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6. Atombombentest Nordkoreas

Am 3.9. hat Nordkorea offenbar zum sechsten Mal einen unterirdischen Atombombentest durchgeführt. Die Explosion war erheblich heftiger als bei den Versuchen zuvor. Experten nehmen daher an, daß die eingesetzte Bombe zu einem neuen, weitaus stärkeren Typ gehört. Nordkorea behauptet, es habe sich um eine Wasserstoffbombe gehandelt.
Die Erschütterungen waren weit über das Erdbebenzentrum hinaus spürbar, wie das USGS National Earthquake Information Center berechnet hat.
Japans Regierung hat den Test bereits verurteilt und droht mit weiteren einseitigen Sanktionen. Erst letzte Woche hat China Japan deshalb kritisiert, weil es Sanktionen gegen chinesische und namibische Unternehmen verhängt hatte, die mit Nordkorea handelten.

Nordkoreas Atomwaffentests

DatumUhrzeit (UTC)PositionMagnitudeStärke (KT TNT) (geschätzt)
9.10.20061:3541.311°N 129.114°E0,7-2
25.5.20091:0041.306°N 129.029°E4,55-12
12.2.20132:5841.30°N 129.004°E5,15-12
6.1.20161:3041.300°N 129.047°E5,16-9
9.9.20160:3041.298°N 129.015°E5,310-30
3.9.201703:3041.343°N 129.036°E6,3100-150
Angaben über Uhrzeit, Magnitude und Position nach USGS

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Goethe in Japan: Lifestyle-Zeitschriften als kulturelle Gedächtnisorte

„Ich möchte ein echter Mann werden.“ Fast klingt es wie ein Zitat aus Goethes Werther, was in großen Lettern auf dem Titel der Maiausgabe der Zeitschrift prangt, die des Meisters Namen trägt: Goethe.
Aber weit (?) gefehlt. Urheber ist Aiba Masaki 相葉雅紀, der 35-jährige Popstar und Sänger der in ganz Ostasien vergötterten Boygroup Arashi, dessen schlanke Figur auch das Titelbild bildet. Niemand also, der an der „Krankheit zum Tode“ litte. Obwohl man das bei Popstars wohl auch nicht ausschließen kann.

Goethe

Das war dann auch schon die einzige Verwandtschaft, die sich zwischen der Lifestyle-Zeitschrift und ihrem deutschen Namensgeber konstruieren läßt. Das Blatt bietet ansonsten eben Lifestyle für lebenshungrige japanische Männer.
Eine andere Zeitschrift mit deutschem Namen wendet sich an die japanische Frau. Und heißt auch genau so: Frau. Ihre Juliausgabe zeigt einen anderen ostasiatischen Star: Kang Dae-sung, in Japan bekannt als D-LITE, 7 Jahre jünger als Aiba und Sänger der koreanischen Boygroup Bigbang — eine der repräsentativsten Bands des K-Pop. Das ganze Heft dieser Zeitschrift, an der nichts deutsch ist außer ihrem Namen, ist dem Thema „Südkorea“ gewidmet. D.h., es gibt ein paar Informationen wie „Korean Food Basics“, und der Rest besteht aus, nun ja, Empfehlungen zum Shopping in Korea. Trotz aller politischen Konflikte taugt koreanischer Lifestyle in Japan also immer noch zur Ansprache junger Japanerinnen.

Frau

Thematisch etwas eingegrenzter, aber dafür mit ausführlichem Horoskop-Teil präsentiert sich die Zeitschrift Spur (シュプール shupūru zu lesen und damit eindeutig deutsch) in ihrer Augustausgabe. Hier geht es um Mode, um „Geschichten von der Liebe zur Kleidung“, wie es auf dem Titel heißt: „Wir kleiden uns in Erinnerungen.“ (私たちは思い出を着ている) Das ist ein hübscher, fast philosophischer Gedanke, und die junge Frau auf dem Titelbild ist entsprechend retro gestylt. Deutschland findet auch hier nicht statt, aber wer hätte das bei einer Modezeitschrift mit dem Untertitel „National Fashion Story Project“ schon erwartet?

Spur

Solche Zeitschriften sind ja keine japanische Besonderheit. Man muß sie auch nicht von vorn bis hinten lesen, um zu erkennen, daß sie eine Qualität besitzen, die den Tagesmedien abgeht: Sie sind Träger des kulturellen Gedächtnisses. J-Pop, K-Pop, Retromode … alles Schauplätze, an denen sich für junge Menschen in Ostasien die Sehnsucht nach kultureller Geborgenheit offenbart. Wenn das dann noch unter geheimnisvollen deutschen Namen geschieht, sind wir ein Stück weit hineingenommen in diese Sehnsucht nach Männlichkeit, Fraulichkeit und den Spuren, die uns kleiden.

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Unsichere Zukunft für Japans akademisches Proletariat

Mit einem Vergleich endete im April ein Gerichtsverfahren, das die Gewerkschaft der befristeten Lehrkräfte 2013 gegen die Leitung der privaten Waseda-Universität angestrengt hatte. Hintergrund war die Entscheidung der Universität, befristete Lehrkräfte (hijōkin kōshi 非常勤講師) ab 2018 nur noch für maximal 5 Jahre und maximal 4 Unterrichtseinheiten zu beschäftigen.
Dies hätte dramatisch von der bisherigen Praxis abgewichen und viele der 3.700 Betroffenen wirtschaftlich schwer getroffen. Die Waseda-Universität zahlt 30.000 Yen (230 Euro) pro Semester für eine 90-minütige Unterrichtseinheit. Bei 4 Einheiten wären dies also 920 Euro — viel zu wenig zum Leben im teuren Tōkyō. Einige der aktuellen Lehrkräfte kommen auf 10 Einheiten pro Woche, viele arbeiten gleichzeitig an mehreren Universitäten oder in anderen Jobs. Im Durchschnitt kamen sie 2007 auf ein Jahreseinkommen von 3 Mio. Yen (rund 24.000 Euro). Aber dies ist der Bruttoverdienst, und eines haben alle Lehrbeauftragten in Japan gemeinsam: Die Universitäten zahlen für sie keine Sozialabgaben. Ihre Rente, Kranken- und Pflegeversicherung müssen die Lehrbeauftragten also selbst erwirtschaften.Ihre Lehraufträge werden über ein Jahr abgeschlossen. Jedes Jahr beginnt also ein neues Nachrechnen und Bewerben. Immerhin ließen private Universitäten wie die Waseda ihre Lehrbeauftragten bislang bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten — genau wie ihre regulären Professoren, die freilich bei nur 4 Unterrichtseinheiten pro Woche auf ein Jahresgehalt von 13,5 Mio. Yen (fast 104.000 Euro) kommen.
Für ihre Pläne hatte die Universität allerdings einen guten Grund. 2013 wurde ein Gesetz zum Schutz der Arbeitnehmer verabschiedet. Darin wurde geregelt, daß Arbeitnehmer, die 5 Jahre befristet beschäftigt werden, auf Antrag einen unbefristeten Vertrag erhalten müssen; daß eine „unlogische“ Verweigerung der Weiterbeschäftigung verboten ist; und daß eine „unlogische“ Differenz der Arbeitsbedingungen von befristeten und unbefristeten Arbeitnehmern verboten ist. Die Universitätsleitung wollte sich also einerseits durch die Beschäftigungshöchstdauer vor einer Entfristungswelle schützen und andererseits durch die Beschränkung der Unterrichtsstunden eine „logische“ Differenz zwischen unbefristeten Lehrbeauftragten und Professoren nachweisen. Dabei verfügen viele der Lehrbeauftragten über eine vielen Professoren mindestens gleichwertig akademische Qualifikation und sind promoviert, was für Professoren an japanischen Universitäten immer noch nicht überall gilt.
Die Gewerkschaft war auf dem besten Wege, den Prozeß gegen die Waseda zu gewinnen. Im April einigten sich beide Seiten jedoch. Alle Lehrbeauftragten, die schon vor 2014 dort arbeiteten, können jetzt einen Antrag auf Entfristung stellen. Alle übrigen werden maximal 10 Jahre lang beschäftigt. Wer bislang mehr als 9 Unterrichtsstunden erteilt hat, darf dies auch weiterhin; für alle anderen gelten 8 als Obergrenze. Und es gibt 10 Prozent Gehaltserhöhung.
Schon 2014 wurden außerdem 20 Japanisch-Lehrbeauftragte, deren Stundenlohn ohnehin nur bei knapp der Hälfte der übrigen Dozenten liegt, entlassen, die bereits 5 Jahre lang an der Waseda tätig gewesen waren. Auch dies wurde zurückgenommen; sie dürfen jetzt wieder bis 70 tätig sein.
Der Arbeitskampf an der Waseda hat deshalb die Aufmerksamkeit auf Japans akademisches Proletariat gelenkt, das vor allem an den Privatuniversitäten einen Großteil der Lehrleistungen erbringt und in vielen Fällen ohne soziale Absicherung und Aufstiegschancen von der Hand in den Mund lebt — trotz erstklassiger Studienabschlüsse. Trotz hoher Studiengebühren leiden Japans Privatuniversitäten an Geldnot, und ihre Perspektiven sind angesichts des dramatischen Geburtenrückgangs schlecht. Die meisten (damals noch als Fachhochschulen bezeichnet) lebten vor 1945 davon, daß die Professoren der staatlichen Universitäten durch Lehraufträge ihr Gehalt aufbesserten. Nach 1945 wurde den Professoren dies verboten. Deshalb stellten die Privaten befristete Dozenten in großen Zahlen ein, um weiterhin mit geringen Personalkosten rechnen zu können. Mit der Abschaffung des verpflichtenden Studium Generale 1991 war dann die Abschaffung vieler unbefristeter Positionen verbunden. Der allgemeine Zug zur Reduktion festangestellter Mitarbeiter, der sich seit damals in vielen Wirtschaftsunternehmen bemerkbar macht, machte auch vor den Universitäten nicht halt. Fast die Hälfte der privaten Universitäten unterschreitet nach Feststellung der Regierung die vorgesehene Zahl festangestellter Mitarbeiter. Die Regierung plant jetzt deshalb die Zahl der unbefristet Beschäftigten weiter zu reduzieren und unwirtschaftlich arbeitende Universitäten aufzulösen oder zu fusionieren. Dadurch wird die Lage auf dem akademischen Arbeitsmarkt natürlich zusätzlich verschärft.
Und es sind nicht nur die Privaten zum Handeln gezwungen. Die staatliche Tōhoku-Universität meldete Ende 2016, sie werde 3.243 von 5.771 bisherigen Lehrbeauftragten wegen der 5-Jahres-Regel ab 2018 nicht mehr weiterbeschäftigen. Die staatliche Universität Yokohama hat beschlossen, Lehrbeauftragte nach Ablauf von 5 Jahren ein Semester lang ohne Vertrag zu lassen — um ihnen den Entfristungsanspruch zu nehmen.
Vor deutschen Arbeitsgerichten hätten solche Tricks an staatlichen Universitäten keine Chance. Aber dennoch besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit. An vielen deutschen Universitäten, auch in Bonn, werden nämlich Fremdsprachendozenten grundsätzlich nur zwei Jahre lang beschäftigt, weil sie sonst unkündbar werden — und zwar in ihrem ganzen Leben. Danach dürfen sie nur noch als Lehrbeauftragte tätig werden — ohne Sozialversicherung.

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Die Ludowinger und die Takeda: Jetzt wieder verfügbar

Nach der Liquidation des Verlags Dieter Born war meine Dissertation Die Ludowinger und die Takeda: Feudale Herrschaft in Thüringen und Kai no kuni (1995) nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Da es immer wieder Nachfragen gab, habe ich sie neu verlegen lassen. Nun ist sie auch in einer digitalen Version erhältlich.

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Japanische Rhetorik und wie man sie übersetzt

So beginnt am 24. Juli 2017 eine Meldung der politischen Redaktion in Japans staatlichem Nachrichtensender NHK:

安倍総理大臣は衆議院予算委員会で、東京都議会議員選挙の応援演説で、聴衆からのヤジに対し「こんな人たちに負けるわけにはいかない」などと述べたことについて、批判を排除したと捉えられたなら不徳の致すところだとしたうえで、批判に耳を傾けながら政権運営にあたる考えを強調しました。

In lateinischer Umschrift:
Abe Sōridaijin wa Shūgiin Yosan Iinkai de, Tōkyōto Gikai Giin Senkyo no Ōen Enzetsu de, Chōshū kara no Yaji ni taishi "Konna Hitotachi ni makeru Wake ni wa ikanai" nado to nobeta koto ni tsuite, Hihan wo Haijo shita to toraerareta nara Futoku no itasu tokoro da to shita ue de, Hihan ni Mimi wo katamukenagara Seiken Un-ei ni ataru Kangae wo Kyōchō shimashita.(1)

An einem solchen, für japanische Nachrichten durchaus nicht ungewöhnlichen Bandwurmsatz hat man schon ein bißchen zu knabbern. Deshalb demonstriere ich hier einmal, wie ich mich solchen Satzungetümen methodisch nähere.

Das grammatische Thema

Die erste und wichtigste Frage zum Verständnis lautet: Was ist das Thema dieses Satzes? Dafür gibt es in der japanischen Grammatik einen speziellen Markierer, die Themapartikel は (ha, gesprochen wa). Sie steckt grundsätzlich irgendwo am Anfang eines thematischen Zusammenhangs; so auch hier, und zwar nach dem 7. Schriftzeichen:

安倍総理大臣は
Abe Sōridaijin wa

Die Themapartikel taucht noch ein zweites Mal auf, aber hier erkennbar eingefaßt in Anführungszeichen (「」), also in einem Zitat, das erst einmal außer Betracht gelassen werden kann. Das übergeordnete Thema dieses Satzkomplexes lautet also auf deutsch:
Premierminister Abe
(Wer nicht weiß, was ein Premierminister oder wer Abe ist, tut gut daran, sich in gängigen Nachschlagewerken kundig zu machen. Ich versehe diese Begriffe daher mit Verweisen, die zur Orientierung dienen können.)
Wir wissen also jetzt schon einmal: Es geht um den aktuellen japanischen Premierminister.

Die Satzanalyse

Für komplexe Sätze im Japanischen richte ich mich stur nach den Regeln für komplexe Sätze im Lateinischen. Denn für die Prosa-Rhetorik beider Sprachen gilt: Das Hauptverb steht am Ende, alle Nebensätze bilden ihrerseits in Verben endende Wortverbindungen, die wie Parenthesen behandelt werden können. Also lassen wir am Anfang alles weg, was nicht direkt mit dem Hauptverb in Verbindung steht. Damit haben wir den Hauptsatz.

安倍総理大臣は衆議院予算委員会で ... 考えを強調しました。
Abe Sōridaijin wa Shūgiin Yosan Iinkai de ... Kangae wo Kyōchō shimashita.
Premierminister Abe betonte im Haushaltsausschuß des Unterhauses den Gedanken ...

Wir sehen jetzt schon, welche Information wir als nächstes dringend benötigen: nämlich, um welchen Gedanken es sich handelt. Also nehmen wir den Ausdruck hinzu, der vor dem Wort „Gedanke“ steht:

政権運営にあたる考え
Seiken Un-ei ni ataru Kangae
der Gedanke, sich den Regierungsgeschäften zu widmen

Davor steht eine Verbform mit der Endung -nagara, die Gleichzeitigkeit bedeutet und dem Hauptsatz beigeordnet ist, mit dem sie in jedem Fall dasselbe Subjekt teilt.

批判に耳を傾けながら
Hihan ni Mimi wo katamukenagara
während er (Abe) Kritik berücksichtige

Achtung: Da es sich hier um indirekte Rede — eine Aussage Abes — handelt, ist der Konjunktiv notwendig!

Wir arbeiten uns weiter von rechts nach links vor und finden dort die Konjunktion ue de うえで; sie ist freundlicherweise in Abgrenzung von dem Adverb ue de 上で in Hiragana geschrieben und dann auch mit einem Komma abgegrenzt. Das ist nicht immer der Fall. Aber da eine Verbform davor steht, ist kein Zweifel möglich: Es handelt sich um eine Konjunktion. Da kein anderes Subjekt angegeben ist, ist immer noch das Subjekt des Hauptsatzes gemeint.

したうえで
shita ue de

Vor dem Verb shita した steht allerdings die zitatanzeigende Konjunktion to と. Deshalb ist die korrekte Übersetzung hier
nachdem er (Abe) gesagt hatte

Das Zitat vor to lautet:
不徳の致すところだ
Futoku no itasu tokoro da
Er übernehme die moralische Verantwortung

(Wörtlich: „Es handelt sich um einen untugendhaften Vorgang.“ Das Wörterbuch Kōjien 広辞苑 erklärt diese Redewendung: „Ein Ausdruck der Entschuldigung, mit dem man sich selbst Versagen zuschreibt, wenn etwas nicht gut gelaufen ist.“)
Das Ganze muß natürlich als indirekte Rede in die 3. Person und den Konjunktiv gebracht werden.
Wofür Abe die moralische Verantwortung übernehmen will, ergibt sich aus dem mit to verschachtelten verbalen Ausdruck, der davor steht:

批判を排除したと捉えられたなら
Hihan wo Haijo shita to toraerareta nara
Falls es so aufgefaßt worden sei, daß er (Abe) Kritik unterdrückt habe

Davor steht das Adverb ni tsuite について („angesichts, hinsichtlich“), dem ein weiterer mit to verschachtelter Verbkomplex voransteht. Das Subjekt ist immer noch dasselbe.

東京都議会議員選挙の応援演説で、聴衆からのヤジに対し... などと述べたことについて
Tōkyōto Gikai Giin Senkyo no Ōen Enzetsu de, Chōshū kara no Yaji ni taishi ... nado to nobeta koto ni tsuite
Angesichts dessen, daß er bei einer Unterstützungsrede zur Wahl der Abgeordneten des Parlaments der Präfektur Tōkyō auf Zwischenrufe aus der Zuhörerschaft heraus u.a. ... geäußert hatte

Nun fehlt noch das, was Abe wörtlich geäußert hat; es steht in Anführungszeichen, ist also wörtliche Rede:

「こんな人たちに負けるわけにはいかない」
"Konna Hitotachi ni makeru Wake ni wa ikanai"
"Von solchen Leuten dürfen wir uns nicht unterkriegen lassen"

Übersetzung

Fehlt nur noch, diese Einzelteile jetzt schön ordentlich zusammenzusetzen und der deutschen politischen Rhetorik anzupassen:

Premierminister Abe bekräftigte im Haushaltsausschuß des Unterhauses seine Absicht, sich seinen Regierungsgeschäften zu widmen und dabei auch Kritik ernstzunehmen, nachdem er gesagt hatte, er übernehme die moralische Verantwortung dafür, falls angesichts dessen, daß er bei einer Unterstützungsrede zur Wahl der Abgeordneten des Parlaments der Präfektur Tōkyō auf Zwischenrufe aus der Zuhörerschaft heraus u.a. geäußert hatte, „Von solchen Leuten dürfen wir uns nicht unterkriegen lassen“, der Eindruck entstanden sei, daß er Kritik unterdrückt habe.

Interpretation

Für die deutsche Öffentlichkeit mag eine solche Einlassung merkwürdig erscheinen; man erinnere sich nur daran, wie aggressiv etwa Helmut Kohl auf die nicht selten massiven Störungen seiner Wahlkampfreden reagierte. In Japan gehört dies allerdings nicht zum guten Ton. Insofern wirken selbst Äußerungen, die nach deutschen Maßstäben nur milde verächtlich wären („solche Leute“), als unpassend und nicht souverän gegenüber dem gern als „Schiedsrichter“ (shinpan 審判) bezeichneten Wahlvolk.
Die Aufregung erklärt sich allerdings nur dadurch, daß Abes Partei die Wahl in Tōkyō (und seitdem auch noch die Bürgermeisterwahl in Sendai) verloren hat und die Umfragewerte für seine Regierung in den Keller gefallen sind. Da wird man als Politiker dünnhäutig und hellhörig, und die Öffentlichkeit registriert sehr genau, welche Nervosität im Augenblick herrscht.

Anmerkung

1 Die Umschrift des Japanischen ins lateinische Alphabet erfordert stets Entscheidungen, die man auch anders treffen könnte. In Übereinstimmung mit den Regeln des japanischen Kultusministeriums habe ich in der Umschrift Hauptwörter wie im Deutschen großgeschrieben. Das erleichtert vor allem das Lesen. Die Frage, was man als Hauptwort betrachtet und wo man die Wortgrenzen setzt, ist ihrerseits komplex, aber hier nicht Gegenstand meiner Betrachtung.

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Japan reformiert Sexualstrafrecht

Erstmals seit 1907 wurde das japanische Sexualstrafrecht reformiert. Die Änderungen traten am 13. Juli 2017 in Kraft. Der bisherige Begriff für „Vergewaltigung“ (gōkan 強姦) wurde dabei nicht nur durch den neuen Begriff „gewaltsamen Geschlechtsverkehr und dergleichen“ (kyōsei seikō tō 強制性交等) ersetzt, sondern auch inhaltlich neu gefaßt. Denn der alte Begriff war in Par. 177 des Strafgesetzbuchs wie folgt definiert:

Wer an einer Frau ab 13 Jahren unter Anwendung oder Androhung von Gewalt Unzucht verübt, wird wegen Vergewaltigung zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 3 Jahren verurteilt. Ebenso wird bestraft, wer Unzucht an einer Frau unter 13 Jahren verübt.

Der Tatbestand bezog sich also nur auf Verbrechen gegenüber Frauen. Da dies nicht nur im Gesetz, sondern schon in der sinojapanischen Schreibung der Begriffe „Vergewaltigung“ und „Unzucht“ (kan-in 姦淫) inhärent war — beide enthalten das Zeichen 姦 (kan), das aus dem Zeichen für „Frau“ 女 zusammengesetzt ist und „illegitimen Geschlechtsverkehr mit Frauen“ bezeichnet –, mußte ein neuer Begriff her, um auch Straftaten gegenüber Männern erfassen zu können. Die beiden alten Begriffe wurden gegen „gewaltsamer Geschlechtsverkehr und dergleichen“ (kyōsei seikō tō) ausgetauscht. Zudem wurde die Mindeststrafe auf 5 Jahre erhöht. Der neue Par. 177 lautet jetzt deshalb:

Wer an einer Person ab 13 Jahren unter Anwendung oder Androhung von Gewalt Geschlechtsverkehr, Analverkehr oder Oralverkehr (im folgenden „Geschlechtsverkehr und dergleichen“) verübt, wird wegen gewaltsamen Geschlechtsverkehrs und dergleichen zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 5 Jahren verurteilt. Ebenso wird bestraft, wer Geschlechtsverkehr und dergleichen an einer Person unter 13 Jahren verübt.

Anstößige Handlungen (waisetsu わいせつ) an minderjährigen Schutzbefohlenen waren bisher nur von Strafe bedroht, wenn sie unter Anwendung oder Androhung von Gewalt stattfanden. Diese Bedingung wurde jetzt gestrichen.
Bislang war Vergewaltigung ein reines Antragsdelikt (shinkokuzai 親告罪). Dies führte dazu, daß in zahlreichen Fällen überhaupt keine Anklage erhoben wurde. Von jetzt an können sexuelle Straftaten von Amts wegen verfolgt werden. Allerdings sollen die Strafverfolgungsbehörden laut Anweisung des Justizministeriums dabei den Willen des Opfers berücksichtigen.

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