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Ostasien ist glücklicher geworden

Nach Berechnungen des World Happiness Report 2017 haben sich die ostasiatischen Länder im weltweiten Vergleich wieder etwas verbessert, was die Aussichten auf Lebensglück angeht. Nach wie vor schneidet Taiwan unter ihnen am besten ab (Rang 33), während Japan und Südkorea eng beieinander liegen. Allerdings ist der Abstand zur europäischen Spitzengruppe immer noch sehr deutlich.

BerichtsjahrJapanSüdkoreaTaiwanDeutschland
201342414326
201546473826
201653583516
201751553316

Ich habe mir aus den Daten des Reports vier Dimensionen herausgegriffen, welche die Unterschiede zwischen diesen Ländern sowie der VR China (Rang 79) und Deutschland (Rang 16) beleuchten können.
Der Gini-Koeffizient ist ein Maß für soziale Ungleichheit; je höher er ist, desto ungleicher ist eine Gesellschaft. In China ist er deutlich am höchsten, in Japan und Deutschland nahezu gleich gering. In China vertrauen allerdings auch die meisten Menschen ihren Mitbürgern, gefolgt von Deutschland; in Japan, Taiwan und vor allem Südkorea ist das Vertrauen in andere deutlich geringer. In puncto gesunde Lebensführung gibt es zwischen diesen Ländern kaum Unterschiede. Wohl aber in der Selbstwahrnehmung: Die „life ladder“ ergibt sich als Antwort auf die Frage, wie zufrieden man auf einer Skala von 0 bis 10 mit seinem eigenen Leben im Augenblick ist. Deutschland erzielt hier den höchsten Wert, gefolgt von Taiwan; Japan und Südkorea liegen dicht beieinander, deutlich dahinter folgt China.

Ausgesuchte Dimensionen aus dem World Happiness Report 2017 für Ostasien und Deutschland

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Japan zu Schadenersatz wegen Fukushima verurteilt

Erstmals hat ein japanisches Gericht in einem mit Spannung erwarteten Urteil der japanische Regierung Mitschuld an dem Atomkraftunfall von Fukushima 2011 zugewiesen. Das Landgericht Maebashi verurteilte am 17. März 2017 das Land und den AKW-Betreiber Tepco dazu, 137 Klägern, die ihre Heimat in der Präfektur Fukushima wegen der Havarie verlassen mußten und nun in der Präfektur Gunma leben, 38 Mio. Yen Schadenersatz zu leisten. Die Kläger hatten 1,5 Mrd. Yen gefordert, weil sie wegen des Umzugs seelische Pein erlitten hätten. Die Höhe der Entschädigung ist jedoch nebensächlich. Entscheidend ist, daß erstmals gerichtlich festgestellt wurde, daß Japan trotz der Jahre zuvor von Wissenschaftlern ausgesprochenen Warnung vor einem riesigen Tsunami den Kraftwerkbetreiber nicht rechtzeitig aufgefordert hatte, ausreichende Sicherungsvorkehrungen zu treffen. Man habe Wirtschaftlichkeit den Vorrang vor Sicherheit gegeben, obwohl der Schutz der Notstromzufuhr leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, heißt es in dem Urteil.
Ähnliche Verfahren sind in insgesamt 18 Präfekturen anhängig. Die Regierung gab erwartungsgemäß bekannt, das Urteil werde keinen Einfluß auf die japanische Energiepolitik haben. Allerdings wird sie mit dem nun auch gerichtsfesten Vorwurf leben müssen, das Leben ihrer eigenen Bürger zu gefährden, wenn sie aus dem Urteil keine hinreichenden Konsequenzen zieht.

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Filmkritik: Am Rande dieser Welt (Kono Sekai no Katasumi ni)

Der Abspann dieses im November 2016 in die japanischen Kinos gekommenen Anime ist besonders lang; denn er endet mit der Auflistung der Sponsoren: Erstaunlich viele Japaner waren bereit, durch crowd funding dem Regisseur Katabuchi Sunao 片渕須直 die Mittel in die Hand zu geben, um Kono Sekai no Katasumi ni この世界の片隅に — „Am Rande dieser Welt“ — zu drehen.

Katabuchi ist in der Anime-Welt kein Unbekannter. Er gehörte schon zu Miyazaki Hayaos Team, als dieser Anfang der 1980er Jahre die Sherlock Hound-Filme drehte. Er war auch 1989 für Miyazaki an der Produktion von Majo no Takkyūbin 魔女の宅急便 („Kikis kleiner Lieferservice“) beteiligt und führte danach bei drei durchaus beachtlichen, wenngleich international weithin unbekannten Animes Regie. Sein Stil ist ganz fraglos am Studio Ghibli orientiert.
Sein neuester Film läuft seit vier Monaten in den japanischen Kinos, und das will durchaus etwas heißen. Er ist in Japan mit Preisen überschüttet worden, u.a. als Bester Anime 2016, und soll in Kürze auch in Übersee starten.
Am Ende der Aufführung, die ich besuchte, hörte ich wieder einmal erwachsene Japaner sich gerührt schneuzen. Das ist nicht unverständlich. Die Heldin des Films, Suzu, wächst in Hiroshima 広島 als ganz normales, zum Träumen neigendes Kind einer Durchschnittsfamilie auf. Aus heiterem Himmel stellt ihr, als sie gerade 19 ist, ein junger Mann einen Heiratsantrag. Sie ist ihm, wie sie sich erinnert, schon einmal begegnet — vor 10 Jahren auf der Aioi-Brücke 相生橋. (An dieser Stelle weiß bereits jeder Japaner, was folgen wird, denn die Aioi-Brücke ist natürlich jene Brücke, die als Ziel der Atombombe vom 6.8.1945 vorgesehen war.) Sie nimmt den Antrag zögernd an und zieht zu ihrer neuen Familie nach Kure 呉, jenem Kriegshafen, der knapp eine Stunde von Hiroshima entfernt liegt. Ihr Mann ist lieb, ihre Schwiegereltern auch, doch die Schwägerin gibt sich zickig. Sie lernt den Garten zu bestellen, zu kochen und all das zu tun, was von einer jungen Hausfrau erwartet wird. Nur weiß sie nicht wirklich, warum sie dies tut. Am liebsten zeichnet sie, doch die Zeichnungen zeigen ihre Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.
Wie jede Familie in der Gegend wird auch ihre erbarmungslos und Stück um Stück tiefer in den Zweiten Weltkrieg verwickelt. Bald fallen die ersten Bomben. Ihr Bruder kommt als erster ums Leben, ihr Schwiegervater wird schwer verwundet. Nach einem furchtbaren Bombenangriff stirbt an Suzus Seite Harumi, die Tochter ihrer Schwägerin; sie selbst verliert dabei ihre rechte Hand. Ihre Schwägerin grollt ihr, ihr Mann muß zur Marine, sie selbst kann nicht mehr zeichnen. Da überredet ihre kleine Schwester sie, nach Hiroshima zurückzugehen. Es ist Anfang August 1945, am 6. August soll in ihrer alten Heimat ein großes Fest stattfinden …
Am Anfang des Films erklingt ein Weihnachtslied. „Herbei, o ihr Gläubigen“, klingt es über die Aioi-Brücke. Suzu wird später noch einmal auf der Aioi-Brücke stehen. Das Schicksal bindet sie an dieses Ende der Welt.
Dieser Film ist wahrlich nicht der erste in Japan, der die Atombombenabwürfe oder die Bombardierungen oder das Leben im Krieg thematisiert. Deshalb fragt man sich beim Betrachten unaufhörlich: Was ist hier anders? Was gibt es Neues?
Ich bin etwas ratlos aus dem Kino gegangen. Zu Tränen gerührt war ich nicht. Dies war, meine ich, auch nicht die Absicht des Regisseurs — zum Glück. Denn das ist anderen vor ihm bereits gelungen (ich nenne nur Takahatas „Grab der Glühwürmchen“). Als Antikriegsfilm kann man diesen Anime auch nicht bezeichnen. Die Geräusche der anfliegenden Flugzeuge und der fallenden Bomben kommen dem Zuschauer zwar durchaus bedrohlich nah. Aber irgendwie finden sich die Menschen mit allem ab: mit den Schikanen durch die Militärpolizei, mit der Verknappung der Lebensmittel, mit den Bomben, mit den Toten … Die Reaktionen auf die Kapitulationserklärung vom 15. August 1945 sind bemerkenswert kurz. Von einem Gebäude in der Nachbarschaft weht plötzlich die koreanische Flagge … und dann kommen die Amerikaner und verteilen Kaugummis.
Ist doch alles gar nicht so schlimm gewesen. Soll das die Botschaft sein?
Hoffentlich ja nicht. Hoffentlich geht es doch eher um ein durchschnittliches, junges Mädchen, das sich seiner Gefühle, seiner Träume, seiner Lebensziele nicht sicher ist. Und das auf dieser Welt, wenn überhaupt, eben nur ganz am Rande dieser Welt seinen bescheidenen Platz findet.
Die Bilder sind zart, Pastellfarben überwiegen; die Animation ist sparsam und ohne Glanzeffekte, was ingesamt gut gefällt. Der Soundtrack von Kotringo überzeugt, ohne kitschig zu sein. Die stilsichere Hand von Madhouse hat ein durchaus beachtliches Werk hervorgebracht. Ob es international Bestand haben wird, muß sich erst noch zeigen. Entscheidend wird sein, ob es gelingen wird, eine (die?) Botschaft zu übersetzen …
Und das Übersetzen wird kein Spaß sein. Im Film wird durchgängig im lokalen Dialekt von Hiroshima gesprochen … nicht ganz leicht zu folgen. Und vielleicht auch ein Grund, warum es für mich schwerer war, mich emotional berühren zu lassen. Ohne gute Synchronisation wird dieser Film im Ausland untergehen.
Eine letzte Frage ergibt sich ebenfalls aus dem Abspann: Die Städte Kure und Hiroshima werden gleichfalls als Sponsoren genannt. Was sie damit wohl beabsichtigt haben? Bombentourismus? Hm. Viele offene Fragen …

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Kanō Jigorō und das Erbarmen

Seit sechs Wochen warte ich auf Antwort von einem Mitarbeiter der Verwaltung meiner Universität. Ich habe ihn wegen eines die Studenten betreffenden, dringenden Problems um einen Termin gebeten. Nach vier Wochen habe ich meine Bitte wiederholt. Er hat bis heute nicht reagiert.
Heute abend, kurz vor 20 Uhr, bin ich ihm zufällig auf der Straße begegnet. Mein Kleinhirn signalisierte: Chance ergreifen! Ansprechen, überrumpeln, überwältigen!
— Ja, so denken Sieger. Aber der mir dort im Halbdunkel begegnete, war ein Häufchen Elend: schwarze Ringe unter den Augen, abgemagert, ängstlich geweitete Augen. Unter dem Arm hielt er — offenbar auf dem Weg aus dem Büro nach Hause — ein dickes Aktenbündel. Das Tagesgeschäft war für ihn wohl noch nicht beendet. In diesem Zustand eine leichte Beute also.
Mein Großhirn schaltete sich ein: „Guten Abend“, wünschte ich ihm — und ging weiter.
Wahrscheinlich hätte ich ihn tatsächlich überrumpeln können. Auf die Matte legen, wie die Ringer sagen.
Und die Judo-Kämpfer. Solange es mein Rücken zuließ, war ich ja selber einer. Ich habe geworfen und mich werfen lassen. Was auf der Judo-Matte geschieht, so erklärte es der Gründer des Judo, der große japanische Pädagoge Kanō Jigorō, ist allerdings kein Machtkampf, schon gar nicht um billige Siege: Jita kyōei 自他共栄, „beiderseitiges Wohlergehen“, sah Kanō als Ziel seines Sportes an. Nicht umsonst wurde Kanō das erste japanische Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, zu einer Zeit, als man dort noch die Teilnahme an fairen Spielen für wichtiger hielt als das Siegen. Oder das Geldverdienen.
Das war die eine Botschaft, die mir mein Großhirn vermittelte. Die andere kam aus dem Herzen. Sie lautete: Erbarmen. Oder, fast gleichbedeutend, Barmherzigkeit. Oder auch Gnade.
2017 gedenken wir des 500. Jahrestages der protestantischen Reformation. Barmherzigkeit und Gnade waren deren Schlüsselbegriffe. Wer sich für das Thema interessiert, findet unten einen passenden Buchhinweis. Ich danke meinem Großhirn, daß es mich heute daran erinnert hat. Und daß es mir die Schande eines billigen Sieges erspart hat.
Aber eine Antwort will ich natürlich trotzdem. Sobald er ausgeschlafen ist.

Reinhard Zöllner: Luther in zehn Worten
ISBN: 3741292362

(ISBN: 9783741292361)
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Was Google Trends über die politische Stimmung verrät

Seit Beginn der Datenerhebung 2004 haben noch nie so viele Menschen in den USA sich auf den Seiten von Google für das Wort „impeachment“ (Amtsenthebung) interessiert wie seit dem Januar 2017, als Präsident Donald Trump sein Amt antrat. Trump hat damit seine Vorgänger bereits jetzt um Längen hinter sich gelassen. Das geht aus den Daten von Google Trends hervor.

Wieder einmal erweist sich Google Trends als hervorragendes Meßinstrument für Stimmungen in einer Bevölkerung. Ich habe damit bereits 2011 in der Analyse der deutschen und japanischen Stimmung nach der nuklearen Erdbebenkatastrophe von Fukushima benutzt. Wer sich übrigens dafür interessiert, wie stark (oder besser: wie schwach) die deutsche Öffentlichkeit inzwischen noch an Fukushima interessiert ist, sehe sich auch die folgende Grafik an:

Und noch ein Wort zu Japan. Dort hat es die japanische Regierung geschafft, das von ihr verfolgte Projekt einer tiefgreifenden Veränderung der japanischen Regierung aus dem öffentlichen Bewußtsein zu eliminieren (oder sagen wir es anders herum: das Interesse der Japaner an diesem Thema ist stark erlahmt), nachdem sie Anfang 2016 noch auf lauten Widerspruch gestoßen war. Inzwischen herrscht wieder Ruhe an der Bürgerfront, wie sich im Suchverhalten nach dem Wort „Verfassungsreform“ (kaiken 改憲) zeigt.

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Fukushima: Kameraroboter entdeckt geschmolzene Brennstäbe, mißt tödliche Strahlung

Zur Untersuchung des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I hat die Firma Tepco (Tōkyō Denryoku 東京電力) am 30.1.2017 einen mit einer Kamera ausgerüsteten Roboter in den metallenen Sockel unterhalb des Druckbehälters von Reaktor 2 gesenkt. Die Bilder zeigen, daß die Metallwände geschwärzt sind (offenbar durch aus dem Druckbehälter ausgelaufenes Brennmaterial), daß sich an ihnen Klumpen von geschmolzenen Brennstäben angelagert haben und daß ein Teil des Sockels „fehlt“.
Für die Auswertung der Fotografien berechnete Tepco aus dem elektronischen Bildrauschen der Aufnahmen, daß im Druckbehälter eine Gammastrahlung von bis zu 530 Sv/h herrscht. Es handelt sich um den höchsten bisher in Fukushima gemessenen Wert. Für Menschen wäre diese Strahlung binnen weniger Sekunden tödlich. Nachdem diese Nachricht international für Schlagzeilen gesorgt hat, hat Tepco klargestellt, daß es sich hierbei nicht um eine neue Entwicklung handele, sondern vielmehr um die erstmals möglich gewordene Messung der Strahlung, die innerhalb des Druckbehälters herrscht.
Die Kameratechnologie, mit der diese Messung möglich wurde, ist eine Neuentwicklung von Astrophysikern der Universität Kyōto.
Tepco stellt die Fotografien auf seiner Homepage zur Verfügung.
Damit bestätigt sich, was Wissenschaftler seit 2011 vermuteten: Die Brennstäbe in Reaktor 2 sind geschmolzen und haben sich durch den Druckbehälter in den Boden unterhalb des AKW durchgefressen.

Ablagerungen von Brennmaterial am Sockel von Reaktor 2 in Fukushima 1
Foto: Tepco


Foto: Tepco

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