{"id":6895,"date":"2020-03-27T16:06:46","date_gmt":"2020-03-27T15:06:46","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6895"},"modified":"2023-02-15T21:29:53","modified_gmt":"2023-02-15T20:29:53","slug":"corona-und-das-kulturelle-gedaechtnis-des-japanologen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6895","title":{"rendered":"Corona und das kulturelle Ged\u00e4chtnis des Japanologen"},"content":{"rendered":"<p>Meine Mutter ist jetzt 101 Jahre alt und hat ein v\u00f6llig ungetr\u00fcbtes Ged\u00e4chtnis. Zwangsl\u00e4ufig hegt sie deshalb Erinnerungen an so manche Katastrophe, die ihr in nun mehr als einem Jahrhundert begegnet sind. Und es zeigt sich, wie wertvoll ein gutes Ged\u00e4chtnis ist &#8212; sowohl f\u00fcr den einzelnen als auch f\u00fcr die ganze Gesellschaft.<br \/>\nDie erste Krisen-Erinnerung meiner Mutter ist wohl der Tod ihres Vaters 1927 w\u00e4hrend einer Grippewelle. Das ist heute nat\u00fcrlich ein ganz aktuelles Thema. Es folgte die Weltwirtschaftskrise, von der meine Mutter sich erinnert, wie sie ihren Kinderwagen voll Papiergeld zum Einkaufen gefahren hat. In der Nazi-Zeit verteilte meine Mutter zun\u00e4chst Flugbl\u00e4tter der Bekennenden Kirche, auf denen gegen die Verhaftung von regimekritischen Pfarrern protestiert wurde &#8212; darunter sehr bald auch ihr eigener Verlobter. Dann kam der Krieg, dann kam die Nachkriegszeit.<br \/>\n&#8222;Da gab es doch&#8220;, fragte ich vor wenigen Tagen unter Berufung auf das, was ich selbst nur aus Studium und Lekt\u00fcre kannte, und weil Bundeskanzlerin Merkel uns gerade auf die &#8222;gr\u00f6\u00dfte Krise in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg&#8220; eingestimmt hatte, &#8222;nach dem Krieg auch Epidemien &#8212; Typhus beispielsweise.&#8220; &#8212; &#8222;Richtig&#8220;, erwiderte sie. &#8222;Aber der Unterschied zu heute: \u00dcberall bekam man Impfungen.&#8220;<br \/>\nSo war es wohl tats\u00e4chlich. Gegen grassierende Krankheiten, die bereits wissenschaftlich erforscht waren, konnte man wenigstens Vorbeugung betreiben. &#8222;Ich wei\u00df gar nicht&#8220;, sagte meine Mutter dazu, &#8222;wogegen ich damals alles behandelt wurde. Wohin man auch kam, man wurde sofort zwangsweise mit irgendetwas geimpft oder \u00fcbersch\u00fcttet.&#8220; DDT, vermute ich nat\u00fcrlich, gegen L\u00e4use.<br \/>\nMeine Mutter hat dies alles (und noch mehr) \u00fcberstanden (wenn es interessiert: hier ihre <a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/ich-zog-meine-strasse-froehlich-ruth-zoellner-9783748157816\">Lebenserinnerungen<\/a>) und hinzugef\u00fcgt: &#8222;Und nun bin ich durchaus nicht gewillt, 101 Jahre gelebt zu haben, um durch Corona zu sterben.&#8220;<br \/>\nRecht so, sagte ich, und schickte ihr eine Packung Atemschutzmasken, die ich zuhause vorr\u00e4tig hatte. Damit geht sie nun brav zum Einkaufen, und ich hoffe, da\u00df sie sie sicher beh\u00fcten.<br \/>\n&#8212; Moment. Warum hatte ich Atemschutzmasken vorr\u00e4tig?<br \/>\nWeil ich als Japanologe sozusagen berufsbedingt ein etwas eigenartiges kulturelles Ged\u00e4chtnis habe. Es ist n\u00e4mlich wohl der Spanischen Grippe von 1918 zu verdanken, einer Pandemie von verheerenden Ausma\u00dfen, da\u00df seither in ganz Ostasien die Menschen, sobald sie selbst von einem Infekt geplagt werden oder eine Grippewelle um sich greift (und heute h\u00e4ufig auch zur Abwehr von Bl\u00fctenpollen), ohne besondere Aufforderung Atemschutzmasken tragen. Daher ist es in China, Japan und Korea v\u00f6llig \u00fcblich, da\u00df jede Familie einen kleinen Vorrat solcher Masken bei sich hat. W\u00e4hrend der SARS-Krise von 2002\/2003 stieg der Bedarf an diesen Masken so rasch an, da\u00df eine echte Krise ausbrach. Ich reiste damals h\u00e4ufig in Ostasien umher, beobachtete und lernte &#8212; und vermutete, da\u00df eine solche Lage auch in Europa durchaus einmal m\u00f6glich sein d\u00fcrfte. Also legte ich meinen eigenen Vorrat an und nahm ihn mit nach Deutschland.<br \/>\nDort lagerte er jetzt also, und meine (japanische) Frau war schon drauf und dran, ihn als unn\u00fctz und \u00fcberfl\u00fcssig zu entsorgen. Zum Gl\u00fcck hat sie es nicht getan. &#8230; M\u00f6gen andere also Toilettenpapier sammeln: Ostasienwissenschaftler halten sich eher an Masken.<br \/>\nDer heutige Run auf Toilettenpapier konnte Japanologen \u00fcbrigens auch nicht \u00fcberraschen. W\u00e4hrend der ersten \u00d6lpreiskrise von 1973 war es n\u00e4mlich genau das Toilettenpapier, das in Japan pl\u00f6tzlich zur Mangelware wurde. Nicht das Erd\u00f6l selbst &#8212; nein, Toilettenpapier! Es wurde in Unmengen von den Japanern gehortet, in der irgendwie begr\u00fcndeten Vermutung, ein Anstieg der Erd\u00f6lpreise k\u00f6nne hier zu einer Produktionskrise f\u00fchren. Das l\u00f6ste damals Verwunderung aus und wurde unter Japanologen hei\u00df diskutiert. In Deutschland w\u00fcrde so etwas doch nie passieren &#8230;<br \/>\nSo lehrt uns Asienwissenschaftler die Corona-Krise also tats\u00e4chlich doch: Es gibt noch mehr Universalien, als wir bislang vermutet hatten! Das Bed\u00fcrfnis nach Toilettenpapier geh\u00f6rt offenbar dazu. Oder umgekehrt: Japaner sind auch nur ganz normale Menschen.<br \/>\nEs ist also enorm wichtig und hilfreich, auch und gerade in Krisensituationen sein kulturelles Ged\u00e4chtnis zu pflegen. Aus meinem Geschichtsstudium erinnerte ich mich auch noch daran, da\u00df ein italienischer Dichter namens Boccaccio der Gro\u00dfen Pest von 1348 ein ganzes Werk der Weltliteratur gewidmet hat: Das <em>Dekameron<\/em>, die Sammlung von hundert Kurzgeschichten, die sich zehn junge Leute in freiwilliger Selbstisolation an zehn Tagen erz\u00e4hlt haben. In der Einleitung gibt Boccaccio eine bewegende Schilderung der Auswirkungen der Pest auf seine Gesellschaft. Dieses Werk hat Boccaccio unsterblich gemacht. Gemeinsam mit seinen Zeitgenossen Dante und Petrarca wird er bis heute als Vater der italienischen Literatur verehrt; die drei werden &#8212; soviel Ironie mu\u00df sein &#8212; als die &#8222;drei Kronen&#8220; bezeichnet, <em>tre corone<\/em> &#8230;<br \/>\nIch habe nun angefangen, das <em>Dekameron<\/em> in der sch\u00f6nen \u00dcbersetzung von Karl Witte in einem Podcast vorzulesen. Um das kulturelle Ged\u00e4chtnis aufzufrischen. Wer es sich anh\u00f6ren will, findet es <a href=\"https:\/\/www.weinberggemeinde.de\/2020\/03\/23\/das-dekameron-des-giovanni-boccaccio\/\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Mutter ist jetzt 101 Jahre alt und hat ein v\u00f6llig ungetr\u00fcbtes Ged\u00e4chtnis. Zwangsl\u00e4ufig hegt sie deshalb Erinnerungen an so manche Katastrophe, die ihr in nun mehr als einem Jahrhundert begegnet sind. 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