Wer sich mit den Eßgewohnheiten in der Edo-Zeit beschäftigt hat, weiß, daß es damals verpönt war, Fleisch zu essen — und dennoch gab es Spezialitätenrestaurants für Wildschwein. Allerdings nannte man das Wildschwein nicht Wildschwein, sondern “Bergwal” (yamakujira 山鯨). Denn Meerestiere fielen nicht unter das buddhistische Fleisch-Tabu.
Weniger bekannt ist, daß eine ähnliche Umbenennung auch für ein Insekt üblich war, das seit langer Zeit in Japan heimisch und bei den Bauern als Proteinlieferant beliebt war (und teilweise noch heute ist): Die Wanderheuschrecke, inago 稲子. In Japan kamen sie am häufigsten in den Naßreisfeldern vor. Nach der Reisernte konnte man sie sehr einfach und in großen Mengen fangen, aufspießen und braten oder in Shoyu mit Zucker zu Tsukudani 佃煮 verkochen.
Das klingt ja schon merkwürdig, denn eigentlich besteht Tsukudani aus kleinen Fischen und Meeresfrüchten.
Aber genau da liegt die Pointe. Statt inago hießen die Wanderheuschrecken nämlich mancherorts oka-ebi 丘エビ, “Hügel-Krebse”, obwohl sie mit Krebsen herzlich wenig zu tun haben (angeblich schmecken sie ähnlich).
Und nun wird es noch merkwürdiger. Auf englisch heißt Wanderheuschrecke bekanntlich locust, was aus dem Französischen stammt: locuste, was seinerseits aus dem Lateinisch stammt: locusta. Das Wort ist auch ins Deutsche gelangt — als Languste. Aber Langusten sind Flußkrebse und heißen auf japanisch Ise-ebi 伊勢エビ! Und “Krebs” war auch die ursprüngliche Bedeutung von locusta. Auf englisch heute lobster (Hummer).
Damit schließt sich ein interessanter Kreis. Daß man Wanderheuschrecken ißt, kennt man aus vielen Kulturkreisen — man kann es schon in der Bibel nachlesen. Daß man diese Insekten in Japan wie in Europa zu Krebstieren erklärte, läßt tief in die Abgründe unserer gemeinsamen Kochtöpfe blicken.
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We are meanly specialized in anime cels from japanese animes.
(Selbstbeschreibung eines Online-Händlers für Zeichnungen aus Zeichentrickfilmen, Mai 2012.)
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Fukushima und die Panikmacher: Hauptsache, Blut fließt …
Laut eigener Aussage ist Mochizuki Iori Ingenieur, 27 Jahre alt und lebt in Yokohama. Sein Geld verdient er mit dem Export japanischer J-Pop-Artikel ins Ausland. Deshalb fühlt er sich wohl auch dazu berufen, in den unterschiedlichsten Sprachen über “den traurigen Zustand Japans in der Welt 日本の窮状を世界に” bekanntzumachen. Denn seit dem März 2011 ist er davon überzeugt, daß die japanische Regierung es auf das Leben der Japaner abgesehen hat: “Japanese government is trying to kill us all”, schrieb er am 30.8.2011 auf Facebook. Ganz in diese Sinne unterhält er ein “Fukushima Diary”, in dem er alles anhäuft, was er irgendwie für relevant und mit Fukushima zusammenhängend hält. Natürlich gibt es auch Tips für Leute, denen Japan zu unsicher geworden ist und die sich eine neue Heimat suchen wollen (“As the situation grows more perilous in Japan, many people are beginning to consider ways to evacuate themselves and their loved ones. We hope that you find a new home!“).
Tatsächlich ist Mochizuki nicht zimperlich, wenn es darum geht, in Japan Weltuntergangsstimmung zu verbreiten. Eine der letzten Meldungen aus diesem Blog des Grauens vom 12.5.2012 trägt die Überschrift: “Japanese bleeding from eyes”. Er zitiert darin einen Twitter-Anhänger aus Miyagi, der am 2.5. aufgeregt (mit Foto) davon berichtete, er habe plötzlich aus dem Auge geblutet … und noch eine zweite Twitter-Meldung vom 8. Mai des gleichen Inhalts aus Tokyo …, um am 12. Mai zu behaupten:
Multiple Japanese people reported sudden bleeding from the eyes at once.
Verschlagwortet unter der Rubrik “Symptoms”, ist die Absicht, hier Anzeichen für eine angeblich verbreitete Strahlenkrankheit in Japan zu sehen, unübersehbar. Pech nur, daß aus dem Twitter-Dialog, der am 11. Mai auf die erste Meldung vom 2. Mai folgte, hervorgeht, wie lächerlich diese Art von Informationspolitik ist.
Ein anderer Twitter-Nutzer wies den Erstschreiber darauf hin, seine Meldung kursiere nebst Foto als Beleg für Verstrahlung im Internet. Aber solche Blutungen nenne man Hyposphagma, sie gingen nach wenigen Tagen von selbst zurück.
Der Erst-Twitterer schrieb daraufhin:
Wie bitte? — Ist das wahr!? Das ist ja schon wieder komplett verheilt (:- Ich bin schließlich doch nicht zum Arzt gegangen. Wie könnte Radioaktivität schuld an einem Hyposphagma sein?? Was bei den Leuten, die das verbreitet haben, im Kopf vorgeht, kapier ich nicht www
Ich auch nicht. Oder vielleicht doch. Wer sich darin gefällt, Panik zu verbreiten, dem ist egal, woher das Blut kommt, das fließen muß …
Audacter calumniare, semper aliquid haeret, wußten schon die Römer: Immer kräftig verleumden — irgendetwas bleibt immer hängen!
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Japan und Südkorea schließen erstmals Militärabkommen
Ende Mai wollen Japan und Südkorea ein gemeinsames Abkommen unterzeichnen, in dem sie einander gegenseitige Information und logistische Hilfe bei militärischen Operationen versprechen. Hauptgrund für die erste formelle militärische Kooperation seit Koreas Unabhängigkeit ist die gemeinsame Einschätzung des nordkoreanischen Bedrohungspotentials.
Südkorea hat ähnliche Übereinkünfte bereits mit anderen Staaten geschlossen. Man möchte, heißt es in Seoul, Japan nicht das Gefühl geben, isoliert zu sein, und zugleich den amerikanischen Wünschen nach dem Aufbau eines militärischen Dreiecks Japan-Korea-USA entgegenkommen.
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Falschmünzer der Wissenschaft
Wissenschaft lebt von Menschen, die gute Ideen haben. Aber sie (diese Menschen) sind selten, und deshalb dauert es mit echtem Fortschritt oft länger als erwünscht.
Daß nicht jeder von selbst auf gute Ideen kommt, ist der in der wissenschaftlichen Praxis leider nachweisliche Ist-Zustand. Getreu dem berühmten Witz über den jungen Pfarrer, der seine Probepredigt hielt und vom Vorsitzenden der Prüfungskommission danach gesagt bekam: “Lieber Bruder, Ihre Predigt war voller neuer und guter Gedanken. Leider waren die neuen Gedanken nicht gut und die guten nicht neu.” — Diesen Witz hat mir mein Vater erzählt, Jahrgang 1911. Ich nehme daher an, daß er schon vor dem Zweiten Weltkrieg kursiert hat. Woraus ich schließe: Wenn es um Witze geht, erzählen wir ohne jede Hemmung gern nach.
Aber bei wissenschaftlichen Arbeiten?
Da hatte ich vor Jahren einmal ein Schlüsselerlebnis. Für einen japanischen Kollegen hatte ich auf seine Bitte hin einen Aufsatz von ihm ins Deutsche übersetzt. Er hat es mir sogar bezahlt. Ich war damals Doktorand und konnte das Geld gut gebrauchen. Die Übersetzung schickte ich an die von ihm angegebene Adresse: einen deutschen Historiker, der mir als Verfasser hochtheoretischer Texte zur Wissenschaftsgeschichte und -ethik bekannt war. Sonst nicht. Ich hörte nie wieder etwas von dem Text.
Etliche Jahre später, als ich bereits Professor war, fiel mir ein Buch in die Hände, das dieser (nunmehr) Kollege herausgegeben hatte. Darin fand sich jener Aufsatz, den ich ein Dutzend Jahre vorher übersetzt hatte. Ziemlich unverkennbar war es meine Übersetzung. Aber sie war nicht unter meinem Namen veröffentlicht. Als Übersetzer wurde ein ganz anderer Mensch genannt.
Ich schrieb den Kollegen etwas verwundert an. Und bekam zur Antwort, das so etwas (also geistiger Diebstahl) völlig ausgeschlossen sei.
Diese Antwort ärgerte mich, also schaltete ich einen Rechtsanwalt ein, der zufällig besonders gut in Urheberrechtsfragen ist. Das Ganze endete damit, daß sich der Kollege und sein damaliger Doktorand bei mir entschuldigten. Mein Manuskript sei damals eingetroffen, man habe es aber nicht verwenden wollen und es dann aus Versehen doch verwandt. Oder so ähnlich. Ich verzichtete großmütig auf eine Wiedergutmachung. Nur die Rechtsanwaltskosten wollte ich erstattet haben. Woraufhin der werte Kollege sich als erstes Charakterschwein entpuppte und die Rechnung an den Doktoranden weiterreichte.
Ja, das Leben ist ungerecht. Da findet man eine gute Idee, greift sie begeistert auf — und muß dann dafür bezahlen.
Niemand kann mir weismachen, es gebe einen Wissenschaftler, der nicht wenigstens einmal hart am Rand eines Plagiats gearbeitet hat. Ich erinnere nur an die Einsichten Georg Christoph Lichtenbergs zu diesem Thema:
Wenn wir mehr selbst dächten, so würden wir sehr viel mehr schlechte und sehr viel mehr gute Bücher haben. (Heft D, Nr. 422)
Bücher werden aus Büchern geschrieben. (Heft D, Nr. 537)
Wir verstehen die Kunst, aus ein paar alten Büchern ein neues zu machen. (Heft F, Nr. 135)
Passabel auszudrücken, was andere Leute gedacht hatten, war seine ganze Stärke. (Heft J, Nr. 928)
Es wäre gewiß sehr nützlich, der Welt die Schriftsteller anzuzeigen, die mit Kenntnis anderer, die vor ihnen gewesen sind, aus sich selbst allein geschöpft haben. Durch diese allein lernt man, und es sind ihrer gewiß sehr wenige, die also jedermann leicht lesen könnte. Die andern prägen nach und sind im eigentlichen Verstande Falschmünzer. (Vermischte Schriften I, Nr. 280)
Er exzerpierte beständig, und alles, was er las, ging aus einem Buche neben dem Kopfe vorbei in ein anderes. (Vermischte Schriften II, Nr. 83)
(zitiert nach: Lichtenbergs Werke in einem Band. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 3. Aufl. 1978)
