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Kaiser Akihitos Ansprache zum 30. Thronjubiläum

Am 24. Februar 2019 hielt der japanische Kaiser Akihito zum 30. Jahrestag seiner Thronbesteigung eine Ansprache, die angesichts seines bevorstehenden Rücktritts zugleich eine persönliche Bilanz seiner Zeit als Kaiser darstellte. Damit stellt sie ein wichtiges Zeugnis einer nunmehr zu Ende gehenden Ära dar. Ich dokumentiere ihren vollen Wortlaut in einer eigenen Übersetzung.


Ich bin zutiefst dankbar für die Glückwünsche, die mir aus Anlaß meines 30. Thronjubiläums von der Regierung und aus dem In- und Ausland zugedacht wurden. Schaue ich auf die vergangenen Tage seit den dreißig Jahren nach meiner Thronbesteigung zurück, bin ich zutiefst beeindruckt, dass ich diesen Tag heute auf diese Weise mit nationalen und internationalen Glückwünschen bedacht feiern kann.
In den dreißig Jahren der Heisei-Ära wurde Japan von dem starken Willen des Volkes getragen, den Frieden zu suchen. Zum ersten Mal in der Moderne gab eine Ära, die keinen Krieg erlebte, doch es war wiederum keinesfalls eine Zeit ohne Verwerfungen, sondern eine Zeit, in der wir vielen unerwarteten Schwierigkeiten gegenüberstanden.
Die Welt ist in eine Periode des Klimawandels eingetreten, und auch unser Land hat unter vielen Naturkatastrophen gelitten und sieht sich auch angesichts des demographischen Wandels im Gefolge von Alterung und abnehmender Geburtenrate vielen sozialen Phänomenen gegenüber, die es in der Vergangenheit nicht erlebt hat.
Auch unser Land, das als Inselreich seine eigenständige Kultur in relativ gesegneter Form kultiviert hat, ist jetzt in der sich globalisierenden Welt nach außen hin offen und sichert sich meinem Eindruck nach darin mit Weisheit seinen eigenen Platz und strebt mit Aufrichtigkeit danach, Beziehungen zu anderen Ländern aufzubauen.
Seit meiner Thronbesteigung als Kaiser bis zum heutigen Tag habe ich Tag für Tag für den Frieden und die Zufriedenheit der Menschen des Landes gebetet und darüber nachgedacht, wie ich als sein Symbol beschaffen sein muß.
Doch der Weg, das Bild des Kaisers als das von der Verfassung vorgeschriebene Symbol zu suchen, ist unendlich lang. Diejenigen, die mir von nun an folgen, werden für die nächste Ära und auch die nächsten Ären nach der Gestalt suchen, die sie als Symbol haben müssen. Ich hoffe inständig, daß sie in diesen Zeiten, die vor uns liegen, das Bild des Symbols weiter ergänzen können.
Es war eine Freude, meine bisherigen Pflichten als Kaiser mit der Hilfe vieler Menschen erledigen zu können. Alle meine bisherigen Dienste konnten nur mit Zustimmung und Unterstützung der Organisationen des Landes durchgeführt werden, und daß ich bisher alles erledigen konnte, was ich erledigen mußte, verdankte ich der Existenz der Menschen dieses Landes und dem über lange Jahre von der Vergangenheit bis heute von den Japanern erschaffenen Zivilisationsgrad dieses Landes, dem als Symbol seiner Einheit zu dienen Stolz und Freude bereitet.
Während der Katastrophen in den letzten dreißig Jahren begegneten uns unglücklicherweise auch viele Leiden in den betroffenen Gebieten, doch der Anblick von Menschen, die auf bewunderswerte Weise durchhielten, und von Menschen aus dem ganzen Land, die sich des Unglücks dieser Gegenden annahmen und auf vielfältige Weise eng zusammenhielten, gehört zu den unvergeßlichen Erinnerungen meiner Amtszeit.
Heute möchte ich auch den Menschen in anderen Ländern meinen Dank aussprechen, die auf uns achteten, als Japan Not und Trauer erlebte. Unzählige Länder, internationale Organisationen und Regionen leisteten uns herzlich Beistand. Dafür danke ich aus ganzem Herzen.
Bald nachdem die Heisei-Ära begann, schrieb die Kaiserin ein tief bewegtes Gedicht.

Das ganze Reich ist voll der Worte von Menschen, die gemeinsam eine Zeit des Friedens erbauen wollen.

Die Heisei-Ära begann für mich nach dem Tod von Kaiser Shōwa als ein Weg durch eine in tiefen Schmerz versunkene Finsternis. Weil es eine solche Zeit war, wurden die „Worte“ in diesem Gedicht damals nie laut gesprochen.
Aber noch heute behalten wir die in diese Stille hinein gesprochenen, entschlossenen Worte, die uns damals aus allen Regionen des Landes erreichten — „Auch wir werden gemeinsam mit dem Kaiserhaus ein friedliches Japan aufbauen“ — als Schatz in unserem Herzen.
Ich spreche allen, die heute zu meinem 30. Thronjubiläum eine solche Zeremonie veranstaltet haben, meinen tiefsten Dank aus und bete erneut für Frieden und Glück der Menschen in unserem Land und in der Welt.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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