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Kapitulation der Diplomatie: Kein Vertrauen (mehr) zwischen Japan und Südkorea

Wieder einmal ist das Verhältnis zwischen Japan und Südkorea an einem Tiefpunkt angelangt, und es ist angesichts der traditionell miserablen Diplomatie beider Seiten auch keine rasche Lösung erkennbar. Dabei geht es natürlich auch wieder einmal um die koloniale Vergangenheit; doch so „einfach“ wie früher ist die Lage nicht mehr. Es gibt gegenwärtig vier Haupt-Streitpunkte:

  • Die politischen Veränderungen auf der koreanischen Halbinsel stellen die Nachkriegsordnung in Ostasien infrage.
    Die südkoreanische Regierung unternimmt große Anstrengungen, um das Verhältnis zu Nordkorea zu verbessern. Sie strebt eine Wiedervereinigung der Halbinsel an. Sie tut dies auch, um die Gefahr eines neuen Korea-Krieges zu bannen, die durch das nordkoreanische Atombomben- und Raketenprogramm drastisch gestiegen ist. Südkorea hat deshalb seit dem Treffen zwischen Mun Jae-in und Kim Jongun am 27.4.2018 eine Reihe von Sanktionen gelockert, die seitens der Vereinten Nationen eigentlich gegenüber Nordkorea verhängt worden sind, und behandelt den nördlichen Nachbarn extrem zuvorkommend: Nord- und Südkorea treten bei internationalen Sportwettkämpfen mit gemeinsamen Mannschaften auf; Nordkorea erhält Brennstoff (und südkoreanische Firmen importieren über Rußland illegal nordkoreanische Kohle); es wurden Begegnungen zwischen durch den Krieg getrennten Familien vereinbart; Kim Jongun wurde zu einem Besuch nach Südkorea eingeladen; militärische Manöver Südkoreas und der USA wurden abgesagt oder reduziert, um den Norden nicht zu „provozieren“; die gemeinsame Wirtschaftszone in Käseong soll wiederbelebt werden, und auch an der Demarkationslinie wurden Gesten der Entspannung verabredet.
    Für den Frieden ist Südkorea sogar bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen: Die Versenkung der südkoreanischen Korvette Cheonan durch einen nordkoreanischen Torpedo 2010 wurde während der Nord-Süd-Verhandlungen nicht mehr thematisiert (frühere Regierungen hatten stets auf einer Entschuldigung Nordkoreas bestanden; doch die jetzt regierende Demokratische Partei hatte ohnehin stets bezweifelt, daß es sich wirklich um einen Torpedoangriff gehandelt hatte).
    Der größere Teil der südkoreanischen Öffentlichkeit, aber auch die VR China und Rußland (welche die Sanktionen ohnehin unterlaufen) unterstützen diese Politik. Die USA und und Japan lehnen sie jedoch ab, weil sie Nordkorea nicht vertrauen. Im Falle Japans kommt hinzu: Japan hat überhaupt kein Interesse an einer Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel. Es befürchtet, daß ein vereintes Korea sich zwangsläufig an China anlehnen und/oder Vergeltung für den japanischen Imperialismus der Vergangenheit anstreben wird. Deshalb weigert sich Japan, im Annäherungsprozeß der beiden Koreas eine konstruktive Rolle einzunehmen.
  • Im Oktober und November 2018 entschied Südkoreas Oberstes Gerichts, japanische Unternehmen zur Entschädigung koreanischer Zwangsarbeiter während der Kolonialzeit zu verurteilen. Betroffen sind Nippon Steel & Sumitomo Metal und Mitsubishi Heavy Industries. Geklagt hatten die Betroffenen bzw. deren Nachkommen. Japans Regierung und Wirtschaft stehen unverändert auf dem Standpunkt, sämtliche Entschädigungsansprüche seien mit dem Normalisierungsvertrag von 1965 abgegolten. Südkoreas Regierung ist von diesem Gerichtsurteil nicht begeistert, will es aber respektieren. Im Januar haben die Kläger gerichtlich Maßnahmen gegen die japanischen Unternehmen beantragt, die auf eine Beschlagnahmung von Unternehmensvermögen hinauslaufen. Japans Regierungschef Abe Shinzō hat Gegenmaßnahmen angekündigt. Für die wirtschaftliche Zusammenarbeit läßt dies nichts Gutes hoffen. Es handelt sich um eine Grundsatzfrage, die das Vertragswerk von 1965 insgesamt gefährdet.
  • Am 21. Dezember erfaßte ein südkoreanisches Kriegsschiff mit seinem Zielerfassungsradar ein im Tiefflug sich annäherndes japanisches Aufklärungsflugzeug. Üblicherweise ist dies ein letzter Schritt vor dem Abschuß eines Gegners. Mehrere Funkanfragen nach dem Sinn des Radareinsatzes blieben unbeantwortet. Die japanische Seite protestierte deshalb sofort dagegen und bezeichnete dies als einen unfreundlichen Akt. Zwei südkoreanische Kriegsschiffe befanden sich zu dieser Zeit in der ausschließlichen wirtschaftlichen Gewässerzone Japans nördlich der Halbinsel Noto, um ein nordkoreanisches Fischerboot zu retten. Die südkoreanische Armee widersprach der japanischen Deutung als unfreundlicher Akt; nicht das japanische Flugzeug sei erfaßt worden, sondern das Fischerboot. Es handele sich um ein Mißverständnis. Japan solle vielmehr selbst erklären, warum sich sein Flugzeug im Tiefflug genähert habe. Japan akzeptiert diese Erklärung nicht, da es unsinnig und unüblich sei, mit Zielradar nach einem Fischerboot zu suchen. Hinzu kommt, daß vor einigen Monaten japanischen Kriegsschiffen verboten wurde, beim Einlaufen in koreanische Häfen die offizielle Flagge der Selbstverteidigungsstreitkräfte zu hissen, da diese Erinnerungen an die Kolonialzeit wecke. Die japanisch-südkoreanische militärische Kooperation, die in den letzten Jahren gerade von den USA immer wieder eingefordert wurde, ist damit wieder in weite Ferne gerückt.
  • Südkorea weigert sich nach wie vor, landwirtschaftliche und Fischerei-Erzeugnisse aus den von der nuklearen Katastrophe von 2011 betroffenen japanischen Präfekturen zu importieren. Dagegen leitete Japan 2015 ein Verfahren bei der Welthandelsorganisation WTO ein. Die WTO gab Japans Beschwerde in den Hauptpunkten recht und bezeichnete Südkoreas Verhalten seit 2015 als unangemessen (und damit unzulässig). Südkorea hat dagegen Einspruch eingelegt, der bislang noch nicht entschieden wurde.

Japanische Diplomaten argumentieren inzwischen öffentlich, den Koreanern sei Anti-Japanismus quasi genetisch verankert. Man könne Koreanern nicht vertrauen, und ein japanisches Engagement auf der koreanischen Halbinsel habe deshalb gar keinen Sinn. Eine solche Position bedeutet natürlich die Kapitulation der Diplomatie. Und damit ist im Verhältnis zwischen Japan und den beiden Koreas wieder alles möglich. Wie vor 1965.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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