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Erkenntnisse aus Südkorea: Vorwiegend junge Leute verbreiten Corona

Das südkoreanische Zentrum zur Kontrolle und Verhütung von Krankheiten hat nach der Analyse von fast 8.000 in Südkorea registrierten Fällen von COVID-19 überraschende Ergebnisse über dessen Verbreitungsmuster veröffentlicht.
Demnach stellten Jugendliche und Heranwachsende bis 20 Jahre ein Drittel aller Corona-Patienten und trugen erheblich zur Ausbreitung der Krankheit im Lande bei. Die Infektionen begannen bei jüngeren Koreanern und breiteten sich nach einigen Tagen auf ältere Menschen aus: Als nächstes wurden Menschen in den Vierzigern und Fünfzigern infiziert, gefolgt von einem Anstieg in Fällen bei Menschen in den Siebzigern und Achtzigern einige Tage später. Dies deutet darauf hin, daß das Virus zu Hause oder in Pflegeheimen an ältere Menschen weitergegeben wurde.
Die meisten der in Südkorea aufgetretenen Todesfälle wurden vier bis fünf Tage nach Auftreten von Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert und starben etwa fünf Tage später. Dort dauerte es zu lange, zwischen leichten und schweren Fällen zu unterscheiden, so daß letztlich für die schwer Erkrankten die Hilfe selbst im Krankenhaus zu spät kam. Die meisten Todesfälle litten zuvor an anderen Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes.

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Corona und das kulturelle Gedächtnis des Japanologen

Meine Mutter ist jetzt 101 Jahre alt und hat ein völlig ungetrübtes Gedächtnis. Zwangsläufig hegt sie deshalb Erinnerungen an so manche Katastrophe, die ihr in nun mehr als einem Jahrhundert begegnet sind. Und es zeigt sich, wie wertvoll ein gutes Gedächtnis ist — sowohl für den einzelnen als auch für die ganze Gesellschaft.
Die erste Krisen-Erinnerung meiner Mutter ist wohl der Tod ihres Vaters 1927 während einer Grippewelle. Das ist heute natürlich ein ganz aktuelles Thema. Es folgte die Weltwirtschaftskrise, von der meine Mutter sich erinnert, wie sie ihren Kinderwagen voll Papiergeld zum Einkaufen gefahren hat. In der Nazi-Zeit verteilte meine Mutter zunächst Flugblätter der Bekennenden Kirche, auf denen gegen die Verhaftung von regimekritischen Pfarrern protestiert wurde — darunter sehr bald auch ihr eigener Verlobter. Dann kam der Krieg, dann kam die Nachkriegszeit.
„Da gab es doch“, fragte ich vor wenigen Tagen unter Berufung auf das, was ich selbst nur aus Studium und Lektüre kannte, und weil Bundeskanzlerin Merkel uns gerade auf die „größte Krise in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg“ eingestimmt hatte, „nach dem Krieg auch Epidemien — Typhus beispielsweise.“ — „Richtig“, erwiderte sie. „Aber der Unterschied zu heute: Überall bekam man Impfungen.“
So war es wohl tatsächlich. Gegen grassierende Krankheiten, die bereits wissenschaftlich erforscht waren, konnte man wenigstens Vorbeugung betreiben. „Ich weiß gar nicht“, sagte meine Mutter dazu, „wogegen ich damals alles behandelt wurde. Wohin man auch kam, man wurde sofort zwangsweise mit irgendetwas geimpft oder überschüttet.“ DDT, vermute ich natürlich, gegen Läuse.
Meine Mutter hat dies alles (und noch mehr) überstanden (wenn es interessiert: hier ihre Lebenserinnerungen) und hinzugefügt: „Und nun bin ich durchaus nicht gewillt, 101 Jahre gelebt zu haben, um durch Corona zu sterben.“
Recht so, sagte ich, und schickte ihr eine Packung Atemschutzmasken, die ich zuhause vorrätig hatte. Damit geht sie nun brav zum Einkaufen, und ich hoffe, daß sie sie sicher behüten.
— Moment. Warum hatte ich Atemschutzmasken vorrätig?
Weil ich als Japanologe sozusagen berufsbedingt ein etwas eigenartiges kulturelles Gedächtnis habe. Es ist nämlich wohl der Spanischen Grippe von 1918 zu verdanken, einer Pandemie von verheerenden Ausmaßen, daß seither in ganz Ostasien die Menschen, sobald sie selbst von einem Infekt geplagt werden oder eine Grippewelle um sich greift (und heute häufig auch zur Abwehr von Blütenpollen), ohne besondere Aufforderung Atemschutzmasken tragen. Daher ist es in China, Japan und Korea völlig üblich, daß jede Familie einen kleinen Vorrat solcher Masken bei sich hat. Während der SARS-Krise von 2002/2003 stieg der Bedarf an diesen Masken so rasch an, daß eine echte Krise ausbrach. Ich reiste damals häufig in Ostasien umher, beobachtete und lernte — und vermutete, daß eine solche Lage auch in Europa durchaus einmal möglich sein dürfte. Also legte ich meinen eigenen Vorrat an und nahm ihn mit nach Deutschland.
Dort lagerte er jetzt also, und meine (japanische) Frau war schon drauf und dran, ihn als unnütz und überflüssig zu entsorgen. Zum Glück hat sie es nicht getan. … Mögen andere also Toilettenpapier sammeln: Ostasienwissenschaftler halten sich eher an Masken.
Der heutige Run auf Toilettenpapier konnte Japanologen übrigens auch nicht überraschen. Während der ersten Ölpreiskrise von 1973 war es nämlich genau das Toilettenpapier, das in Japan plötzlich zur Mangelware wurde. Nicht das Erdöl selbst — nein, Toilettenpapier! Es wurde in Unmengen von den Japanern gehortet, in der irgendwie begründeten Vermutung, ein Anstieg der Erdölpreise könne hier zu einer Produktionskrise führen. Das löste damals Verwunderung aus und wurde unter Japanologen heiß diskutiert. In Deutschland würde so etwas doch nie passieren …
So lehrt uns Asienwissenschaftler die Corona-Krise also tatsächlich doch: Es gibt noch mehr Universalien, als wir bislang vermutet hatten! Das Bedürfnis nach Toilettenpapier gehört offenbar dazu. Oder umgekehrt: Japaner sind auch nur ganz normale Menschen.
Es ist also enorm wichtig und hilfreich, auch und gerade in Krisensituationen sein kulturelles Gedächtnis zu pflegen. Aus meinem Geschichtsstudium erinnerte ich mich auch noch daran, daß ein italienischer Dichter namens Boccaccio der Großen Pest von 1348 ein ganzes Werk der Weltliteratur gewidmet hat: Das Dekameron, die Sammlung von hundert Kurzgeschichten, die sich zehn junge Leute in freiwilliger Selbstisolation an zehn Tagen erzählt haben. In der Einleitung gibt Boccaccio eine bewegende Schilderung der Auswirkungen der Pest auf seine Gesellschaft. Dieses Werk hat Boccaccio unsterblich gemacht. Gemeinsam mit seinen Zeitgenossen Dante und Petrarca wird er bis heute als Vater der italienischen Literatur verehrt; die drei werden — soviel Ironie muß sein — als die „drei Kronen“ bezeichnet, tre corone
Ich habe nun angefangen, das Dekameron in der schönen Übersetzung von Karl Witte in einem Podcast vorzulesen. Um das kulturelle Gedächtnis aufzufrischen. Wer es sich anhören will, findet es hier.

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Corona-Virus: Täglich grüßt der Rassismus … diesmal wieder in der FAZ

Der Ausbruch des Corona-Virus in China sorgt für steigende Panik in der westlichen Welt; allerdings sind es bislang überwiegend Chinesen, die davon betroffen sind. Grund genug für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), in ihrer Ausgabe vom 31.1.2020 auf S. 2 eine jener rassistischen Karikaturen zu veröffentlichen, für die ihre Karikaturenzeichner Greser und Lenz berüchtigt sind:

Offenbar finden die Zeichner es witzig, den fast zeitgleichen Beginn des neuen Jahres im chinesischen Mond-Sonnenkalender mit der japanischen Tradition, am Jahresende Beethoven 9. Sinfonie aufzuführen, und der berechtigten Sorge vor Infektionen zusammenzurühren. Passend zum Beethoven-Jahr 2020. Und zur laufenden Karnevalssaison.
Meine halb-japanische Tochter (19) ging vor wenigen Tagen mit einem jungen Japaner durch die Straßen von Berlin und mußte sich von einer Gruppe einheimischer „Männer“ nachrufen lassen: „Iih, das sind Japaner, die haben den Virus!“
Dank an die FAZ für das erneute muntere Anheizen solcher Stimmungen. Wirklich zum Totlachen.

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Hong Kong, China … die Revolution beginnt

Ich kann mich historisch an keine einzige erfolgreiche Revolution erinnern, in der nicht mehrere, mitunter höchst antagonistische Lager zusammenarbeiteten. Die anschließenden „Säuberungen“, in denen mühsam und gewaltvoll versucht wurde, Homogenität zu erzeugen („Die Revolution frißt ihre Kinder“), belegen das doch. Robespierre, Trotzki und selbst Mao haben das alles erlebt. Revolution nur mit der reinen Lehre kann nicht gelingen.

Es ist kritisiert worden, daß die gegenwärtige Protestbewegung in Hong Kong politisch sehr unterschiedliche und teilweise an die koloniale Vergangenheit der Stadt anknüpfende Forderungen erhebe. Wenn wir angesichts der anhaltenden Proteste für Hong Kong in diesen Tagen eine revolutionäre Stimmung unterstellen, dann sollte uns allerdings wirklich nicht wundern, daß sich darunter auch Stimmen finden, die unseren jeweils eigenen politischen Vorstellungen nicht entsprechen; so sind Revolutionen nun einmal. Und wenn ich mir die Ergebnisse der letzten Kommunalwahl sowie die Beteiligung an Massendemonstrationen in Hong Kong ansehe, dann kann ich auch nicht erkennen, daß hier privilegierte, reaktionäre Elitenkinder auf eigene Faust handelten. Die Bevölkerung hat sie auf die einzige ihr jetzt mögliche Weise hinreichend legitimiert. „Ermächtigt“ wäre zuviel gesagt; aber das ist, worum es letztlich geht.

Am 30. August 2019 hat Liao Yiwu in der FAZ auf das Schicksal von Yang Wei hingewiesen, der wegen Tiananmen jahrelang im Gefängnis saß und 1998 die Demokratische Partei Chinas gründete. Als einziger der Parteigründer entging er der erneuten Verhaftung durch Flucht ins Ausland. Soeben wurde er jedoch aus Kanada nach China abgeschoben, obwohl er offensichtlich als Spätfolter der Haftfolter geistig verwirrt war. Angeblich soll er in diesem Zustand im Gerichtssaal gerufen haben: „Schickt mich nach China zurück!“ Liao kommentiert:

Wenn sich die Leute in Hongkong nicht mehr wehren, werden wir alle eines Tages auch schreien: ‚Schickt mich nach China! Schickt mich nach China!‘

Und heute, am 10.1.2020, macht Liao in der FAZ (Druckausgabe, S. 11) die Verurteilung des chinesischen Pastors Wang Yi zu einer neunjährigen Gefängnisstrafe im Dezember bekannt; auch er ein „Mittäter“ von Tiananmen. Liao zitiert ein Gedicht, das Wang 2015 schrieb. Darin heißt es:

In dieser Zeit schreib unbedingt ein verdächtiges Gedicht! / Eine Zeile Chinesisch stürzt die Regierung. / … In dieser Zeit sag ein Gedicht auf, das sind zwei, drei Verbrechen. / Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.

„Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.“ —
Das geht mir deutlich näher als die Sorge um postkoloniale Kopfschmerzen.

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Okinawa: Burg Shuri in Naha abgebrannt

Weite Teile der Burg Shuri 首里城, des auf das 15. Jh. zurückgehenden Sitzes der Könige von Ryūkyū 琉球, in Okinawas Hauptstadt Naha 那覇 sind in der Nacht zum 31.10.2019 einem Brand zum Opfer gefallen. Das Feuer wurde gegen 2:40 Uhr entdeckt und konnte erst 11 Stunden später gelöscht werden. Menschen kamen nicht zu Schaden. Ein Wiederaufbau wird bereits geplant. Die Burg war bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1992 rekonstruiert worden. 2000 wurde sie von der UNESCO als Stätte des Weltkulturerbes registriert.

Burg Shuri (2013)
Thron des Königs von Ryukyu

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