{"id":7997,"date":"2024-02-15T13:22:42","date_gmt":"2024-02-15T12:22:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7997"},"modified":"2024-02-15T14:41:40","modified_gmt":"2024-02-15T13:41:40","slug":"test","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7997","title":{"rendered":"Von Japan lernen? Warum? Wozu?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Winter ist fast vorbei, der Karneval auch, Hochschulen und Schulen stecken in der Pr\u00fcfungsphase. Zeit also, um sich Gedanken um die Zukunft zu machen. Denkt sich auch ein Abiturient, der vorhat, in Bonn IT zu studieren, und dazu Japanisch lernen will &#8212; vorher aber von mir best\u00e4tigt haben will, da\u00df man davon &#8222;gro\u00dfe wirtschaftliche Vorteile&#8220; hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll man dazu sagen? Kann sein, kann aber auch nicht sein? Ich selbst habe zweifellos &#8222;gro\u00dfe wirtschaftliche Vorteile&#8220; davon gehabt, da\u00df ich Japanisch gelernt habe, denn sonst h\u00e4tte ich meine Professur nicht bekommen. Aber das war sicher nicht alles. Weder wird man zwangsl\u00e4ufig reich, wenn man Japanisch lernt (leider), noch beschr\u00e4nkt sich der Nutzen des Japanischlernens auf \u00f6konomische Aspekte. Japanisch kann, wie viele andere Sprachen auch, in einem v\u00f6llig immateriellen Sinne bereichern &#8212; aber diesen Sinn mu\u00df jeder f\u00fcr sich entdecken. Das kann man nicht vorab garantieren. Trotzdem (oder gerade deshalb) lautet meine klare Empfehlung: Es lohnt sich immer, Japanisch zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder von Japan zu lernen? Das w\u00e4re jedenfalls die Botschaft eines noch im Ruhestand sehr engagierten Berliner Lehrers, der auf seinem Blog &#8222;F\u00fcr eine gute Schule&#8220; angesichts der anhaltenden Misere des deutschen Bildungswesens vor ein paar Tagen (ganz pr\u00e4zise: ausgerechnet am 11. Februar, dem japanischen Staatsgr\u00fcndungsgedenktag) die Werbetrommel f\u00fcrs japanische Schulsystem ger\u00fchrt hat:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wenig beachtet wird in Deutschland, dass an japanischen Schulen auch eine Lernkultur herrscht, die den Lehrern das Unterrichten enorm erleichtert. In allen japanischen Schulen dienen die ersten Schulwochen fast ausschlie\u00dflich der Ein\u00fcbung wichtiger Arbeitshaltungen, Routinen und Spielregeln. Die Sch\u00fcler lernen, worauf es in der Schule und vor allem im Unterricht ankommt. Auf die Einhaltung der Regeln zu dringen, obliegt nicht allein den Lehrkr\u00e4ften. Auch Sch\u00fcler werden altersgerecht mit in die Verantwortung genommen. Zu den Pflichten der Sch\u00fcler geh\u00f6rt au\u00dferdem das gemeinsame Saubermachen der Unterrichtsr\u00e4ume und die Essenverteilung in der Mensa. Schuluniformen sorgen f\u00fcr den Zusammenhalt der Sch\u00fcler und die Z\u00fcgelung egozentrischen Verhaltens. Zur japanischen Kultur geh\u00f6rt die Achtung vor den Lehrern, die als \u201eMeister\u201c verehrt werden. Von einer solchen Lernkultur sind wir in Deutschland weit entfernt.<\/p>\n<cite><a href=\"https:\/\/guteschuleblog.wordpress.com\/2024\/02\/11\/was-gegen-die-schulmisere-wirklich-hilft\/\">Rainer Werner: Was gegen die Schulmisere wirklich hilft<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nun habe ich selbst japanische Schulen nur als Beobachter kennengelernt (ja, wirklich: als Student habe ich an einer japanischen Mittelschule hospitiert); anders als meine Kinder, die von Grundschule bis Gymnasium immer wieder einmal dort Erfahrungen gesammelt haben. Deshalb zeigen sie gegen\u00fcber dem gutgemeinten Enthusiasmus des Herrn Werner eine gewisse Skepsis. Mein Sohn meint:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>War er in den letzten 50 Jahren mal an einer japanischen Schule?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das kann ich nicht beantworten, aber da es in meiner japanischen Schwiegerfamilie von Lehrerinnen nur so wimmelt, habe ich eine Menge Geschichten geh\u00f6rt, die &#8212; was das Verhalten von Sch\u00fclern oder die Belastung (und Bel\u00e4stigung) von Lehrern angeht &#8212; kein so rosiges Bild zeichnen. Meine Tochter wiederum, die auf dem Sprung ist, selbst Lehrerin zu werden, kommentiert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das mag zwar alles sein, aber in Japan klappt Zusammenhalt unter den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern auch, weil der kulturelle Zusammenhalt gro\u00df ist. Ist viel einfacher, eine monolinguale Masse zusammenzubringen, die mit \u00e4hnlichen Werten, TV-Shows, Musik und Kunst aufgewachsen ist. Ich glaube nicht, dass deutsche Schulen sich an Japan unbedingt ein Vorbild nehmen m\u00fcssen, sondern was (er)finden sollten, was funktioniert in einer Gesellschaft, die so unglaublich vermischt ist. Trotzdem stimmt das nat\u00fcrlich, dass Routine und Regeln Einhalten super wichtig ist beizubringen. Und Lehrer als &#8222;Meister&#8220; anzuhimmeln ist fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Womit wir beim Elefanten im Porzellanladen angekommen w\u00e4ren, also jenem hessischen Geschichtslehrer, der in bestimmten Kreisen in Th\u00fcringen als Meister aus Deutschland angehimmelt wird und f\u00fcr seine faschistoide Vision eines &#8222;Deutschland den Deutschen&#8220; mit seiner in gro\u00dfen Teilen als gesichert rechtsextremistisch bewerteten Partei eine Kampagne unter dem Motto &#8222;Mehr Japan wagen!&#8220; inszeniert. Nein, ich verlinke das hier nicht. Wer danach suchen will, wird auf TikTok, Instagram, Facebook, X und dergleichen Zeugs ohne weiteres f\u00fcndig. Hier nur ein besonders frivoles Zitat:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wenn wir nicht den japanischen Weg gehen als Deutschland und Europa, dann werden wir in Deutschland und Europa eine kulturelle Kernschmelze erleben.<\/p>\n<cite>Der rechtsextreme Politiker Bj\u00f6rn H\u00f6cke 2021<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Einerseits ist das von Deutschlands f\u00fchrendem Rechtsextremen hier ausgesprochene Lob des japanischen Gastarbeitersystems zynisch. Hunderttausende &#8222;Praktikanten&#8220; aus ganz Asien haben von den Vorz\u00fcgen des japanischen Arbeitsmarkts vermutlich eine deutlich andere Vorstellung. Andererseits ist es geschmacklos, wie hier durch die Verwendung des Begriffs &#8222;Kernschmelze&#8220; beim H\u00f6rer nat\u00fcrlich sofort Assoziationen zu Fukushima und Hiroshima geweckt werden. Aber dieses &#8222;rhetorische Stilmittel&#8220; ist typisch f\u00fcr das &#8222;strategische Framing&#8220; dieses Mannes, wie Berit Trottmann hervorhebt.<sup data-fn=\"60bab211-408b-4a19-ae37-9e694be69229\" class=\"fn\"><a href=\"#60bab211-408b-4a19-ae37-9e694be69229\" id=\"60bab211-408b-4a19-ae37-9e694be69229-link\">1<\/a><\/sup> Er verschiebt die Grenzen des Sagbaren &#8212; bis ins Unertr\u00e4gliche. Und er kn\u00fcpft an die Rhetorik der SS an, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs die Samurai als l\u00f6bliches Vorbild f\u00fcr deutschen Wehrgeist beschwor. Thomas Pekar stellt fest,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>da\u00df es sehr wohl ideologisch-weltanschauliche Einfl\u00fcsse von Japan aus auf Nazi-Deutschland gegeben hat, auf einzelne Nazi-Gr\u00f6\u00dfen, aber auch auf die Nazi-Ideologie selbst.<\/p>\n<cite>Thomas Pekar: Held und Samurai: Zu den ideologischen Beziehungen zwischen Japan und Nazi-Deutschland. Archiv f\u00fcr Kulturgeschichte 90:2 (2008)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>H\u00f6cke hat \u00fcbrigens auch einmal in Bonn studiert; Jura, also nicht mein Metier. Ob ihm sein &#8222;Mehr Japan wagen!&#8220; &#8222;gro\u00dfe politische Vorteile&#8220; bringen wird, kann ich nicht vorhersagen. W\u00fcnschen kann ich es auf keinen Fall. Wenn sich die Geschichte wiederholt, dann hoffentlich so, wie es Karl Marx vorausgesagt hat: nicht als Trag\u00f6die, sondern als Farce.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Japanologe m\u00fc\u00dfte man sich ja eigentlich freuen, wenn Sch\u00fcler, Lehrer und Politiker sich f\u00fcr Japan interessieren. Aber wie stets gilt auch hier die Frage: Warum? Wozu? Und geht es hier wirklich um Japan an sich oder um Japan als Mittel zur wirtschaftlich-politisch-kulturellen Aneignung?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine rhetorische Frage? Ja und nein. Eine m\u00e4eutische Frage. Also eine Frage, die den Befragten zu einem im philosophischen Sinne besseren Leben f\u00fchren will. Wenn die Besch\u00e4ftigung mit Japan dazu dienen kann &#8212; dann gern und immer mehr davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Das Beitragsbild stammt von Claude Monet: <em>La Japonaise<\/em> (1876); es ist in den letzten Jahren ein Lieblingsobjekt der Debatte um kulturelle Aneignung geworden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"60bab211-408b-4a19-ae37-9e694be69229\">Beritt Trottmann: Strategisches Framing bei Bj\u00f6rn H\u00f6cke \u2013 wie ein rechtsextremer Politiker den Rahmen sprengt. Zeitschrift f\u00fcr Rechtsextremismusforschung 2:1 (2022) <a href=\"#60bab211-408b-4a19-ae37-9e694be69229-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sch\u00fcler, ein Lehrer und ein Rechtsextremer wollen sich mit Japan besch\u00e4ftigen. Warum und wozu?<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":8007,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/filedn.eu\/l2RtsSLksGkbe7UkUWMKqBu\/Images\/039\/000001139.jpg","fifu_image_alt":"","footnotes":"[{\"content\":\"Beritt Trottmann: Strategisches Framing bei Bj\u00f6rn H\u00f6cke \u2013 wie ein rechtsextremer Politiker den Rahmen sprengt. 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