{"id":8180,"date":"2025-09-20T14:37:54","date_gmt":"2025-09-20T12:37:54","guid":{"rendered":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=8180"},"modified":"2025-09-25T08:23:51","modified_gmt":"2025-09-25T06:23:51","slug":"die-grenzen-der-freien-rede-im-postfaktischen-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=8180","title":{"rendered":"Die Grenzen der freien Rede im postfaktischen Zeitalter"},"content":{"rendered":"\n<p>Rede- und Meinungsfreiheit gelten zurecht als die unumst\u00f6\u00dflichen Fundamente eines freiheitlichen und demokratischen Gemeinwesens. In der Theorie wird das niemand bestreiten wollen. Allerdings werden sie in letzter Zeit sowohl in Deutschland als auch in Japan und in S\u00fcdkorea, aber auch in den USA und anderen L\u00e4ndern, die westlichen Wertevorstellungen anh\u00e4ngen, relativiert und damit infrage gestellt. Diese Tendenz hat offenbar etwas mit Ver\u00e4nderungen in diesen Gesellschaften selbst zu tun. In einem Leserkommentar auf <em>YouTube<\/em> vom 20.9.2025 fand ich dazu folgende bemerkenswerte Behauptung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Free speech will never work in a post-truth society.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Idee der freien Rede ist seit der Aufkl\u00e4rung eng verkn\u00fcpft mit dem Vertrauen auf Vernunft und die F\u00e4higkeit des \u00f6ffentlichen Diskurses, Wahrheit im Wettstreit der Argumente hervorzubringen. Dieses Modell setzt jedoch voraus, da\u00df Sprecher und Zuh\u00f6rer zumindest prinzipiell an Wahrheit interessiert sind und gemeinsame Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr Evidenz und Rationalit\u00e4t anerkennen. In einer postfaktischen Gesellschaft, in der Fakten durch Emotionen, Narrative und Interessen \u00fcberlagert werden, droht dieser Grundkonsens zu zerbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Tatsachen nicht mehr als verbindliche Grundlage des Gespr\u00e4chs gelten, sondern als beliebig austauschbare Meinungen erscheinen, wird freie Rede zu einem blo\u00dfen Instrument der Macht. Sie verst\u00e4rkt dann nicht die Suche nach Wahrheit, sondern reproduziert Desinformation, Polarisierung und Zynismus. Das klassische Argument, da\u00df sich in freier Rede die besseren Ideen durchsetzen, verliert seine G\u00fcltigkeit, sobald Kriterien f\u00fcr &#8222;besser&#8220; nicht mehr geteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dynamik zeigt sich auch in Ostasien. In Japan hat die Zunahme von Ha\u00dfrede gegen\u00fcber Minderheiten, insbesondere gegen\u00fcber koreanischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerungsgruppen, zu einer intensiven Debatte \u00fcber die Grenzen der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung gef\u00fchrt. Hier prallen die liberalen Prinzipien der Rede- und Versammlungsfreiheit auf die Realit\u00e4t eines \u00f6ffentlichen Diskurses, der zunehmend von Ressentiments und Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen gepr\u00e4gt ist. Die rechtliche Reaktion blieb lange z\u00f6gerlich, doch die gesellschaftlichen Folgen &#8212; ein Klima der Einsch\u00fcchterung und eine Normalisierung diskriminierender Sprache &#8212; unterstreichen, wie schnell freie Rede ohne gemeinsamen Wahrheitsbezug in destruktive Bahnen geraten kann. <\/p>\n\n\n\n<p>2021 setzte ein junger Japaner mehrere Geb\u00e4ude in Nagoya und Utoro, einem koreanisch gepr\u00e4gten Viertel von Uji, in Brand &#8212; aus Ha\u00df auf Koreaner, wie er <a href=\"https:\/\/www.asahi.com\/ajw\/articles\/14707159\">vor Gericht zu Protokoll<\/a> gab. 2024 gab es heftige Attacken auf &#8222;sozialen Medien&#8220; gegen eine in Ky\u014dto ans\u00e4ssige Internationale Oberschule, die 1947 urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Kinder koreanischer Immigranten gegr\u00fcndet worden war. Die Baseballmannschaft der Schule hatte eine Mannschaft aus T\u014dky\u014d besiegt, und als <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/en\/international\/article\/2024\/09\/15\/in-japan-a-korean-anthem-doesn-t-go-down-well_6726124_4.html\">bei der Siegerehrung die Schulhymne<\/a> gespielt und gesungen wurde, erwies sich, da\u00df diese Hymne vom Japanischen Meer als &#8222;Ostmeer&#8220; spricht, wie es koreanischer Diktion entspricht. Der Ha\u00df auf alles Koreanische wird im rechten Milieu Japans weithin gepflegt. Im Sommer 2025 sprach ein zweitklassiger japanischer Journalist koreanischst\u00e4mmigen Japanern das Recht ab, Japan zu kritisieren und dabei ihre japanischen Namen zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcngsten Erfolge der 2020 gegr\u00fcndeten <em>Sanseit\u014d<\/em>-Partei \u53c2\u653f\u515a schlie\u00dflich zeigen deutlich, wie freie Rede in einer postfaktischen Gesellschaft ihre emanzipatorische Funktion verliert. <em>Sanseit\u014d<\/em> verbindet nationalistische und populistische Positionen mit Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber Wissenschaft und Medien, tritt f\u00fcr eine restriktive Einwanderungspolitik ein und relativiert historische Tatsachen. Diese Mischung aus Identit\u00e4tspolitik, Ressentiment und Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen hat der Partei bei den letzten Unterhauswahlen bemerkenswerte Zugewinne beschert und zeigt, da\u00df falsche oder verzerrte Narrative politische Wirkung entfalten k\u00f6nnen, sobald gemeinsame Wahrheitsstandards erodieren. Indem <em>Sanseit\u014d<\/em> aggressive Rhetorik normalisiert und sogar eine Revision der Nachkriegsverfassung anstrebt, verschiebt sie die Grenzen des Sagbaren und gef\u00e4hrdet institutionelle Schutzmechanismen. Damit verdeutlicht die Partei exemplarisch, da\u00df freie Rede dort, wo Fakten nicht mehr anerkannt werden, nicht zur Aufkl\u00e4rung beitr\u00e4gt, sondern Polarisierung und Ha\u00df verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>In S\u00fcdkorea wiederum hat die Verbreitung aggressiver Rhetorik in den digitalen Medien eine Eskalation politischer Feindbilder beg\u00fcnstigt. Polarisierende Debattenkulturen, verst\u00e4rkt durch anonyme Online-Kommunikation, haben nicht nur den \u00f6ffentlichen Diskurs verh\u00e4rtet, sondern auch mit politisch motivierter Gewalt verkn\u00fcpfte Tendenzen sichtbar gemacht. Auf Plattformen und Foren sollen z. B. Nutzer Pl\u00e4ne geteilt haben, wie man Gerichtsgeb\u00e4ude angreift oder politischen Gegnern schadet. Ende 2023 wurde in Cinju eine Ladenverk\u00e4uferin von einem Mann angegriffen, angegriffen, der sich mit der Behauptung <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/society\/2025\/sep\/20\/inside-saturday-south-korea-gender-war\">verteidigte<\/a>, &#8222;Feministinnen verdienen es, geschlagen zu werden.&#8220; Damit machte er sich zum Sprachrohr eines neu aufflammenden Frauenhasses. Gewaltt\u00e4tigkeit ist im polarisierten politischen Diskurs des Landes allerdings nichts Ungew\u00f6hnliches. Im Januar 2024 wurde Lee Jae-myung, f\u00fchrender Politiker der oppositionellen Partei (und sp\u00e4terer Pr\u00e4sident des Landes), bei einem \u00f6ffentlichen Auftritt in Pusan mit einer Stichwaffe angegriffen und verletzt. Im Januar 2025 st\u00fcrmten Unterst\u00fctzer des nach einem Putschversuch abgesetzten Pr\u00e4sidenten Yoon Suk Yeol mit dem Slogan &#8222;Fangt alle kommunistischen Richter!&#8220; ein Gerichtsgeb\u00e4ude in Seoul, randalierten im Geb\u00e4ude und griffen Polizisten und Journalisten an.<br><br>Solche Ha\u00dfkampagnen gegen Politiker oder gesellschaftliche Gruppen illustrieren, wie die Aush\u00f6hlung von Wahrheitskriterien und die Verschiebung von Redepraktiken in Richtung Emotion und Affekt das demokratische Gespr\u00e4ch besch\u00e4digen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einsicht, da\u00df freie Rede in einer postfaktischen Gesellschaft nicht mehr &#8222;funktioniert&#8220;, gewinnt vor diesem Hintergrund besondere Sch\u00e4rfe. Sie sollte nicht als Pl\u00e4doyer f\u00fcr Einschr\u00e4nkung verstanden werden, sondern als Mahnung zur St\u00e4rkung epistemischer Infrastrukturen: Institutionen, die Vertrauen in Fakten erzeugen; Bildung, die kritisches Denken f\u00f6rdert; und gesellschaftliche R\u00e4ume, die differenzierte Rede erm\u00f6glichen. Erst wenn Wahrheit wieder als gemeinsame Ressource gilt, kann freie Rede ihre urspr\u00fcngliche Rolle als Motor demokratischer Verst\u00e4ndigung und als Medium der Vertrauensbildung erf\u00fcllen. Bis dahin wird nichts anderes \u00fcbrig bleiben, als auf Ha\u00dfreden und gewaltt\u00e4tige Rhetorik mit konsequenter strafrechtlicher und gesellschaftlicher \u00c4chtung zu reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Das Beitragsbild zeigt ein aktuelles Poster der Kommunistischen Partei Japans mit dem Titel: &#8222;Wir lassen keine Diskriminierung von Ausl\u00e4ndern zu! &#8212; Es gibt keine Menschen Erster und Zweiter Klasse&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann Redefreiheit in einer post-faktischen Gesellschaft funktionieren? J\u00fcngere Beispiele aus Japan und S\u00fcdkorea sprechen dagegen. Wahrheit mu\u00df als gemeinsame Ressource gelten, damit freie Rede ihren Sinn beh\u00e4lt.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":8183,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/live.staticflickr.com\/65535\/54788738830_3c38bdeb9c_b.jpg","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[173,28,9,1,207],"tags":[116,905],"class_list":{"0":"post-8180","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesellschaft","8":"category-japan","9":"category-korea","10":"category-uncategorized","11":"category-politik","12":"tag-meinungsfreiheit","13":"tag-redefreiheit","14":"bnp_pattern1","15":"cat-173-id","16":"cat-28-id","17":"cat-9-id","18":"cat-1-id","19":"cat-207-id","20":"has_thumb"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8180"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8226,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8180\/revisions\/8226"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8183"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}