{"id":7947,"date":"2024-01-02T12:32:39","date_gmt":"2024-01-02T11:32:39","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7947"},"modified":"2024-02-03T20:59:29","modified_gmt":"2024-02-03T19:59:29","slug":"barbie-aya-und-die-hexe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7947","title":{"rendered":"Barbie, Aya und die Hexe"},"content":{"rendered":"\n<p>Es klingt vielleicht auf den ersten Blick schr\u00e4g, zwei so v\u00f6llig unterschiedlich erscheinende Filme wie <em>Barbie<\/em> (USA 2023, Regie: Greta Gerwig) und <em>Aya und die Hexe<\/em> (<em>\u0100ya to Majo<\/em> \u30a2\u30fc\u30e4\u3068\u9b54\u5973, Japan 2020, Regie: Miyazaki Gor\u014d) als <em>double feature<\/em> im Heimkino anzusehen. <em>Barbie<\/em> ist zu einem weltweiten Kassenschlager geworden und wird weithin als geniale Persiflage sowohl auf oberfl\u00e4chlichen Konsum-Kapitalismus als auch auf den Mainstream-Feminismus angesehen &#8212; also jedenfalls als relevant. Wobei die Frage offenbleibt, ob es den H\u00f6hepunkt von Relevanz und Systemkritik darstellt, wenn die &#8222;stereotypische Barbie&#8220; ganz am Ende sich auf ihren ersten Termin beim Gyn\u00e4kologen freut.<br><em>Aya und die Hexe<\/em> nimmt dagegen eine ganz andere Perspektive auf weibliches empowerment, wie man es neumodisch heuten nennt, ein. Der Film folgt ziemlich getreu seiner literarischen Vorlage, der Novelle <em>Earwig and the Witch<\/em> von Diana Wynne Jones (1934&#8211;2011). Jones ist Ghibli-Kennern nat\u00fcrlich als Autorin von <em>Howl&#8217;s Moving Castle<\/em> (1986) bekannt, und sie hat auch in ihren \u00fcbrigen, jugendfreundlichen Werken sehr gern Magie und Zauberei aufgegriffen, darin ihrer inzwischen viel bekannteren britischen Landsm\u00e4nnin J. K. Rowling nicht un\u00e4hnlich. Weder Rowling noch Jones gelten als Repr\u00e4sentantinnen des aktivistischen Feminismus, aber im Gegensatz zu <em>Harry Potter<\/em> sind die Hauptfiguren von Jones h\u00e4ufig starke M\u00e4dchen und junge Frauen, die auch ohne ideologische Programmierung sehr energisch ihren Platz im Leben suchen und behaupten. Dies pa\u00dft thematisch sehr genau zur filmischen Tradition des Studio Ghibli.<br>Die Heldin in <em>Aya und die Hexe<\/em> ist ein M\u00e4dchen, das in einem Waisenheim aufw\u00e4chst, nachdem es von einer Hexe mit roten Haaren dort n\u00e4chtens abgelegt wurde. Sie hei\u00dft im Original Earwig (&#8222;Ohrwurm&#8220;), was so merkw\u00fcrdig ist, da\u00df es von der Heimleiterin potentiellen Adoptiveltern als &#8222;Erica Wig&#8220; vorgestellt wird. Im Ghibli-Film hei\u00dft sie allerdings ganz anders, und dies ist programmatisch: Ayatsuru, abgek\u00fcrzt \u0100ya. <em>Ayatsuru<\/em> bedeutet auf japanisch &#8222;manipulieren&#8220; (so, wie man eine Marionette an F\u00e4den bewegt), und genau dies ist das wichtigste Talent des M\u00e4dchens: Sie beherrscht die Kunst, andere Menschen dazu zu bewegen, genau das zu tun, was sie will. So wird sie rasch Anf\u00fchrerin der \u00fcbrigen Waisenkinder, besonders ihres kleinen Freundes Custard, der ihr keinen Wunsch abschlagen kann; aber auch das Personal des Waisenhauses, vom Koch bis zur gutherzigen Heimleiterin, tanzt nach ihrer Pfeife. Ganz wesentlich ist, da\u00df dies alle sehr gern tun und da\u00df Aya ihre Macht nie mi\u00dfbraucht: Sie tut niemand damit weh, sie tut nichts B\u00f6ses, und deshalb ist sie bei allen \u00fcberaus beliebt. Sie genie\u00dft ihr Leben und findet nichts langweiliger als die Vorstellung, von einer &#8222;normalen&#8220; Familie adoptiert zu werden, wo sie dann nur \u00fcber drei bis sechs Personen herrschen k\u00f6nnte.<br>Aber eines Tages wird sie doch adoptiert; von einer Frau mit blaugef\u00e4rbten Haaren und einem enormen roten Hut, begleitet von einem funkenspr\u00fchenden, merkw\u00fcrdig gro\u00dfgewachsenen Mann mit horn\u00e4hnlichen Ohren. Schnell stellt sich heraus, da\u00df diese Frau namens Bella Yaga eine Hexe ist, die magische Tr\u00e4nke mixt (darunter \u00e4u\u00dferst praktische wie den &#8222;Zauberspruch, um einen Bus kommen zu lassen&#8220;) und sie an Hausfrauen ihrer Umgebung mit gro\u00dfem Erfolg verkauft. Sie ben\u00f6tigt daf\u00fcr eine Assistentin oder, aus der Sicht von Aya, eine Sklavin, die ihr zur Hand geht. Aya mischt mit, weil die Hexe ihr verspricht, sie daf\u00fcr in Magie zu unterrichten. Sie h\u00e4lt dieses Versprechen jedoch nicht, weshalb Aya zunehmend frustriert ist und danach trachtet, ihren Partner, den hochgewachsenen Mandrake, auf ihre Seite zu ziehen. Dieser ist ein ziemlich erfolgloser Schriftsteller; Aya findet seine B\u00fccher langweilig, aber sie entdeckt, da\u00df er erstens auch ein passionierter Rockmusiker ist (er spielt heimlich Keyboard) und zweitens \u00fcber zwei drohnenartige D\u00e4monen gebietet, die ihm alle W\u00fcnsche (jedenfalls die nach Essen) erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Trotz seiner rauhen Schale (Bella Yaga f\u00fcrchtet sich vor ihm genauso wie der h\u00e4ufig von ihr gepiesackte Hauskater Thomas, der sprechen kann und Ayas hilfreicher Freund wird) ist er in Aya vernarrt und ger\u00e4t allm\u00e4hlich unter ihre Kontrolle. Am Ende hat Aya erreicht, was sie wollte: Sie wird verw\u00f6hnt und umsorgt und genie\u00dft das Leben in ihrer magischen Kleinfamilie. Sie bringt sogar den \u00e4ngstlichen Custard dazu, sie zu besuchen. Es ist Weihnachten, Custard klingelt, ein Geschenk f\u00fcr Aya in der Hand, an der T\u00fcr &#8212; und hinter ihm steht, welch Weihnachtswunder, Ayas Mutter, die rothaarige Hexe. Hier schlie\u00dft sich der Kreis: Mandrake, Bella Yaga und Ayas Mutter geh\u00f6rten fr\u00fcher zur selben Rockband (Bella Yaga war Schlagzeugerin, Ayas Mutter S\u00e4ngerin), und ohne da\u00df es weiter expliziert wird, d\u00fcrfen wir vermuten, da\u00df Mandrake tats\u00e4chlich Ayas Vater ist. Da\u00df ein Kind aus einer solchen Familie dann auch \u00fcber die magische F\u00e4higkeit verf\u00fcgt, andere Menschen geschickt zu manipulieren, verwundert dann \u00fcberhaupt nicht mehr.<br>Kurz: In keiner Sekunde ihres Lebens ist Aya wie Barbie. Sie besitzt einen eigenen, klaren Willen; sie ist durchsetzungsstark, aber dabei stets sozial: Gute menschliche Beziehungen, das wei\u00df sie, sind der Schl\u00fcssel zu einem guten Leben. Und so gelingt es ihr, selbst schr\u00e4ge und kaputte Typen zu besseren Menschen zu machen. Mandrake wird dank ihrer Hilfe zu einem gefeierten Schriftsteller; Bella Yaga entdeckt beim Mischen von Zaubertr\u00e4nken ihr Talent als Schlagzeugerin wieder und wird ein freundlicher Mensch; Custard \u00fcberwindet seine \u00c4ngste; und Ayas Mutter kehrt zur\u00fcck zu ihrem Kind und ihren alten Freunden.<br>Es ist ein Mutmach-Film ohne verkrampfte ideologische Belehrungen; auch Gyn\u00e4kologen spielen hier keine Rolle. Inhaltlich also genau das Richtige f\u00fcr einen Ghibli-Film. Was deutlich anders ist, ist einmal die Musik &#8212; Rockmusik ist in fr\u00fcheren Filmen noch nicht vorgekommen; aber das ist kein Manko: Die Country-S\u00e4ngerin Kacey Musgraves singt den Thema-Song &#8222;Don\u2019t Disturb Me&#8220; sehr \u00fcberzeugend. Wirklich neu ist die Animationstechnik: Zum ersten Mal hat Ghibli einen Film in 3-D-Computeranimation produziert. Nur die sehr sch\u00f6n gezeichneten Hintergr\u00fcnde erinnern an die altgewohnte Ghibli-\u00c4sthetik, sonst sieht der Film ziemlich so aus, als w\u00e4re er bei Pixar entstanden.<br>Dies mag erkl\u00e4ren, warum <em>Aya und die Hexe<\/em> vor allem in den USA schlechte Kritiken erhalten hat. Viele Ghibli-Fans sprechen von einer &#8222;Entt\u00e4uschung&#8220; und dem &#8222;schlechtesten Film&#8220;, der je von Ghibli produziert worden sei. Das kann ich \u00fcberhaupt nicht nachvollziehen. Mir fallen sowohl technisch als auch inhaltlich deutlich schlechtere Filme ein (<em>Ged<\/em> oder <em>Neko no Ongaeshi<\/em> in erster Linie). Wer wei\u00df, wie aufwendig und teuer die traditionelle Produktion mit Cels gewesen ist, kann sich nicht dar\u00fcber wundern, da\u00df Ghibli hier auch einmal einen anderen Weg gegangen ist. Schlie\u00dflich war auch Takahata Isaos letzter Film <em>Kaguyahime<\/em> mit dem Computer produziert &#8212; fraglos technisch un\u00fcbertrefflich perfekt gemacht, wenn auch in 2-D, aber \u00fcber einen so langen Zeitraum, da\u00df sich eine Wiederholung aus Kostengr\u00fcnden verboten h\u00e4tte. Wer, wie auch oft zu lesen ist, bem\u00e4ngelt, die Story bleibe &#8222;offen&#8220; oder die menschlichen Beziehungen darin seien &#8222;toxisch&#8220;, hat ganz offensichtlich die Handlung und die darin enthaltenen Entwicklungen nicht verstanden. Es geht hier anders als bei Barbie eben nicht um die Entwicklung des Hauptcharakters, sondern um die von Aya ausgehende transformative Energie: Sie entwickelt ihre Umwelt und macht die Welt zu einer besseren Welt. Kann man das von Barbie auch sagen? Ich glaube nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lassen sich der Barbie-Film (2023) und Miyazaki Gor\u014ds Aya und die Hexe (2020) vergleichen? Und warum wird Aya so negativ gesehen? Ein Perspektivenwechsel ist n\u00f6tig, um dies zu verstehen.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":7949,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/eiga.k-img.com\/images\/movie\/93256\/photo\/d62da0a75abebf3a\/640.jpg?1615256871","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[112,28],"tags":[431,864,865,866,867,863,411],"class_list":{"0":"post-7947","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-film","8":"category-japan","9":"tag-anime","10":"tag-aya","11":"tag-barbie","12":"tag-feminismus","13":"tag-magie","14":"tag-miyazaki-goro","15":"tag-studio-ghibli","16":"bnp_pattern1","17":"cat-112-id","18":"cat-28-id","19":"has_thumb"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7947"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7947\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7984,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7947\/revisions\/7984"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7949"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}