Am 17. Oktober 2025 verstarb Murayama Tomiichi 村山富市 im Alter von 101 Jahren. Er stammte aus der Präfektur Ōita 大分 auf der Insel Kyūshū 九州. Als eines von elf Kindern in einer Fischerfamilie wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf.
Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er an der Meiji-Universität und war als Gewerkschaftler tätig. 1955 wurde er in den Stadtrat von Ōita gewählt, 1963 zog er in die Präfekturversammlung ein, und 1972 errang er schließlich für die Sozialistische Partei Japans (SPJ) ein Mandat im Abgeordnetenhaus. Zu dieser Zeit war die SPJ noch eine ernstzunehmende politische Kraft und der Hauptgegner der Liberaldemokraten (LDP).
Dies änderte sich in den 1990er Jahren, als die Bindungskraft der großen Parteien immer mehr nachließ. Die SPJ wurde marginalisiert. Paradoxerweise profitierte Murayama persönlich von dieser Entwicklung. Der politische Höhepunkt seiner Laufbahn war seine Zeit als Premierminister Japans von 30. Juni 1994 bis 11. Januar 1996. Er war der erste sozialistische Regierungschef Japans seit fast fünfzig Jahren. Seine Amtszeit war Teil einer ungewöhnlichen und kurzlebigen Koalition: die zuvor noch verfeindeten Sozialisten und Liberaldemokraten sowie eine bürgerliche Splitterpartei fanden sich zusammen.
Eine seiner wichtigsten politischen Entscheidungen war die Fortführung des japanisch-amerikanischen Sicherheitsvertrags, was eine Abkehr von der über Jahrzehnte verfolgten bisherigen Linie seiner Partei bedeutete. Ebenfalls unter seiner Führung entstand 1995 die „Murayama-Erklärung“ (Murayama Danwa 村山談話): Am 15. August, dem 50. Jahrestag des Kriegsendes, äußerte er im Namen der japanischen Regierung eine offizielle Entschuldigung für Japans Kriegsaggression und Kolonialherrschaft in Asien. Dieses Dokument gilt als eine der nachhaltigsten diplomatischen Gesten Japans und wurde von vielen nachfolgenden Regierungen übernommen.
Während seiner Amtszeit mußte die Regierung jedoch mit schweren Krisen fertigwerden: Das Große Hanshin-Erdbeben 1995 legte schwere Defizite in Krisenmanagement und Verwaltungsstrukturen zutage, und auch der Giftgas-Anschlag in der U-Bahn von Tōkyō schockierte das Land und forderte eine entschlossene Reaktion.
Die ungewöhnliche Koalition hielt nicht lange. Nach seinem Rücktritt als Premierminister leitete Murayama 1996 die Umformung der Sozialistischen Partei zur Sozialdemokratischen Partei Japans (SPDJ). Er zog sich 2000 aus der aktiven Politik zurück, engagierte sich jedoch weiterhin – etwa als Mitbegründer und Präsident des Asian Women’s Fund, der Entschädigungen für ehemalige „Comfort Women“ leisten sollte. Seine Stimme als Mahner für Versöhnung und für die Bereitschaft zur Verantwortung für die japanischen Untaten im Zweiten Weltkrieg wurde von den Nachbarstaaten mit Respekt gewürdigt. In diesem Zusammenhang bin ich Murayama auch einmal kurz begegnet, nämlich 2016 auf dem Jeju-Friedensforum (s. Beitragsbild).
Sein Vermächtnis lebt fort in der „Versöhnungspolitik“, die historische Verantwortung mit diplomatischem Ausgleich verbinden wollte — trotz Widerständen und Kontroversen bleibt die Murayama-Erklärung ein wichtiges Symbol für einen mutigen Schritt der Anerkennung und Reflexion in Japans Nachkriegspolitik.
Beitragsbild: Murayama Tomiichi 2016 auf dem Jeju Forum (Foto: Reinhard Zöllner)

























