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Nordkorea 1951: Militärbordelle „reduzieren die Kampfkraft“

Eine Trouvaille aus den jetzt über CrossAsia zugänglichen Foreign Broadcast Information Service (FBIS) Daily Reports der CIA aus der Zeit des Korea-Krieges betrifft den Zusammenhang zwischen Kampfmoral und Sex im Krieg. In einer Rundfunkmeldung vom 11.5. 1951, die über den Chinese International Service ausgestrahlt wurde, heißt es:

As a rule the degradation and degeneration of the American Army organization affects the individual life of the troops. The main function of the American Special Service Division is to provide the GI’s with obscene and sexy magazines and papers and fantasy story books. Among the belongings of the American POW’s are nude snapshots, lewd pictures, and prophylactic rubbers. The prophylactic kit is a legal army supply item for the American soldiers. According to (name given—Ed.), when the troops were stationed in Japan, the majority of the officers and men frequented the brothels from five to seven times a week, thus weakening their bodies and directly reducing their fighting spirit.

(DAILY REPORT. FOREIGN RADIO BROADCASTS (FBIS-FRB-51-100), S. 2, 11.5.1951)

Sachlich ist dies nichts Neues, diese Aspekte der Arbeit der Special Service Division sind schon aus dem Zweiten Weltkrieg bekannt und direkt mit der Problematik der „Trostfrauen“ verknüpft (die ja auch während des Koreakrieges sowohl in Japan als auch in Südkorea für amerikanische Soldaten angeheuert wurden). Die US-amerikanische Argumentation dafür lautete jedoch gerade umgekehrt, daß man durch solche „Dienste“ die Kampfmoral der Truppe steigere! Offenbar dachten Chinesen und Nordkorea genau umgekehrt … jedenfalls offiziell.

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Kaiser Akihitos Ansprache zum 30. Thronjubiläum

Am 24. Februar 2019 hielt der japanische Kaiser Akihito zum 30. Jahrestag seiner Thronbesteigung eine Ansprache, die angesichts seines bevorstehenden Rücktritts zugleich eine persönliche Bilanz seiner Zeit als Kaiser darstellte. Damit stellt sie ein wichtiges Zeugnis einer nunmehr zu Ende gehenden Ära dar. Ich dokumentiere ihren vollen Wortlaut in einer eigenen Übersetzung.


Ich bin zutiefst dankbar für die Glückwünsche, die mir aus Anlaß meines 30. Thronjubiläums von der Regierung und aus dem In- und Ausland zugedacht wurden. Schaue ich auf die vergangenen Tage seit den dreißig Jahren nach meiner Thronbesteigung zurück, bin ich zutiefst beeindruckt, dass ich diesen Tag heute auf diese Weise mit nationalen und internationalen Glückwünschen bedacht feiern kann.
In den dreißig Jahren der Heisei-Ära wurde Japan von dem starken Willen des Volkes getragen, den Frieden zu suchen. Zum ersten Mal in der Moderne gab eine Ära, die keinen Krieg erlebte, doch es war wiederum keinesfalls eine Zeit ohne Verwerfungen, sondern eine Zeit, in der wir vielen unerwarteten Schwierigkeiten gegenüberstanden.
Die Welt ist in eine Periode des Klimawandels eingetreten, und auch unser Land hat unter vielen Naturkatastrophen gelitten und sieht sich auch angesichts des demographischen Wandels im Gefolge von Alterung und abnehmender Geburtenrate vielen sozialen Phänomenen gegenüber, die es in der Vergangenheit nicht erlebt hat.
Auch unser Land, das als Inselreich seine eigenständige Kultur in relativ gesegneter Form kultiviert hat, ist jetzt in der sich globalisierenden Welt nach außen hin offen und sichert sich meinem Eindruck nach darin mit Weisheit seinen eigenen Platz und strebt mit Aufrichtigkeit danach, Beziehungen zu anderen Ländern aufzubauen.
Seit meiner Thronbesteigung als Kaiser bis zum heutigen Tag habe ich Tag für Tag für den Frieden und die Zufriedenheit der Menschen des Landes gebetet und darüber nachgedacht, wie ich als sein Symbol beschaffen sein muß.
Doch der Weg, das Bild des Kaisers als das von der Verfassung vorgeschriebene Symbol zu suchen, ist unendlich lang. Diejenigen, die mir von nun an folgen, werden für die nächste Ära und auch die nächsten Ären nach der Gestalt suchen, die sie als Symbol haben müssen. Ich hoffe inständig, daß sie in diesen Zeiten, die vor uns liegen, das Bild des Symbols weiter ergänzen können.
Es war eine Freude, meine bisherigen Pflichten als Kaiser mit der Hilfe vieler Menschen erledigen zu können. Alle meine bisherigen Dienste konnten nur mit Zustimmung und Unterstützung der Organisationen des Landes durchgeführt werden, und daß ich bisher alles erledigen konnte, was ich erledigen mußte, verdankte ich der Existenz der Menschen dieses Landes und dem über lange Jahre von der Vergangenheit bis heute von den Japanern erschaffenen Zivilisationsgrad dieses Landes, dem als Symbol seiner Einheit zu dienen Stolz und Freude bereitet.
Während der Katastrophen in den letzten dreißig Jahren begegneten uns unglücklicherweise auch viele Leiden in den betroffenen Gebieten, doch der Anblick von Menschen, die auf bewunderswerte Weise durchhielten, und von Menschen aus dem ganzen Land, die sich des Unglücks dieser Gegenden annahmen und auf vielfältige Weise eng zusammenhielten, gehört zu den unvergeßlichen Erinnerungen meiner Amtszeit.
Heute möchte ich auch den Menschen in anderen Ländern meinen Dank aussprechen, die auf uns achteten, als Japan Not und Trauer erlebte. Unzählige Länder, internationale Organisationen und Regionen leisteten uns herzlich Beistand. Dafür danke ich aus ganzem Herzen.
Bald nachdem die Heisei-Ära begann, schrieb die Kaiserin ein tief bewegtes Gedicht.

Das ganze Reich ist voll der Worte von Menschen, die gemeinsam eine Zeit des Friedens erbauen wollen.

Die Heisei-Ära begann für mich nach dem Tod von Kaiser Shōwa als ein Weg durch eine in tiefen Schmerz versunkene Finsternis. Weil es eine solche Zeit war, wurden die „Worte“ in diesem Gedicht damals nie laut gesprochen.
Aber noch heute behalten wir die in diese Stille hinein gesprochenen, entschlossenen Worte, die uns damals aus allen Regionen des Landes erreichten — „Auch wir werden gemeinsam mit dem Kaiserhaus ein friedliches Japan aufbauen“ — als Schatz in unserem Herzen.
Ich spreche allen, die heute zu meinem 30. Thronjubiläum eine solche Zeremonie veranstaltet haben, meinen tiefsten Dank aus und bete erneut für Frieden und Glück der Menschen in unserem Land und in der Welt.

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Der Kaiser, die Koreaner und keine Aussicht auf Besserung

Vielleicht war es gut gemeint, als Mun Hŭisang 文喜相, politischer Veteran, Mentor des südkoreanischen Staatspräsidenten Mun Jäin und Sprecher des südkoreanischen Unterhauses, in einem Interview am 7. Februar vorschlug, der gegenwärtige japanische Kaiser Akihito solle vor seinem Thronverzicht nach Südkorea reisen und sich dort bei den noch lebenden ehemaligen „Trostfrauen“ entschuldigen — mit einer solchen Geste könne der Dauerstreit zwischen Korea und Japan in dieser Frage ein für allemal erledigt werden. Schließlich sei der Kaiser „Sohn des Hauptkriegsverbrechers“. Alle bisherigen japanischen Entschuldigungen (auch Akihito selbst äußerte bereits 1990 „tiefes Bedauern“ über die Kolonialzeit) wögen weniger als das, was deutsche Politiker nach 1945 an Abbitte geleistet hätten.
Als die japanischen Reaktionen auf dieses Interview jedoch heftig und scharf ausfielen, versuchten beide Seiten zunächst die Wogen zu glätten. Japans Außenminister Kōno Tarō 河野太郎 gab am 10. Februar auf einer Pressekonferenz bekannt, Muns Büro habe versichert, er sei falsch verstanden worden, und forderte die koreanische Seite auf, „sich von jetzt an mit sorgfältigem und korrektem Verständnis zu äußern.“ Doch die Dinge gerieten außer Kontrolle, wie zu erwarten war. Denn Kritik an ihrem Kaiser nehmen japanische Politiker traditionell nicht gut auf. Zudem glaubt man in Japan, seit Südkoreas Regierung die 2015 verabredete „endgültige Lösung“ der Trostfrauenfrage de facto widerrufen hat, nicht mehr an die Dauerhaftigkeit südkoreanischer Versprechungen. Japans Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三, der auf koreanische Vorhaltungen „stets emotional reagiert„, verlangt eine Entschuldigung von Mun, was dieser ablehnt, weil er in dieser Frage nichts anderes gesagt habe als seit zehn Jahren.
Mag ja sein. Nur haben sich die Beziehungen zwischen Japan und Korea im letzten Jahrzehnt an etlichen Punkten verändert. Man kann durchaus sagen, wie es in einem Hintergrundbericht der konservativen Joongan Ilbo 中央日報 heißt, daß die japanisch-koreanischen Beziehungen „so schlecht wie noch nie nach dem Krieg“ sind. Dies liegt, so der Bericht weiter, vor allem daran, daß es kaum noch diplomatische Kanäle gibt, auf denen die bestehenden Konflikte gelöst werden, bevor sie publikumswirksam verstärkt werden. Dem gegenwärtigen südkoreanischen Botschaft in Japan Yi Suhun 李洙勲 wird vorgeworfen, er suche zu wenig Kontakt zur japanischen Regierung. Auf japanischer Seite hat Ministerpräsident Abe immer häufiger die Außenpolitik unter Umgehung des Außenministeriums an sich gezogen. Den Kontakt zu Korea halten im wesentlichen sein Sicherheitsberater Yachi Shōtarō 谷内正太郎, der allerdings inzwischen als frustriert gilt, und Kabinettsminister Suga Yoshihide 菅義偉, der als Sprecher der Regierung die häufig heftigen Ausbrüche Abes diplomatisch einzufangen versucht. Aber auch Suga verlangte von Mun eine Entschuldigung für seine Äußerung über den Kaiser. Am 12. Februar wurde der LDP-Veteran Nukaga Fukushirō 額賀福志郎 als Vorsitzender der japanisch-koreanischen Parlamentariergruppe nach Seoul geschickt, um mit dem südkoreanischen Ministerpräsidenten Yi Nagyŏn über die „verschlechterten Beziehungen zwischen Südkorea und Japan“ zu sprechen. Das Gespräch blieb offiziell ohne eine Annäherung der Standpunkte. Außer der Äußerung über den Kaiser ging es dabei vor allem um das Urteil des Obersten Gerichtshofes gegen japanische Unternehmen, das für erheblich Unruhe und Verärgerung in Japan gesorgt hat.
Die Mehrheit des Obersten Gerichtshofes kam am 30. Oktober 2018 hinsichtlich der Klage von Hinterbliebenen koreanischer Zwangsarbeiter gegen die Rechtsnachfolger japanischer Unternehmen zu folgendem Urteil:

Die Kläger sind Opfer, welche unter Mißachtung ihrer Würde und Werte als Menschen zwangsweise für illegale und teilweise inhumane Aktivitäten japanischer Unternehmen mobilisiert wurden, die in direktem Zusammenhang mit der illegalen kolonialen Herrschaft der japanischen Regierung über die koreanische Halbinsel und dem Verfolg eines Invasionskrieges standen, und denen unterschiedliche Arbeiten abverlangt wurden. Sie konnten keine seelische Wiedergutmachung erhalten und leiden immer noch. Die Regierungen Südkoreas und Japans haben die seelischen Leiden der Opfer der Zwangsarbeit übermäßig ignoriert und ein Abkommen über Wiedergutmachungsansprüche geschlossen, ohne jede Anstrengung zu unternehmen, diese Sachverhalte auch nur zu untersuchen oder zu bestätigen. Die Verantwortung dafür, daß das Abkommen über Wiedergutmachungsansprüche die Ansprüche der Zwangsarbeit auf Schmerzensgeld nicht klar regelt, liegt bei den damals für den Abschluß dieses Abkommens Verantwortlichen. Sie darf nicht auf die Opfer abgewälzt werden.

Japan sieht darin einen Verstoß gegen den japanisch-koreanischen Grundlagenvertrag von 1965, in dem sämtliche Entschädigungsfragen nach seiner Auffassung endgültig geregelt wurden. Während die südkoreanische Regierung auf dem Standpunkt steht, es handele sich um ein Problem der betroffenen japanischen Unternehmen und nicht um eine Vertragsfrage, hat Japan Südkorea zur Einleitung eines Schlichtungsverfahrens aufgefordert, das im Grundlagenvertrag vorgesehen ist. Auf ein solches Ansinnen müßte Südkoreas Regierung binnen 30 Tagen reagieren. Sie hat es jedoch nicht getan, weshalb die japanische Regierung wiederum aufgebracht ist; es droht nun eine japanische Klage vor dem Internationalen Gerichtshof.
All dies führt tatsächlich zu dem Schluß, den auch die koreanische Joongan Ilbo zieht:

Für die japanisch-koreanischen Beziehungen gibt es keine Anzeichen einer Verbesserung.

Die USA, die traditionell eine Mittlerrolle zwischen den beiden streitenden Nachbarn gespielt haben, erfüllen diese Funktion seit Amtsantritt von Präsident Donald Trump kaum noch. Eine überparteiliche Gruppe von Senatoren und Abgeordneten strebt deshalb jetzt im US-amerikanischen Parlament die Verabschiedung einer Erklärung an, welche „starke Bande zwischen den drei Ländern“ einfordert.
Doch am 1. März 2019 jährt sich der Aufstand koreanischer Intellektueller gegen die japanische Herrschaft zum 100. Mal. Die sogenannte „Manse“-Bewegung wurde seinerzeit von japanischer Polizei brutal unterdrückt. Es ist damit zu rechnen, daß das Jubiläum auf koreanischer Seite zu einer neuen Welle antijapanischer Emotionen führen wird. Mehrere japanische Intellektuelle, darunter der Historiker Wada Haruki 和田春樹 und die Soziologin Ueno Chizuko 上野千鶴子, forderten deshalb Japans Öffentlichkeit dazu auf, sich ernsthafter mit der koreanischen Sichtweise auseinanderzusetzen. Der Schlußsatz der „Erklärung japanischer Bürger und Intellektueller für 2019“ verweist auf die Unabhängigkeitserklärung der koreanischen Intellektuellen von 1919:

Wir müssen auf diese große, überzeugende Stimme des koreanischen Volkes hören und für den Frieden im Orient, für den Frieden in Nordostasien, auf der Grundlage von Selbstkritik und Entschuldigung für die Kolonialherrschaft, den Weg des gegenseitigen Verständnisses zwischen Japan und Südkorea und Japan und Nordkorea sowie der gegenseitigen Hilfe beschreiten.

Diese Erklärung wurde am 6. Februar verkündet; die Äußerungen Muns vom darauffolgenden Tag konterkarierten diese Aktion völlig. Schlechte Zeiten also für die Stimme der Vernunft.

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Quo usque tandem? — Abes Außenpolitik führt Japan in die Isolation

In einem Monat, am 22. Februar 2019, wird Abe Shinzō 安倍晋三 zum japanischen Ministerpräsidenten mit der längsten Regierungszeit nach 1945. Der bisherige Rekordhalter war Yoshida Shigeru, der 1946 bis 1947 und 1948 bis 1954 das Land regierte.
Yoshida ist die entschiedene Bindung Japans an die USA zu verdanken. Er hätte gern im Verhältnis zu China andere Akzente gesetzt, doch die USA ließen dies nicht zu. Wegen des Korea-Krieges war Japan zudem zwar faktisch in Korea engagiert, doch auch dies nur unter amerikanischer Flagge; zu Gesprächen mit Südkoreas Präsident Yi Sŭngman war er nur unter amerikanischem Druck bereit, und sie verliefen im Sande.
Hierin zeigt sich eine Gemeinsamkeit Abes mit Yoshidas: Er würde gern alte Konflikte angehen, die Japans Verhältnis zu seinen Nachbarn seit dem Zweiten Weltkrieg belasten; doch er kann es nicht. Sämtliche außenpolitischen Versprechen, die er seinen Wählern gegeben hat, sind trotz seiner selbsterklärten „Diplomatie mit globalem Überblick“ (chikyūgi wo fukan suru gaikō 地球儀を俯瞰する外交) nicht in Erfüllung gegangen.

  • In Sachen der nach Nordkoreaner entführten Japaner hat sich nichts getan. Im Gegenteil: Japan hat seine Feindseligkeit gegenüber Nordkorea so verschärft, daß Nordkorea nicht einmal mehr zu Gesprächen darüber bereit ist.
  • Das Verhältnis zu Südkorea, dem nicht nur nächstgelegenen, sondern auch politisch am nächsten stehenden Nachbarland, ist zerrüttet oder, wie Japans Kabinettsminister Suga warnt, „in einer ernsten Lage“. Daran trägt zweifellos auch die südkoreanische Seite Schuld, weil dem dort regierenden Populismus Japan insgesamt immer noch als billiges Feindbild dient; aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Deeskalation ist das Letzte, wozu die gegenwärtige japanische Regierung in der Lage ist.
  • Bisher 25 Begegnungen mit Rußlands Staatspräsidenten Putin haben zu keinerlei Annäherung in der Frage der Rückgabe der südlichen Kurileninseln an Japan geführt. Die jüngste Begegnung am 22. Januar, im Vorfeld von Abes Presse mit Erwartungen an den bevorstehenden Abschluß eines Friedensvertrages bei wenigstens Rückgabe des umstrittenen Territoriums vorbereitet, verlief überaus enttäuschend. Sogar die Hauspostille des Premiers, Sankei Shinbun 産経新聞, wirft der Regierung Abe nun vor, der Bevölkerung nicht reinen Wein einzuschenken. Die von Abe öffentlich vertretene Diplomatie einer Annäherung an Rußland zur Eindämmung Chinas gehe an den Realitäten völlig vorbei:

    Die Konstruktion eines Netzes zur Umzingelung Chinas durch japanisch-russische Zusammenarbeit dürfte als einseitiger Wunschtraum der japanischen Seite enden.

  • Japans Austritt aus der Internationalen Walfangkommission wird am 1. Juli 2019 gültig. Danach wird Japan den kommerziellen Walfang wieder beginnen. Damit macht sich Japan in der Weltgemeinschaft mit Sicherheit keine neuen Freunde. Auch im Inland, dessen Bevölkerung kaum am Verzehr von Walfleisch interessiert ist, gibt es Kritik. Das Außenministerium warnte vor dem Austritt — die Parteipolitiker der regierenden Liberaldemokraten wollten ihn trotz aller Imageschäden: Ein Hintergrundartikel des Staatssenders NHK stellt nun heraus, daß der (auch rechtlich problematische und in der langen Diplomatiegeschichte Japans eigentlich nur mit dem Austritt aus dem Völkerbund vergleichbare) japanische Rückzug auf Betreiben hauptsächlich von zwei Politikern beruht: LDP-Generalsekrät Nikai Toshihiro 二階俊博 und Abe Shinzō, deren Wahlkreise in Regionen liegen, in den Walfang einen wichtigen Erwerbszweig darstellt.

Auf 72 Auslandsreisen hat Ministerpräsident Abe laut der Regierungs-Homepage seit 2013 stattliche 1,4 Mio. km zurückgelegt. Die wesentlichen außenpolitischen Probleme, mit denen Japan kämpft, sind zwar schon vor seiner Zeit entstanden. Doch der Verfassungsjurist Mizushima Asaho 水島朝穂 urteilt, daß Abe seit seinem Amtsantritt jedes einzelne von ihnen noch verschlechtert hat. Mizushima faßt das Ergebnis dieses Aktivismus nüchtern zusammen:

Japan befindet sich mit allen seinen Nachbarstaaten in einem „vollumfänglichen Pannenzustand“.

Das Scheitern von Abes Außenpolitik ist offenkundig und kann nach so langer Zeit im Amt kein Zufall mehr sein. So stellt sich angesichts des anstehenden Regierungsjubiläums dem objektiven Betrachter an sich nur eine Frage: Quo usque tandem?

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Kapitulation der Diplomatie: Kein Vertrauen (mehr) zwischen Japan und Südkorea

Wieder einmal ist das Verhältnis zwischen Japan und Südkorea an einem Tiefpunkt angelangt, und es ist angesichts der traditionell miserablen Diplomatie beider Seiten auch keine rasche Lösung erkennbar. Dabei geht es natürlich auch wieder einmal um die koloniale Vergangenheit; doch so „einfach“ wie früher ist die Lage nicht mehr. Es gibt gegenwärtig vier Haupt-Streitpunkte:

  • Die politischen Veränderungen auf der koreanischen Halbinsel stellen die Nachkriegsordnung in Ostasien infrage.
    Die südkoreanische Regierung unternimmt große Anstrengungen, um das Verhältnis zu Nordkorea zu verbessern. Sie strebt eine Wiedervereinigung der Halbinsel an. Sie tut dies auch, um die Gefahr eines neuen Korea-Krieges zu bannen, die durch das nordkoreanische Atombomben- und Raketenprogramm drastisch gestiegen ist. Südkorea hat deshalb seit dem Treffen zwischen Mun Jae-in und Kim Jongun am 27.4.2018 eine Reihe von Sanktionen gelockert, die seitens der Vereinten Nationen eigentlich gegenüber Nordkorea verhängt worden sind, und behandelt den nördlichen Nachbarn extrem zuvorkommend: Nord- und Südkorea treten bei internationalen Sportwettkämpfen mit gemeinsamen Mannschaften auf; Nordkorea erhält Brennstoff (und südkoreanische Firmen importieren über Rußland illegal nordkoreanische Kohle); es wurden Begegnungen zwischen durch den Krieg getrennten Familien vereinbart; Kim Jongun wurde zu einem Besuch nach Südkorea eingeladen; militärische Manöver Südkoreas und der USA wurden abgesagt oder reduziert, um den Norden nicht zu „provozieren“; die gemeinsame Wirtschaftszone in Käseong soll wiederbelebt werden, und auch an der Demarkationslinie wurden Gesten der Entspannung verabredet.
    Für den Frieden ist Südkorea sogar bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen: Die Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan durch einen nordkoreanischen Torpedo 2010 wurde während der Nord-Süd-Verhandlungen nicht mehr thematisiert (frühere Regierungen hatten stets auf einer Entschuldigung Nordkoreas bestanden; doch die jetzt regierende Demokratische Partei hatte ohnehin stets bezweifelt, daß es sich wirklich um einen Torpedoangriff gehandelt hatte).
    Der größere Teil der südkoreanischen Öffentlichkeit, aber auch die VR China und Rußland (welche die Sanktionen ohnehin unterlaufen) unterstützen diese Politik. Die USA und und Japan lehnen sie jedoch ab, weil sie Nordkorea nicht vertrauen. Im Falle Japans kommt hinzu: Japan hat überhaupt kein Interesse an einer Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel. Es befürchtet, daß ein vereintes Korea sich zwangsläufig an China anlehnen und/oder Vergeltung für den japanischen Imperialismus der Vergangenheit anstreben wird. Deshalb weigert sich Japan, im Annäherungsprozeß der beiden Koreas eine konstruktive Rolle einzunehmen.
  • Im Oktober und November 2018 entschied Südkoreas Oberstes Gerichts, japanische Unternehmen zur Entschädigung koreanischer Zwangsarbeiter während der Kolonialzeit zu verurteilen. Betroffen sind Nippon Steel & Sumitomo Metal und Mitsubishi Heavy Industries. Geklagt hatten die Betroffenen bzw. deren Nachkommen. Japans Regierung und Wirtschaft stehen unverändert auf dem Standpunkt, sämtliche Entschädigungsansprüche seien mit dem Normalisierungsvertrag von 1965 abgegolten. Südkoreas Regierung ist von diesem Gerichtsurteil nicht begeistert, will es aber respektieren. Im Januar haben die Kläger gerichtlich Maßnahmen gegen die japanischen Unternehmen beantragt, die auf eine Beschlagnahmung von Unternehmensvermögen hinauslaufen. Japans Regierungschef Abe Shinzō hat Gegenmaßnahmen angekündigt. Für die wirtschaftliche Zusammenarbeit läßt dies nichts Gutes hoffen. Es handelt sich um eine Grundsatzfrage, die das Vertragswerk von 1965 insgesamt gefährdet.
  • Am 21. Dezember erfaßte ein südkoreanisches Kriegsschiff mit seinem Zielerfassungsradar ein im Tiefflug sich annäherndes japanisches Aufklärungsflugzeug. Üblicherweise ist dies ein letzter Schritt vor dem Abschuß eines Gegners. Mehrere Funkanfragen nach dem Sinn des Radareinsatzes blieben unbeantwortet. Die japanische Seite protestierte deshalb sofort dagegen und bezeichnete dies als einen unfreundlichen Akt. Zwei südkoreanische Kriegsschiffe befanden sich zu dieser Zeit in der ausschließlichen wirtschaftlichen Gewässerzone Japans nördlich der Halbinsel Noto, um ein nordkoreanisches Fischerboot zu retten. Die südkoreanische Armee widersprach der japanischen Deutung als unfreundlicher Akt; nicht das japanische Flugzeug sei erfaßt worden, sondern das Fischerboot. Es handele sich um ein Mißverständnis. Japan solle vielmehr selbst erklären, warum sich sein Flugzeug im Tiefflug genähert habe. Japan akzeptiert diese Erklärung nicht, da es unsinnig und unüblich sei, mit Zielradar nach einem Fischerboot zu suchen. Hinzu kommt, daß vor einigen Monaten japanischen Kriegsschiffen verboten wurde, beim Einlaufen in koreanische Häfen die offizielle Flagge der Selbstverteidigungsstreitkräfte zu hissen, da diese Erinnerungen an die Kolonialzeit wecke. Die japanisch-südkoreanische militärische Kooperation, die in den letzten Jahren gerade von den USA immer wieder eingefordert wurde, ist damit wieder in weite Ferne gerückt.
  • Südkorea weigert sich nach wie vor, landwirtschaftliche und Fischerei-Erzeugnisse aus den von der nuklearen Katastrophe von 2011 betroffenen japanischen Präfekturen zu importieren. Dagegen leitete Japan 2015 ein Verfahren bei der Welthandelsorganisation WTO ein. Die WTO gab Japans Beschwerde in den Hauptpunkten recht und bezeichnete Südkoreas Verhalten seit 2015 als unangemessen (und damit unzulässig). Südkorea hat dagegen Einspruch eingelegt, der bislang noch nicht entschieden wurde.

Japanische Diplomaten argumentieren inzwischen öffentlich, den Koreanern sei Anti-Japanismus quasi genetisch verankert. Man könne Koreanern nicht vertrauen, und ein japanisches Engagement auf der koreanischen Halbinsel habe deshalb gar keinen Sinn. Eine solche Position bedeutet natürlich die Kapitulation der Diplomatie. Und damit ist im Verhältnis zwischen Japan und den beiden Koreas wieder alles möglich. Wie vor 1965.

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Filmerzähler digital: Startschuß für ein neues Forschungsprojekt

Im Jahr 2011 verkauft der japanische Filmerzähler (katsudō benshi 活動弁士) Kataoka Ichirō seine einzigartige Sammlung von 4.000 Schellack-Platten an meine Abteilung. Darunter befinden sich vor allem Aufzeichnungen von japanischen Filmerzählungen, aber auch Musik und Nachrichten aus den 1920er bis 1940er Jahren. Mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung beginnen wir jetzt mit der Digitalisierung dieser „Kataoka-Sammlung“. Sie soll in drei Jahren abgeschlossen sein. Soweit das Urheberrecht dies erlaubt, werden die Digitalisate dann alle öffentlich zugänglich sein. Die Eröffnungsfeier des Projekts fand in Anwesenheit von Kataoka statt, der bei dieser Gelegenheit einen Stummfilm mit gewohnter Meisterschaft präsentierte.

Die Schallplatten sind nicht nur für die Film- und Mediengeschichte interessant. Sie sollen im Zuge unser laufenden Forschungsarbeiten zur Frühgeschichte der japanischen Kulturwirtschaft sowie als Quellen zur japanischen Sprachgeschichte verwertet werden.

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