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NDR-Falschmeldung: Hetkämper dementiert — ein bißchen

Hier das Transkript der ARD-Sendung Aktuelle Stunde, 17.3.2011, in der Hetkämper seine falschen Anschuldigungen gegen die Japaner veröffentlichte:

Moderatorin: Das Flugzeug kann ganz nah heran an jedes Reaktorgebäude, es ist unbemannt. Die radioaktive Strahlung kann ihm nichts anhaben. Doch unten am Boden kämpfen weiter 70 Menschen. 20 von ihnen sollen freiwillige Helfer sein. Menschen, die ihr Leben riskieren, um eine noch größere Katastrophe irgendwie zu verhindern. Weltweit werden sie, deren Gesichter bisher niemand kennt, schon jetzt als Helden bezeichnet. Offenbar aber nutzt der Betreiber Tepco — hier Manager der Firma [Anmerkung von R.Z.: das Bild zeigt tatsächlich Pressesprecher, nicht Manager von Tepco] — die Situation vieler aus: Menschen werden aus Not zu Helden.

Robert Hetkämper: Es sind oft Obdachlose, es sind sehr viel Gastarbeiter, es sollen sogar Minderjährige dabei sein, die seit Jahren dort immer wieder angeheuert werden und dann, wenn sie eine Zeitlang dort gearbeitet haben und halbwegs verstrahlt sind, dann gefeuert werden. Wegwerfarbeiter hat man sie hier in Japan genannt. Wir haben mit einem Arzt gesprochen heute, der das seit Jahren verfolgt und sagt: Das ist eine Ausbeutung von Obdachlosen, von Leuten, die sonst keine Arbeit finden. Das ist eine eher grausame Geschichte, und sie ist nicht begrenzt auf das, was jetzt passiert, sondern das passiert offenbar schon seit Jahrzehnten.

Moderatorin: Der Bericht wirft kein gutes Licht auf das, was gerade vor Ort in Japan passiert. Helfer, die sich aus Not und für Geld verstrahlen lassen, sind zwar Helden, aber auch Opfer, und das erinnert an 1986, an Tschernobyl.

Und hier, was Hetkämper mir am 22.3., 22:05 Uhr, in einer Email mitgeteilt hat:

Vielen Dank fuer Ihre Zuschrift. Ich fuerchte, dass Sie mich missverstanden haben. Mein Bericht handelte von Zustaenden in der Reaktorbranche. Nicht von den gegenwaertig in Kraftwerk Fukushima 1 taetigen Rettern der Feuerwehr, des Militaers und anderen. Diese Helfer kamen spaeter an den Ungluecksort. Ich war in dem live-Bericht gefragt worden, wer die zu dem Zeitunkt im Kraftwerk ausharrenden Menschen seien, ob es Helden oder arme Teufel seien. Ich habe daraufhin – entsprechend unseren Recherchen und frueherer Berichte der ARD aus Japan geantwortet, dass es sich eher um arme Teufel handelt und dass nach unseren Informationen in Kernkraftwerken haeufig Arbeitslose, Obdachlose und sogar Minderjaehrige als “Wegwerfarbeiter” beschaeftigt werden. Das bezog sich auf die gesamte Branche, nicht spezifisch auf TEPCO. Diese Informationen basieren auf Interviews mit einem Facharzt in Osaka und zwei ehemaligen Kernkraftarbeitern, sowie einem frueheren Tagesthemen-Beitrag des ARD-Studios Tokyo. Mein live-Bericht ist spaeter in Print-Medien stark verkuerzt wiedergegeben worden.
Zu Ihrer Information fuege ich einen Bericht des “Guardian” ueber Kernkraftarbeiter an.

Diese Darstellung entspricht nicht dem, was Hetkämper in der Sendung gesagt hat. Er hat sich dort ausdrücklich „auf das, was jetzt passiert“ bezogen. Die Moderatorin des Beitrags hat dies aufgegriffen und kritisiert „das, was gerade vor Ort in Japan passiert“. Von einem Mißverständnis meinerseits kann also gar keine Rede sein.

Der von Hetkämper mir mitgeteilte Zeitungsbericht des Guardian stammt vom 21.3. Darin wird von einem Familienvater mit einem japanischen Namen berichtet, der als Bauer in Minamisoma 南相馬 (nahe dem AKW Fukushima I) lebt und der nach Meinung seiner Familie auf Anforderung von Tepco zu den Arbeiten im AKW eingesetzt wird. Der Mann ist also weder Gastarbeiter noch Obdachloser noch Minderjähriger. Ganz offensichtlich kann diese Reportage Hetkämpers Äußerungen in der ARD nicht belegen.
Interessant ist auch, auf welchem Weg Hetkämper selbst diesen Link bekommen hat: Nämlich — ausweislich des Email-Protokolls — von der NDR-Redaktion, gestern nachmittag. Hier der Protokollauszug:

From: v.steinhoff@ndr.de
Sent: Tuesday, 22 March, 2011 6:52 PM
To: hetkaemper@msn.com
Cc: s.niemann@ndr.de

Offenbar versucht also die NDR-Redaktion, Hetkämper aus der Patsche zu helfen. Ich selbst habe vom NDR bis heute keine Antwort erhalten. Es ist und bleibt also ein Skandal, und es steht angesichts dieser Reaktionen zu befürchten, daß der NDR ihn vertuschen will.

P.S: Christoph Neidhart ist für die „Süddeutsche Zeitung“ inzwischen ebenfalls der Hetkämper-Story nachgegangen und berichtet über die Helfer im AKW Fukushima I: „obdachlose Wegwerfarbeiter waren es nicht.“

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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