{"id":7517,"date":"2023-02-23T09:50:24","date_gmt":"2023-02-23T08:50:24","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7517"},"modified":"2023-02-24T01:37:20","modified_gmt":"2023-02-24T00:37:20","slug":"esperanto-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7517","title":{"rendered":"Esperanto f\u00fcr den Frieden?"},"content":{"rendered":"<p>Etliche Leser der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em> werden in der Ausgabe vom 23. Februar 2023 \u00fcber ein ganzseitiges, mehrfarbiges Inserat im Finanzteil gestolpert sein, in dem &#8222;nachhaltiger Frieden durch Esperanto&#8220; versprochen wird. Die EU solle die in den 1880er Jahren entstandene Kunstsprache <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Esperanto\">Esperanto<\/a> als Zweitsprache annehmen, um &#8222;in etwa 10 Jahren &#8230; Englisch als gemeinsame Sprache zu ersetzen&#8220;.<br \/>\n<noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/filedn.eu\/l2RtsSLksGkbe7UkUWMKqBu\/Sonstiges\/Kotoba\/20230223_FAZ_Esperanto-Anzeige.jpg\" alt=\"Inserat f\u00fcr Esperanto, FAZ, 23.2.2023, S. 26\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%201133%201615'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/filedn.eu\/l2RtsSLksGkbe7UkUWMKqBu\/Sonstiges\/Kotoba\/20230223_FAZ_Esperanto-Anzeige.jpg\" alt=\"Inserat f\u00fcr Esperanto, FAZ, 23.2.2023, S. 26\" \/class=\"lozad\" \/><br \/>\nDie Anzeige wurde initiiert und finanziert von dem 83-j\u00e4hrigen Japaner <a href=\"https:\/\/www.asahi.com\/articles\/ASP4Q6RY3P4FPTLC00B.html\">Miyoshi Etsuo<\/a> \u4e09\u597d\u92ed\u90ce, der sich selbst im Inserat als Erfinder des &#8222;kleinsten Fahrrollstuhl[s] der Welt&#8220; vorstellte. Er leitete lange Zeit die von seinem Vater gegr\u00fcndete Firma Swany \u30b9\u30ef\u30cb\u30fc in Kagawa, die Handschuhe und von Miyoshi selbst erfundene behindertengerechte Rollkoffer und Rollst\u00fchle herstellt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.swany.co.jp\/miyoshi\/index01.html\">Nach eigenem Bekunden<\/a> litt Miyoshi wegen seiner Behinderung durch Kinderl\u00e4hmung als junger Mann an einer Depression und suchte auf Anraten seiner Eltern Hilfe bei der 1892 gegr\u00fcndeten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/\u014cmoto\">\u014cmoto-Religion<\/a>. Die \u014cmoto-Religion geh\u00f6rt seit langem zu den Unterst\u00fctzern des Esperanto und m\u00f6chte es nach dem Motto &#8222;ein Gott, eine Welt, eine Sprache&#8220; zur Weltsprache erheben. Der Gr\u00fcnder des Esperanto, der j\u00fcdische Augenarzt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwik_Lejzer_Zamenhof\">Ludwik Zamenhof<\/a>, gilt in der Theologie des \u014cmoto sogar als Gott.<br \/>\nAuch Miyoshi begann im Alter von 55 Jahren, Esperanto zu lernen. Im Ruhestand widmete er sich der Werbung f\u00fcr Esperanto in Europa. Er <a href=\"http:\/\/www.swany.co.jp\/miyoshi\/index01.html\">schreibt<\/a> dar\u00fcber:<\/p>\n<blockquote><p>Mit dem Einverst\u00e4ndnis meiner Frau, meinen Ersparnissen f\u00fcr den Ruhestand und der Unterst\u00fctzung meiner Schwiegertochter ver\u00f6ffentlichte ich sie 2002 in der d\u00e4nischen <em>Berlinske Tidende<\/em>. Dies geschah mit Unterst\u00fctzung der nationalen Esperanto-Verb\u00e4nde, des Welt-Esperanto-Verbandes (UEA) und der Europ\u00e4ischen Esperanto-Union (EEU). Es folgten Belgien, Italien und Frankreichs <em>Le Monde<\/em>, und nach acht osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern waren die Mittel ersch\u00f6pft. Gl\u00fccklicherweise verkauften sich die [von Miyoshi erfundenen] &#8222;Walking Bags&#8220; gut, und der Vorstand [von Swany] beschlo\u00df, da\u00df ein Teil des Erl\u00f6ses f\u00fcr Werbung verwendet werden konnte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Japan-Historiker Ian Rapley f\u00fchrt das verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Interesse an Esperanto in Japan darauf zur\u00fcck, da\u00df es eine vom Staat unabh\u00e4ngige &#8222;Graswurzel&#8220;-Bewegung war, die sich aus weltanschaulich sehr unterschiedlichen Quellen speiste, da\u00df es Japan dabei half, mit einer globalisierten Welt Kontakt aufzunehmen, und da\u00df es dabei half, diese Kontakte auf einfache Weise zu pflegen.<sup><a name=\"1\">1<\/a><\/sup><br \/>\nGanz in diesem Sinne zeigt sich auch das Titelbild der im Dezember 1928 ver\u00f6ffentlichten zweiten Ausgabe des Magazins &#8222;La Inter-Kulto&#8220; (japanisch <em>Kokusai Bunka Kokusai Bunka<\/em> \u56fd\u969b\u6587\u5316). Es wurde von japanischen Kommunisten herausgegeben, die der Kommunistischen Internationale nahestanden. Die Texte im Heft waren alle auf japanisch geschrieben, doch der Titel des Magazins deutet die Verbindung zum Esperanto an, das damals viel Zuspruch in der Linken fand. Aber es gab auch rechte Intellektuelle wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kita_Ikki\">Kita Ikki<\/a> \u5317\u4e00\u8f1d, die sich daf\u00fcr einsetzten. Selbst der ber\u00fchmte Volkskundler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yanagita_Kunio\">Yanagita Kunio<\/a> \u67f3\u7530\u570b\u7537 und der christliche Philosoph <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nitobe_Inaz%C5%8D\">Nitobe Inaz\u014d<\/a> \u65b0\u6e21\u6238\u7a32\u9020, beide nicht zuf\u00e4llig f\u00fcr Japan im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V\u00f6lkerbund\">V\u00f6lkerbund<\/a> t\u00e4tig, machten sich daf\u00fcr stark.<sup><a href=\"2\">2<\/a><\/sup> Ein weiterer Freund des Esperanto war der buddhistische Schriftsteller <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Miyazawa_Kenji\">Miyazawa Kenji<\/a>, der sogar <a href=\"https:\/\/fieldomoss.com\/stories\/miyazawa-esperanto\">Gedichte auf Esperanto<\/a> verfa\u00dfte.<br \/>\nRapley kommt zu dem Schlu\u00df:<\/p>\n<blockquote><p>Die japanischen Esperantisten nutzten die Sprache f\u00fcr eine Reihe von Anwendungen, die nur durch ihre Vorstellungskraft begrenzt waren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das tritt nun ganz sicher auch auf die Zeitungskampagnen des Miyoshi Etsuo zu. Die Vorstellung vom Weltfrieden, der sich einstellt, wenn die Menschheit eine gemeinsame Sprache spricht, ist so etwas wie die Umkehr des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Turmbau_zu_Babel\">Turmbaus zu Babel<\/a> und somit eine Idee mit einer langen Geschichte nicht nur in Japan.<\/p>\n<hr>\n<p><sup><a href=\"#1\">1<\/a><\/sup><small>Ian Rapley: &#8222;Talking to the World: Esperanto and Popular Internationalism in Pre-war Japan&#8220;. In: <em>Japan Society Proceedings<\/em> 152 (2015), S. 76&#8211;89.<\/small><br \/>\n<sup><a href=\"#2\">2<\/a><\/sup><small>Ian Rapley: &#8222;A Language for Asia? Transnational Encounters in the Japanese Esperanto Movement, 1906&#8211;28&#8220;. In: Pedro Iacobelli, Danton Leary, Shinnosuke Takahashi (Hg.): <em>Transnational Japan as History<\/em>. Palgrave-Macmillan: London 2016, S. 167&#8211;186, hier S. 178&#8211;179.<\/small> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ganzseitige Anzeige in der FAZ mit Werbung f\u00fcr Esperanto als europ\u00e4ische Zweitsprache f\u00fchrt zur\u00fcck zu Miyoshi Etsuo, einem japanischen Unternehmer und Anh\u00e4nger der \u014cmoto-Religion. Aber die Begeisterung f\u00fcr Esperanto hat in Japan eine lange Tradition.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":7519,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/filedn.eu\/l2RtsSLksGkbe7UkUWMKqBu\/Images\/071\/000001971.jpg","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[28,15,17],"tags":[837,838,839],"class_list":{"0":"post-7517","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-japan","8":"category-religion","9":"category-sprache","10":"tag-esperanto","11":"tag-miyoshi-etsuo","12":"tag-omoto-religion","13":"bnp_pattern1","14":"cat-28-id","15":"cat-15-id","16":"cat-17-id","17":"has_thumb"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7517"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7558,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7517\/revisions\/7558"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7519"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}