{"id":7612,"date":"2023-03-07T16:50:20","date_gmt":"2023-03-07T15:50:20","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7612"},"modified":"2023-03-07T16:53:59","modified_gmt":"2023-03-07T15:53:59","slug":"der-gordische-knoten-wie-korea-japans-vergangenheit-bewaeltigen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7612","title":{"rendered":"Der Gordische Knoten: Wie Korea Japans Vergangenheit bew\u00e4ltigen will"},"content":{"rendered":"<p>Die s\u00fcdkoreanische Regierung hat am 6.3.2023 einen Plan <a href=\"https:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2023\/03\/06\/2023030601358.html\">bekanntgegeben<\/a>, mit dem sie die festgefahrenen Verhandlungen um Entsch\u00e4digungen f\u00fcr koreanische Zwangsarbeiter in japanischen Diensten w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs voranbringen will. Demnach wird die Regierung die bereits 2012 errichtete <a href=\"https:\/\/www.fomo.or.kr\/eng\">Stiftung f\u00fcr die Opfer der Zwangsmobilisierung durch das kaiserliche Japan<\/a> (engl. <em>Foundation for Victims of Forced Mobilization by Imperial Japan<\/em>, abgek\u00fcrzt FOMO) benutzen, um die Zwangsarbeiter zu entsch\u00e4digen. Dies soll durch freiwillige Spenden koreanischer Unternehmen finanziert werden, die von den japanischen Entsch\u00e4digungen an S\u00fcdkorea nach dem Abschlu\u00df des Grundlagenvertrags von 1965 profitiert hatten. Unabh\u00e4ngig davon wird ein binationaler Fonds f\u00fcr wissenschaftlichen oder Jugend-Austausch geplant, der von den koreanischen und japanischen Unternehmerverb\u00e4nden <a href=\"https:\/\/english.hani.co.kr\/arti\/english_edition\/e_national\/1082579.html\">gesponsert<\/a> wird. Im Gegenzug soll die japanische Regierung sich zur japanisch-s\u00fcdkoreanischen Deklaration vom 8.10.1998 bekennen, die seinerzeit von Pr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kim_Dae-jung\">Kim T\u00e4jung<\/a> bei seinem Staatsbesuch in Japan mit Ministerpr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Keiz%C5%8D_Obuchi\">Obuchi Keiz\u014d<\/a> abgeschlossen wurde.<br \/>\nIn dieser (\u00e4u\u00dferst umfangreichen) Erkl\u00e4rung<sup><a name=\"A1\"><a href=\"#1\">1<\/a><\/a><\/sup> \u00e4u\u00dferte Obuchi &#8222;tiefes Bedauern und die herzliche Bitte um Entschuldigung&#8220; f\u00fcr den &#8222;au\u00dferordentlichen Schaden und Leid&#8220;, das Japan Korea w\u00e4hrend der Kolonialzeit zugef\u00fcgt hat. Pr\u00e4sident Kim nahm diese Entschuldigung an und verwies darauf, beide Staaten sollten &#8222;eine zukunftsorientierte Beziehung&#8220; im Geiste der Freundschaft aufbauen.<br \/>\nDie jetzige Initiative soll dabei helfen, den Gordischen Knoten zu zerschlagen, welcher die japanisch-s\u00fcdkoreanischen Beziehungen seit einiger Zeit fesselt. Denn \u00fcberlebende Zwangsarbeiter und deren Nachfahren haben bislang die bereits 1965 getroffenen Vereinbarungen zur Entsch\u00e4digung Koreas f\u00fcr die Kolonialherrschaft nicht akzeptiert und teilweise erfolgreich vor koreanischen Gerichten angefochten. Weil sich Japans Regierung nach wie vor auf den Standpunkt stellt, mit dem Vertrag von 1965 alle Entsch\u00e4digungsanspr\u00fcche erledigt zu haben (das damals gezahlte Geld ging jedoch ausschlie\u00dflich an koreanische Unternehmen, die auf diese Weise faktisch Entwicklungshilfe erhielten), wurde in Korea t\u00e4tigen japanischen Unternehmen gerichtlich die Konfiskation ihres dortigen Verm\u00f6gens angedroht. Im Gegenzug setzte Japan f\u00fcr die koreanische Wirtschaft wichtige Bevorzugungen im Au\u00dfenhandel, insbesondere f\u00fcr den Export von Halbleiterelementen, au\u00dfer Kraft. S\u00fcdkorea k\u00fcndigte deshalb an, Japan vor der Welthandelsorganisation anzuklagen. Diese gegenseitigen Repressalien sollen nun beendet werden.<br \/>\nDie japanische Regierung <a href=\"https:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2023\/03\/07\/2023030701187.html?related_all\">begr\u00fc\u00dfte<\/a> diesen Vorschlag und f\u00fcgte hinzu, es stehe japanischen Unternehmen frei, sich an der Entsch\u00e4digungsstiftung zu beteiligen. Offensichtlich sind auch die USA \u00e4u\u00dferst interessiert (und vermutlich auf diplomatischer Ebene auch beteiligt) an einer raschen und friedlichen Beilegung dieses Konflikts.<br \/>\nDie s\u00fcdkoreanische Opposition kann diesem Plan jedoch wenig abgewinnen. Wieder einmal, wie im Fall der Vereinbarung zur L\u00f6sung der &#8222;Trostfrauen&#8220;-Frage 2015, sieht sie die Interessen der Betroffenen verletzt. Ob die Rechnung der beiden Regierungen daher diesmal aufgeht, ist eine <a href=\"https:\/\/www.japantimes.co.jp\/news\/2023\/03\/07\/national\/politics-diplomacy\/south-korea-us-japan-relations-analysis\/\">offene Frage<\/a>.<br \/>\nIn einem Kommentar der linksliberalen Tagszeitung <em>Hankyoreh<\/em> vom 7. M\u00e4rz <a href=\"https:\/\/english.hani.co.kr\/arti\/english_edition\/e_editorial\/1082559.html\">hei\u00dft es<\/a> denn auch:<\/p>\n<blockquote><p>Diese tragische und dem\u00fctigende &#8222;L\u00f6sung&#8220; macht den jahrzehntelangen Kampf der Opfer und die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, die diesen Bem\u00fchungen zum Erfolg verholfen hat, zunichte. &#8230;<br \/>\nDies kommt einer einseitigen diplomatischen Niederlage f\u00fcr Seoul gleich, das die Position Tokios, alle Entsch\u00e4digungsfragen seien mit dem 1965 von beiden Seiten unterzeichneten Abkommen zur Schadensregulierung abgeschlossen, voll und ganz akzeptiert hat. &#8230;<br \/>\nEs stimmt, dass die Zusammenarbeit zwischen Seoul und Tokio in einer unsicheren Sicherheitslage und einer sich schnell ver\u00e4ndernden Weltordnung notwendig ist. Aber es gibt auch Prinzipien, die wir niemals aufgeben d\u00fcrfen.<br \/>\nDie Mindestforderung, die von Menschen aus der ganzen Gesellschaft, einschlie\u00dflich der Opfer selbst, geteilt wird, ist, dass die verantwortlichen Unternehmen sich entschuldigen und sich an der Entsch\u00e4digung beteiligen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Beitragsbild (Foto: Kim Jung-hyo\/<em>The Hankyoreh<\/em>) zeigt am 6. M\u00e4rz vor dem s\u00fcdkoreanischen Au\u00dfenministerium gegen die Regierungspl\u00e4ne protestierende Koreaner. Der auf ihre orangefarbenen Plakaten zu lesende Slogan lautet \ub9e4\uad6d\ud611\uc0c1 <em>m\u00e4guk hy\u014fpsang<\/em> (\u8ce3\u570b\u4ea4\u6e09), &#8222;vaterlandsverr\u00e4terische Verhandlungen&#8220;, und l\u00e4\u00dft nichts Gutes f\u00fcr die Akzeptanz der Regierungspl\u00e4ne erwarten.<\/p>\n<hr\/>\n<p><sup><a name=\"1\"><a href=\"#A1\">1<\/a><\/a><\/sup><small>Abgedruckt in Reinhard Z\u00f6llner (Hg.): <em>Sources of Japanese-Korean Relations: Treaties, Agreements, and Declarations<em>.  Norderstedt 2017. ISBN 9783744881753<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcdkoreas Regierung will die lange umk\u00e4mpfte Frage der Entsch\u00e4digung koreanischer Zwangsarbeiter w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges durch eine Stiftung l\u00f6sen, in die koreanische (und gern auch japanische) Unternehmen einzahlen sollen. Japan stimmt dem Plan zu, aber die koreanische Opposition und die Betroffenen sind nicht \u00fcberzeugt.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":7617,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/filedn.eu\/l2RtsSLksGkbe7UkUWMKqBu\/Images\/093\/000001993.jpg","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[5,28,9],"tags":[],"class_list":{"0":"post-7612","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-diplomatie","8":"category-japan","9":"category-korea","10":"bnp_pattern1","11":"cat-5-id","12":"cat-28-id","13":"cat-9-id","14":"has_thumb"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7612","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7612"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7612\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7624,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7612\/revisions\/7624"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7612"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7612"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7612"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}