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Ostasien rüstet 2017 weiter auf

Das Jahr 2017 beschert den Militärs in Japan und Südkorea nach dem Willen ihrer Parlamente Haushalte in Rekordhöhe — und schließt sich damit nahtlos an die Tendenz der Vorjahre an. Auch für China wird eine weitere Steigerung erwartet. Die Erhöhungen in Japan und Südkorea sind im wesentlichen der massiven chinesischen Aufrüstung seit 15 Jahren geschuldet, als China erstmals mehr Geld in die Rüstung steckte als Japan. Erwartet wird zudem, daß der neue US-Präsident Trump die amerikanischen Verbündeten zu weiteren Aufstockungen zwingen wird. Sicherer wird die Region durch diese Entwicklung gewiß nicht.

Militärausgaben der ostasiatischen Länder und Deutschlands 1989-2015 nach SIPRI in Mio. USD (teilweise geschätzt)

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„Das Alte kehrt zurück und verhöhnt das Neue“ — Eine Analyse der Rede von Abe Shinzō

In seiner Rede vom 27. Dezember zitiert Abe ein Gedicht von Ambrose Bierce (1842–1914), in dem dieser nach dem nordamerikanischen Sezessionskrieg von seinen siegreichen Landsleuten Respekt vor den Toten der Südstaaten einforderte. Ob Abe das gesamte Gedicht mit dem Titel „To E. S. Salomon“ gelesen hat, ist fraglich. Doch es paßt durchaus zu seiner Rhetorik der großherzigen Versöhnung. Denn Bierce warnt den Sieger davor, sich auch für moralisch überlegen zu halten, und predigt einen Werterelativismus, mit dem auch Abe keine Schwierigkeiten hätte:

What if the dead whom still you hate | Were wrong? Are you so surely right? … The years go on, the old comes back | To mock the new …

„Das Alte kehrt zurück und verhöhnt das Neue“ — in der Tat ein treffliches Motto für Abes Rede.

Pearl Harbor in Technicolor

Die Rede beginnt mit pathetischem Kitsch: Die historische Kulisse — blaue Bucht, weiches Licht, das ewige Meer. Abe evoziert die Geister patriotischer Soldaten, deren Hoffnungen auf ein gutes Leben jäh von japanischen Bomben zerstört wurden. Das Flammenmeer vor seinem geistigen Auge macht ihn (natürlich nur vorübergehend) sprachlos und traurig. So ähnlich hätte es wohl jeder Hollywood-Film auch dargestellt.
Doch ihr Opfer war nicht umsonst: Japan, der alte Feind, hat dem Krieg abgeschworen, und Abe erneuert diesen Schwur vor den Toten. Warum genau, erwähnt er nicht. Daß Japan erst eine totale militärische Niederlage erleiden mußte, daß seine eigenen Städte von amerikanischen Bombern unter dem Motto Rache für Pearl Harbor in Klump und Asche gelegt werden mußten — bleibt unerwähnt.

Der Krieg begann also in Pearl Harbor?

Der Krieg, so Abe, begann in Pearl Harbor. Und damit schreibt er an dem Mythos weiter, den er und seine Gesinnungsgenossen von ihren Großvätern übernommen haben. Als gäbe es keinen Zusammenhang zwischen dem japanischen Krieg gegen China und dem japanisch-deutschen Bündnis, als hätten die USA nicht auch dafür gekämpft, China und Korea und Südostasien von japanischer Aggression zu befreien. Rache für Pearl Harbor — das war tatsächlich ein Motiv für viele junge Amerikaner, die sich zum Kriegsdienst meldeten. Aber für ihre Vorgesetzten und für die zivile Führung stand dies niemals im Zentrum ihrer Kriegsziele. Pearl Harbor ist nur die Kulisse für etwas Größeres, über das Abe hier geflissentlich schweigt.

Meine Krieger, deine Krieger

Nicht zufällig spricht Abe dagegen über den Mut der eigenen Krieger, die gleichfalls nur ihre Patriotenpflicht getan hätten — der Aggressor ist seinem Opfer also moralisch gleichwertig. Der Marineflieger Iida Fusata, der sich, nachdem er keine Chance mehr hatte, zu seinem Flugzeugträger zurückzukehren, mit seiner Maschine auf die Amerikaner stürzte, wird in interessierten Kreisen gern als erstes Beispiel eines Kamikaze-Fliegers betrachtet. Abe sieht auf beiden Seiten nur Helden, denen Respekt gebührt. Die Tapferen ehren die Tapferen. Wenn er das so sagt — als Enkel eines Kriegsverbrechers –, dann klingt das in der Tat nach Relativismus. Und nach Hurrapatriotismus. Right or wrong, my country

Die Größe des Verlierers

Die USA haben gesiegt, und sie haben den Verlierern, wie Abe sagt, die Hand zur Versöhnung gereicht. Das haben die Japaner nicht erwartet, das hat sie moralisch überwältigt und zu Freunden der Amerikaner gemacht. Abe nennt dies „Großmut“ oder „Großherzigkeit“ — auf japanisch kan-yō 寛容, was hier definitiv nicht „Toleranz“ bedeutet. Anders gesagt: Die USA haben auf die Logik von Vergeltung — die Kette des Hasses, der neuen Haß erzeugt, wie Abe sagt — verzichtet. Damit haben sie die Herzen der Japaner gewonnen.
Es ist gut und richtig, daß Abe dies so darstellt. Aber hinter diesen Worten ist auch der Trotz des Verlierers zu spüren: Stolz sei Japan darauf, sich (dank der amerikanischen Großmut) nach dem Krieg positiv verändert zu haben. Dankbar sei es für die amerikanischen Wohltaten.
Punkt.
Kein Wort der Abbitte.
Warum auch? Japan hat 1941 nach Abe schließlich nichts Verwerfliches getan … und nach 1945 das Richtige getan, nämlich die ausgestreckte Hand des Siegers ergriffen und sich aus der Tiefe der Niederlage hochziehen lassen, umarmen lassen, einbinden lassen in ein Bündnis, das ein leuchtendes Beispiel für alle Welt geben soll.
Völker der Welt, seht auf dieses Bündnis. Die Amerikaner sind so großartig, ihr dürft sie gern überfallen und anschließend mit Großmut und Freundschaft rechnen. Wir Japaner bürgen dafür.

Was Schubert gesagt hätte

In all dieser Logik fehlt dann vielleicht doch das rechte Verständnis dafür, was den Japanern nach 1945 wirklich geschenkt wurde. Nämlich Gnade.
Haben sie, haben die japanischen Marineflieger wie Iida Fusata sich eine ehrenvolle Behandlung durch die Amerikaner verdient? Haben sie sich Anspruch auf Vergebung und Freundschaft erworben, z.B., indem sie ihrerseits die amerikanischen Kriegsgefangenen gut behandelt oder in Japan Denkmäler für die Opfer von Pearl Harbor errichtet hätten?
Nicht wirklich.
Es war unverdiente Gnade — überaus politisch-strategisch motiviert und rational nachvollziehbar, zweifellos. Aber dennoch Gnade.
Vielleicht sollte der nächste japanische Ministerpräsident in Pearl Harbor, wenn er denn unbedingt eine Rede halten will, sich lieber an Franz Schubert halten und einfach sagen:
Nur danken kann ich, mehr doch nicht.

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Rede von Ministerpräsident Abe in Pearl Harbor

75 Jahre nach dem japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii hat Japans Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 diesen Ort gemeinsam mit US-Präsident Barack Obama besucht und dort am 27.12.2016 folgende Rede gehalten. Eine Analyse habe ich hier veröffentlicht.

Ich stehe jetzt hier, in Pearl Harbor, als Ministerpräsident von Japan. Wenn man die Ohren spitzt, hört man das Geräusch der Wellen, die sich brechen und wiederkehren. Die blaue, stille Bucht, beschienen von dem weichen Licht der untergehenden Sonne. Hinter mir, über dem Meer, das weiße Denkmal für die „Arizona“. Diesen Seelengedenkort habe ich mit Präsident Obama zusammen besucht. Für mich war es ein Ort, der mir Schweigen abverlangt hat. Die Namen der Soldaten, die gestorben sind, sind dort aufgeschrieben. Soldaten, die für ihre erhabene Pflicht, ihr Vaterland zu verteidigen, aus Kalifornien, Michigan, New York, Texas und vielen anderen Gegenden gekommen und an Bord gegangen waren, starben an jenem Tag, als der Bombenangriff das Schlachtschiff „Arizona“ entzweiriß, in den lodernden Flammen.
Noch heute, nach 75 Jahren, ruhen auf der „Arizona“, die auf den Meeresgrund gesunken ist, unzählige Soldaten. Wenn man die Ohren spitzt und die Seele schärft, dann hört man mit dem Wind und den Wellen die Stimmen der Soldaten.
Die Stimmen der entspannten und munteren Gespräche an jenem Tag, einem Sonntagmorgen. Die Stimmen der jungen Soldaten, wie sie Erzählungen über ihre Zukunft und ihre Träume austauschten. Stimmen, die in ihrem letzten Augenblick die Namen der geliebten Menschen riefen. Stimmen, die für das Wohlergehen ihrer ungeborenen Kinder beteten.
Jeder einzelne Soldat hatte eine Mutter und einen Vater, die sich um sie sorgten. Und eine liebende Frau oder Geliebte. Und wohl auch Kinder, auf deren Großwerden sie sich freuten.
Und dann wurden diese Gedanken jäh unterbrochen.
Beim Gedenken dieser nicht hintergehbaren Tatsache fehlen mir die Worte. Mögen eure Seelen Frieden finden.
In diese Gedanken vertieft, habe ich als Vertreter des japanischen Volkes Blumen in das Meer geworfen, in dem die Soldaten ruhen.

Lieber Präsident Obama, liebes amerikanisches Volk, liebe Menschen in aller Welt!
Als japanischer Ministerpräsident drücke ich gegenüber allen Seelen, die hier ihr Leben verloren haben, gegenüber dem Leben aller Helden, die in dem hier begonnenen Krieg verloren gingen, und gegenüber den unzähligen, unschuldigen Geistern der Menschen, die in dem Krieg geopfert wurden, aufrichtig unendliche Trauer aus.
Die Schrecken des Krieges dürfen wir nicht wiederholen. Das haben wir versprochen. Und wir haben nach dem Krieg ein demokratisches Land aufgebaut, die Herrschaft des Rechts respektiert und geschworen, nie wieder Krieg zu führen. Siebzig Jahre nach dem Krieg spüren wir Japaner für unseren Weg als Land des Friedens leisen Stolz und sind fest entschlossen, diesen Kurs unverändert fortzusetzen. Hier drücke ich vor den Soldaten, die im Schlachtschiff „Arizona“ ruhen, vor dem amerikanischen Volk und vor allen Menschen der Welt als japanischer Ministerpräsident diese Entschlossenheit aus.
Gestern habe ich auf der Basis der Marinesoldaten Kaneohe das Grabmal eines japanischen Marineoffiziers besucht. Es handelt sich um den Fregattenkapitän Iida Fusata, einen Kampfpiloten, der während des Angriffs auf Pearl Harbor getroffen wurde, den Rückflug zum Flugzeugträger abbrach, umkehrte und fiel. Das Grabmal an der Stelle, wo er abgestürzt ist, haben keine Japaner errichtet. Es waren amerikanische Soldaten, die den Angriff erlitten hatten. Sie haben sein Grabmal errichtet und den Mut des Gefallenen gepriesen. Auf dem Grabmal steht, als Ausdruck des Respekts für einen Soldaten, der sein Leben dem Vaterland geweiht hat: „Ein Kapitänleutnant der kaiserlichen japanischen Marine“, sein damaliger Rang.

„The brave respect the brave.“

Dies ist ein Zitat aus einem Gedicht von Ambrose Bierce. Auch dem Gegner im Kampf Respekt erzeugen. Auch den verhaßten Gegner zu verstehen versuchen: Hier zeigt sich die großherzige Seele des amerikanischen Volkes.
Nach dem Krieg, als Japan, soweit das Auge blickte, verbrannte Erde war und an bodenloser Armut litt, da waren es Amerika und das amerikanische Volk, die ihm, ohne zu zögern, Lebensmittel und Kleidung schickten. Dank der Pullover und Milch, die Sie alle uns geschenkt haben, konnten wir Japaner überleben. Und die USA eröffneten Japan den Weg zur Rückkehr in die internationale Gemeinschaft. Unter der Führung der USA konnten wir als ein Mitglied der freien Welt Frieden und Wohlstand erlangen.
In die Herzen unserer Großväter und Mütter haben sich diese wohlmeinenden und helfenden Hände, die Sie alle uns Japanern, mit denen Sie als Feinden heftig gerungen hatten, entgegenstreckten, und diese großartige Großherzigkeit tief eingebrannt. Auch wir haben es in Erinnerung. Wir erzählen es unseren Kindern und Kindeskindern weiter und werden es nie vergessen.

Ich habe gemeinsam mit Präsident Obama das Lincoln Memorial in Washington besucht. Was dort an der Wand geschrieben steht, hat sich meinem Herzen eingeprägt.
„Jedermann ohne Arg mit Barmherzigkeit begegnen.“
„Die Aufgabe vollenden, zwischen uns allen den ewigen Frieden zu errichten und sorgfältig zu wahren.“
Dies sind Worte von Präsident Abraham Lincoln.
Als Vertreter des japanischen Volkes drücke ich hiermit erneut gegenüber Amerika und der Welt von Herzen meinen Dank für die Großmut aus, die sie Japan erwiesen haben.

75 Jahre nach „Pearl Harbor“. Japan und Amerika, die damals einander in einem epischen Krieg bekämpft haben, sind heute in einem seltenen, tiefen, starken Bündnis verbunden. Einem Bündnis, das, heute stärker als je zuvor, gemeinsam gegen die zahlreichen Gefahren angeht, welche die Welt bedrohen. Einem „Bündnis der Hoffnung“, das das Morgen erbaut.
Was uns vereint hat, war der Geist der Großmut, „the power of reconciliation“, die „Kraft der Versöhnung“. Dazu will ich hier in Pearl Harbor an der Seite von Präsident Obama die Menschen der Welt auffordern. Nämlich zu dieser Kraft der Versöhnung.
Die Schrecken des Krieges sind aus dieser Welt nicht verschwunden. Die Kette von Haß, der Haß hervorruft, will nicht enden. Die Welt braucht gerade heute den Geist der Großmut und die Kraft der Versöhnung. Japan und die USA, welche den Haß ausgelöscht und auf der Grundlage gemeinsamer Werte Freundschaft und Vertrauen gesät haben, haben gerade jetzt die Aufgabe, weiterhin gegenüber der Welt an die Größe der Großmut und die Macht der Versöhnung zu appellieren. Deshalb ist das Bündnis zwischen Japan und den USA ein „Bündnis der Hoffnung“.

Die Bucht, auf die wir blicken, ist überall friedlich. Pearl Harbor. Eine schöne Bucht, erfüllt vom Glanz der Perlen, ein Symbol für Großmut und Versöhnung. Es ist mein Wunsch, daß die Kinder von uns Japanern und, Präsident Obama, die Kinder von allen Amerikanern und deren Kinder und Enkel sowie alle Menschen in der ganzen Welt Pearl Harbor immer als Symbol der Versöhnung in Erinnerung behalten mögen.
Dafür werden wir unsere Kräfte ohne Zögern weiterhin einsetzen. Das gelobe ich, an der Seite von Präsident Obama, hiermit feierlich.

(Aus dem Japanischen von Reinhard Zöllner.)

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Protestanten erstmals größte religiöse Gruppe in Südkorea

Das nationale Amt für Statistik von Südkorea veröffentlicht alle zehn Jahre eine Statistik der Religionszugehörigkeit der Südkorea. Die jetzt vorgelegte Statistik enthält einige Überraschungen. Demnach rechnet sich erstmals mehr als die Hälfte der Bevölkerung keiner Religion zu (unter den Zwanzigjährigen gar 65 %). Unter den Religiösen wiederum stellen erstmals die Protestanten die größte Gruppe vor den Buddhisten und den Katholiken.
Allerdings stützt sich die Erhebung auf einen Mikrozensus, der nur 20 % der Haushalte erfaßte und teilweise elektronisch erhoben wurde. Buddhisten, die v.a. unter der älteren Bevölkerung vertreten sind, und Katholiken beklagen deshalb, daß die gemeinhin als politisch aktiver und technik-affiner betrachteten Protestanten durch die Umfragemethode bevorteilt wurden.

ReligionAnhänger (Mio.) v. H.
Jahr2005201520052015
Protestanten8,459,6718,219,7
Buddhisten10,587,6122,815,5
Katholiken5,023,8910,87,9
keine21,8227,4947,156,1
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Déja vu im Kino: Kimi no Na wa? (2016)

Der als potentieller Nachfolger von Miyazaki Hayao 宮崎駿 gehandelte Anime-Regisseur Shinkai Makoto 新海誠 (geb. 1973) besitzt eine besondere Leidenschaft für Brüche in der Zeit. Man sah das bereits 2004 im Science Fiction-Anime Kumo no Mukō, Yakusoku no Basho 雲のむこう、約束の場所 („Das Gelobte Land jenseits der Wolken“), dann wieder 2007 in dem Episodenfilm Byōsoku 5 Senchimētoru 秒速5センチメートル („Mit 5 cm in der Sekunde“), durchaus auch in Hoshi wo ou Kodomo 星を追う子ども („Kinder auf Sternenjagd“) und in Kotonoha no Niwa 言の葉の庭 („Der Garten der Wortblätter“) (2013). Schon bei diesen Filmen hatte ich den Eindruck, daß Shinkai starke Bilder mit esoterischen Andeutungen verknüpft, ohne daraus eine zündende Handlungsidee entwickeln zu können.
Sein jüngster Anime, Kimi no na wa 君の名は („Wie ist dein Name?“, englischer Titel: „Your name“), kam im August 2016 in die japanischen Kinos kam, wurde hoch gelobt und seither von rund 15 Mio. Japanern gesehen. Er ist damit der dritterfolgreichste Film der japanischen Filmgeschichte, noch vor Miyazakis Mononokehime.
[embedyt]https://www.youtube.com/watch?v=k4xGqY5IDBE&width=400&height=250[/embedyt]
Also habe ich ihn mir heute auch angesehen.
Um es kurz zu fassen: Mein Eindruck ist immer noch derselbe. Noch drastischer ausgedrückt: Seit Yakusoku no Basho ist Shinkais Erzählkunst nicht ein bißchen gewachsen; eher im Gegenteil. Obwohl inzwischen selbst ein Mitt-Vierziger, kreist er immer noch um die Gefühlswelt von Jugendlichen, die zweifellos kompliziert ist, was sich für Shinkai vor allem im ausgiebigen Gebrauch von Smartphones darstellt (zweifellos nicht ganz ohne Realitätsbezug). Und er benutzt jede Menge Shinto-Esoterik, um die schicksalhafte Fernbegegnung eines Jungen und eines Mädchens, die ständig (anfangs gegen ihren Willen) im Traum ihre Körper wechseln und dabei von einem Zeitsprung zum nächsten eilen, halbwegs plausibel zu machen. Es ist natürlich die weise Großmutter, die als Wächterin eines ins 5. Jahrhundert (!) zurückgehenden Shinto-Schreins in Hida 飛騨 das Schlüsselkonzept kennt, mit dem alle Handlungsenden verbunden werden: musubi 結び, das „Band“, nach ihrer Erklärung ein altes shintoistisches Konzept, durch das Menschen miteinander und mit den Göttern und mit den verschiedenen Dimensionen der Zeit verknüpft werden.
Das kratzt zwar nicht besonders tief, verbindet sich aber mit pubertärem (und zur Zeit populistisch-gefälligem) Widerstand gegen den traditionsvergessenen und machtbesessenen Vater, der (wie unweise) auf sein Amt als Shinto-Priester verzichtete, um Bürgermeister zu werden. „Es riecht nach Korruption“, stellt ein Schulkamerad der Heldin fest, die den Namen … Moment, gleich fällt es mir wieder ein … grübel …
Dabei ist das mit den Namen ganz einfach. Die weise Großmutter heißt Hitoha („Einblatt“). Ihre vor Jahren gestorbene Tochter heißt Futaba („Zweiblatt“). Unsere Heldin heißt logischerweise Mitsuha („Dreiblatt“) und ihre kleine Schwester Yotsuha („Vierblatt“). Simpler geht’s doch gar nicht.
Doch Mitsuhas imaginärer Doppelgänger in Tokyo (er heißt übrigens Taki) kann sich ihren Namen partout nicht merken. Das ist die Pointe des Films.
Und eigentlich eine ziemlich billige Masche. Denn Kimi no Na wa? ist ja nicht irgendein Titel. In der Nachkriegszeit lief unter diesem Namen eine Fortsetzungsgeschichte im japanischen Radio, die ungeheuren Erfolg hatte. Das Drehbuch stammte von Kikuta Kazuo 菊田 一夫. Hier ging es auch um zwei junge Leute, Machiko und Haruki, die nach einer schicksalhaften Begegnung lange nicht zusammenkommen konnten. Natürlich spielt Shinkai auf diese Geschichte an, die vor allem der älteren Generation der heutigen Japaner noch tief ins Gedächtnis gebrannt ist. Aber nun kommt das eigentlich Skandalöse: Machiko und Haruki begegnen einander im Krieg. Ihre Geschichte hat einen für die Menschen damals tiefernsten Hintergrund. Bei Shinkai ist das bedeutendste Ereignis seiner Geschichte dagegen ein Dorffest vor dem örtlichen Shinto-Schrein. Es riecht nicht nur nach Korruption. Es riecht nach Hinterwald.
„Ich will hier raus!“, schreit Mitsuha bei einer Gelegenheit, weil ihr die Belanglosigkeit dieses historischen Niemandslandes auf die Nerven geht. Dasselbe Gefühl hatte ich beim Betrachten dieses Filmes leider auch. Passable Bilder. Laute Musik. Und irgendwie belanglos.

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