Artikelformat

Ponyo schwimmt um die Liebe … Eindrücke von Miyazakis neuestem Film

Das jüngste Work von Ghibli-Starregisseur Miyazaki Hayao 宮崎駿, Gake no ue no Ponyo 崖の上のポンヨ („Ponyo auf der Klippe“), ist ein bezaubernder Kinderfilm geworden. Wunderschöne (vollständig ohne Computeranimation hergestellte!) Bilder, unterlegt mit großartiger Filmmusik (wie immer bei Miyazaki von Hisaishi Joe 久石譲 — aber wie so oft muß man zum vollen Verständnis die dazugehörigen Texte kennen, die auf dem „Image Album“ zu den Melodien gesungen werden), dazu eine zu Herzen gehende Handlung:
Ponyo, das Fischmädchen, hat im wörtlichen Sinne Menschenblut geleckt und schafft es aus eigener Willenskraft, sich in einen Menschen zu verwandeln — zumindest vorübergehend, bis ihre Kraft doch erlahmt. Sōsuke, ein Junge im Kindergartenalter, will ihr dabei helfen und steht mutig zu seiner Freundschaft, ja sogar zarten Liebe zu einem Fisch. Das ist dann wohl auch die Hauptbotschaft: Wenn man wahre Gefühle entwickelt hat, soll man dazu stehen, auch wenn die Umwelt es schwer macht. Am Ende wird die Liebe siegen.
Ein bißchen Hilfe braucht man dabei schon. Besonders interessant ist diesmal die Darstellung des Familienlebens: Denn das, was Miyazaki sonst in Form nahezu intakter Kernfamilien darstellt, ist hier doch arg gefleddert. Sōsukes Mutter ist eine moderne, berufstätige Frau, die keine besondere Freude an Haushaltsarbeit empfindet und unter dem typischen Zeitregime der modernen Arbeitswelt steht — worunter weniger sie als der Rest der Familie leidet. Oder genauer gesagt nur ihr Sohn Sōsuke, denn der Vater ist als Seemann kaum zu Hause. Im ganzen Film ist er auf seiner Arbeitsstelle, einem Schiff, und kommuniziert nur über Funkgerät und Morsezeichen mit seiner Familie. Die erste Liebe seines Sohnes verpaßt er völlig. Befriedigend ist diese Situation nicht, wie alle wissen. Aber was hilft’s? — Es ist gar nicht schwer, hier Autobiographisches hineinzulesen. Des Vaters Schiff trägt auch noch den sprechenden Namen Koganeimaru 小金井丸; in Koganei, einem Stadtteil von Tōkyō, befindet sich schließlich das Studio Ghibli. Wie üblich hat Miyazaki also wieder eine zweite, aufs Filmschaffen bezogene Ebene eingezogen.
So weit, so gut. Wer einen Actionfilm erwartet, wie man ihn von Miyazaki bisher gewohnt war, oder auch eine starke, begeisternde Botschaft, wird wohl eher enttäuscht werden. Es passiert schon eine Menge in diesem Film, aber alles bleibt auf der Ebene eines modernen Märchens mit durchaus nicht überraschenden Wendungen. Es ist ein hübscher, netter Film — offenkundig gedacht und gemacht für die nächste Generation, der sich Miyazaki gegenübersieht: für die Enkel. Und deren Eltern. Und deren Großeltern. Also sehr menschlich.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

Drucken / Print / 印刷

Kommentare sind geschlossen.