{"id":6628,"date":"2019-02-13T13:03:12","date_gmt":"2019-02-13T12:03:12","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6628"},"modified":"2019-02-13T13:12:56","modified_gmt":"2019-02-13T12:12:56","slug":"der-kaiser-die-koreaner-und-keine-aussicht-auf-besserung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6628","title":{"rendered":"Der Kaiser, die Koreaner und keine Aussicht auf Besserung"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht war es gut gemeint, als <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Moon_Hee-sang\">Mun H\u016disang<\/a> \u6587\u559c\u76f8, politischer Veteran, Mentor des s\u00fcdkoreanischen Staatspr\u00e4sidenten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Moon_Jae-in\">Mun J\u00e4in<\/a> und Sprecher des s\u00fcdkoreanischen Unterhauses, in einem <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2019-02-08\/south-korea-lawmaker-seeks-imperial-apology-for-japan-sex-slaves\">Interview<\/a> am 7. Februar vorschlug, der gegenw\u00e4rtige japanische Kaiser <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Akihito\">Akihito<\/a> solle vor seinem Thronverzicht nach S\u00fcdkorea reisen und sich dort bei den noch lebenden ehemaligen &#8222;Trostfrauen&#8220; entschuldigen &#8212; mit einer solchen Geste k\u00f6nne der Dauerstreit zwischen Korea und Japan in dieser Frage ein f\u00fcr allemal erledigt werden. Schlie\u00dflich sei der Kaiser &#8222;Sohn des Hauptkriegsverbrechers&#8220;. Alle bisherigen japanischen Entschuldigungen (auch Akihito selbst \u00e4u\u00dferte bereits 1990 &#8222;tiefes Bedauern&#8220; \u00fcber die Kolonialzeit) w\u00f6gen weniger als das, was deutsche Politiker nach 1945 an Abbitte geleistet h\u00e4tten.<br \/>\nAls die japanischen Reaktionen auf dieses Interview jedoch heftig und scharf ausfielen, versuchten beide Seiten zun\u00e4chst die Wogen zu gl\u00e4tten. Japans Au\u00dfenminister <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tar\u014d_K\u014dno\">K\u014dno Tar\u014d<\/a> \u6cb3\u91ce\u592a\u90ce gab am 10. Februar auf einer <a href=\"https:\/\/www.mofa.go.jp\/mofaj\/press\/kaiken\/kaiken4_000800.html\">Pressekonferenz<\/a> bekannt, Muns B\u00fcro habe versichert, er sei falsch verstanden worden, und forderte die koreanische Seite auf, &#8222;sich von jetzt an mit sorgf\u00e4ltigem und korrektem Verst\u00e4ndnis zu \u00e4u\u00dfern.&#8220; Doch die Dinge gerieten au\u00dfer Kontrolle, wie zu erwarten war. Denn Kritik an ihrem Kaiser nehmen japanische Politiker traditionell nicht gut auf. Zudem glaubt man in Japan, seit S\u00fcdkoreas Regierung die 2015 verabredete &#8222;endg\u00fcltige L\u00f6sung&#8220; der Trostfrauenfrage de facto widerrufen hat, nicht mehr an die Dauerhaftigkeit s\u00fcdkoreanischer Versprechungen. Japans Ministerpr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shinz\u014d_Abe\">Abe Shinz\u014d<\/a> \u5b89\u500d\u664b\u4e09, der auf koreanische Vorhaltungen &#8222;<a href=\"https:\/\/japanese.joins.com\/article\/054\/250054.html?servcode=A00&#038;sectcode=A10&#038;cloc=jp|main|inside_left\">stets emotional reagiert<\/a>&#8222;, verlangt eine Entschuldigung von Mun, was dieser <a href=\"https:\/\/www.straitstimes.com\/asia\/east-asia\/south-korean-lawmaker-wont-apologise-for-japan-emperor-remarks\">ablehnt<\/a>, weil er in dieser Frage nichts anderes gesagt habe als seit zehn Jahren.<br \/>\nMag ja sein. Nur haben sich die Beziehungen zwischen Japan und Korea im letzten Jahrzehnt an etlichen Punkten ver\u00e4ndert. Man kann durchaus sagen, wie es in einem <a href=\"https:\/\/japanese.joins.com\/article\/054\/250054.html?servcode=A00&#038;sectcode=A10&#038;cloc=jp|main|inside_left\">Hintergrundbericht<\/a> der konservativen Joongan Ilbo \u4e2d\u592e\u65e5\u5831 hei\u00dft, da\u00df die japanisch-koreanischen Beziehungen &#8222;so schlecht wie noch nie nach dem Krieg&#8220; sind. Dies liegt, so der Bericht weiter, vor allem daran, da\u00df es kaum noch diplomatische Kan\u00e4le gibt, auf denen die bestehenden Konflikte gel\u00f6st werden, bevor sie publikumswirksam verst\u00e4rkt werden. Dem gegenw\u00e4rtigen s\u00fcdkoreanischen Botschaft in Japan <a href=\"https:\/\/ja.wikipedia.org\/wiki\/\u674e\u6d19\u52f2\">Yi Suhun<\/a> \u674e\u6d19\u52f2 wird vorgeworfen, er suche zu wenig Kontakt zur japanischen Regierung. Auf japanischer Seite hat Ministerpr\u00e4sident Abe immer h\u00e4ufiger die Au\u00dfenpolitik unter Umgehung des Au\u00dfenministeriums an sich gezogen. Den Kontakt zu Korea halten im wesentlichen sein Sicherheitsberater <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Shotaro_Yachi\">Yachi Sh\u014dtar\u014d<\/a> \u8c37\u5185\u6b63\u592a\u90ce, der allerdings inzwischen als frustriert gilt, und Kabinettsminister <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Yoshihide_Suga\">Suga Yoshihide<\/a> \u83c5\u7fa9\u5049, der als Sprecher der Regierung die h\u00e4ufig heftigen Ausbr\u00fcche Abes diplomatisch einzufangen versucht. Aber auch Suga verlangte von Mun eine Entschuldigung f\u00fcr seine \u00c4u\u00dferung \u00fcber den Kaiser. Am 12. Februar wurde der LDP-Veteran <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fukushir\u014d_Nukaga\">Nukaga Fukushir\u014d<\/a> \u984d\u8cc0\u798f\u5fd7\u90ce als Vorsitzender der japanisch-koreanischen Parlamentariergruppe nach Seoul geschickt, um mit dem s\u00fcdkoreanischen Ministerpr\u00e4sidenten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lee_Nak-yeon\">Yi Nagy\u014fn<\/a> \u00fcber die &#8222;verschlechterten Beziehungen zwischen S\u00fcdkorea und Japan&#8220; zu <a href=\"http:\/\/world.kbs.co.kr\/service\/news_view.htm?lang=g&#038;Seq_Code=74659\">sprechen<\/a>. Das Gespr\u00e4ch blieb offiziell ohne eine Ann\u00e4herung der Standpunkte. Au\u00dfer der \u00c4u\u00dferung \u00fcber den Kaiser ging es dabei vor allem um das Urteil des Obersten Gerichtshofes gegen japanische Unternehmen, das f\u00fcr erheblich Unruhe und Ver\u00e4rgerung in Japan gesorgt hat.<br \/>\nDie Mehrheit des Obersten Gerichtshofes kam am 30. Oktober 2018 hinsichtlich der Klage von Hinterbliebenen koreanischer Zwangsarbeiter gegen die Rechtsnachfolger japanischer Unternehmen zu <a href=\"https:\/\/glaw.scourt.go.kr\/wsjo\/panre\/sjo100.do?contId=3200671\">folgendem Urteil<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Die Kl\u00e4ger sind Opfer, welche unter Mi\u00dfachtung ihrer W\u00fcrde und Werte als Menschen zwangsweise f\u00fcr illegale und teilweise inhumane Aktivit\u00e4ten japanischer Unternehmen mobilisiert wurden, die in direktem Zusammenhang mit der illegalen kolonialen Herrschaft der japanischen Regierung \u00fcber die koreanische Halbinsel und dem Verfolg eines Invasionskrieges standen, und denen unterschiedliche Arbeiten abverlangt wurden. Sie konnten keine seelische Wiedergutmachung erhalten und leiden immer noch. Die Regierungen S\u00fcdkoreas und Japans haben die seelischen Leiden der Opfer der Zwangsarbeit \u00fcberm\u00e4\u00dfig ignoriert und ein Abkommen \u00fcber Wiedergutmachungsanspr\u00fcche geschlossen, ohne jede Anstrengung zu unternehmen, diese Sachverhalte auch nur zu untersuchen oder zu best\u00e4tigen. Die Verantwortung daf\u00fcr, da\u00df das Abkommen \u00fcber Wiedergutmachungsanspr\u00fcche die Anspr\u00fcche der Zwangsarbeit auf Schmerzensgeld nicht klar regelt, liegt bei den damals f\u00fcr den Abschlu\u00df dieses Abkommens Verantwortlichen. Sie darf nicht auf die Opfer abgew\u00e4lzt werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Japan sieht darin einen Versto\u00df gegen den japanisch-koreanischen Grundlagenvertrag von 1965, in dem s\u00e4mtliche Entsch\u00e4digungsfragen nach seiner Auffassung endg\u00fcltig geregelt wurden. W\u00e4hrend die s\u00fcdkoreanische Regierung auf dem Standpunkt steht, es handele sich um ein Problem der betroffenen japanischen Unternehmen und nicht um eine Vertragsfrage, hat Japan S\u00fcdkorea zur Einleitung eines Schlichtungsverfahrens aufgefordert, das im Grundlagenvertrag vorgesehen ist. Auf ein solches Ansinnen m\u00fc\u00dfte S\u00fcdkoreas Regierung binnen 30 Tagen reagieren. Sie hat es jedoch nicht getan, weshalb die japanische Regierung wiederum <a href=\"https:\/\/mainichi.jp\/english\/articles\/20190209\/p2a\/00m\/0na\/007000c\">aufgebracht<\/a> ist; es droht nun eine japanische Klage vor dem Internationalen Gerichtshof.<br \/>\nAll dies f\u00fchrt tats\u00e4chlich zu dem Schlu\u00df, den auch die koreanische <em>Joongan Ilbo<\/em> zieht:<\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr die japanisch-koreanischen Beziehungen gibt es keine Anzeichen einer Verbesserung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die USA, die traditionell eine Mittlerrolle zwischen den beiden streitenden Nachbarn gespielt haben, erf\u00fcllen diese Funktion seit Amtsantritt von Pr\u00e4sident Donald Trump kaum noch. Eine \u00fcberparteiliche Gruppe von Senatoren und Abgeordneten strebt deshalb jetzt im US-amerikanischen Parlament die Verabschiedung einer <a href=\"https:\/\/www.euronews.com\/2019\/02\/12\/us-lawmakers-tout-us-japan-south-korea-alliance-as-seoul-tokyo-feud\">Erkl\u00e4rung<\/a> an, welche &#8222;starke Bande zwischen den drei L\u00e4ndern&#8220; einfordert.<br \/>\nDoch am 1. M\u00e4rz 2019 j\u00e4hrt sich der Aufstand koreanischer Intellektueller gegen die japanische Herrschaft zum 100. Mal. Die sogenannte &#8222;Manse&#8220;-Bewegung wurde seinerzeit von japanischer Polizei brutal unterdr\u00fcckt. Es ist damit zu rechnen, da\u00df das Jubil\u00e4um auf koreanischer Seite zu einer neuen Welle antijapanischer Emotionen f\u00fchren wird. Mehrere japanische Intellektuelle, darunter der Historiker <a href=\"https:\/\/ja.wikipedia.org\/wiki\/\u548c\u7530\u6625\u6a39\">Wada Haruki<\/a> \u548c\u7530\u6625\u6a39 und die Soziologin <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Chizuko_Ueno\">Ueno Chizuko<\/a> \u4e0a\u91ce\u5343\u9db4\u5b50, <a href=\"http:\/\/www.hani.co.kr\/arti\/english_edition\/e_international\/881264.html\">forderten<\/a> deshalb Japans \u00d6ffentlichkeit dazu auf, sich ernsthafter mit der koreanischen Sichtweise auseinanderzusetzen. Der Schlu\u00dfsatz der &#8222;<a href=\"https:\/\/iwj.co.jp\/wj\/open\/archives\/441722\">Erkl\u00e4rung japanischer B\u00fcrger und Intellektueller f\u00fcr 2019<\/a>&#8220; verweist auf die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung der koreanischen Intellektuellen von 1919:<\/p>\n<blockquote><p>Wir m\u00fcssen auf diese gro\u00dfe, \u00fcberzeugende Stimme des koreanischen Volkes h\u00f6ren und f\u00fcr den Frieden im Orient, f\u00fcr den Frieden in Nordostasien, auf der Grundlage von Selbstkritik und Entschuldigung f\u00fcr die Kolonialherrschaft, den Weg des gegenseitigen Verst\u00e4ndnisses zwischen Japan und S\u00fcdkorea und Japan und Nordkorea sowie der gegenseitigen Hilfe beschreiten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung wurde am 6. Februar verk\u00fcndet; die \u00c4u\u00dferungen Muns vom darauffolgenden Tag konterkarierten diese Aktion v\u00f6llig. Schlechte Zeiten also f\u00fcr die Stimme der Vernunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht war es gut gemeint, als Mun H\u016disang \u6587\u559c\u76f8, politischer Veteran, Mentor des s\u00fcdkoreanischen Staatspr\u00e4sidenten Mun J\u00e4in und Sprecher des s\u00fcdkoreanischen Unterhauses, in einem Interview am 7. Februar vorschlug, der gegenw\u00e4rtige japanische Kaiser Akihito solle vor seinem Thronverzicht nach S\u00fcdkorea reisen und sich dort bei den noch lebenden ehemaligen &#8222;Trostfrauen&#8220; entschuldigen &#8212; mit einer solchen Geste k\u00f6nne der Dauerstreit zwischen Korea und Japan in dieser Frage ein f\u00fcr allemal erledigt werden. Schlie\u00dflich sei der Kaiser &#8222;Sohn des Hauptkriegsverbrechers&#8220;. 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