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Wie heute Bücher entstehen: Globalität in Bonn …

Soeben erhielt ich eine Email aus Indien: In Kürze werde ich die Korrekturfahnen eines Beitrags erhalten, den ich für die englische Version der (höchst lesenswerten!) Bonner Enzyklopädie der Globalität (Hg.: Ludger Kühnhardt und Tilman Mayer) verfaßt habe.
Die Ankündigung machte mich stutzig, denn das Buch erscheint bei Springer Nature, also in Berlin. Es stellt sich also heraus, daß Springer Nature seine englischsprachigen Publikationen von Dienstleistern im englischsprachigen Ausland edieren läßt. Das ist in der heutigen Welt offenbar nichts Ungewöhnliches mehr, aber da das Thema der Enzyklopädie selbst eben die Globalität ist, habe ich einmal kurz recherchiert, wie man sich Globalität im Falle dieser konkreten Buchproduktion vorzustellen hat.

Das Thema meines Aufsatz in dem Band lautet übrigens in der deutschen Version „Kultureller Wandel“; der Aufsatz ist auch einzeln erhältlich, was eine echte Alternative zum Erwerb der ganzen, nicht ganz preiswerten Enzyklopädie ist …

Geld bekomme ich übrigens dafür nicht. Soviel ich weiß. Falls doch: Die Tantiemen aus dem Umsatz mit elektronischen Publikationen in der Wissenschaft bewegen sich im Cent-Bereich …

Seit diesem Jahr melde ich meine Publikationen übrigens auch nicht mehr bei der VG Wort an. Denn nach einer Satzungsänderung verlangt die VG Wort auch von Wissenschaftsautoren den Abschluß eines Verwertungsvertrages, mit dem ich der Verwertungsgesellschaft alle Rechte an allen meinen Werken treuhänderisch abtrete. Für die Nutzer werden sie somit abgabenpflichtig. Dies war bislang anders: Ich konnte mir aussuchen, welche Werke ich schützen lassen wollte. In meinen Augen ist das neue System deutlich restriktiver und benachteiligt die Leser, weshalb ich dankend darauf verzichten werde.

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Erklärung von Panmunjom: Nord- und Südkorea feiern „Frühling der Nation“

In einem symbolbeladenen Arrangement verlief das Treffen von Südkoreas Staatspräsident Mun Jäin 文在寅 und Nordkoreas Diktator Kim Jongun 金正恩 in Panmunjŏm 板門店 an der Demarkationslinie zwischen beiden koreanischen Staaten. Kim durfte ein paar Quadratmeter südkoreanischen Bodens betreten und nahm Mun anschließend an der Hand, um ihn kurz nach Nordkorea zu entführen. Eine Ehrengarde der südkoreanischen Armee, gewandet in Uniformen aus der Chosŏn-Zeit, geleitete die beiden dann ins „Haus des Friedens“. Beide taten ihr Bestes, um gute Stimmung für den „Frühling der Nation“ (민족의봄 minjok ŭi bom) — so das Motto des anschließenden Staatsbanketts — zu machen. In Anwesenheit der Ehegattinnen wurde viel getafelt: Sowohl Einheimisches als auch Schweizer Rösti kamen auf den Tisch (eine Reminiszenz an Kims Schulzeit im Alpenland). Dann beschlossen die beiden Staatsführer die „Erklärung von Panmunjŏm“ und traten anschließend gut gelaunt gemeinsam vor die Presse, um sie zu verkünden:

Erklärung von Panmunjŏm

In dieser bedeutenden Phase der historischen Transformation auf der koreanischen Halbinsel, die das anhaltende Streben des koreanischen Volkes nach Frieden, Wohlstand und Vereinigung widerspiegelt, haben Mun Jäin, Präsident der Republik Korea und Kim Jongun, Vorsitzender des Staatsrats der Demokratischen Republik Korea, am 27. April 2018 im Friedenshaus in Panmunjom ein interkoreanisches Gipfeltreffen abgehalten.
Die zwei Führer erklärten feierlich vor den 80 Millionen Koreanern und der ganzen Welt, daß es auf der koreanischen Halbinsel keinen Krieg mehr geben wird und somit eine neue Ära des Friedens begonnen hat.
Die beiden Staats- und Regierungschefs teilen das feste Bekenntnis dazu, die langen Teilung und Konfrontation, ein Relikt des Kalten Krieges, rasch zu beenden, mutig an ein neues Zeitalter der nationalen Versöhnung, des Friedens und des Wohlstands heranzukommen und die innerkoreanischen Beziehungen zu verbessern und aktiver zu pflegen, und erklärten an dieser historischen Stätte von Panmunjom wie folgt:
1. Süd- und Nordkorea werden die Blutsverwandtschaft der Menschen wieder herstellen und die Zukunft gemeinsamen Wohlergehens und der Wiedervereinigung unter Führung der Koreaner voranbringen, indem sie umfassende und bahnbrechende Fortschritte in den innerkoreanischen Beziehungen ermöglichen. Die Verbesserung und Pflege der innerkoreanischen Beziehungen ist der vorherrschende Wunsch der ganzen Nation und die dringende Forderung der Zeit, die nicht weiter zurückgehalten werden kann.

  1. Süd- und Nordkorea bekräftigten das Prinzip der Selbstbestimmung des Schicksals der koreanischen Nation und vereinbarten, den Wendepunkt für die Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen durch die vollständige Umsetzung aller bestehenden Abkommen und Erklärungen zwischen den beiden Seiten herbeizuführen.
  2. Süd- und Nordkorea einigten sich darauf, in verschiedenen Bereichen, einschließlich auf hoher Ebene, Gespräche und Verhandlungen zu führen und aktive Maßnahmen für die Umsetzung der auf dem Gipfeltreffen erzielten Vereinbarungen zu ergreifen.
  3. Süd- und Nordkorea vereinbarten die Einrichtung eines gemeinsamen Verbindungsbüros mit Vertretern beider Seiten in der Käsŏng-Region, um eine enge Konsultation zwischen den Behörden sowie einen reibungslosen Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu ermöglichen.
  4. Süd- und Nordkorea einigten sich darauf, aktivere Zusammenarbeit, Austausch, Besuche und Kontakte auf allen Ebenen zu fördern, um das Gefühl der nationalen Versöhnung und der Einheit zwischen Süden und Norden zu erneuern. Die beiden Seiten werden die Atmosphäre der Einheit und Zusammenarbeit fördern, indem sie verschiedene gemeinsame Veranstaltungen zu den für Süd- und Nordkorea besonders wichtigen Terminen, wie dem 15. Juni, in die Teilnehmer aus allen Ebenen, einschließlich der Zentral- und Kommunalregierungen, Parlamente, politischen Parteien und zivilen Organisationen einbezogen werden. Auf internationaler Ebene vereinbarten die beiden Seiten, ihre kollektive Weisheit, ihre Talente und ihre Solidarität zu demonstrieren, indem sie gemeinsam an internationalen Sportveranstaltungen wie den Asienspielen 2018 teilnehmen.
  5. Süd- und Nordkorea erklärten sich bereit, die humanitären Probleme, die sich aus der Teilung der Nation ergaben, zügig zu lösen und ein innerkoreanisches Treffen des Roten Kreuzes einzuberufen, um verschiedene Probleme zu diskutieren und zu lösen, einschließlich der Wiedervereinigung getrennter Familien. In diesem Sinne haben sich Süd- und Nordkorea bereit erklärt, das Wiedervereinigungsprogramm für die getrennten Familien anläßlich des Nationalen Befreiungstages vom 15. August dieses Jahres fortzusetzen.
  6. Süd- und Nordkorea kamen überein, die in der Erklärung vom 4. Oktober 2007 vereinbarten Projekte aktiv umzusetzen, um ein ausgewogenes Wirtschaftswachstum und den gleichberechtigten Wohlstand der Nation zu fördern. In einem ersten Schritt einigten sich die beiden Seiten darauf, praktische Schritte für den Anschluß und die Modernisierung der Eisenbahnen und Straßen auf dem Sondertransportkorridor sowie zwischen Seoul und Sinuiju zu deren Nutzbarmachung zu unternehmen.

2. Süd- und Nordkorea werden gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um die akute militärische Spannung zu lindern und die Kriegsgefahr auf der koreanischen Halbinsel praktisch zu beseitigen.

  1. Süd- und Nordkorea stimmten zu, alle feindseligen Handlungen in allen Bereichen, einschließlich Land, Luft und See, die Quellen militärischer Spannungen und Konflikte sind, vollständig einzustellen. In diesem Sinne einigten sich die beiden Seiten darauf, die entmilitarisierte Zone in eine echte Friedenszone zu verwandeln, indem sie ab dem 1. Mai dieses Jahres alle feindseligen Handlungen einstellen und ihre Mittel, einschließlich der Ausstrahlung von Lautsprechern und Verteilung von Flugblättern, in den an die militärische Demarkationslinie angrenzenden Gebieten beseitigen.
  2. Süd- und Nordkorea einigten sich darauf, ein praktisches Programm auszuarbeiten, um die Gebiete um die Nordgrenze im Westmeer in eine maritime Friedenszone zu verwandeln, um unbeabsichtigte militärische Zusammenstöße zu verhindern und eine sichere Fischerei zu gewährleisten.
  3. Süd- und Nordkorea verabredeten, verschiedene militärische Maßnahmen zu ergreifen, um eine aktive gegenseitige Zusammenarbeit, Austausch, Besuche und Kontakte zu gewährleisten. Die beiden Seiten einigten sich darauf, häufige Treffen zwischen den Militärbehörden, einschließlich des Verteidigungsministertreffens, abzuhalten, um die zwischen ihnen auftretenden militärischen Probleme sofort zu diskutieren und zu lösen. In dieser Hinsicht vereinbarten die beiden Seiten, im Mai erstmals Militärgespräche auf Generalsebene einzuberufen.

3. Süd- und Nordkorea werden aktiv zusammenarbeiten, um ein dauerhaftes und solides Friedensregime auf der koreanischen Halbinsel zu etablieren. Es ist ein historischer Auftrag, den derzeitigen unwirksamen Zustand des Waffenstillstands zu beenden und ein robustes Friedensregime auf der koreanischen Halbinsel zu etablieren, das nicht weiter hinausgezögert werden darf.

  1. Süd- und Nordkorea bekräftigten erneut, daß ein Nichtangriffsabkommen die Anwendung von Gewalt in jeglicher Form gegeneinander ausschließt, und vereinbarten die strikte Einhaltung dieses Abkommens.
  2. Süd- und Nordkorea erklärten sich bereit, die Abrüstung stufenweise durchzuführen, da durch militärische Vertrauensbildung die militärischen Spannungen gelockert und wesentliche Fortschritte erzielt werden.
  3. In dem Jahr, das den 65. Jahrestag des Waffenstillstandes markiert, erklärten sich Süd- und Nordkorea bereit, trilaterale Treffen zwischen den beiden Koreas und den Vereinigten Staaten oder vierseitige Treffen zwischen den beiden Koreas und den Vereinigten Staaten und China aktiv zu verfolgen mit Blick darauf, das Ende des Krieges zu erklären und ein dauerhaftes und solides Friedensregime zu schaffen.
  4. Süd- und Nordkorea bekräftigten das gemeinsame Ziel, durch vollständige Denuklearisierung eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel zu verwirklichen. Süd- und Nordkorea teilten die Ansicht, daß die von Nordkorea initiierten Maßnahmen sehr bedeutungsvoll und entscheidend für die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel sind, und stimmten überein, ihre jeweiligen Aufgaben und Zuständigkeiten in dieser Hinsicht wahrzunehmen. Süd- und Nordkorea vereinbarten, aktiv die Unterstützung und Kooperation der internationalen Gemeinschaft für die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu suchen.

Die beiden Staatsoberhäupter stimmten darin überein, durch regelmäßige Treffen und direkte Telefongespräche häufige und offene Diskussionen über für das Land lebenswichtige Themen zu führen, das gegenseitige Vertrauen zu stärken und gemeinsam die positive Bewegung hin zu einer eine kontinuierliche Förderung der innerkoreanischen Beziehungen und ebenso zu Frieden, Wohlstand und Vereinigung der koreanischen Halbinsel zu stärken.
In diesem Zusammenhang erklärte sich Präsident Moon Jae-in bereit, Pyongyang in diesem Herbst zu besuchen.
27. April 2018
Geschehen in Panmunjŏm
Mun Jäin
Präsident der Republik Korea
Kim Jongun
Vorsitzender des Staatsrats der Demokratischen Volksrepublik Korea

Sehr aufschlußreich ist, daß Japan in dieser Erklärung nicht direkt erwähnt wird. Auf die Frage, ob er nicht befürchte, daß Japan in der gegenwärtigen Diplomatie auf der koreanischen Halbinsel links liegengelassen wird, antwortete der japanische Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 zwar „Überhaupt nicht“, aber das ist pures Wunschdenken: De facto steht Japan in dieser Frage an der Seitenlinie. Japans einziger Beitrag zum innerkoreanischen Gipfeltreffen bestand in Stänkereien: Das Dessert des Staatsbanketts, so monierte die Abe-Regierung, zeigte eine Karte der koreanischen Halbinsel — einschließlich der umstrittenen Liancourt-Felsengruppe (Dokdo/Takeshima). Außerdem sei bedauerlich, daß in der Panmunjŏm-Erklärung nicht auf die japanischen Opfer nordkoreanischer Entführungsaktionen eingegangen wurde. Immerhin war Außenminister Kōno Tarō 河野太郎 so freundlich, das Gipfeltreffen als Schritt in die richtige Richtung zu würdigen.

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Japans Antwort auf Me too: „Tauscht doch die Frauen gegen Männer aus“

Der von einer Fernsehjournalistin der sexuellen Belästigung geziehene Staatssekretär im japanischen Finanzministerium ist am 24. April aufgrund des öffentlichen Drucks von seinem Posten zurückgetreten. Das Ministerium verfügte zudem, daß sein Gehalt für die nächsten sechs Monate um 20 % gekürzt wird.
Der stets für deftige Statements gute Finanzminister und Vize-Premierminister Asō Tarō 麻生太郎 schlug als Lösung solcher Probleme vor: „Ganz einfach: Tauscht alle verantwortlichen Journalistinnen durch Männer aus.“
Unter Japans mächtigen Männern ist offenbar immer noch die Ansicht verbreitet, daß Machtausübung und sexueller Mißbrauch zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Insofern handelt es sich um eine konsequente Strategie. Als nun ein Oppositionspolitiker allerdings nachfragte, ob die Verbannung von Journalistinnen tatsächlich aus Sicht der Regierung offiziell geeignet sei, um sexuellen Mißbrauch zu bekämpfen, entschied sich das Kabinett am 27. April dann doch für eine andere Sichtweise: Nein, das sehe man nicht als geeignet an. Man empfehle, Männer und Frauen nicht sexuell zu diskriminieren.
Warum dann ein Minister, welcher nicht nur ungeeignete Äußerungen abgibt, sondern auch zur Führung seines Ministeriums offenkundig ungeeignet ist, nicht ganz einfach durch eine Frau ausgetauscht wird, erklärte die Regierung allerdings nicht.

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Südkorea kämpft gegen Gewalt an den Schulen

Das südkoreanische Bildungsministerium hat eine „Kampagne gegen Gewalt an den Schulen“ (also gegen Mobbing, Bullying usw.; in Japan als ijime bezeichnet) initiiert und dafür ein kindergerechtes Aufklärungsvideo produziert, in dem ein Ukulele spielender freundlicher Hund die Hauptrolle spielt: Er schaut nämlich geflissentlich weg, wenn seine Schulfreunde mißhandelt werden.

Laut den eingeblendeten Statistiken (Stand 2013) trägt die Kultur des Wegsehens zum Problem bei, denn von allen Schülern, die Zeugen von Gewaltakten werden,

  • tun 23,9 % so, als ob sie nichts gesehen hätten
  • helfen 27,5 % nicht, weil sie „damit nichts zu tun“ haben
  • wissen 23,5 % nicht, wie sie helfen können
  • halten es 18 % für möglich, selbst Opfer zu werden

… und 9,5 % aller Opfer versuchen sich das Leben zu nehmen!

Südkorea hat tatsächlich eine der höchsten Selbstmordraten unter Schülern und Jugendlichen weltweit. Deshalb rät das Ministerium, Gewalt in der Schule sehr ernst zu nehmen und die Polizei einzuschalten oder die Beratungsangebote im Internet wie www.stopbullying.or.kr anzunehmen.

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Mori-Kake und Me too: Japans Politiker in Nöten

Der japanischen Bevölkerung ist offenbar der Appetit auf ihre Regierung gründlich vergangen: Seit Wochen purzeln die Beliebtheitswerte der Regierung unter Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 in den Keller. Einer von Abes Vorgängern und innerparteilichen Gegnern, Koizumi Jun-ichirō 小泉純一郎, hält es sogar für nahezu ausgeschlossen, daß Abe im September turnusgemäß als Präsident der Liberaldemokratischen Partei und damit als Ministerpräsident bestätigt wird. Sogar ein Rücktritt Abes noch im Juni wird inzwischen von den Medien für möglich gehalten. Die ehrgeizigen Pläne Abes — darunter v.a. eine weitgehende Verfassungsreform mit Anerkennung der Selbstverteidigungsstreitkräfte als regulärer Armee, eine Japan gefällige Lösung der Nordkorea-Krise und die Zementierung der immer noch nicht florierenden Abenomics rechtzeitig vor den Olympischen Spielen von Tōkyō 2020 — sind damit faktisch Makulatur geworden. Abe gibt jetzt selbst zu, er müsse alles tun, um das Vertrauen der Bevölkerung wiederzuerlangen. Immerhin: Am 14. April versammelten sich 50.000 Menschen vor dem Parlament im politischen Zentrum der Hauptstadt zu einer Massendemonstration, um lautstark Aufklärung zu fordern — und Abes Rücktritt.
In diesen Schlamassel hat sich Japans politische Führung offenbar durch Vetternwirtschaft geritten, deren Aufdeckung der Opposition und den wenigen verbliebenen regierungskritischen Medien die Chance gibt, das System Abe frontal anzugreifen. In der Bevölkerung und den Medien wird der aktuelle Skandalkomplex als „Mori-Kake-Skandal“ (morikake mondai もりかけ問題) diskutiert. Mori-Kake ist eigentlich ein Ausdruck aus der Küche: Kakesoba sind Buchweizennudeln in heißer Brühe, morisoba dagegen in kalter Brühe. Die Ironie des Schicksals will es nämlich, daß der jetzige Skandal sich an zwei zweifelhaften Vorgängen entzündet: Zum einen erhielt eine am äußersten rechten Rand orientierte Privatschule in Ōsaka offensichtlich mit massiver Unterstützung aus hohen politischen Kreisen ein öffentliches Grundstück zum Schleuderpreis als Baugrund; der damalige Schulleiter, der sich auf seine Freundschaft mit Abe und dessen Frau berief, hieß Moritomo. Zum anderen erhielt eine Privatuniversität die begehrte Erlaubnis, eine Fakultät für Veterinärmedizin einzurichten — praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken. Ihr Inhaber gehört gleichfalls zu Abes Freundeskreis gehört und heißt Kake. In beiden Fällen, so stellte sich allmählich heraus, verschwiegen die an diesen Entscheidungen beteiligten Bürokraten gegenüber dem mißtrauischen Parlament wesentliche Informationen über die politischen Hintergründe; es kam sogar zur Fälschung von Dokumenten. Mit anderen Worten: Es riecht nach Begünstigung und Vetternwirtschaft.
In Not geraten ist dadurch nicht nur Abe, der noch letztes Jahr vollmundig versprochen hatte, zurückzutreten, falls ihm oder seiner Frau Einflußnahme auf diese Fälle nachgewiesen werden könne. Auch sein Stellvertreter, Finanzminister Asō Tarō, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, sein Ministerium nicht im Griff zu haben. Verstärkt hat sich dieser Eindruck, seit bekannt wurde, daß sein Staatssekretär mehrfach Journalistinnen sexuell belästigt haben soll. Die Opposition fordert nicht nur seine Entlassung, sondern stellt Asōs Kompetenz bei der Auswahl seiner Mitarbeiter grundsätzlich in Frage. Das stümperhafte Krisenmanagement der Regierung beunruhigt selbst die regierenden Liberaldemokraten. Der Generalsekretär und der Fraktionsvorsitzende der LDP im Oberhaus verlangen jetzt, im Ministerium „die Ärmel aufzukrempeln“ und rasch für Ordnung zu sorgen. Wie international üblich, hat Asō jeden Gedanken an Rücktritt zunächst weit von sich gewiesen.
In dieser Frage ist der Gouverneur der Präfektur Niigata, Dr. Ryūichi Yoneyama 米山隆一, einen Schritt weiter. Er erwägt jedenfalls seinen Rücktritt, nachdem japanische Klatschmedien auch ihm „ein Frauenproblem“ (josei mondai 女性問題) — also eine außereheliche Beziehung — zum Vorwurf gemacht haben. Yoneyama leugnet dieses „Problem“ zwar nicht, weiß jedoch noch nicht, ob es der weiteren Ausübung seines Amtes tatsächlich im Wege steht. Parteipolitisch ist aus diesem Fall übrigens nichts herauszuholen. Yoneyama hat in seinem politischen Leben schon fast alles durchprobiert: Von der LDP über die Partei der Renovation zu den Demokratisch-Progressiven, amtiert er seit 2016 als Parteiloser. Da ist dieser Fall schon nahezu Privatsache.
Ein Fall von Urkundenunterschlagung quält derweil das Verteidigungsministerium. Offensichtlich auf politische Anweisung gingen unter der vorherigen Verteidigungsministerin Inada die Tagesberichte der in den Südsudan und den Irak entsandten Einheiten der Selbstverteidigungskräfte „verloren“. Erst unnachgiebiges Nachbohren der Opposition im Parlament förderte Teile davon wieder zutage. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Regierung die Absicht verfolgt, eine parlamentarische Kontrolle ihrer Aktivitäten zu erschweren. Die Opposition vermutet dies, und damit wäre Japans Demokratie natürlich in höchster Gefahr. Das Schicksal der Regierung Abe hängt jetzt davon ab, ob ihr der Gegenbeweis gelingt.

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Ghibli-Regisseur Takahata Isao ist gestorben

Am 5. April 2018 verstarb Takahata Isao 高畑勲, Mitbegründer und neben Miyazaki Hayao 宮崎駿 wichtigster Regisseur des Anime-Studio Ghibli. Er wurde 82 Jahre alt.
Seit letztem Jahr, so berichten die japanischen Medien, mußte er wegen eines Herzleidens mehrfach im Krankenhaus behandelt werden.
Takahata war einer der führenden Köpfe des japanischen Animationsfilms. International bekannt wurde er zuerst durch seine Beteiligung an der auch in Deutschland ausgestrahlten TV-Serie Heidi. Schon vor der Ghibli-Ära, die 1985 begann, produzierte er Anime-Klassiker wie „Marco“, „Jarinko Chie“ und „Sero-hiki no Gōshu“.
Seine Ghibli-Filme, darunter „Das Grab der Glühwürmchen“, „Ponpoko“, „Die Yamadas von nebenan“ und zuletzt „Prinzessin Kaguya“, sicherten ihm eine Platz in der Geschichte des japanischen Animationsfilms, der vom künstlerischen Anspruch her gleichrangig neben Miyazaki steht, auch wenn sie selten diesele Popularität erlangten. Der Perfektionist Takahata brauchte stets viel Zeit für seine Filme — in jedem Fall jedoch lohnte sich das Warten.
Takahata setzte sich für die Wiederentdeckung des Filmtheoretikers Imamura Taihei 今村泰平 ein, auf dessen Manga-Theorie er den Versuch stützte, die Ästhetik des japanischen Manga aus der japanischen Kunstgeschichte herzuleiten.
Wie Miyazaki engagierte sich Takahata früh gesellschaftspolitisch; bekannt (und leider ignoriert) wurde etwa seine frühe Ablehnung der Kernenergie.

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