{"id":8271,"date":"2025-10-19T08:00:00","date_gmt":"2025-10-19T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=8271"},"modified":"2025-10-23T07:36:03","modified_gmt":"2025-10-23T05:36:03","slug":"ministerpraesident-ishiba-warum-hat-japan-den-zweiten-weltkrieg-nicht-verhindert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=8271","title":{"rendered":"Ministerpr\u00e4sident Ishiba: Warum hat Japan den Zweiten Weltkrieg nicht verhindert?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der scheidende japanische Ministerpr\u00e4siden Ishiba Shigeru \u77f3\u7834\u8302 ver\u00f6ffentlichte am 10. Oktober 2025 eine pers\u00f6nliche Erkl\u00e4rung zur 80. Wiederkehr des Endes des Zweiten Weltkriegs. Die <a href=\"https:\/\/www.nikkei.com\/article\/DGXZQOUA10A3M0Q5A011C2000000\/\">Erkl\u00e4rung<\/a> war lange und sorgf\u00e4ltig vorbereitet worden, und es wurde deutlich, da\u00df sie f\u00fcr Ishiba ein Herzensanliegen darstellte. Sie reiht sich ein in die Erkl\u00e4rungen seiner Vorg\u00e4nger Murayama Tomiichi \u6751\u5c71\u5bcc\u5e02 1995, Koizumi Jun-ichir\u014d \u5c0f\u6cc9\u7d14\u4e00\u90ce 2005 und Abe Shinz\u014d \u5b89\u500d\u664b\u4e09 2015. Sie ist aber insofern bemerkenswert, als sie erstmals eine ausf\u00fchrliche historische Analyse der Ursachen f\u00fcr Japans Weg in den Krieg enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ishiba blickte 80 Jahre nach Kriegsende auf Japans seitherigen Weg als Friedensstaat zur\u00fcck und erinnerte an die Opfer. In den Stellungnahmen seiner Vorg\u00e4nger vermi\u00dfte er eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum Japan den Pazifikkrieg nicht verhindert hatte, obwohl viele die Niederlage voraussahen. Als Hauptursachen nannte er institutionelle Defizite der Meiji-Verfassung (fehlende zivile Kontrolle \u00fcber das Milit\u00e4r, schwacher Premier), das Wegbrechen au\u00dfer-verfassungsrechtlicher Ausgleichsinstanzen, Parteienstreit und Skandale, die Ausweitung des \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Oberbefehls zugunsten des Milit\u00e4rs, die Ausschaltung kritischer Stimmen, geheime und substanzlose Budgetkontrolle, politische Morde, eine kriegsbef\u00fcrwortende Presse sowie Fehleinsch\u00e4tzungen der Weltlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Lehren f\u00fcr die Gegenwart hob Ishiba hervor: Formelle Zivilkontrolle existiere, m\u00fcsse aber verantwortungsvoll betrieben werden. Politik brauche Sachkompetenz, N\u00fcchternheit und Widerstand gegen Populismus. Die Selbstverteidigungskr\u00e4fte sollten die politische F\u00fchrung fachlich beraten. Parlament und Medien m\u00fc\u00dften die Regierung wirksam kontrollieren. Nationalismus, Diskriminierung und politische Gewalt seien zu \u00e4chten. <\/p>\n\n\n\n<p>Abschreckung h\u00e4lt er f\u00fcr notwendig, warnte aber vor jeder Entgleisung von Macht au\u00dferhalb demokratischer Kontrolle. Lernen aus der Geschichte, intakte Debattenkultur und die aktive Auseinandersetzung auch der jungen Generation mit Kriegserfahrungen seien unerl\u00e4\u00dflich, um eine Wiederholung der Katastrophe zu verhindern. Daf\u00fcr wolle er sich mit aller Kraft einsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ishibas historische Analyse ist in mehrere Abschnitte geteilt, die ich im folgenden zusammenfasse. Inhaltlich spiegeln sie den Stand der heutigen Geschichtswissenschaft durchaus zutreffend wider.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mangelhafte zivile Kontrolle des Milit\u00e4rs<\/h3>\n\n\n\n<p>Ishiba erl\u00e4utert, dass die Meiji-Verfassung keine klare zivile Kontrolle \u00fcber das Milit\u00e4r vorsah: Der Oberbefehl \u00fcber das Milit\u00e4r war unabh\u00e4ngig (Ishiba vermeidet an dieser Stelle, auszusprechen, wer Oberbefehlshaber war: n\u00e4mlich der Kaiser), und der Premierminister hatte keine Weisungsbefugnis gegen\u00fcber den Ministern. Anfangs hielten die <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Genr%C5%8D\">Genr\u014d<\/a><\/em> \u5143\u8001 \u2013 erfahrene ehemalige Samurai, die w\u00e4hrend und nach der Meiji-Renovation politische Verantwortung getragen hatten \u2013 durch ihre Autorit\u00e4t eine gewisse Balance zwischen Politik, Milit\u00e4r und Finanzen aufrecht. Nach ihrem Verschwinden versuchten w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taish%C5%8D-Demokratie\">Taish\u014d-Demokratie<\/a> die Parteien, diese Rolle zu \u00fcbernehmen. In den 1920er Jahren setzte Japan auf internationale Kooperation und Abr\u00fcstung, doch die ablehnende Haltung gegen\u00fcber dem Milit\u00e4r f\u00fchrte zu dessen sp\u00e4terem Aufstieg. Das Fehlen institutioneller ziviler Kontrolle wurde zun\u00e4chst durch die <em>Genr\u014d<\/em>, sp\u00e4ter durch parteipolitische Praxis notd\u00fcrftig kompensiert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Versagen der Parteien<\/h3>\n\n\n\n<p>Ishiba beschreibt, wie das Milit\u00e4r das Recht des Kaisers auf den Oberbefehl zunehmend weit auslegte und es nutzte, um sich der Kontrolle von Regierung und Parlament zu entziehen. Zugleich verloren die Parteien durch gegenseitige Skandalangriffe das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung. 1930 griff die oppositionelle <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rikken_Seiy%C5%ABkai\">Rikken Seiy\u016bkai<\/a><\/em> \u7acb\u61b2\u653f\u53cb\u4f1a die Regierung wegen des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Londoner_Flottenvertrag\">Londoner Flottenabr\u00fcstungsvertrag<\/a>s an und warf ihr eine Verletzung des Oberbefehls vor. 1935 eskalierte der Streit um <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Minobe_Tatsukichi\">Minobe Tatsukichi<\/a>s \u7f8e\u6fc3\u90e8\u9054\u5409 Kaiser-Organ-Lehre: Die <em>Seiy\u016bkai<\/em> nutzte sie zur Regierungskritik, das Milit\u00e4r mischte sich ein, und die Regierung gab nach, indem sie die bisher anerkannte Lehre offiziell verwarf und Minobes Schriften verbot. Damit verlor die zivile Regierung endg\u00fcltig ihre Kontrolle \u00fcber das Milit\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Versagen des Parlaments und die Gewalt der Militaristen<\/h3>\n\n\n\n<p>Ishiba f\u00fchrt aus, da\u00df auch das Parlament seine Kontrollfunktion \u00fcber das Milit\u00e4r verlor. Das deutlichste Beispiel ist die Ausschlie\u00dfung des (konservativen) Abgeordneten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sait%C5%8D_Takao_(Politiker)\">Sait\u014d Takao<\/a> \u658e\u85e4\u9686\u592b, der 1940 in einer Rede den Krieg kritisierte \u2013 ein seltenes Beispiel politischer Zivilcourage, dessen Niederschrift sp\u00e4ter jedoch gr\u00f6\u00dftenteils aus dem Protokoll gel\u00f6scht wurde \u2013 und daf\u00fcr mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit aus dem Parlament ausgeschlossen wurde. Auch die Haushaltskontrolle versagte: Seit 1937 wurden fast alle Milit\u00e4rausgaben in geheime Sonderetats verlagert, deren Inhalte nicht offengelegt und kaum beraten wurden. Selbst in der Kriegsnot konkurrierten Heer und Marine um Budgets und Prestige. Zugleich schw\u00e4chte eine Welle politischer Attentate, darunter die Morde w\u00e4hrend der Putschversuche vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zwischenfall_am_15._Mai\">15.5.1932<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Putschversuch_in_Japan_vom_26._Februar_1936\">26.2.1936<\/a>, die Zivilpolitik schwer. Opfer waren meist Politiker, die internationale Kooperation bef\u00fcrworteten und das Milit\u00e4r z\u00fcgeln wollten. Dies zerst\u00f6rte das Klima freier Diskussion und parlamentarischer Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Versagen der Medien<\/h3>\n\n\n\n<p>In den 1920er Jahren standen die japanischen Medien der Expansion kritisch gegen\u00fcber \u2013 Journalisten wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ishibashi_Tanzan\">Ishibashi Tanzan<\/a> \u77f3\u6a4b\u6e5b\u5c71 forderten sogar die Aufgabe der Kolonien. Doch mit dem Beginn des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mandschurei-Krise\">Mandschurei-Zwischenfall<\/a> 1931 wandelte sich die Presse zu offener Kriegsbef\u00fcrwortung, weil Kriegsberichte sich gut verkauften und die Auflagen stiegen. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltwirtschaftskrise\">Weltwirtschaftskrise<\/a> von 1929 traf Japan hart; daraus erwuchsen Nationalismus und eine Hinwendung zu totalit\u00e4ren Ideologien, w\u00e4hrend in Europa Faschismus und Nationalsozialismus erstarkten. In diesem Klima besetzte die japanische <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kwantung-Armee\">Kwantung-Armee<\/a> in kurzer Zeit gro\u00dfe Gebiete in der Mandschurei, was von der Presse gefeiert und vom Volk begeistert aufgenommen wurde. Zwar \u00e4u\u00dferten Intellektuelle wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yoshino_Sakuz%C5%8D\">Yoshino Sakuz\u014d<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kiyosawa_Kiyoshi\">Kiyosawa Kiyoshi<\/a> noch Kritik an Militarismus und dem Austritt aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V%C3%B6lkerbund\">V\u00f6lkerbund<\/a>, doch ab 1937 unterband die versch\u00e4rfte Zensur jede abweichende Meinung, sodass nur noch kriegsunterst\u00fctzende Stimmen ver\u00f6ffentlicht wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Au\u00dfenpolitische Fehleinsch\u00e4tzungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Ishiba betont, da\u00df Japan zur Zeit des Krieges die internationale Lage nicht richtig einsch\u00e4tzte. Ein Beispiel sei das Jahr 1939: W\u00e4hrend Japan mit Deutschland \u00fcber ein gegen die Sowjetunion gerichtetes B\u00fcndnis verhandelte, schlossen Deutschland und die UdSSR \u00fcberraschend den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsch-sowjetischer_Nichtangriffspakt\">Nichtangriffspakt<\/a>. Daraufhin trat das japanische Kabinett mit der Begr\u00fcndung zur\u00fcck, Europa habe eine \u201everworren und r\u00e4tselhaft gewordene neue Lage\u201c geschaffen. Ishiba fragt kritisch, ob Japan damals \u00fcberhaupt ausreichende Informationen \u00fcber die welt- und milit\u00e4rpolitische Situation sammelte, sie richtig analysierte und innerhalb der Regierung angemessen weitergab.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lehren aus der Geschichte<\/h3>\n\n\n\n<p>Ishibas Ausf\u00fchrungen zu den Lehren aus dieser Geschichte bilden einen flammenden Appell an den Geist des verantwortungsbewu\u00dften Liberalismus, den er als Grundlage der japanischen Staatsr\u00e4son nach 1945 beschrieb. W\u00f6rtlich sagte er u.a.:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><br>Die Politik mu\u00df stets an das Wohl und den Nutzen der gesamten Bev\u00f6lkerung denken und sich um vern\u00fcnftige Entscheidungen aus langfristiger Perspektive bem\u00fchen. &#8230; So d\u00fcrfen wir nicht zulassen, da\u00df sich die Geschichte wiederholt, in der aufgrund der Vorrangstellung emotionaler und geistiger Entscheidungen gegen\u00fcber k\u00fchlen und vern\u00fcnftigen Urteilen der Kurs des Landes verfehlt wurde.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Politik darf sich niemals dem vor\u00fcbergehenden \u00f6ffentlichen Meinungsstrom anpassen und durch populistische Ma\u00dfnahmen, die dem nationalen Interesse schaden, eigenn\u00fctzigen Parteivorteilen oder pers\u00f6nlicher Selbsterhaltung nachlaufen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es ist ein gesundes Meinungsumfeld n\u00f6tig, das auch einen Journalismus mit Berufung umfa\u00dft. &#8230; Man darf nicht in \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Kommerzialisierungsgeist verfallen und darf engen Nationalismus, Diskriminierung oder Fremdenfeindlichkeit nicht zulassen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Gewalt, die die Politik mit F\u00fc\u00dfen tritt, und diskriminierende \u00c4u\u00dferungen, die die freie Rede bedrohen, d\u00fcrfen niemals toleriert werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der urspr\u00fcngliche Liberalismus, der Mut und Aufrichtigkeit besitzt, der Vergangenheit ins Auge zu sehen, und die Toleranz, auch anderen Ansichten dem\u00fctig zuzuh\u00f6ren, sowie eine gesunde und widerstandsf\u00e4hige Demokratie sind das Wichtigste von allem.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ohne sich der Geschichte direkt zu stellen, kann sich keine helle Zukunft er\u00f6ffnen. Die Bedeutung, aus der Geschichte zu lernen, mu\u00df gerade jetzt, da unser Land sich in der strengsten und vielschichtigsten Sicherheitslage seit dem Krieg befindet, erneut erkannt werden.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Beitragsbild: T\u014dky\u014d im M\u00e4rz 1945. Foto: Ishikawa K\u014dy\u014d (1904\u20131989). Aus WikiCommons.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes hat Japans scheidender Ministerpr\u00e4sident Ishiba Shigeru in einer beeindruckenden Rede die Ursachen f\u00fcr Japans Weg in den Krieg scharfsinnig analysiert, aber auch wichtige Lehren f\u00fcr das heutige, demokratische Japan gezogen.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":8273,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/20\/Tokyo_kushu_1945-4.jpg","fifu_image_alt":"T\u014dky\u014d im M\u00e4rz 1945. Foto: Ishikawa K\u014dy\u014d (1904\u20131989). 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