{"id":674,"date":"2009-04-04T16:39:26","date_gmt":"2009-04-04T15:39:26","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=674"},"modified":"2009-04-04T16:45:27","modified_gmt":"2009-04-04T15:45:27","slug":"tokaidoexpress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=674","title":{"rendered":"Tokaidoexpress"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gedicht auf den Schnellzug Shinkansen \u65b0\u5e79\u7dda? Warum nicht &#8212; schlie\u00dflich haben schon Detlev von Liliencron (&#8222;Der Blitzzug&#8220;, 1903) und Theodor Fontane (&#8222;Die Br\u00fcck&#8216; am Tay&#8220;, 1880) ber\u00fchmt gewordene Gedichte auf schnelle Z\u00fcge verfa\u00dft.<\/p>\n<p>Die Reihe fortgesetzt hat, wie ich jetzt erst bemerke, Hilde Domin &#8212; ihr Gedicht hei\u00dft &#8222;Tokaidoexpress&#8220; und stammt aus dem Jahr 1964. Das war das Jahr der Olympischen Spiele in Tokyo; der regelm\u00e4\u00dfige Betrieb des Tokaido-Shinkansen begann am 1.10. desselben Jahres. Nun also Domin:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Hilde Domin:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tokaidoexpress<\/strong><\/p>\n<p>Wie ein Tokaidoexpress<br \/>\nsind wir durch die Geschichte gefahren<br \/>\nund kaum noch zu sehen<br \/>\nIch rede in der Vergangenheitsform<br \/>\nw\u00e4hrend ich atme sehe ich mir nach<br \/>\nich bin das R\u00fccklicht<br \/>\nAls R\u00fccklicht<br \/>\nleuchte ich vor euch her<br \/>\neuch Dichtern eines vielleicht zweifachen Zuhauses<br \/>\ndes Bodens auf dem ihr bleiben d\u00fcrft<br \/>\nEuer Land wird immer gr\u00f6sser werden<br \/>\nwenn die Erdoberfl\u00e4che sich zusammenzieht<br \/>\nund die Grenzen zur\u00fcckweichen<br \/>\nunter den Fl\u00fcgeln der Menschen<br \/>\nIhr k\u00f6nntet gehen und doch bleiben<br \/>\nund im Worte wohnen<br \/>\nVielleicht im Worte vieler Sprachen zugleich<br \/>\naber im deutschen zuerst<br \/>\nIm deutschen<br \/>\nan dem wir uns festhielten<br \/>\nIch der letzte<br \/>\nk\u00e4mpfe f\u00fcr euch alle um den Stempel in diesem Pass<br \/>\num unseren Wohnsitz im deutschen Wort<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie man sieht: Der Zug wird ihr Metapher f\u00fcr die beschleunigte, hastige, grenz\u00fcberschreitende Fortbewegung durch die Geschichte. Mit der Gefahr, die Verwurzelung &#8222;im deutschen Wort&#8220; zu verlieren. Als eine Schriftstellerin, die zur Nazi-Zeit emigrieren mu\u00dfte, wird Domin selbst erfahren haben, wie wichtig der &#8222;Wohnsitz&#8220; in einer eigenen Sprache ist &#8212; trotz aller Freiheit und Weite, die dem modernen Menschen offensteht. Die Geschichte, durch die ihr Leben gerast ist wie im Shinkansen, zwang sie zur Emigration und zur Suche nach neuen Sprachen &#8212; aber ihre Heimat in der deutschen Sprache wollte sie nicht aufgeben.<\/p>\n<p>Wir Heutigen m\u00fcssen ja nicht emigrieren. An einer eigenen Sprache festhalten sollten wir aber schon. Selbst wenn wir &#8222;im Worte vieler Sprachen zugleich&#8220; bewandert sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gedicht auf den Schnellzug Shinkansen \u65b0\u5e79\u7dda? 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