“, nämlich „kommandieren, befehlen“. Die ersten Interpretationen waren deshalb auch wenig angetan: „Harmonie/Frieden/Japan befehlen“? Das klang nicht sonderlich überzeugend.
Falsch, sagte da Premierminister Shinzō Abe, dem getreu seiner nationalistischen Grundhaltung großes Interesse nachgesagt wird, daß diesmal ein Motto aus einem japanischen Klassiker ausgewählt wurde und nicht wie bisher aus einem chinesischen: Die neue Devise bedeute, „daß Kultur geboren und gepflegt wird, während die Menschen schön und freundlich sind.“ Die Quelle dieses Mottos, die Gedichtsammlung Man-yōshū 万葉集 aus dem 8. Jh. n. Chr., sei eben kein Produkt einer Elitekultur, sondern von Menschen ganz unterschiedlichen Standes geschaffen worden und damit ein Symbol „der reichen Volkskultur und ihrer langen Tradition“.
Die Stelle im Man-yōshū, auf die Abe so stolz ist und aus der die Zeichen stammen, lautet wörtlich:

Im schönen Monat zu Frühlingsbeginn war die Luft rein und der Wind besänftigte sich …

„Schön“ ist hier mit dem Schriftzeichen „rei“ und „sich besänftigen“ mit „wa“ geschrieben, die man für die neue Devise also ziemlich frei miteinander verbunden hat. Das Gedicht, dem Adligen Ōtomo no Tabito 大伴旅人 zugeschrieben, ist übrigens insgesamt ein Trinklied beim Betrachten der Pflaumenblüte, was dem Pathos des Premiers eine gewisse Würze verleiht. So ähnlich wie in dem berüchtigten deutschen Kommerslied: „In diesen lust’gen Hallen / herrscht Langeweile nicht; / Wir trinken, bis wir lallen / nach alter Teutscher Pflicht.“
Allerdings wies die Redaktion des renommierten Iwanami-Verlags 岩波書店, der nun wirklich zu den wichtigsten Bewahrern der langen Tradition japanischer Kultur gehört und entsprechend auch das Man-yōshū verlegt hat, per Twitter gleich darauf hin, daß sich im Kommentarteil dieser Stelle auch ein Hinweis darauf findet, daß dieses Zitat tatsächlich einem chinesischen Klassiker des 2. Jhs. entlehnt ist, das in Japan seinerzeit wohlbekannt war. Sein Verfasser war Zhang Heng 張衡, ein Naturwissenschaftler, der als Erfinder des ersten Seismoskops und als Urheber einer wichtigen chinesischen Kalenderreform bekannt ist. Insofern ein durchaus berufener Gewährsmann für eine japanische Kalenderreform. Freilich hat Zhang Heng sein Gedicht geschrieben, als er des korrupten Treibens am chinesischen Kaiserhof überdrüssig geworden war und nur noch den Wunsch hegte, in die friedliche Natur seiner Heimatprovinz zurückzukehren. In einer ähnlichen Gemütslage befand sich wohl auch Ōtomo no Tabito.
Aber selbst das paßt recht gut zur Stimmung im heutigen Japan. Abes Verweis auf die traditionelle japanische Kultur und ihren Hang zu Schönheit und Sanftmut bildet schon einen rechten Kontrast zum wenig schmeichelhaften Image, das er und die übrige Politikerzunft unter ihren Landsleuten genießen. Auch wenn politische Geister Abe mit dem Brimborium um die neue Devise ein gigantisches Ablenkungs- und Manipulationsverfahren vorwerfen: Die Sehnsucht nach einem Land, in dem die Pflaumen ewig blühen und die Winde sanft säuseln, mag man getrost als nationales Anliegen bezeichnen. So ergibt sich auch, ganz überraschend, eine Lesart der neuen Devise, die konsensfähig und zugleich ziemlich wörtlich sein dürfte:

Laßt uns in Ruhe!

Das hat man so von Japan ganz sicher noch nie gehört.
Die Polizei von Kyōto appelliert an ihre Bürger, unfallfrei in die neue Zeit zu kommen (April 2019)
Die Polizei von Kyōto appelliert an ihre Bürger, unfallfrei in die neue Zeit zu kommen (April 2019)

„Happy New Era“: Zehn Tage Zwangsurlaub

Medien, Shintō-Schreine und Kaufhäuser versuchen tapfer, das japanische Publikum für die Feierlichkeiten zu begeistern. Sie erhoffen sich gute Umsätze. Zeitschriften und Bücher mit Rückblicken auf die Heisei-Zeit sind erschienen, ebenso Aufforderungen an die Jugend, die neue Zeit mit neuem Geist zu füllen. Wie auch immer. Aber die meisten Japaner haben für solche Dinge wenig Zeit und haben durchaus ihre Mühe damit, in Euphorie zu geraten. Am 27. April, einem Sonnabend, begann für die Japaner eine ungewöhnlich lange Ferienzeit, die allerdings von nicht wenigen als Zwangsbeglückung empfunden wird. Denn die Regierung Abe entschied, den Tag des Thronwechsels, den 1. Mai, zum Feiertag zu erklären. Gesetzlich gilt, daß ein Tag, der zwischen zwei Feiertagen liegt, gleichfalls Feiertag zu sein hat. Da bereits der 29. April (Geburtstag des Kaisers Shōwa), 3. Mai (Verfassungstag) und 5. Mai (Tag der Kinder) Feiertage sind, ergibt sich erstmals in der Geschichte eine lückenlose Folge von zehn arbeits- und schulfreien Tage vom 27. April bis 6. Mai. Hunderttausende Japaner nutzen diese Zeit, um zu verreisen. In der Folge sind Flug- und Hotelpreise auf das Mehrfache der normalen Werte gestiegen. Der positive Effekt für die Regierung: Es sind weniger Menschen in Tōkyō, was die Sicherheitslage begünstigt. Der negative Effekt: Es können weniger Menschen zum Fähnchenschwenken mobilisiert werden. Selbst die Fahnen an den staatlichen Schulen, denen Beflaggung vorgeschrieben wurde, werden deshalb von den Hausmeistern gehißt werden müssen. Der Urlaub ist wichtiger, und die Regierung hat es ja schließlich selbst so gewollt. Den neuen Kaiser kennt und respektiert man, aber daß seine Thronbesteigung angesichts seiner gegen Null gehenden Gestaltungsmöglichkeiten einen echten Wandel in Japan bedeuten wird, glaubt wohl niemand wirklich. Viel mehr beschäftigt die Bevölkerung die Frage, wie oft es wohl noch einen Thronwechsel geben wird, wenn man mit den bisherigen Regeln weitermacht. Es fehlt einfach an männlichem Nachwuchs. Eine rechtsgerichtete Zeitschrift unkte: Die einzigen, die mit der Situation des Kaiserhauses zufrieden sein können, sind die Kommunisten — denn sie haben früher stets die Abschaffung des Kaisertums gefordert und können nun ganz in Ruhe zusehen, wie es sich auf natürliche Weise abschafft.
Aber noch ist es nicht so weit. Das Elektronik-Kaufhaus BigCamera beschenkt seine Kunden zur Zeit mit Kalendern und T-Shirts unter dem Slogan:

Happy New Era — Herzlich willkommen (Yōkoso), Reiwa!

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