{"id":6607,"date":"2019-01-06T08:59:20","date_gmt":"2019-01-06T07:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6607"},"modified":"2019-01-06T09:03:11","modified_gmt":"2019-01-06T08:03:11","slug":"kapitulation-der-diplomatie-kein-vertrauen-mehr-zwischen-japan-und-suedkorea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6607","title":{"rendered":"Kapitulation der Diplomatie: Kein Vertrauen (mehr) zwischen Japan und S\u00fcdkorea"},"content":{"rendered":"<p>Wieder einmal ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Japan und S\u00fcdkorea an einem Tiefpunkt angelangt, und es ist angesichts der traditionell miserablen Diplomatie beider Seiten auch keine rasche L\u00f6sung erkennbar. Dabei geht es nat\u00fcrlich auch wieder einmal um die koloniale Vergangenheit; doch so &#8222;einfach&#8220; wie fr\u00fcher ist die Lage nicht mehr. Es gibt gegenw\u00e4rtig vier Haupt-Streitpunkte:<\/p>\n<ul>\n<li>Die politischen Ver\u00e4nderungen auf der koreanischen Halbinsel stellen die Nachkriegsordnung in Ostasien infrage.<br \/>\nDie s\u00fcdkoreanische Regierung unternimmt gro\u00dfe Anstrengungen, um das Verh\u00e4ltnis zu Nordkorea zu verbessern. Sie strebt eine Wiedervereinigung der Halbinsel an. Sie tut dies auch, um die Gefahr eines neuen Korea-Krieges zu bannen, die durch das nordkoreanische Atombomben- und Raketenprogramm drastisch gestiegen ist. S\u00fcdkorea hat deshalb seit dem Treffen zwischen Mun Jae-in und Kim Jongun am 27.4.2018 eine Reihe von Sanktionen gelockert, die seitens der Vereinten Nationen eigentlich gegen\u00fcber Nordkorea verh\u00e4ngt worden sind, und behandelt den n\u00f6rdlichen Nachbarn extrem zuvorkommend: Nord- und S\u00fcdkorea treten bei internationalen Sportwettk\u00e4mpfen mit gemeinsamen Mannschaften auf; Nordkorea erh\u00e4lt Brennstoff (und <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2018\/08\/11\/2018081100370.html\">s\u00fcdkoreanische Firmen importieren \u00fcber Ru\u00dfland illegal nordkoreanische Kohle<\/a>); es wurden Begegnungen zwischen durch den Krieg getrennten Familien vereinbart; Kim Jongun wurde zu einem Besuch nach S\u00fcdkorea eingeladen; milit\u00e4rische Man\u00f6ver S\u00fcdkoreas und der USA wurden abgesagt oder reduziert, um den Norden nicht zu &#8222;provozieren&#8220;; die gemeinsame Wirtschaftszone in K\u00e4seong soll wiederbelebt werden, und auch an der Demarkationslinie wurden Gesten der Entspannung verabredet.<br \/>\nF\u00fcr den Frieden ist S\u00fcdkorea sogar bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen: Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cheonan_(PCC-772)\">Versenkung der s\u00fcdkoreanischen Korvette Cheonan<\/a> durch einen nordkoreanischen Torpedo 2010 wurde w\u00e4hrend der Nord-S\u00fcd-Verhandlungen nicht mehr thematisiert (fr\u00fchere Regierungen hatten stets auf einer Entschuldigung Nordkoreas bestanden; doch die jetzt regierende Demokratische Partei hatte ohnehin stets bezweifelt, da\u00df es sich wirklich um einen Torpedoangriff gehandelt hatte).<br \/>\nDer gr\u00f6\u00dfere Teil der s\u00fcdkoreanischen \u00d6ffentlichkeit, aber auch die VR China und Ru\u00dfland (welche die Sanktionen ohnehin unterlaufen) unterst\u00fctzen diese Politik. Die USA und und Japan lehnen sie jedoch ab, weil sie Nordkorea nicht vertrauen. Im Falle Japans kommt hinzu: Japan hat \u00fcberhaupt kein Interesse an einer Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel. Es bef\u00fcrchtet, da\u00df ein vereintes Korea sich zwangsl\u00e4ufig an China anlehnen und\/oder Vergeltung f\u00fcr den japanischen Imperialismus der Vergangenheit anstreben wird. Deshalb weigert sich Japan, im Ann\u00e4herungsproze\u00df der beiden Koreas eine konstruktive Rolle einzunehmen.<\/li>\n<li>Im Oktober und November 2018 entschied S\u00fcdkoreas Oberstes Gerichts, japanische Unternehmen zur Entsch\u00e4digung koreanischer Zwangsarbeiter w\u00e4hrend der Kolonialzeit zu verurteilen. Betroffen sind Nippon Steel &#038; Sumitomo Metal und Mitsubishi Heavy Industries. Geklagt hatten die Betroffenen bzw. deren Nachkommen. Japans Regierung und Wirtschaft stehen unver\u00e4ndert auf dem Standpunkt, s\u00e4mtliche Entsch\u00e4digungsanspr\u00fcche seien mit dem Normalisierungsvertrag von 1965 abgegolten. S\u00fcdkoreas Regierung ist von diesem Gerichtsurteil nicht begeistert, will es aber respektieren. Im Januar haben die Kl\u00e4ger gerichtlich Ma\u00dfnahmen gegen die japanischen Unternehmen beantragt, die auf eine Beschlagnahmung von Unternehmensverm\u00f6gen hinauslaufen. Japans Regierungschef Abe Shinz\u014d hat Gegenma\u00dfnahmen angek\u00fcndigt. F\u00fcr die wirtschaftliche Zusammenarbeit l\u00e4\u00dft dies nichts Gutes hoffen. Es handelt sich um eine Grundsatzfrage, die das Vertragswerk von 1965 insgesamt gef\u00e4hrdet.<\/li>\n<li>Am 21. Dezember erfa\u00dfte ein s\u00fcdkoreanisches Kriegsschiff mit seinem Zielerfassungsradar ein im Tiefflug sich ann\u00e4herndes japanisches Aufkl\u00e4rungsflugzeug. \u00dcblicherweise ist dies ein letzter Schritt vor dem Abschu\u00df eines Gegners. Mehrere Funkanfragen nach dem Sinn des Radareinsatzes blieben unbeantwortet. Die japanische Seite protestierte deshalb sofort dagegen und bezeichnete dies als einen unfreundlichen Akt. Zwei s\u00fcdkoreanische Kriegsschiffe befanden sich zu dieser Zeit in der ausschlie\u00dflichen wirtschaftlichen Gew\u00e4sserzone Japans n\u00f6rdlich der Halbinsel Noto, um ein nordkoreanisches Fischerboot zu retten. Die s\u00fcdkoreanische Armee widersprach der japanischen Deutung als unfreundlicher Akt; nicht das japanische Flugzeug sei erfa\u00dft worden, sondern das Fischerboot. Es handele sich um ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Japan solle vielmehr selbst erkl\u00e4ren, warum sich sein Flugzeug im Tiefflug gen\u00e4hert habe. Japan akzeptiert diese Erkl\u00e4rung nicht, da es unsinnig und un\u00fcblich sei, mit Zielradar nach einem Fischerboot zu suchen. Hinzu kommt, da\u00df vor einigen Monaten japanischen Kriegsschiffen verboten wurde, beim Einlaufen in koreanische H\u00e4fen die offizielle Flagge der Selbstverteidigungsstreitkr\u00e4fte zu hissen, da diese Erinnerungen an die Kolonialzeit wecke. Die japanisch-s\u00fcdkoreanische milit\u00e4rische Kooperation, die in den letzten Jahren gerade von den USA immer wieder eingefordert wurde, ist damit wieder in weite Ferne ger\u00fcckt.<\/li>\n<li>S\u00fcdkorea weigert sich nach wie vor, landwirtschaftliche und Fischerei-Erzeugnisse aus den von der nuklearen Katastrophe von 2011 betroffenen japanischen Pr\u00e4fekturen zu importieren. Dagegen leitete Japan 2015 ein Verfahren bei der Welthandelsorganisation WTO ein. Die WTO gab Japans Beschwerde in den Hauptpunkten recht und <a href=\"https:\/\/www.wto.org\/english\/tratop_e\/dispu_e\/cases_e\/ds495_e.htm\">bezeichnete S\u00fcdkoreas Verhalten seit 2015 als unangemessen<\/a> (und damit unzul\u00e4ssig). S\u00fcdkorea hat dagegen Einspruch eingelegt, der bislang noch nicht entschieden wurde.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Japanische Diplomaten argumentieren inzwischen \u00f6ffentlich, den Koreanern sei Anti-Japanismus quasi genetisch verankert. Man k\u00f6nne Koreanern nicht vertrauen, und ein japanisches Engagement auf der koreanischen Halbinsel habe deshalb gar keinen Sinn. Eine solche Position bedeutet nat\u00fcrlich die Kapitulation der Diplomatie. Und damit ist im Verh\u00e4ltnis zwischen Japan und den beiden Koreas wieder alles m\u00f6glich. Wie vor 1965.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder einmal ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Japan und S\u00fcdkorea an einem Tiefpunkt angelangt, und es ist angesichts der traditionell miserablen Diplomatie beider Seiten auch keine rasche L\u00f6sung erkennbar. Dabei geht es nat\u00fcrlich auch wieder einmal um die koloniale Vergangenheit; doch so &#8222;einfach&#8220; wie fr\u00fcher ist die Lage nicht mehr. Es gibt gegenw\u00e4rtig vier Haupt-Streitpunkte: Die politischen Ver\u00e4nderungen auf der koreanischen Halbinsel stellen die Nachkriegsordnung in Ostasien infrage. Die s\u00fcdkoreanische Regierung unternimmt gro\u00dfe Anstrengungen, um das Verh\u00e4ltnis zu Nordkorea zu verbessern. Sie strebt eine Wiedervereinigung der Halbinsel an. Sie tut dies [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[5,28,9],"tags":[],"class_list":{"0":"post-6607","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-diplomatie","7":"category-japan","8":"category-korea","9":"bnp_pattern1","10":"cat-5-id","11":"cat-28-id","12":"cat-9-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6607","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6607"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6607\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6614,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6607\/revisions\/6614"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6607"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6607"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6607"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}