{"id":7162,"date":"2022-06-04T04:47:15","date_gmt":"2022-06-04T02:47:15","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7162"},"modified":"2023-03-12T11:17:22","modified_gmt":"2023-03-12T10:17:22","slug":"japan-vor-100-jahren-deutschland-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=7162","title":{"rendered":"Japan vor 100 Jahren = Deutschland heute?"},"content":{"rendered":"<p>Der japanische Architekt It\u014d Ch\u016bta zeichnete in seinem Bild-Tagebuch unter dem Datum vom 15.8.1919 folgendes Bild mit dem Titel &#8222;Wie Ausl\u00e4nder unsere Fahrg\u00e4ste 2. Klasse sehen&#8220;.<br \/>\nWer das mit den strengen Sitten in heutigen japanischen \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln vergleicht, wird schockiert sein. Andererseits: Wer wei\u00df, wie es vielerorts in deutschen Eisenbahnen heutzutage zugeht, wird wohl eher mit den Achseln zucken.<br \/>\nAlice Schalek, die Japan 1923 bereiste,<sup><a href=\"#Anmerkung1\">1<\/a><\/sup> hatte ebenfalls keinen guten Eindruck von Japans \u00f6ffentlichem Personennahverkehr und verband dies mit einer Kritik an der mangelnden Individualit\u00e4t, die sie festzustellen glaubte:<\/p>\n<blockquote><p>Eine wirkliche Folter ist die Elektrische, in die um die H\u00e4lfte mehr Menschen hineingepfercht werden, als Pl\u00e4tze vorhanden sind. Hie und da wird ein kleines Kindchen totgedr\u00fcckt; da\u00df es nicht t\u00e4glich geschieht, ist nur ein Wunder. Mindestens jede dritte Frau hat eines auf dem R\u00fccken, denn die Japanerinnen tragen die Spr\u00f6\u00dflinge bis zum zweiten Lebensjahre huckepack. (&#8230;) In der Elektrischen bilden die meist auch noch schwangeren M\u00fctter mit dem Riesenb\u00fcndel auf dem R\u00fccken nicht nur beim Ein- und Aussteigen, sondern auch beim Sitzen ein Verkehrshindernis, weil das B\u00fcndel die Bankbreite einnimmt und die Tr\u00e4gerin halb in den Mittelgang hineindr\u00e4ngt. Schieben sich diese armen Weiber durch die Massen, so schwenken sie das Kind auf ihre Schulter und klopfen es, wenn es schreit, von der Seite &#8212; oft k\u00f6nnen sie es nicht zum Schweigen bringen &#8212; aber nie sieht man jemanden ihnen ausweichen oder ihrethalben aufstehen. (&#8230;) Stehe ich f\u00fcr solch eine geplagte Mutter auf, so treffen mich Blicke, als ereigne sich Unerh\u00f6rtes. F\u00fcr Frauen kennt man hierzulande keine R\u00fccksicht, im Gegenteil, die kleinen Schulbuben dr\u00e4ngen sich eidechsenartig zwischen der zusammengepferchten Menge durch, um einer schwerbeweglichen Frau einen leergewordenen Sitz wegzuschnappen. Diese Buben pfeifen in der Stra\u00dfenbahn und benehmen sich \u00fcberhaupt recht ungebunden, man merkt es ihnen an, da\u00df sie die verw\u00f6hnten Herrchen des Hauses sind, oft die ganze Familie tyrannisieren. (&#8230;)<br \/>\nBei allen Kreuzungen obliegt es dem Schaffner, die Kontaktbogen zu der andern Leitung hin\u00fcberzuziehen; die Fahrg\u00e4ste m\u00fcssen sich meist zu dem Vielbesch\u00e4ftigten hindr\u00e4ngen, um eine Karte zu l\u00f6sen. Dies beansprucht \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel Zeit, weil er Ausgangspunkt, Umsteigstelle und Ziel einzulochen hat, au\u00dferdem soll die Karte beim Aussteigen vom Wagenf\u00fchrer oder vom Schaffner zerrissen werden, lauter Aufenthalte, die jede Fahrt \u00fcber die schlimmste Berechnung hinaus verl\u00e4ngern. Deshalb kommen alle Japaner \u00fcberallhin zu sp\u00e4t. (&#8230;) Trotzdem wird hier nach Herzenslust schwarzgefahren. Wenn des Morgens die Wagen so voll sind, da\u00df oft vier, f\u00fcnf vor\u00fcbersausen, ohne zu halten, entwischen Dutzende von Fahrg\u00e4sten bei den \u00dcbersetzungen, insbesondere diejenigen, die sich an die Trittbretter klammern &#8230; In den neuen, geschlossenen Wagen, bei deren einzigem Mittelausgang best\u00e4ndig ein Schaffner steht, wird das Schwarzfahren wohl verhindert, da aber das Nachr\u00fccken ganz und gar nicht Sache der Japaner ist, die niemals ausweichen oder Platz machen (ihr H\u00f6flichkeitskodex aus der Zeit der Samurai enth\u00e4lt nat\u00fcrlich keinerlei Vorschriften \u00fcber das Benehmen in der Elektrischen), so stauen sich an beiden Seiten die zuletzt Eingestiegenen und an vielen Haltestellen kann niemand hinzusteigen, w\u00e4hrend es im Inneren leer ist. Wer schon nach kurzer Fahrt wieder aussteigen will, mu\u00df sich mit Lebensgefahr hindurchquetschen &#8230;<br \/>\n\u00dcber diese heillosen Zust\u00e4nde wird aber nur vom Ausl\u00e4nder geschimpft, niemals h\u00f6rt man eine Klage vom Japaner, der ein viel zu sehr gedrilltes, schweigendes Objekt seiner Verwaltung ist. Der Japaner stellt nichts Pers\u00f6nliches vor, kein Ich, er ist nur Teil einer Masse, die nach dem Belieben der Polizei geschoben oder gebremst wird. Die lautlose Ergebung des Publikums ist oft geradezu ersch\u00fctternd. Der Japaner ist so gewohnt zu dulden, da\u00df er sicherlich auch die augenblicklichen Leiden durch das Erdbeben klaglos hingenommen hat. Und nirgends kann man dieses Volk so kennen lernen wie in der Stra\u00dfenbahn &#8230;<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p><sup><a name=\"Anmerkung1\">1<\/a><\/sup><small>Vgl. Hosung Lee: &#8222;<a href=\"https:\/\/www.ingentaconnect.com\/contentone\/plg\/jfig\/2019\/00000051\/00000001\/art00008?crawler=true&#038;mimetype=application\/pdf\">Geschichtsschreibung und Asian German Studies. Deutschsprachige Reiseberichte \u00fcber Korea und die Mandschurei als hybride Orte in den 1920er Jahren.<\/a>&#8220; In: <em>Jahrbuch f\u00fcr Internationale Germanistik<\/em> 51:1, Bern 2019, S. 147&#8211;164.<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren mokierten sich westliche Reisende wie Alice Schalek \u00fcber das schlechte Benehmen von Japanern in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Heute gilt das wohl eher f\u00fcr Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":7338,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/filedn.eu\/l2RtsSLksGkbe7UkUWMKqBu\/Images\/071\/000001371.png","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[8,173,14],"tags":[211,134,214,836],"class_list":{"0":"post-7162","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-geschichte","8":"category-gesellschaft","9":"category-reisen","10":"tag-eisenbahn","11":"tag-erdbeben","12":"tag-reise","13":"tag-strassenbahn","14":"bnp_pattern1","15":"cat-8-id","16":"cat-173-id","17":"cat-14-id","18":"has_thumb"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7162","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7162"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7162\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7667,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7162\/revisions\/7667"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7338"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7162"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7162"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7162"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}